Kategorie: Archiv

  • Red Crayola

    In der Hochzeit von Psychedelia, in den späten Sechzigern, gab es in Texas die vielleicht erfindungsreichste Spielart dieser Musik: Die in wechselnden Besetzungen um Mayo Thompson gruppierte Band Red Crayola. Sie produzierten damals für das legendäre „International Artists“-Label (auf dem auch solche Psychedelic-Klassiker wie The 13th Floor Elevators veröffentlichten) zwei aufsehenerregende, radikale LPs, bevor sich die Gruppe sang- und klanglos auflöste und Bandleader Mayo sich anderen Dingen zuwandte. Während der siebziger Jahre produzierte er eine Solo-LP, die so gut wie nicht zu haben ist, und machte Aufnahmen mit einem Ensemble, das er „Art & Language“ nannte.

    Aufsehenerregend war seine Rückkehr auf die Szene. Von den Energien der britischen Punkbewegung beeindruckt, siedelte er nach England über, und als er sah, daß gerade diese Bewegung die Nachfrage nach seinen alten Arbeiten forcierte, produzierte er eine neue Red-Crayola-Platte mit Mitgliedern der Gruppe Pere Ubu sowie dem Schlagzeuger Jesse Chamberlain. Mayo Thompson wurde dann etwas wie Hausproduzent und spiritus rector des geschmackvollsten und interessantesten unabhängigen Labels „Rough Trade“ und bewies sich an so verschiedenartigen Projekten wie der ersten LP der nordirischen Polit-Punk-Band Stiff Little Fingers und dem Solo-Album des Jazz-Gitarristen James „Blood“ Ulmer. Im Sommer 1980 schloß er sich Pere Ubu als Gitarrist an, steht der Band aber nur halbjährlich zur Verfügung. Die andere Zeit nutzt er für Red Crayola, die seit 1978 mit wechselnden Besetzungen Platten produzierten. Die neueste LP „Kangaroo?“ ist eine ambitionierte, überaus komplizierte und durchdachte Kollektion von nahezu essayistischen Texten zu einer entsprechend anspruchsvollen, aber immens melodischen Musik. Titel wie „A Portrait of V.I. Lenin in the Style of Jackson Pollock“ (Teil Eins und Zwei) sollten nicht abschrecken, sondern eher dazu anregen, sich vor Konzertbeginn mit jener LP zu beschäftigen. Eingespielt wurde sie mit der Elite der „Rough Trade“-Musiker: Allen Ravenstine (Pere Ubu) – Synthi, Gina Birch (Raincoats) – Gitarre, Lora Logic (Essential Logic) – Saxophon, Gesang, Ben Allesley – Baß und Epic Soundtracks (Swell Maps) – Schlagzeug. Außer Ravenstine wird diese Besetzung auch das Hamburger Konzert bestreiten.

  • Long Weekend

    Vordergründig gesehen malt Long Weekend den gegenwärtig unter Öko-Freaks populären Gedanken aus, die Natur könnte und würde sich an der sie verstümmelnden Zivilisation und ihren Trägern rächen.

    Filmgeschichtlich gesehen handelt es sich bei diesem Film um eine thematisch verfeinerte, kinematographisch weniger radikale Variante des Die VögelSquirmInvasion der BestienMörderspinnen-Genres.

    Politisch-kulturgeschichtlich haben wir es aber auch mit einer Reflexion australischen Selbstbewußtseins zu tun. Denn in keinem von Europäern kolonisierten Gebiet der Erde existieren ursprüngliche Landschaft/Urgesellschaft/Natur so unverfälscht neben der völlig fremdartigen europäischen Kultur weiter.

    Pete und Marcia, ein zerstrittenes Paar, verbringen ein Wochenende an der See, an einem völlig unberührten Strand, direkt an einem Dschungel gelegen. Pete ist ein normaler Junge: Er surft, fährt gern Auto, campiert gern im Freien, fickt, kifft, liest den Playboy, spielt Gitarre und ballert mit seinem Gewehr in der Gegend ’rum. Seine Frau ist neurotisch, zänkisch, vernörgelt – das Produkt seiner unsensiblen Kraftmeierei, was die Filmerzählung – ohne sich mit Rückblenden oder chronologisierenden Kraftakten aufzuhalten – recht sensibel vorführt.

    Das Paar verlegt seine kranke Welt in die unberührte Einöde, die mit Ursachen der Deformation unserer Helden nichts zu tun hat, und so kommt es zum Zusammenprall. Die beiden verstehen die Zeichen der Natur nicht zu lesen, sind also nicht lebensfähig.

    Die Bildführung erfaßt sehr geschickt Petes kranke Interpretation von Natur, von der er sich Heilung und Erholung für die strapazierte Ehe erhofft: Sie zeigt ihn und seinen Hund, wenn sie spazieren oder Pete mit seiner Büchse in Waidmannspose umherstolziert, stets in eine Stern-Farbdoppelseiten-Welt versetzt, die immer dann Sprünge erhält, wenn Petes Perspektive verlassen wird und die eigensinnigen, fremdartigen Wesen des Dschungels und des Meeres agieren.

    Ein kleines Opossum etwa, das sich mitten in dem fiesen, häßlichen Kleinfamiliencamp tummelt, Weintrauben klaut und von Pete angesprochen („My little friend … heideidei …“) ihn flink und geschickt in die Hand beißt. Der Konflikt mit der Natur verschärft sich durch viele kleine Horror-Begegnungen in gleichem Maße wie der interne Konflikt des Paares und endet in einer symbolischen Katastrophe.

    Ähnlich wie Nick Roegs Walkabout wird die australische Zivilisation, immer neben ihrem extremen Gegenteil (Wüste, Dschungel, Einöde) gelegen, als besonders häßliche, perverse Spielart des 20. Jahrhunderts vorgestellt und am Beispiel eines Mikrokosmos, beispielhaft mit ihrem selbstverschuldeten Untergang konfrontiert.

  • Alain Denis: Barfuß durch die Küche

    Alain Denis ist Redakteur bei dem italienischen Satiremagazin Il Male, das unter anderem ja schon mal eine perfekte Kopie der Bild-Zeitung hergestellt hat (nachgedruckt seinerzeit von der tageszeitung). In diesem Buch läßt er einen fiktiven Gewährsmann, einen welterfahrenen Koch namens Bistrot Buffet (dieses Pseudonym ist einer der wenigen blöden Witze in diesem Buch), der in einem Vorwort („Der Porree und der Floh“) auch von Claude Lévi-Strauss gewürdigt wird, seine monströsen Rezeptfantasien entfalten und als Ratschläge für alle Lebenslagen aufbereiten. So etwa als „Mittel zur Dämpfung weiblicher Lust“ oder für den Fall, daß man nach „deep-south-tirolo“ verschlagen wird und von „Dorftrotteln“ und „Sklaven der Scholle“ genug hat.

    Er empfiehlt dann, die Bauern dazu zu bringen, ein kreisförmiges Feuer zu entfachen, in dessen Mitte man die fetteste Gans laufen läßt. Da sie nicht entweichen kann, bekommt sie Durst und trinkt von einem eigens angerichteten Kübel mit Quellwasser, das man vorher mit Gewürzen präpariert hat:

    Ihr habt die Dorfbewohner vorsorglich mit langen Stöcken versehen, deren Enden mit – sauberen – Lappen umwickelt sind und in eiskaltes Wasser getaucht werden. Eben diese unsauberen Personen, betrunken von Feuer, Kot und Bier, müssen dem Tier mit den Stöcken öfters über Kopf und Brust fahren, damit es nicht vorzeitig ohnmächtig wird. Habt ihr für all das gesorgt, laßt euch die Gans, sobald sie stürzt, auf einem großen Tablett vorsetzen, in ihrem ganzen Federkleid. Unter diesem werdet ihr das exquisit gekochte Fleisch und das rosige, noch leicht schlagende Herz zu finden. Laßt sofort andere Gänse ins Feuer werfen, um die unappetitlichen Eingeborenen zu vertreiben, die vor eurem Teller sabbern.

    Aber auch extravagante Aphrodisiaka weiß Bistrot Buffet anzubieten, etwa Rebhuhn mit Haschisch oder ein Menu für eine Hippiekommune für acht Tage oder Rezepte für Hungersnöte („Suppe aus Eidechsenschwänzen“, „Gefüllte Laubfroschschenkelchen“, „Backspinne“, „Ameisenhappen“ oder „Mücken mit Knoblauch“).

  • Jürgen Ploog/Pociao/Walter Hartmann (Hrsg.): Amok Koma – Ein Bericht zur Lage

    Ähnlich wie am Ende der 60er macht sich heute wieder ein Publikationsgenre breit, das irgendwo zwischen Almanach, Anthologie, Jahrbuch und Fanzine liegt. Ein Genre, bei dem Layout und Illustration eine radikalere Freiheit haben, auf die einzelnen Texte einzugehen als das bei herkömmlichen Veröffentlichungen möglich ist. Viele der Beiträge von Amok Koma sind ohnehin rein visuell bzw. grenzüberschreitend.

    Was Amok Koma auszeichnet, neben der hervorragenden technischen Gestaltung, ist, daß erstmals zwei Generationen, Mittdreißiger und Mittzwanziger, gemeinsam veröffentlichen, konkret: Klaus Maeck und Kiev Stingl, Throbbing Gristle und Robert A. Wilson etc. und dabei viele Gemeinsamkeiten klar werden. Obwohl das ebenso wichtige Trennende beider Generationen, das objektiv vorhanden ist, zu wenig in Erscheinung tritt, ist es erfreulich, daß die Expanded Media Editions, die sich ja bislang eher mit Literatur amerikanischer Provenienz, vor allem aus Beatnik-Tradition, beschäftigt hat, ihr Herz für junge Leute entdeckt. So gefallen zum Beispiel gerade die Beiträge der 18-jährigen Barbara Heinzius in ihrer unprätentiösen Direktheit.

    Was gibt es weiter zu einer Anthologie zu schreiben, die man insgesamt für gelungen, wenn auch ideologisch/weltanschaulich zu wenig abgegrenzt, hält, als einzelne Beiträge herauszuheben: Warum wird der vergreiste und verblödete, grenzenlos schwachsinnige Leary gedruckt? Warum wird Patti Smith immer noch für eine große Lyrikerin gehalten? Weiter mit Aussagesätzen: Kiev Stingl sollte mehr Prosa und Essays schreiben, Ralf Rullmanns Geschichte des Rock’n’Roll ist falsch, Daniel Dubbes „Schreiben“ richtig und nett. „Minus Delta t“s Foto-Dokumentation eindrucksvoll, aber die Bildunterschriften in russisch, chinesisch, japanisch, arabisch etc. ein blöder Witz, Throbbing-Gristle-Texte sind doch nicht alle so gut, wie wir immer dachten („Can The World Be As Sad As It Seems“), der Verdienst, dies anschaulich gemacht zu haben, gebührt der Übersetzung.

    Über Amok Koma kann man stundenlang reden. Das Buch ist wichtig für jeden, der sich für die „Lage“ interessiert (heute haben die Vereinigten Staaten gewählt), insgesamt finde ich es zu selbstmitleidig und vernörgelt, wenn man sowas wie eine allgemeine Haltung extrahieren will: zuviel Melancholie, zu wenig Angriffslust.

    Expanded Media Editions, 44 Autoren, ca. 250 Seiten, DM 28,–