Kategorie: Archiv

  • Robert Fripp

    Als Fripp 1979 Exposure mit einer ungewöhnlichen Solo-Tour durch für Rockprominente seines Kalibers ungewöhnliche Konzertarenen wie Schallplattenläden, kleinen Kneipen usw. promotete, verkündete er einen komplizierten Plan für die Zukunft, der 1981 im „Year Of The Fripp“ gipfeln sollte.

    Während des „Drive to 81“ tat Fripp auf der Bühne immer genau das, was er auf Platte nicht tat. Während Exposure in stilistischer Vielfalt lebt und sogar einen Disco-Hit („You bum me up / I’m a cigarette“) aufweist, präsentierte er live mit seiner Frippertronic-Erfindung endlose Solo-Meditationen, die dem Zuhörer einiges an Geduld abverlangten. Als er 1980 mit The League Of Gentlemen live genial-simplizistische Tanzmusik zur Aufführung brachte, veröffentlichte er ein Album (God Save The Queen / Under Heavy Manners), das ihn auf der einen Seite als Avant-Funker mit kontemplativen Zügen präsentiert, während die andere Seite Frippertronics-Aufnahmen von 79 enthält. Und 1981 tourt er mit einer Starbesetzung (Adrian Belew, Tony Levin, Bill Bruford) mit leicht bombastisch-barock angewandelter Musik unter dem Namen Discipline, während zwei kurz hintereinander veröffentlichte Alben The League Of Gentlemen und Let The Power Fall die 80er- und 79er-Live-Musik vorstellen. Rechtzeitig zum „Year Of The Fripp“ sind also alle drei Seiten seiner Musik ausreichend dokumentiert. „Ich habe mir damit die Grundlage geschaffen, auf drei Ebenen zu arbeiten. In diesem System ist die dritte Stufe Forschung und Entwicklung, was ich mit Frippertronics mache. Davon kann man natürlich nicht leben, und es kommt dabei eben auch nur darauf an, in jeder Stadt etwa 100 Leuten die Idee zu vermitteln; die zweite Stufe wäre die League Of Gentlemen, die mehr Leute erreicht, in jeder größeren Stadt 400-500, die aber nie berühmt werden wird. Und die erste Liga sozusagen wäre eine Band wie Discipline, für die sich eine Menge Leute zu interessieren scheinen. Das ist die populäre Ebene, aber nicht die Massenebene. Massenkultur wird inszeniert von der Industrie, aber populäre Kultur wird von Musik ausgemacht, die eine starke Sprache für viele Leute spricht. Mit diesem System hast du eine gesunde Arbeitsweise. Jede Stufe unterstützt die andere. (…) Mit einer Band wie Discipline hast du ein gutes Mittel in der Hand, um die Industrie zu bewegen, auch für deine anderen Projekte, für andere Arbeitsweisen etwas zu tun. Was ich tue, ist zu versuchen, das System von innen aufzulösen, seit zwei Jahren mache ich das, obwohl man genauso gut sagen kann: Wenn ich mitarbeite, helfe ich nur dieser kranken Lebensform, weiter zu existieren. Aber ich versuche auch beides. Frippertronics funktioniert fast ohne die Industrie und steht außerhalb vom System, während Discipline auf ganzer Linie mit der Industrie arbeitet. Nun, ich habe die größte Firma der Welt gewählt, Polygram, aber ich bin auch unglücklich mit einigem, was in der Industrie passiert. Vor einigen Jahren erzählte ich Freunden in New York, wie ich die Zukunft der Schallplattenindustrie sehe. Sie lachten und sagten sich, Fripp ist ein netter Kerl, und er kann gut Gitarre spielen, wir sollten uns seine Musik anhören und nicht so sehr auf sein Gerede achten. Heute gelte ich bei denselben Leuten als ökonomischer Visionär.“

    Diese Arbeitsweise paßt sehr gut in eine Zeit, in der es keine Stars mehr gibt.

    „Da hast du recht. Das ist eine sehr gesunde Entwicklung. Sie hat zwei Gründe. Der eine ist, daß sich die Industrie momentan umorientiert, was 1983 Resultate gezeitigt haben wird (dann wird es möglicherweise auch wieder Stars geben), der zweite Grund ist, daß die Aufmerksamkeit, die von den Stars abgezogen wird, in ein größeres Interesse an Kollaborationen gesteckt wird. Das siehst du daran, daß neue Formen von Auftritten sich mehr und mehr durchsetzen. Das Star-System fußt ja auf Traditionen aus dem 19. Jahrhundert. Damals war die Hierarchie der Gesellschaft durch Preisabstufungen, im Theater von vorne nach hinten, in das Unterhaltungsgeschäft eingepflanzt worden. Was ich ekelhaft finde. Die Bühne zu Zeiten Shakespeares war in das Publikum gebaut, so daß die Schauspieler nicht arbeiten konnten ohne die Beteiligung des Publikums, das sie von allen Seiten umgab.“

    Robert Fripp wird am Tage unserer Begegnung 35 und ist seit zwei Jahren mit einer sehr eigenwilligen Planung, genauen Kalkulation seines musikalischen Outputs beschäftigt Er überläßt es keinen Zufällen, wer von ihm welche Musik, wer welche Information zu hören kriegt, er ist stets ein bewußter Kybernetiker. Ich frage ihn, wie es ihm gelingt, Frische und Kreativität zu bewahren, ohne entweder, wie so viele seiner Altersgruppe, an Rock-Mucker-Routine zu zerbrechen oder sich von seiner planerischen Akkuratesse den Enthusiasmus zerstören zu lassen.

    „Wenn du das erstemal mit einem Mädchen schläfst, verfügst du über keinerlei Techniken, du wendest keine sexuellen Praktiken an, aber das macht auch nichts, denn was zählt, ist der Enthusiasmus der neuen Erfahrung. Heute, wo die Aufnahme- und Press-Technologien so billig geworden sind, ist das in der Musik ja ähnlich, wir werden ja oft Zeuge solcher Ereignisse auf unabhängigen Platten. Später bist du keine Jungfrau mehr und wirst der Techniken gewahr, ohne sie jedoch ganz zu beherrschen. Du versuchst dann, deine Sex-Erlebnisse abwechslungsreicher zu gestalten, und das wird dann oft hohl und schal und bringt Mißverständnisse hervor. Erst wenn du eine gewisse Meisterschaft erreicht hast, bist du wieder in der Lage, deine Unschuld wiederaufleben zu lassen, weil du dir dann über Techniken keine Gedanken mehr zu machen brauchst. Das gilt auch für Musik. Mir scheint es sehr wichtig, daß die vielen guten jungen Bands, die mit einer spontanen, ungeschliffenen Platte beginnen, lernen, bei der dann folgenden Durststrecke dabeizubleiben. (…) In der ganzen Musik-Welt gibt es vier Elemente, die Beziehungen bilden. Die erste ist die des Musikers zur Musik, dann die der Musik zum Musiker, dann ist da das Publikum, und wenn du die drei untereinander kombinierst, sind es zwölf Beziehungen und dann gibt es noch die Industrie und damit hast du 54 mögliche Beziehungen. Wenn du dein Leben der Musik gibst, mußt du alle 54 kennen. Wenn du nicht davon leben willst, kann es dir egal sein, dann brauchst du nur Musiker und Musik.“

    Konntest du denn immer das durchsetzen, was du machen wolltest, in deiner Karriere?

    „Ich hatte Probleme mit Musikern, weniger mit der Industrie. Ich mußte Texte akzeptieren, die ich nicht akzeptieren konnte. Heute würde ich das nicht mehr machen, nicht aus Egozentrik, sondern weil ich einfach keine Energie für Sätze geben kann, die ich ablehne. Zum Glück mag ich, was Adrian bei Discipline singt.

    Wir gehen jetzt auf Tour, bevor wir eine Platte aufnehmen, um die Musik kennenzulernen. Man muß touren, bevor man eine Platte aufnimmt, obwohl einen die Industrie immer auf Tour schicken will, wenn man eine Platte auf dem Markt hat. Was sehr viel schlechter ist.“

  • Brian De Palma: Dressed To Kill

    Ohne Zweifel gehört Brian De Palma zu den fünf besten lebenden Regisseuren, und sein letztes Werk The Fury – Teufelskreis Alpha stellt eine der ganz großen Ausnahmeerscheinungen der Filmgeschichte dar. Home Movies hat man uns in Deutschland bislang vorenthalten, und nun kommt Dressed To Kill.

    Wieder badet De Palma in seiner libidinösen Hitchcockbindung. Gleich zweimal sehen wir nackte Frauen unter Duschen, entrückt zwischen Strahlen, eingenebelt in Dämpfe, während draußen ein Messer wartet, um sich an dem sauberen Körper zu vergehen. Im Zentrum steht eine gespaltene Persönlichkeit à la Norman Bates (= Perkins in Psycho), und wie Hitchcock sich in Psycho den Luxus und Überraschungseffekt leistete, den Star des Films (Janet Leigh) nach einem Drittel zu morden, wird Angie Dickinson sehr bald auf schauerliche Weise von einem altertümlichen Rasiermesser zerschnitzelt werden.

    Huh! Danach wird der Zuschauer eine Weile diese gräulichen Fahrstühle meiden, in denen man auf ungewisse Dauer mit einem gefährlichen Mitmenschen allein ist. Die Bestie, die in diesem Fahrstuhl zugehackt hatte, verfolgt von nun an eine patente Prostituierte. Die einzige Zeugin. Gespielt wird sie von Nancy Allen, De-Palma-Fans bekannt als einer der besonders fiesen Teenager in Carrie. Sie ist De Palmas Frau. In diesem Film schlägt sie sich großartig. Gemeinsam mit Angie Dickinsons Sohn, ein bebrilltes, geniales Techno-Bastel-Monster, bringen sie das Böse zur Strecke.

    Dazwischen und davor erleben wir wieder barock-ausschweifende Kamerafahrten, die dramatischen Aspekte eines Museums für moderne Kunst, New Yorker U-Bahn, Ficken im Taxi und andere Sensationen für Auge und Ohr (schwülstig-geile Geigen, die die verbotenen geilen Gedanken der Hausfrau Angie Dickinson untermalen). Brian De Palma übernimmt hier zwei Konzepte aus der Filmhistorie: Hitchcocks katholisches Motiv: Geilheit wird bestraft (Psycho) und von Hawks „The Hawksian Woman“: die geschickte, selbstbewußte Frau, die sich gegen Männer durchsetzt. Die beiden Frauentypen, die spielerisch, nicht ideologisch, hier eingeführt werden, sind aber nur Aufhänger für die wilde Bilderwelt Brian De Palmas. Beeindruckend, daß bei allen Ausschweifungen immer absolute Präzision herrscht, eine Einheit entsteht aus Sinnlichkeit und Intelligenz.

    Streiten läßt sich über Details, über Momente abfallender Intensität, die es in Teufelskreis Alpha nicht gegeben hatte. Im Gesamtwerk Brian De Palmas könnte man Dressed To Kill einen dritten Platz hinter Teufelskreis Alpha und Carrie und vor Obsession zuweisen. Sind aber alle Spitzenfilme.

  • Gedanken zu Rock Session 5 (Sounds-Diskurs)

    Mit Kritik an Sounds ist unsereins ständig konfrontiert. Hilfreich ist da vor allem die von Bekannten mündlich ausgesprochene Kritik, das Feedback im Alltag. Hilfreich können auch Leserbriefe sein, auch wenn sie meistens eher demoskopisches Material abgeben. Anlaß dieses Artikels aber ist professionelle Kritik, wie sie sich durch Zufall gerade jetzt häuft. Als Beispiel soll ein Artikel des ansonsten verdienstvollen „Rock Session“-Herausgebers Klaus Humann dienen, den zum Anlaß nehmend äußert sich unser Mitarbeiter Klaus Frederking über Sounds. Gemeinsam ist all diesen Kritiken, daß sie (Ausnahme: Frederking) nicht nur nicht hilfreich sind, sondern auch an einem Mythos stricken, ein Klischee verfestigen, mit dem zu leben unangenehm ist. Zunächst zu einer typischen Äußerung.

    Kurt Martin Dahlke, der Pyrolator: „Mir wird dieser Handlungsablauf immer deutlicher bewußt. Die landläufige Musikpresse ist von der Industrie bezahlt. Ob das nun Sounds ist oder wer auch immer. Die sind von der Industrie bezahlt. Ob das nun die Verlagsgesellschaft ist oder der Chefredakteur selbst, das spielt im Prinzip keine Rolle. Bestimmte Produkte sollen gefördert werden, um mehr Geld reinzukriegen. Und die sagen natürlich an ’nem bestimmten Punkt, nee Leute, jetzt bremst euch mal mit eurem Alternativkram und schreibt mal über Sachen, die wir auch verkaufen wollen.“ Ein Statement, das sich in seiner unbefangenen, unreflektierten Naivität kaum unterscheidet von dem Satz: „Politik ist ein schmutziges Geschäft“, wie ihn Klischee-Rentner angeblich nach der Tagesschau ausstoßen. Aber warum soll sich der Pyrolator, den ich sonst sehr schätze, auch genaue Kenntnisse aneignen über Dinge, die ihn nur am Rande betreffen, er ist ja auf anderes spezialisiert. Blöd ist nur, daß der „Rock Session“-Autor, der dieses Statement zitiert, darin „die Geri-Reig-Philosophie des Plan“ findet: „Etwas Eigenes machen. Sich absetzen. Sich bewußt querstellen zu vorgegebenen Verfahrensweisen (…) ein unabhängiges Label zu betreiben ist ein politische Entscheidung“. Du meine Güte!

    Sounds ist abhängig von Anzeigen. Diese werden zu einem nicht unerheblichen Teil aus der Schallplattenindustrie akquiriert. Sounds hat erwiesenermaßen, zu meiner Zeit jedenfalls, nie sein redaktionelles Konzept von dieser Abhängigkeit beeinflussen lassen. Weil man Sachen wie den Plan wichtig findet, macht man sich Ärger, halst sich sinnlose Diskussionen auf, und hört dann sowas. Soweit die menschliche Seite.

    Die andere Seite ist die mangelnde Aussagekraft solcher Sätze. Im Kapitalismus wird alles von irgendwelchen Industrien bezahlt. Das Geflecht der Abhängigkeiten ist ein Dickicht. Dies festzustellen, ist eine Binsenweisheit. Wichtiger wäre, sich Gedanken zu machen, wie jemand mit den vorgegebenen Voraussetzungen eines Gesellschaftssystems umgeht. Ich wage die Behauptung, daß Sounds die von allen an Kiosken im normalen Vertrieb erhältlichen Musikzeitschriften der BRD und GB die freieste ist, diejenige, die inhaltlich so wenig Beschränkungen unterliegt, daß wir zeitweilig einen Anteil von über 50 % von unabhängigen oder Importplatten in unseren LP-Kritiken hatten, an denen die heimische Industrie nicht einen Pfennig verdient. Daß es Kraft kostet, so etwas durchzusetzen und zu verteidigen, dürfte eigentlich nicht zu schwer vorstellbar sein. Sich darüber Gedanken zu machen, müßte für einen Kritiker der Kritik mit lohnenswerteren Erkenntnissen und Beobachtungen belohnt werden, als das ewige nörgelnde Herumreiten auf den äußerlichen ökonomischen Bedingungen oder Zwängen. Interessant ist, wie ihre Wirksamkeit eingedämmt bis vermieden wird, nicht, daß es sie in einem, ohnehin nur nebulös verstandenen, ökonomischen Zusammenhang irgendwie doch geben müßte.

    In der gleichen Ausgabe macht sich Klaus Humann, seines Zeichens Herausgeber der „Rock Session“, ausführliche Gedanken über Sounds. In zwölf Mini-Kapiteln rechnet er mit uns ab, auch wenn ihm dabei so oft die Beispiele des „Beispiel Sounds“ ausgehen, daß er allgemeine Auslassungen über Rockjournalismus einflicht, die der unschuldige Leser ebenfalls auf Sounds beziehen müßte. Schon im Vorspann wird da ein horribles Bild vom Rock-Kritiker gezeichnet („Talking-Heads-Halstuch, Bob-Seger-Mütze, Eagles-T-Shirt, Greg-Kihn-Sweat-Shirt …“). Eine Zunft, die sogar das Hemd am Leibe der Gefügigkeit für Korruption verdankt. Es gibt Leute, die so rumlaufen und auch vorwiegend in Promo-Geschenkchen denken. Nur haben sie mit Sounds nichts zu tun, auch wenn Humann den Eindruck erwecken will, nur er in der Rock-Session-Einsiedelei sei von derlei weltlichen Anfechtungen frei. Die ersten beiden Kapitelchen beziehen sich auf den Rest der Musikpresse. (Fehler: Sounds verkaufte im ersten Quartal 1981 laut NW-Statistik (die sich jeder besorgen kann), 39 Tausend, 9 Hundert und ein paar zerquetschte pro Heft). In Kapitel drei steht, daß Humann Sounds früher charmanter fand. Nun gut. Kapitel vier ist infam: „Seit dem Wechsel ist Sounds in meinen Augen effizienter, cooler, angepaßter geworden.“ Effizient heißt wirksam. Ist eigentlich gut, oder? Nicht für Humann, der mit der Wahl dieses Wortes nicht die Bedeutung anpeilt, die man normalerweise unter „effizient“ versteht, sondern Assoziationen wecken will, die sich aus der Verwendung des Begriffs in Kalkulationen und Rechenschaftsberichten multinationaler Konzerne herleiten. Er will sagen: Wir nützen der Industrie. Hoho! Da soll er mal einen Vertreter der Industrie fragen.

    Angepaßt? Ein hohles, abgenutztes Wort. Erfunden von einer Generation von liberalen Fusselhippies, die glauben, mit individuellem Habitus die Welt zu verändern. Ab nach Poona mit dem Wort! Aber da es nun mal hier steht, müssen wir es auch diskutieren. An wen oder was angepaßt? An die Belange der Industrie („Der Firmenwunsch ist da Befehl“, Humann)? Als Beispiel für diese Vorstellung zeichnet er ein Bild vom eiligen, unsorgfältigen Sounds-Journalisten, der mit dem Taxi auf Firmengeheiß die Vorab-Kassette von der Plattenfirma abholt, in die Maschine bespricht nach einmal Hören, damit die Plattenfirma den Rezensionstext in einer Anzeige für die gleiche Platte verwenden kann. Ein Gespinst, diese Vorstellung! Wir rezensieren schon mal Vorab-Kassetten.

    Der Leser muß schließlich wissen, wie die neue Sowieso ist, wenn er sie als Import drei Wochen vor dem bundesrepublikanischen Erscheinungstermin im Laden stehen sieht. Diese Vorab-Kassetten müssen wir der Industrie (falls sie von der Industrie kommen und nicht vom Musiker selber) aus dem Kreuz leiern. Denen ist Sounds nämlich längst zu renitent und die Gefahr eines Verrisses viel zu groß, um sich dermaßen ins Zeug zu legen. Humann hat was gegen Schnelligkeit. Dann sollte er die „Zeit“ lesen, die lassen Abbey Road ein Jahrzehnt reifen, bevor sie das Werk als Direct-Master-Speed-Half-Cut wie einen alten Wein rezensieren. Rock-Musik ist schnell. Das tägliche Leben, nicht das epochale. Und auch wir haben reichlich Artikel, die Tradition und Geschichte Tribut zollen. Aber Humann weiß selber: „Die Pflicht einer Zeitschrift wie Sounds (anders als ‚Rock Session‘) ist Nachricht, damit Aktualität und Analyse, das Spontane und das Abgeklärte (Ein heillos konfuser Zustand, ein psychologisches Paradox!), die Nähe und die Distanz (nun bricht vollends die dialektische Schulung durch. Diese Forderung ist so wahr wie falsch, sie ist gleichsam die Antizipation des Wahren im Falschen, oder besser die im Irrtum eingebettete Erkenntnis)“.

    Was will der Mann also? Seine Anschuldigungen sind aus der Luft gegriffen, seine Forderungen erreichen einen Abstraktionsgrad, wo sie in totale Beliebigkeit umschlagen. Seine Informationen sind falsch (Auflagenzahlen, Industriekontakte). Im nächsten Kapitel wirft er uns vor, Platten zu verreißen, ohne unsere Erwartungshaltungen und Kategorien offen zu legen. Dabei fällt folgender Satz: „Wichtig ist das feeling, geil oder nicht geil, das interessiert.“ Abgesehen davon, daß die Worte „geil“, „Feeling“ oder auch „Die Stimme“, „Das Wahnsinnigste“ oder „Der Trend“, die er uns später in den Mund legt, in den letzten zwei Jahren zumindest, nicht zum Vokabular von Sounds-Kritiken gehörten, bleiben seine Vorwürfe in diesem Kapitel so klischeehaft und vage (unqualifizierte Verrisse) wie ein paar Kapitel weiter der Vorwurf, andere Platten zu gut zu besprechen (Hype). Das läßt sich auf einen abweichenden Geschmack reduzieren, der hier durch einen nachdenklichen Gestus verbrämt wird, aber nichts anderes sagt als: Ihr sagt Pink Floyd ist schlecht, das ist gemein, oder ihr sagt die Slits sind gut, da hat euch wohl die Industrie einen Schein zugeschoben. Unterstellungen, die normalerweise nur in den Leserbriefen vorkommen, die man gar nicht erst abdruckt, weil sie zu substanzlos sind.

    Nach der Aufdeckung eines vermeintlichen Gefälligkeitsjournalismus im Falle Lake, der sich vor meiner Zeit bei Sounds zugetragen haben soll, kommt die Geschichte mit dem Hype-Verdacht. Sounds ließe sich, wenn auch nicht ganz so offensichtlich, aber eben doch, von der Industrie zur Behandlung bestimmter Themen, die der Industrie nützen, verführen. Ohje! Es läßt sich leider nicht vermeiden, daß die eine oder andere gute Gruppe eben bei der Industrie unter Vertrag ist. Aber die Themen haben wir noch immer selbst ausgesucht und zwar nach unseren Vorlieben und oft hatten wir jemanden entdeckt, bevor die Industrie wußte, wer das überhaupt ist: DAF, James White, das gesamte Rough-Trade-Programm, ZE u. v. a. m. Daß die Leute hinterher Verträge abschließen, ist nicht unsere Schuld. Sounds begünstigt möglicherweise die Voraussetzungen für eine Unterschrift bei der Industrie, aber sollen wir gute Musik verschweigen, nur damit der Dämon Industrie nicht auf die Idee kommt, armes hilfloses Musiker mit große böse Vertrag zu linken?

    Darum kann es nicht gehen und darum geht es auch nicht. Humanns Hype-Unterstellung gipfelt in dem Satz: „Eine Gruppe aus New York oder London schafft es immer viel schneller als eine Gruppe aus Hannover, Herford oder Schwetzingen.“ Ach nee! Wenn sich das ein bißchen geändert haben sollte (abgesehen davon, daß auch heute noch ein deutliches Qualitätsgefälle, nicht nur zwischen New York und Schwetzingen, sondern eben auch zwischen Sheffield und Hannover klafft), dann doch wohl durch die angepaßten, effizienten (eben!) und coolen Sounds-Schreiber, die seinerzeit von Oldwavern wie Humann viel Kritik für ihr Engagement ernteten. Der nächste Streich: Ein Zitat aus Chapple/Garofulos „Wem gehört die Rockmusik?“, in dem eloquent beschrieben wird, wie 1975(!) in den USA(!) Rockkritiker durch subtile Strategien zu willfährigen Sklaven des Industrieinteresses werden. Der Text stand April 1980 in Sounds. Wir hatten derlei Dinge durchaus also auch reflektiert. Aber in diesem Zusammenhang soll der Text natürlich den Eindruck erwecken, er treffe auf die Verhältnisse bei Sounds zu. Was wiederum infam genannt zu werden verdient.

    Gekrönt wird Humanns „Kritik an der Rock-Kritik“ von einer Gegenüberstellung einer positiven Sounds-Kritik (M.O.R.K. über Fleetwood Mac, Tusk) mit einem WEA-Pressetext. Beide haben sprachlich, gedanklich nichts gemeinsam, außer dem Produkt positiv gegenüberzustehen. Daraus schließt Humann: „Die Plattenfirma und ihr journalistischer Partner …“. Nur weil Werbekampagne mit positiver Beurteilung zusammenfällt, soll da was faul sein. Warum zählt er dann nicht die Dutzende von verrissenen Platten auf, denen ebenso große Werbekampagnen vorausgingen? Hinzu kommt, daß uns Kröhers brillantes, aber opulentes Werk damals nicht reichte als Auseinandersetzung mit Tusk und daher in der gleichen Ausgabe eine Zusatzkritik von Thomas Buttler abgedruckt war, die die WEA-Kampagne explizit angriff. Die ignoriert Humann, man muß wohl sagen, böswillig. Daher kann auch diese Antwort um den Ton des Auge um Auge, Zahn um Zahn nicht herumkommen. So willkommen Kritik normalerweise ist, wenn sie auf vorhandene Widersprüche hinweist, zu unterscheiden weiß. Mit Dämonisierung ist niemandem geholfen. Dafür sind die Zusammenhänge inzwischen ohnehin zu kompliziert. Und auch bei der Industrie gibt es Idealisten, die gegen den Strich schwimmen, die wissen, wessen Interessen sie vertreten und dieses Bewußtsein in ihre Arbeit einfließen lassen, und Leute, denen künstlerische und politische Werte über Wohlverhalten gehen. Aber das wäre wirklich zu kompliziert, gell?

    Kritik stelle ich mir so vor, wie Klaus Frederking das in dem vorstehenden Artikel gemacht hat. En Detail. Auch ich halte Spex für eine Alternative zu Sounds, die eine andere Methode von Rockjournalismus entwickelt hat. Nur, daß ich, im Gegensatz zu ihm, die Methode des unredigierten Erlebnisberichtes für vollkommen unsinnig halte. Der Wert eines solchen Berichts ist mit einem erschöpft, da seine immer gleichen Formeln und wiederkehrenden Erfahrungen von den Bedingungen des Tour-Betriebs abhängig sind, nicht von dem spezifischen Charakter der einzelnen Gruppe. Somit halte ich Ruffs keineswegs dilettantischen, sondern neuartigen Gedanken zu Jazz im Falle Comsat Angels dem nervtötenden Frage/Antwort-Spiel in Spex für um einiges überlegen. Mein Stray-Cats-Artikel ist, zugegeben, etwas dünn, aber er enthält doch den einen oder anderen weiterführenden Gedanken. Ein Rockjournalist sollte meiner Meinung nach nicht Mythen zerstören, sondern sie als solche kenntlich machen und herausarbeiten, ob sie ein Teil von Selbstdarstellung, selbstgewählter Stil, kokette Relativierung eigener Aussagen darstellen oder ob sie ein kommerzielles Wiedererkennungszeichen der Industrie sind (Ob Mythen oder Nicht-Mythen, ich glaube, wir meinen das Gleiche – K.F.).

    Spex entwickelt seine Stärken meiner Meinung nach eher da, wo es Sounds ergänzt (das ist nicht arrogant gemeint), wo wenige längere Plattenkritiken stehen, statt vieler kurzen, wie bei uns. Beides ist sinnvoll und beides sollte es geben. In diesem Sinne kann man sich über Spex freuen, aber unterlegen sind wir bestimmt nicht.

  • Fingers

    Auch wenn der Stern dem Regisseur James Toback ellenlange Kolumnen widmet – sein Debütwerk Fingers löst diese Vorschuß-Lorbeeren nicht ein.

    Über diesen Film allzuviele Worte zu verlieren, wäre so überflüssig wie der Film selbst. Fingers ist eine Art Mean Streets meets American Gigolo für Arme. Ein Versuch, sich an die Erfolge der Scorseses und Schraders anzuhängen.

    Mühselig wird der arme Harvey Keitel, der schon wesentlich bessere Tage gesehen hatte (Taxi Driver, Blue Collar), durch eine alberne, hergesuchte Story gequält und in einen total absurden Charakter gezwängt. Er ist Pianist, aber Sohn eines Mafioso, er ist Bach-Interpret, aber 50er-Jahre-Pop-Fan und rennt ständig mit einem Cassetten-Recorder durch die Gegend. Und er ist ständig geil. Ach ja: Wie alle Italiener hat er auch eine Mutter.

    Seinesgleichen geschieht. Irgendwo muß da ein Konflikt in diesen Voraussetzungen stecken. Irgendjemand will nicht zahlen. Männer weigern sich. Frauen weigern sich auch. Einer muß sterben. Aber das Klavier spielt weiter. Ars Longa Vita Brevis …

    Fingers ist nicht mal auf irgendeine spektakuläre Weise mißlungen, nicht mal monströs schlecht. Es ist einfach genau die Sorte Film, bei der man den Fernseher umschaltet. Im Kino geht das nicht.