Kategorie: Archiv

  • Geräusche für die 80er

    Zum dritten und bislang größten Festival neuer Musik in Deutschland hatten sich Musiker und Publikum aus allen Teilen der BRD sowie aus England, der Schweiz und Österreich eingefunden – die Markthalle war eine Stunde nach Eröffnung ausverkauft, Hunderte warteten im Vorraum, andre fälschten Stempel oder schlichen sich durch Seiteneingänge – der Erfindungskraft waren keine Grenzen gesetzt. Das Interesse des Publikums war eben so vital wie bei keinem der ihren Set aufführenden Gruppen, die sonst in der Markthalle spielen.

    Vom äußeren Erscheinungsbild her teilte sich das Publikum in drei Gruppen: Hardcore-Punks mit Pistols- und Clash-Badges, London 77; Avantgardisten in Fantasie- oder Roboterkleidung, grell oder dezent, Tabea Blumenschein, Kraftwerk oder Bowie; schließlich alle möglichen, die einfach interessiert waren, die wissen wollten, was passiert. Von dieser Gruppe hatte es in den beiden vorhergegangenen Punk-Nächten wesentlich weniger gegeben.

    Bei der Auswahl der Bands war auf zweierlei geachtet worden – erstens, daß die Bands möglichst wenig öffentlich gespielt haben und vor allem noch an keiner anderen Punk-Nacht teilgenommen haben und zweitens, daß eine gewisse Ausgewogenheit zwischen Pogo-Punks und Avantgardisten besteht, denn schließlich war es ein Benefiz-Konzert für einen neuen Club in Hamburg, in dem die beiden Sektionen der neuen Welle ihren Platz finden sollten.

    Eigentlich waren sich nur bei Rotzkotz, die als letzte, nach Mitternacht, Rock’n’Roll (back to the roots) spielten, alle einig, alles was davor geschah ließe sich, wollte man es sich einfach machen, auf den Satz reduzieren, den einige (waren es Punks?) während des Auftrittes von Liebesgier skandierten: „Wir sind intolerant!“

    Fraktionskämpfe und -schlachten bestimmten den Abend. Die Punks, in der Überzahl und selbstbewußter, hatten relativ ungestört ihren Spaß bei den Hamburger Bands Abwärts, Razors und Coroners. Mir haben davon Abwärts am besten gefallen, Alfred die Razors, meinem Nachbarn die Coroners, aufgeregt haben sie niemanden.

    Tempo mit ihrer Beat-Musik, manchen etwas suspekt, wurden von angeblich extra zu diesem Zweck angereisten Berlinern von der Bühne gepfiffen.

    Bei Liebesgier, einer Vier-Frauen/ein-Mann-Band aus Berlin, die mit von New York beeinflußter, aber sehr eigenständiger Minimal-Radikal-Musik (deutsche Texte) nicht nur mich zu begeistern wußten, standen sich die „Aufhören!“-Rufer und die „Zugabe“-Rufer ungefähr gleichstark gegenüber.

    Minus Delta T, die beste Band des Abends und für mich der beste Live-Auftritt seit Monaten, wurden schließlich gewalttätig von der Bühne geholt. Ihre Musik voller kleiner, hektischer Bewegungen, mit Cello, Synthi, Bohrmaschine, Staubsaugerschlauch etc. hatte dabei sogar im Nicht-Avantgarde-Lager Freunde gefunden, es fanden sich Leute, die dazu Pogo tanzen konnten. Außerdem hatten sie das nötige Selbstbewußtsein, das Liebesgier fehlte, sich den Attacken des Publikums zu widersetzen. Schließlich kam es zu einer kurzen Schlägerei auf der Bühne, zu Aggressionen im Publikum, die erst Rotzkotz wieder entspannen konnten.

    Man macht es sich zu einfach, wenn man hier Punks und Avantgardisten, Kunstschule und Straße, Toleranz und Intoleranz gegenüberstellt. Die Liebesgier-Musikerin, die nach ihrem Auftritt auf üble Weise von Berliner Punk-Frauen verprügelt wurde, die Langhaarigen, die immer, wenn sie die Gelegenheit fanden, die gerade spielende Band von der Bühne zu schreien versuchten – das alles weist auf komplizierte Fraktionsbildungen hin. Lokale Auseinandersetzungen, Kollegenneid, was auch immer – die Atmosphäre war giftig, das Festival nur unter dem Aspekt zu ertragen, daß es eben zur Zeit keine andere Möglichkeit gibt, neue Musik an die Öffentlichkeit zu bringen und daß der Zweck des Festivals war, sich selbst überflüssig zu machen. Ob allerdings die kontinuierliche Arbeit eines Clubs die Rivalitäten zu entspannen hilft, bleibt die Frage. Wir werden uns damit in der nächsten Ausgabe auseinandersetzen.

    „Geräusche für die 80er“ war trotzdem das beste Festival, das wir uns zur Zeit wünschen können, weil Widersprüche manifest und z. T. ausgetragen wurden, weil es gute neue Musik live zu hören gab, allein eine halbe Stunde Minus Delta T wären das Eintrittsgeld wert gewesen. P.S.: Versäumt habe ich die Salinos. Augenzeugen differieren zwischen „Offenbarung“ und „Katastrophe“.

  • 6. Hamburger Kinotage

    Während ich dies schreibe, sind sie noch nicht vorbei und ein Film, den ich unbedingt sehen will, ist noch nicht gelaufen: The Projectionist von Harry Hurwitz.

    Die Hamburger Kinotage sind eine Art Messe für Programmkinos. In den letzten Jahren konnte man hier frühzeitig Trends und Bewegungen erkennen. Gerade weil die Millionenproduktionen fehlten, wurde sozusagen die Basis der Kinoentwicklung dokumentiert. Das Publikum drängt sich wie jedes Jahr in Filme wie Steppenwolf nach Hermann Hesse oder Ashram In Poona, die ich mir beide ersparte.

    Versäumt habe ich die wahrscheinlich interessanten Filme Patrick, Twee Vrouwen, Ohne Betäubung (der neue von Andrzej Wajda) sowie Stepford Wives, den vertrauenswürdige Quellen als sehr gut bezeichnet haben.

    Rancho Deluxe von Frank Perry mit Jeff Bridges ist ein langweiliger, überflüssiger Film von der Sorte „Zwei liebenswerte Vagabunden ziehen durch Amerika, saufen, huren und schlagen sich durch“, sicher ein Hit bei Studenten, Musik: der gealterte Jimmy Buffet. Sweet Sweetback’s Baadasssss Song, der nur von Schwarzen hergestellt wurde, enttäuscht mit seinen ermüdenden neo-psychedelischen Leuchtreklame-Farbverfremdungsorgien, The Mafu Cage zeigt eine Carol Kane, die um ihr Leben zu spielen scheint, konfrontiert mit Lee Grant als Schwester. Schwestern auf amerikanisch. Eine Zeit lang vermag der Film zu fesseln, dann nutzen sich die exzessiv angewendeten Stilmittel ab und der Rest verpufft in Tiefsinn. Stony Island erzählt die Geschichte einer Jazz-Rock-Band, nach dem Muster: enthusiastische junge Leute gründen eine Band, träumen vom Ruhm, üben, opfern, kämpfen mit dem Business („Das Business ist wirklich hart, Mann, verstehst du, Bruder, ich meine wirklich hart, Mann!“). Klischees und schon wieder Leuchtreklame (Was hat Scorsese bloß angerichtet!). Dem Publikum wird bedeutet: „Jeder kann es schaffen!“ Der Willi-Busch-Report von Niklaus Schilling wird auf diesen Seiten sicher noch ausführlicher gewürdigt. The Long Weekend aus Australien ist ein Dokument der mittlerweile prosperierenden australischen Filmindustrie. Viel Geld für Kamera und Soundtrack und ein interessantes Drehbuch: Ein zerstrittenes Ehepaar fährt ins Grüne, und seltsame Dinge geschehen. Die Natur rebelliert. Leider blieb für mich Geschichte und Idee in der Stern-Farbdoppelseiten-Ästhetik hängen.

    Einige Filme waren nicht erwähnenswert, andere habe ich vergessen. Hingewiesen sei noch auf The Great Rock’n’Roll Swindle mit Vicious-Burger und Rotten-Bar-Schokolade, eine Rezension folgt im nächsten Heft.

    Summa Summarum: Entweder die Kinoentwicklung oder die Macher des Filmfests haben nachgelassen, Höhepunkte wie Eraserhead oder Blue Sunshine gab es keine.

  • Sounds-Diskurs: Ideologien, Identitäten, Irrwege?

    1977 waren wir noch angewidert, von der pompösen, platten, sich in immer gleichen Ritualen ergehenden, feisten, saturierten Pop-Musik, heute gibt es mehr gute Bands als wir zu hoffen gewagt haben. Und immer wieder neue, die auf eigenen, unabhängigen Singles und Samplern die Musik machen, die wir uns für die Zukunft wünschen. Ist die Revolution vorbei, und haben wir gesiegt?

    Wir haben eine Musik, die hitzige, erbitterte Auseinandersetzungen provoziert, die Menschen über das Thema: wie man die neue Soundso-LP findet, aneinander geraten läßt. Die neue Musik löst nach wie vor Feindschaft, Kampf aus, und noch wird viel getan, um sie zu ignorieren und abzutöten. Die Generation der 68er-Revolutionäre tut alles, um das Lebensgefühl der ihr nachfolgenden Generation nicht zu Wort kommen zu lassen.

    Von einer von der Industrie diktierten Mode ist dann oft die Rede, der sich die junge, angeblich angepaßte Generation bedingungslos ausliefere. Dabei ist dies ein Gemeinplatz, der auf die Kultur derer, die ihn immer so eilfertig zur Hand haben, sich allemal besser anwenden läßt als auf „unsere“. Wer macht denn die Umsätze? Der Zweitausendeins-Laden oder der fliegende Badges-Händler? Wer läßt sich die vollkommen überflüssigen neuen F. Mac, P. Floyd oder L. Zep andrehen, nur auf Grund von gigantischer Werbung?

    Exkurs: Die Leser, die uns immer vorwerfen, wir seien Punks und sie keine, und sie würden das Abo kündigen, wenn das so weiterginge oder auch sofort, ohne Gnadenfrist, werden jetzt sicher gleich nicht mehr weiterlesen, da sie glauben, ein Pamphlet für New Wave vor sich zu haben. Spätestens bei der dritten pathetischen Verwendung der ersten Person Plural („wir“, „uns“) sagen sie entweder: „Na schön, ich bin nicht einer von denen, ihr erklärt mir den Krieg, gut, ich akzeptiere“ und schlagen das Heft zu, daß die Shitkrümel auf dem Tisch in die Luft gewirbelt werden. Oder sie sagen: „So ein Quatsch, hier wird doch künstlich ein Generationskonflikt herbeigeredet. Ich hör doch auch Springsteen und Costello, Bob Dylan und David Byrne“.

    Richtig. Und es geht auch nicht um zwei geschlossene Fronten ohne Überläufer und Deserteure, sondern um Konflikte, die sich auch in einem Gehirn zutragen können. Es geht um Identität, kulturelle Identität. Die vereinfachende Schematisierung soll nur helfen, den Überblick zu wahren.

    Welche Rock-Ideologie hast du? Welche haben wir (ich)? Welche Ideologien gibt es? Warum brüllen wir so?

    Würden unsere Leser und ihre Freunde ein Parlament bilden und gezwungen sein, Parteien zu gründen und Fraktionen zu bilden, um regierungsfähige Mehrheiten zu erlangen, würden, so schätze ich, folgende Gruppierungen entstehen:

    1. Die „guter, dufter Rock’n’Roll“-Partei.

    Professionalismus ist ihnen wichtig, Derivate des klassischen Kunst-kommt-von-Können-Glaubens spuken in ihren Köpfen, ist aber nicht das beherrschende Element. Hauptsache: es geht gut los. Man gebraucht mit Vorliebe Wörter wie „Röhren“ und „Fetzen“. Schweiß muß fließen. Diese Leute betrachten Rock-Musik als eine Art Ausgleichssport, über Änderungen der Regeln und über Spielverderber denken sie wie über schlechte Schiedsrichter: sie pfeifen.

    Diese Partei entstand als Reaktion auf eine verfettete, prätentiöse Rock-Musik und hat Punk, zumindest Teilen der Bewegung, ein wenig das Terrain geebnet. Ihre Rezeptionsweise von Rock-Musik ist seitdem festgeschrieben und unveränderlich. Die linke Fraktion hört Bruce Springsteen, die rechte Bob Seger.

    2. Die Mellow-West-Coast-Partei

    Eine reaktionäre Partei, die in den späten 60ern ihr entscheidendes Erlebnis hatte (Grateful Dead auf Trip hören, oder so was) und seitdem zu konservieren versucht, was damals war. Das geschieht auf vielerlei Art und Weise (Post-Southern-Rock, Neo-Country-Rock, Post-Post-West-Coast; keiner merkt, daß Siouxsie den frühen Airplane viel näher steht als Starship): die einen vollziehen jede Nuance des langen Hippie-Niedergangs mit, andere igeln sich ein, arbeiten bei einer Bank und sammeln nach Feierabend seltene Stücke von 67.

    Sie entspannen sich bei Musik, sie mögen keine Auseinandersetzung, sondern intaktes Privatleben, das sie gegen unbefriedigendes Berufsleben stellen. Nachdenken, sich entwickeln, eingreifen, auf Geschehnisse reagieren empfinden sie als Streß. Sie mögen keinen Streß.

    3. Die Anhänger schneller Gitarrensoli

    technischer Perfektion und guter Anlagen. Ihre Ideologie ist die des guten Handwerks, das pure Kunst-kommt-von-Können. Sie kommen oft vom Jazz oder landen irgendwann dort.

    4. Die Verklärten

    Dies sind Verwandte von Nummer drei. Leute, die geistige Läuterung à la Ich-sah-Gott-im-Barclay-James-Harvest-Konzert erleben. Diese Partei ist bunt und vielfältig und in sich zerstritten. Gemeinsam haben sie nur, daß sie alle an der deutschen Krankheit leiden, irgendwelche Dinge zu wichtig zu nehmen oder nur zur Hälfte zu begreifen, sei es Nietzsche oder den Guru in Poona. Sie tragen dementsprechend 90 % der Deutschrock-Szene. Sie begeistern sich für Opern (Rockopern) oder Operetten (Rockoperetten) und überhaupt für Groß- und Gesamtkunstwerke. Mit einem Bein auf ’nem Astralplaneten, mit dem anderen in Walhalla.

    5. Die hippen, resignierten Intellektuellen

    Die mögen vor allem gute Texte, Zynismus, Sensibilität, Leiden an der Existenz und Seriosität. Sie können natürlich vorzüglich Englisch. Sie haben alle vorher genannten Ideologien durchschaut und fallen auf nichts mehr rein. Sie schwören immer noch auf Dylan, das sei eben ihre Generation. Sie mögen die jüdische Intelligenz eines Randy Newman, die Akuratesse eines Ry Cooder, die melancholische Sensibilität einer Joni Mitchell oder die Hipster-Attitüde einer Rickie Lee Jones. Sie hören fast nur Musik von Einzelnen; Bands und überhaupt Kollektivismen sind ihnen suspekt.

    Um sich für neue Musik zu interessieren, sind sie entweder zu schlaff oder zu verbittert, entweder zu hochmütig oder zu abgebrüht.

    Das waren sie erstmal. Natürlich sind das Kunstgeschöpfe, Koalitionen. Niemand braucht sich zu beschweren, daß sein komplexes Ego nicht vorkommt, niemand ist so simpel (ich weiß das), und viele gehören mehreren Parteien an.

    Der Punkt ist: alle diese Ideologien dienen dem Stillstand, der Entrüstung über Neues, den Reaktionen, mit denen von Arnold Schönberg (auch Frühere schon) über Charlie Parker, Free Jazz, Beatles bis zu den Residents alle Neuerer der Musikgeschichte zu kämpfen hatten. Einer, der sich einer gewissen Kultur (Subkultur) und Ideologie zugehörig fühlt und deren Werte bedroht sieht, greift zu den Waffen, welche auch immer das sein mögen. Die Anhänger der New Wave, die ja auch einen großen Teil unseres Leserparlaments bilden würden, haben (hatten) im allgemeinen wenig zu verlieren. Entweder sind sie zu jung, um eine festumrissene ideologische Identität zu besitzen, oder sie haben im Rockgeschehen schon immer nach Alternativen gesucht, haben 1966 Zappa gehört, 1969 Soft Machine, 1970 Stooges, 1971 Bowie oder Henry Cow oder John Cale.

    Ihre Haltung war schon immer eher das In-Frage-Stellen als die langfristige Identifikation.

    Und da sagt nun einer, das könnten sich in einem Staat wie dem unsrigen nur die wenigsten leisten. Eine feste kulturelle Identität sei zum Überleben nötig, und John Cale oder Henry Cow hätten eh nie Platten verkauft.

    Wenn das so ist, werden wir dann 1986 bei der Promotion-Tour für die achte Richard Hell-LP ein ausverkauftes Congress Centrum Hamburg voller fett gewordener Stachelköpfe erleben, die sich bei der ersten Zugabe („Blank Generation“) an die guten alten Spätsiebziger erinnern?

    Wird es dann einen Spiegel-Artikel über die dritte Solo-LP von David Byrne geben?

    Schon jetzt gibt es Anzeichen, daß die neue Welle genauso in sich aufgesplittert wird wie die alten Fraktionen, die einander ablehnen, bekämpfen und untereinander Rituale zelebrieren, während derer sie mit sich und der Welt einverstanden sind.

    Doch noch sind diese Rituale nicht sinnentleert, wie die der Alten. Einer, der J.J. Burnel anfassen will, ist eben lebendiger als einer, der das Grab von Jim Morrison besucht. Noch müssen die eher am Rock’n’Roll orientierten neuen Bands ihr Publikum nicht auffordern aufzustehen, noch sind ihre Konzerte keine Opernabende, noch ist Provokation, Überraschung und Verweigerung der Rituale ein entscheidendes Element der modernen Bands, noch verlassen die meisten Hamburger über dreißig selbst bei den Talking Heads nach drei Stücken den Saal und nehmen das Risiko eines Stranglers-Konzerts gar nicht erst auf sich.

    Denn in einem entscheidenden Punkt unterscheidet sich die neue Musik ideologisch nicht von der grundsätzlichen Rock-Philosophie. Sie ist Rebellion. Im weitesten Sinne des Wortes. Sie macht wach. Und die neue Musik rebelliert eben nicht nur gegen das, wogegen schon immer Grund zur Auflehnung bestand, sondern auch gegen die, die oft guten Willens dem Tranquilizer-Rock Vorschub leisten und im Laufe der 70er geleistet haben.

    Wo wollt ihr stehen?

  • The Stranglers – Gewürgt, gebissen und abgeleckt

    Keiner mag die Stranglers. Man könnte glauben, sie seien die unbeliebteste Band der westlichen Hemisphäre, wenn man all die Statements von „frauenfeindlich“, „bösartig“, „faschistoid“, „Doors-Epigonen“ bis „die schlechteste Band der Welt“ Revue passieren läßt. Ein kurzer, schweifender Blick durchs Sounds-Umfeld: Michel Kröher: „Ich würde gerne die Vorgruppe (Dickies) sehen“, Thomas Buttler: „Die sollte man boykottieren“, Alfred Hilsberg: „Ich hab sie noch nie gut gefunden“, Reinhard Kunert: „Faschistische Musik“, Jürgen Legath: „Die haben wir schon 77 verrissen“, Teja Schwaner: „Da würde ich mich schon lieber von Screaming Lord Sutch erwürgen lassen“.

    Erdrückend, nicht war?

    Es war der Abend, an dem die Entscheidungsschlacht des schon lange schwelenden Konflikts von Punks und Teddys angesagt war, nachdem es in den vorangegangenen Wochen schon einige Scharmützel und Übergriffe gegeben hatte. Hundertschaften von Polizei waren in Bereitschaft, der Konzertbeginn wurde aus taktischen Gründen verschoben. Die Teddys kamen dann doch nicht, und in der Innenstadt wurden bewaffnete Jugendliche festgenommen. Die erstaunlich zahlreichen (vgl. obige Statements) Strangler-Fans mußten im Vorraum warten, statt um 21 Uhr wurden sie erst um 22 Uhr 30 eingelassen, Aggressionen wurden geschürt, Stiletts blitzten hier und da auf. Das Publikum rekrutierte sich zu gleichen Teilen aus Punks, Speed Freaks mit langen Haaren und brutalisierten AC/DC-Anhängern, der kleine Prozentsatz Kunststudenten fiel nicht auf, die Musikbranche blieb fast geschlossen fern.

    Die Dickies (siehe Plattenkritik in diesem Heft) taten das einzig Richtige, um die aufgestaute Wut in einschlägige Kanäle zu lenken: Noch schneller als auf ihren Platten spielten sie 60er-Jahre-Balladen als Pogos. Mit Vorliebe die etwas dümmlichen und banalen, die mit dem heiligen Zorn der Spätpubertät: „Sounds Of Silence“, „Eve Of Destruction“, „Nights In White Satin“, und als besondere Einlage Black Sabbaths „Paranoid“. Clevererweise verschwanden sie nach tollen 45 Minuten, als man spürte, daß Kondition und Witz zu erschlaffen drohten.

    Es wird dunkel, die Stranglers kommen. Burnel, ein teuflischer, schwarzer Entertainer, eine Genet-Figur (Schwulen-Mörder), teilt gleich zu Beginn ein paar gezielte Tritte in das auf die Bühne quellende Publikum aus („völlig harmlose“ Tritte, wie er nach dem Konzert versichert, er habe mittlerweile eine Technik, bestimmt, aber schmerzlos zu treten). Plötzlich fliegt eine Bierdose und wie einstudiert, legen Burnel und Hugh Cornwell die Instrumente nieder, bahnen sich vehement einen Weg durch die Massen und bringen den Werfer gewalttätig zur Raison.

    Dann geht die Musik weiter. Die Stranglers-Musik ist ein Erlebnis, besonders live, eine harte narkotische Droge, etwas Speed und etwas alt gewordenes LSD dazu. Läßt man sich darauf ein, gibt man sich der Wirkung hin, wird man es nicht vergessen. Die Stranglers sind keine Punks, sondern ältere Intellektuelle oder Matrosen, die nie ihren Platz in der Welt fanden und im Jahre des Umschwungs (76/77), die Gelegenheit fanden, ihre düstere Weltsicht an den Mann zu bringen.

    Synthi- und Orgelintros, die kein Ende nehmen, dazu Jean Jacques Burnels Baß, so tänzelnd und elegant, wie seine Bewegungen auf der Bühne, Cornwells Gitarre dürr und schlank, aber bestimmt, und Jet Blacks Schlagzeug macht als Rückgrat der Band genau das Richtige, um die Musik vor dem Auseinanderfallen zu bewahren: er spielt sehr dumpf und präzise.

    Die Erregung der Fan-Massen nimmt immer mehr zu, das coole Verhalten der Stranglers scheint sie erst recht zu provozieren: sie wollen auf die Bühne, einige sicher um Burnel anzufassen. Mehrfach muß das Konzert abgebrochen werden, weil die Bühne voller Fans ist. Aber die Stranglers wollen das, sie brauchen ein erregtes Publikum, sie haben alles unter Kontrolle: ist das das faschistische Element? Angewandte Massenpsychologie?

    Der Auftritt der Stranglers, deren Platten mich nie vom Stuhl gerissen hatten, hat mich mehr begeistert, als der so mancher Lieblingsband. Psychopathisch-eindringliche Gegenwartsmusik, sehr wahrhaftig.

    Später im Hotel. Die Stranglers sollen die Journalisten treffen, die sie aber offensichtlich boykottieren, außer einem Fanzine-Schreiber, einem Lokalreporter und mir. Jean Jacques Burnel tritt auf den Plan: Zur Begrüßung beißt er jeden von uns in die Hand, um anschließend die, derer er noch habhaft werden kann, abzulecken. Als er erfährt, daß ich bei Sounds arbeite, bekommt er ein gefährliches Funkeln in den Augen und auch Cornwell, der der Szenerie bis dahin distanziert und amüsiert zugeschaut hatte, erhebt sich; denn sie haben dieses Magazin noch in unangenehmer Erinnerung wegen des eingangs erwähnten Verrisses.

    Meinen Kopf in Burnels Schwitzkasten, erkläre ich ihm, daß ich für den Artikel nicht verantwortlich gewesen sei. Augenblicklich läßt er ab und leckt zur Versöhnung noch ein paar Mal in meinem Gesicht herum, um das Spiel dann mit dem englischen Boss der United Artists fortzusetzen, der in diesem Moment erscheint und willenlos seinen Kopf hinstreckt.

    Auf konkrete Fragen reagiert Burnel später weniger schillernd, ergeht sich in linken Allgemeinplätzen, ziemlich lustlos. Gegen AKWs, gegen Aufrüstung.

    Dagegen wird er euphorisch, wenn es um sein Innenleben geht: „In meiner Zelle, meinem Gehirn habe ich unglaubliche Bilder und Visionen, was ist das dagegen (zeigt auf die nächtliche Skyline von Hamburg)!“