Kategorie: Archiv

  • Identitätspolitik und Soulpolitik

    Was haben Janet Jackson, Erykah Badu, Lil’ Kim, Mary J. Blige und Missy Elliott gemeinsam? Richtig, alle sind mit Alben des Jahres 1997 in den Jahresbestenlisten der Spex-KritikerInnen vertreten. Alle sind im weitesten Sinne dem Genre R&B zuzuordnen. Alle sind schwarz. Alle haben einen US-Paß. Alle sind Frauen. Und alle diese Gemeinsamkeiten könnten bedeutsam werden, um zu erklären, warum diese Vokalistinnen ziemlich plötzlich in die geschlossenen Geschmacksphalanxen der Spex-Welt einbrechen konnten. Wo sonst Instrumentalmusik, abstrakte Musik, elektronische Musik und „anonyme“ Musik – Compilations, KünstlerInnen ohne Gesicht und mit Pseudonym, Labelsounds – jeweils in verschiedenen Gattungen und aus unterschiedlichen Traditionen das Geschmacksbild bestimmten. Hier nun explizite Selbstdarstellungen, präsente Persönlichkeiten, persönliche Profile, Inhalte, Konkreta, Worte, Biographien …

    Zwei politische Funktionen von Pop-Musik kennen wir aus ihrer Geschichte: 1) die Unterstützung und Stiftung von allen möglichen Arten von Gemeinschaften (verschworene oder lockere, strategische oder essentialistische, marodierende Männermobs oder Hippie-Revolutionäre, durch Nicht-Verbundenheit verbundene nietzscheanische Punks und durch nichts außer gemeinsamer Präsenz am gleichen Ort verbundene Raver – sowie Millionen Modelle mehr). 2) Das Zur-Sprache-Bringen, Artikulieren, Formulieren, Repräsentieren neuer Subjektivitäten. Neu heißt: im Kontext der jeweiligen Artikulationsform bisher nicht zugelassen oder vertreten oder aus anderen Gründen abwesend.

    Nun haben alle Erwähnten eine weitere Gemeinsamkeit, die vor ein paar Jahren als die bevorzugte neue Subjektivitäts-Formel galt: Sie sind mehrfach minoritär (selbstverständlich in jenem Deleuze’schen Sinne, demzufolge auch eine zahlenmäßige Mehrheit minoritär sein kann), z. B. schwarz und weiblich. Ein erster Gedanke könnte daher zu der Cultural-Studies-PC-Wunschvorstellung führen, mehrfach minoritäre Subjektpositionen kämen nun endlich im großen Stil zu Wort. Aber heute weiß man auch zwei oder drei Dinge mehr über die oben genannten Pop-Politik-Mobilisierungen:

    – Erstens wissen wir, daß Gemeinschaftsbildungen qua Pop zur Zeit fast alle blockiert sind: Vom seit 1996 unter Pop-Zwang stehenden deutschen Feuilleton (und anderen Instanzen majoritärer Meinungsbildung), das zuletzt auch SS-Männer und niedersächsische SPD-Politiker zu Popstars erklären mußte, bis zur Weltsportsware-Marken-Dominanz findet man überall Indizien, daß fast alle strategischen Elemente, auf denen die klassischen präpolitischen popkulturellen Gemeinschaften beruhten, virtuos von den institutionellen, ökonomischen und kulturellen Powers-that-be appropriiert worden sind. Das heißt zwar nicht, daß sich nicht hier und dort mit Umwidmen, mit De- und Rekontextualisierungen vorübergehend Aussageweisen und -positionen erobern ließen, aber um den Preis der Opferung immer größerer inhaltlicher und künstlerischer Anteile zugunsten von Strategie.

    – Zweitens wissen wir, daß neue Selbste und keck erfundene Sondersubjektivitäten sich mit den kontrollgesellschaftlichen Konditionen bestens vertragen. Deren Theorie – wie in Mainstream der Minderheiten entwickelt – zufolge kontrollieren sich die privilegierten Glieder der Gesellschaft qua Lifestyle, Verfeinerung und Technologien des Selbstes immer besser und effizienter selbst, während der andere Teil – u. a. durch kulturelle Differenz anzeigende Stigmata kenntlich – je nach Bedarf abgeschoben, konventionell oder von der Stimulanzindustrie ausgebeutet wird.

    Diese Grundüberzeugungen im kritischen Diskurs von Spex und anderen führen so einerseits zu dem Wissen, daß Pop-Gemeinschaftsbildung im besten Falle unmöglich geworden ist, im schlimmeren Falle zum Baustein der Defensiv-Rassismen wird, mit denen sich die Insassen der Festung Europa ihre Identität zimmern. Und daß andererseits die individuellen Strategien immer nur dazu tendieren, dem exzessiven Lifestyle-Konsum nur eine weitere beliebige und folgenlose käufliche Nischenpraxis zu erschließen.

    Was aber, wenn nun die Begeisterung für die erwähnten KünstlerInnen indizierte, daß erstens die optimistische PC-Idee von den mehrfach minoritären Subjektpositionen – so richtig sie in politischen Bereichen ist – nicht übertragbar ist auf das kulturelle Feld? Und zweitens aber die pessimistischen Diagnosen von den geschwundenen politischen Möglichkeiten der Pop-Musik im Zeitalter der Kontrollgesellschaft auf ganz andere Art überholt worden sind?

    Zum ersten Punkt: Es ist zwar richtig, daß die Repräsentation einer bis dato nicht repräsentierten Position nicht nur im institutionell politischen, sondern auch im kulturellen Feld Ermutigungen aussprechen, Ausgrenzungen sichtbar und verhandelbar und im besten Falle auch deren institutionelle und gesellschaftliche Seite mitkommunizieren kann. So war der erste schwarze Schwergewichtsweltmeister Jack Johnson sicherlich Träger solcher Hoffnungen und Funktionen. Heute sind schwarze Boxer eher eine Trumpf-Karte rassistischer Zuschreibungen, die Schwarze auf eine bestimmte Körperlichkeit festlegt. Mit anderen Worten: Jeder identitätspolitische und repräsentationspolitische Erfolg im kulturellen Bereich hat nur für kurze Zeit die erwünschte politische Bedeutung, bevor er sie im besten Falle verliert, oft jedoch in das Gegenteil umschlägt und nur noch ein weiteres Stereotyp generiert. Das wird an dem vorliegenden Fall besonders deutlich. Nichts würde der Unterschiedlichkeit der künstlerischen Entwürfe dieser Frauen mehr Unrecht tun, als sie vor den Karren eines identitätspolitischen Anliegens zu spannen. Zum anderen aber würde dies ohnehin nach einer kurzen Überraschungsphase über die üblichen spektakulären Regeln in Zuschreibungsdispositive und Stigmata in Reserve zurückübersetzt werden.

    Solche Gewinne auf repräsentationspolitischem Terrain sind eben auch eigentlich kein „Zu-Wort-Kommen“ in dem oben gemeinten Sinne. Das würde ja gerade voraussetzen, daß ein künstlerischer Überschuß über die Repräsentationsfunktion hinaus erzielt wird. Korrekt repräsentiert ist eine Gruppe nur dann, wenn die Verschiedenheit ihrer Angehörigen schließlich als nicht repräsentierbar repräsentiert ist. There are eight million stories in this city. Aaliyah wies darauf schon letztes Jahr hin, als sie ihre Platte One In A Million nannte.

    Was bleibt, ist, die popkünstlerischen Entwürfe und ihre Neuartigkeit auf der Ebene zu lesen, auf der sie entstanden sind – als hochindustrialisierte Produkte, die Elemente aus kollektiven Musikstilen in individuelle Handschriften und individuelle Performances zurückübersetzen. Und genau darin liegt, und damit zum zweiten Punkt, auch ihre politische Bedeutung. Die Individuen, die hier vorstellig werden, sind eben nicht die von Technologien des Selbst zur Selbstkontrolle gelangten neuen Querdenker-Manager-Typen, sondern eher Vertreterinnen kontingenter und unterschiedlicher persönlicher Bedürfnisse, Weltbilder und Körperpolitiken. Nicht homogenisierende Selbstkontrolle, sondern das lediglich durch Biographie und Individualität zusammengehaltene Chaos des klassischen, verschlampt-ehrgeizigen künstlerischen Lebens prägt ihre Projekte. Janet Jacksons hochcodierte und heterogene Symbolpolitik hat nicht viel mit Lil’ Kims bratziger Direktheit zu tun, Erykah Badus ebenso brillante wie verquaste Afrozentrismus-Adaption ist von Missy Elliotts virtuoser Hip-Hop-Soul-Version des Stax-Modells so weit entfernt wie einst Millie Jackson von Diana Ross. Und die ungebrochene, pragmatisch urbane Eleganz von Aaliyah ist von Mary J. Bliges Aufrufen überwundener Tragik und Vergangenheit trotz vieler formaler und musikalischer Ähnlichkeiten doch ziemlich weit entfernt.

    Was alle diese Frauen tatsächlich gemeinsam haben, ist also ein Individualismus, der mit dessen alteuropäischer, bürgerlicher Version mehr gemeinsam hat als mit Selbsttechnologien, elektronischer Einsamkeit und Cybersubjektivität. Da dieser alte, Rechte und Respekt einfordernde, sich aber gemeinschaftliche Zumutungen verbittende Individualismus gerade in keinem der neuen blairistischen oder schröderianischen ideologischen Modelle eine besondere Rolle spielt, steht er hier plötzlich als Modell zur Verfügung.

    Natürlich bedeutet dieses Modell in der Umgebung, in der diese Frauen arbeiten, etwas anderes als in den Umgebungen, in denen Vorgängermodelle von starken, kontingenten und biographistischen Künstler-Individuen in der Pop-Musik früher eine Rolle gespielt haben – niemand kann oder will zurück zu Dylan, Ray Davies oder Jim Morrison, erst recht nicht zu Tina Turner oder Janis Joplin, aber auch nicht zu Madonna. Diese neue Umgebung ist von den Kollektivismen des Hip-Hop, der neuen Geschmeidigkeit des Materials, das Sampling und Cyberkultur ermöglichen, und von den Frontlinien der Identitäts- und Gender-Politik durchzogen. Doch gegen die zumindest inhaltlich langsam in stumpfem Macho-Milleniums-Geheimgesellschafts-Gebrabbel versinkenden Hip-Hop-Community einerseits und gegen die mit der Autorschaft auch alle Verantwortlichkeiten und damit politische Optionen – wenn auch z. T. aus guten Gründen – aufgebenden Post-Techno-Kulturen andererseits führen die Jacksons, Bliges und Badus dieser Welt die Möglichkeit des individuell begründeten Einwands symbolisch wieder ein. So können an einem Ort der Song und die Sängerin wieder leisten, was anderswo schon lange nicht mehr möglich war. Unnötig zu sagen, daß weißen Männern dieses Modell so ohne weiteres natürlich nicht zur Verfügung steht.

  • Repräsentieren, Marschieren, Assoziieren: Busta Rhymes

    Man könnte sagen, der Wert „einmaliger“ Orte und Gegenden steigt in dem Maße, in dem Kapitalismus und Kolonialismus, Tourismus und Ausbeutung diese in ihrer (vermeintlichen) Ursprünglichkeit zerstören und das leer gewordene Territorium in ein System globaler, funktionalistischer Gleichartigkeit einsortieren. Dem entsprechen all die Kommunikationsutopien („Netz“, „Rave“) etc., die Ortsanbindung gar nicht mehr brauchen, sondern tendenziell ortlos und endlos mobil überall und nirgends stattfinden können und ebenso tendenziell endlos zugänglich sind – jenseits der Behinderungen, die die neuen spatialistischen, auf den Raum bezogenen Herrschaftsformen rund um das Problem Aufenthaltsort organisieren. Von anderen Behinderungen ganz zu schweigen. Und dann gibt es Versuche, inmitten des längst gleichförmig Gewordenen „besondere“ Orte zu behaupten; und zwar ohne inhaltliche, kulturelle und andere, gar folkloristische Zuschreibungen. Vielmehr einfach den Ort, der dadurch definiert wird, daß ich/wir hier leben und der allein schon deswegen ein besonderer ist. Weitere Gründe sind nicht nötig oder austauschbar. (Es ist hier so rough, so sonnig, so hart, so kalt, so warm etc.). Gesagt werden soll, so berechtigt wie tautologisch: Dieser Ort ist besonders, weil seine Bewohner eine Würde haben, und sie haben diese Würde, weil sie an diesem Ort wohnen, der dadurch auch eine Würde hat. Neue soziale Bewegungen beginnen gerne mit einem territorialen Claim.

    Das gilt natürlich auch und ganz besonders für Hip-Hop. Busta Rhymes hat speziell zu dieser Politik eine Menge zu sagen, aber auch zu ihren Grenzen. Seine Karriere beginnt mit einer merkwürdigen Bezugnahme auf eine Tradition öffentlichen Sprechens. Die heute als Chicago bekannte Band hieß noch Chicago Transit Authority, als sie für ihr erstes Doppelalbum (1969) einen Song („Someday“) mit einem Mitschnitt der Parolen beginnen ließen, die die Demonstranten beim berühmten 68er-Parteikonvent der Demokraten skandierten: „The whole world’s watching“. Als Bustas Band, die Leaders Of The New School, 1991 ihr erstes Album herausbrachten, eröffnen sie es mit einem Sample aus diesem Demo-Mitschnitt, der exakt bis zu dem ersten Chicago-Klavierakkord dauert. Eine schwer bepackte symbolische Aktion für eine Band von Neunzehnjährigen: Neunzehnhundertachtundsechzig! Chicago! Und der medienpolitisch siebenfach deutbare, alle Verhältnisse nussig verpackende Satz: „The whole world is watching!“ Wer? Nam June Paik? Michel Foucault? Der CIA? McLuhan?

    „Ja, das ist schon wahr, uns war schon klar, daß da viel dranhing. Es ging uns aber darum, unsere ungeheure Euphorie zu beschreiben. Wir hatten jetzt Zugang zu allen Medien, wir dachten, wir könnten die ganze Welt erreichen, die ganze Welt sieht uns zu. Schallplatte, Fernsehen, Video, Film. Daran haben wir gedacht.“

    Gute Pop-Kunst erkennt eben ein attraktiv bedeutungsschweres Element, setzt es nach einer Überprüfung der überprüfbaren Bedeutungen für sich ein und stellt dann fest, daß die restlichen Bedeutungen auch prima passen. Das geschieht nicht ganz zufällig, da spielt ein Wissen von Zeichenkarrieren unter Medienbedingungen eine Rolle, das – ohne sich seiner eingesetzten analytischen Techniken immer bewußt zu sein – das richtige Sample ergreift, so wie ein Klarinettist vom Schlage eines Eric Dolphy seine komischen Klappen bedient. In demselben Register ist der Einsatz jenes blöden Carmina-Burana-Pomp-Samples, das man von vergessenen Paarlaufküren vergessener Winterspiele und als Eröffnungsmusik deutschstämmiger Heavy-Metal-Bands kennt, auf der ansonsten makellosen Busta-Rhymes-Solo-Platte The Coming ein glatter Fehler.

    Die Leaders Of The New School existieren heute noch. Busta Rhymes betont, daß sie weiterhin seine Unit seien, und die Flipmode Squad, die ihn hier begleitet, nur eine weitere Unit. Und er mußte jetzt einfach mal „repräsentieren“! Also sich repräsentieren, also eine Solo-Platte machen. Nach diversen Gastauftritten war sogar schon das Gerücht im Umlauf, Busta Rhymes würde nicht „repräsentieren“ – wie das Schlüsselwort heutiger Hip-Hop-Debatten nun mal heißt. Auch wieder erstaunlich, wie nach „Signifyin(g)“ schon wieder ein Schlüsselbegriff (post)strukturalistischer, vor allem aber Foucaultscher, ja auch Marxscher Begrifflichkeit Karriere im Rap gemacht hat. Auch hier wieder die instinktiv richtige Wahl eines Begriffs mit dem großen und umkämpften Bedeutungshof. Die restlichen, nicht intendierten Bedeutungen liefern nicht nur mir Stoff und Amüsement, sie passen auch.

    Die Leaders Of The New School erwarben sich mit ihrer ersten, erst recht mit ihrer zweiten und bis heute letzten Platte den Ruf früh vollendeter Virtuosität, inhaltlichen Reichtums und schlechter Verkäuflichkeit. Sie gerieten mit ihrer verspielten, ausladenden Rede voller Schönheit und Überschwang mitten in die Baisse des East-Coast-Hip-Hop und kamen mit so vielversprechenden Albumtiteln wie T.I.M.E. – The Inner Mind’s Eye – The Endless Dispute With Reality nicht gegen die einfachen, coolen G-Dinger an, mit denen in jenen Jahren die endlose Bespielung von Autocassettenrecordern durch West-Coast-Hip-Hop begann. Ihre Mischung aus 5%er-Mystik(2) und selbstgemachter Linguistik hatte längst eine vollständig entwickelte, aufgeregte, selbstreflexive Blüte erreicht, die sich nicht mit dem smoothen Neo-Primitivismus jener Zeit vertrug:

    Peace to all it’s the plural oral B the / Urban rural publicity Afrocentricity / Satellites coincide unifying it’s time / To climb avidly apparently reality / Below zero it makes you pale no color / For the bleach for seasons many reasons / Equinox equator now who’s the raider / And who’s the soul who stole the surface? / Sacrifice slice commanding / I’m demanding official awareness we / Share this common understanding.

    Heute hat Busta wieder eine bessere Konjunktur auf seiner Seite. Durch die unangefochtene Hegemonie des Wu-Tang-Clan ist ja nicht nur seine gut abgedrechselte 5%er-Geheimlehren-Sprache wieder mit „harten“ Attitüden kompatibel geworden – daß es bei der Hälfte der Wu-Tang-Sprache sich nur um die aktuelle Version dieser sich stets erneuernden Geheimsprache handelt, hat sich langsam herumgesprochen –, es ist auch der individuelle, der exzentrische, der exaltierte und theatralische Rapper zurückgekommen. Darauf aufbauend verbindet Busta alt und neu. Er sammelt um sich die, denen er immer mit Gast-Raps (Q-Tip von A Tribe Called Quest z. B.) geholfen hatte und schart andererseits neues Talent um sich (das er produzieren und verlegen will: Rampage, The Last Boyscout, Lord Have Mercy u. a.). Dem entspricht eine Berücksichtigung der Lage an der Reimfront nach dem letzten Innovationsschub durch Ol’ Dirty Bastard bei gleichzeitiger Bezugnahme auf eine Traditionslinie, die bis zur ersten Tribe Called Quest zurückreicht.

    Ohne Übertreibung kann man The Coming als den endgültigen Durchbruch eines dritten (oder vierten) Rap-Stils beschreiben: Nach dem lauten – „Meine Waffe ist das Wort“ – Stil der Old School, der durch die meisten Polit-Rapper, von KRS-One bis Chuck D. zwar weiterentwickelt, aber im Prinzip fortgesetzt wurde, nach dem dann von Rakim, später von Q-Tip und anderen vertretenen leiseren, introvertierteren und verspielteren Stil – die West Coast lassen wir mal außen vor – kommt jetzt, klar durch die diversen Wu-Tangs vorbereitet, Lautstärke und Wort-auf-der-Spitze-der-Zunge zurück, aber nun um Verspieltheit und Virtuosität erweitert, zum theatralisch-muskulösen-überdrehten Spät- und Hauptstil geworden, dem Bebop unter den Hip-Hops, dem Barock unter den Body-Rocks.

    Busta Rhymes ist 23 Jahre alt und wirkt eher wie 30. Er hat an der einen Seite des Konferenztisches der Firma Elektra Platz genommen, seine Flipmode-Squad, teilweise schlafend, teilweise äußerst kooperativ das Interview mitgestaltend, auf der anderen. Noch telefoniert Rhymes und behandelt dabei eine frische Tätowierung auf den muskulösen Oberarmen mit einem Desinfektionsmittel. Ein freundliches, aber bestimmtes „Peace!“ wird ausgetauscht. Es kann losgehen.

    Yusuf Nuriddin ist ein sunnitischer Moslem aus Bedford-Stuyvesant, einem der berüchtigteren Teile Brooklyns. Der Herausgeber von Timbuktu – A Journal of Contemporary African American Muslim Thought lehrt Soziologie am New Yorker City College. Unter anderem der häufige Ärger zwischen den sunnitischen Moslems in seiner Gegend und jungen 5%ern bewog ihn dazu, sich per Feldforschung und Lektüre verstaubter Sakro-Zines mit dieser von Father Clarence 13X begründeten Bewegung auseinanderzusetzen, die seit den späten 8oern im Hip-Hop so einflußreich ist. Sein Text „A Teenage Nation of Gods and Earths“(3) ist in seiner gut abgeschmeckten Mischung aus Erstaunen, Deskription, Faszination und Befremden eine der interessantesten Studien zu dieser „Sekte“ geworden, der auch Busta Rhymes auf den Credits der letzten L.O.N.S.-Platte noch alle Ehren erweist. Nuriddin legt das Gewicht nicht so sehr auf die mehr oder weniger aus den groteskesten Texten der Nation of Islam übernommenen Glaubensgrundsätze wie auf die Techniken des „Breaking Down“, der „True Mathematics“ und den assoziativen – Nuruddin nennt sie „laterale“ – Gedankenverknüpfungen in der Rede der 5%er. Rhymes, der sich mittlerweile als „jenseits aller Gruppen“ stehendes Individuum bezeichnet, hat von dieser spielerisch-assoziativen, aber geregelten Technik, mit Worten und Ziffern zu jonglieren, nicht nur viel in seinen mit angespannter Nacken- und Rückenmuskulatur nach vorn gepreßten Reim-Eruptionen aufbewahrt, er liebt es auch, Issues, Fragen, Themen nach einer Art inneren Checkliste geregelt-ungeregelt durchzusprechen, „niederzubrechen“.

    „Zu Hause habe ich ein Pre-Production-Studio. Da entstehen einige meiner Ideen. Aber bei mir muß es friedvoll zugehen: Da wohnen schließlich meine Verlobte [auf der letzten L.O.N.S.-Platte noch seine „Earth“] und mein Sohn. Da kann ich nicht die Straße hineinlassen. Dann gibt es meine Crew. Ich gehe nie ohne meine Crew ins Studio, denn sie geben mir den Vibe zurück, wenn mein Shit richtig liegt. Meine Crew kennt meine Stärke und weiß, wie ich mein Talent repräsentieren muß. Außerdem kennen sie meine Arbeit, sie können mein Erinnerungsvermögen aufbessern, mich daran erinnern, wie ich bestimmte Ideen in einer bestimmten Situation schon mal weiterentwickelt hatte. Sie erkennen eine Idee als solche. Ich gehe nie alleine ins Studio. Nun besteht meine Crew aber zum größten Teil aus Künstlern, die Kritik [„Critique“, nicht „Criticism“] von Künstlern ist wichtig, aber sie ist nicht das einzige, deswegen gibt es in meinem Team auch Repräsentanten der Straße, der Fan-Basis, denn ich kann mich da nicht mehr ständig selber aufhalten. Es ist aber wichtig, was diese Leute denken, denn sie haben einen anderen Zugang als Künstler, die selber aktiv sind.“

    So muß der Flow durch Ringe von Zonen, die – ganz im Einklang mit den patriarchalen Lehren, an die er einst geglaubt hat – um das häuslich lokalisierte Selbst des Künstlers und Familienvaters, der den Lärm der Straße von Frau und Kind fernhalten will, und sein Pre-Production-Studio herum angelegt sind. Zonen von jeweils nur situativen Wahrheiten und spezifischen Stadien des Gelingens, Zwischenstadien, die durch wieder andere Tests, Kontexte und Reaktionsweisen hindurch müssen, um … nicht universell, aber doch vielfach einsetzbar, „wahr“ zu werden und an Horizont zu gewinnen: optimaler, nach vorne drängender, weltneuer Hip-Hop, aber eben doch ganz klar … HIP-HOP. Mit der topologischen Check-Liste in der Hand setzt Busta Rhymes nicht zur Veränderung dieser Orte an, er verflüssigt nicht ihre Grenzen, wie die Theoretiker und Praktiker von Hybridität ein wenig von oben herab fordern (denn wer das kann, hat es eigentlich nicht mehr nötig). Aber weder ignoriert noch totalisiert er die Spezifika dieser Orte, dieser Arbeits-, Rezeptions- und Produktivitätszonen. Er nennt sie besonders, nicht um daraus höhere „ghettopolitische“, Straßenecken-zentristische Wahrheiten abzuleiten, sondern weil ihnen das zusteht, wie jeder Ecke, über die man sprechen will.

    Wenn man von einer Verschwörungstheorie geprägt ist und nun, älter und nüchterner geworden, daraus eine ganz normale Skepsis wird, die sich nicht von Evidenzen narren läßt, war die Teenager-Nation von Göttern und Erden vielleicht doch nicht der schlechteste Ort, um eine Pubertät durchzustehen: „Der ganze Scheiß, der von den Medien so breitgetreten wird, daß es nämlich einen Streit zwischen East und West Coast gibt, ist doch vor allem blöd. Immer dieser Quatsch, daß man seine Hood repräsentieren müsse. Du lieber Gott!. Was ist denn das bitte? Ein paar Backsteinhäuser, die dir noch nicht einmal gehören. Was sollst du denn da repräsentieren? Natürlich mußt du deine Herkunft reflektieren, denn das, was du gesehen hast, die Erfahrungen, die du gemacht hast, prägen dich schließlich. Aber abgesehen davon, abgesehen von deiner sicher sehr wichtigen Geschichte und deinen Freunden, was sollst du da repräsentieren? Ich repräsentiere lieber etwas Intergalaktisches, das Universum oder mich selbst.“

    Wer repräsentiert oder vertritt eigentlich wen, in den imaginären Parlamenten des Hip-Hop? Sich selbst repräsentieren bekanntlich Millionen von Talk-Show-Gästen gerade im US-TV die ganze Zeit. Hip-Hopper repräsentieren sich aber nicht nur selbst, sondern immer als etwas, zunächst meistens als schwarze Männer im rassistischen AmeriKKKa. Vor kurzem waren eine Million schwarzer Männer in Washington, DC und repräsentierten, wie vor allem die linke Kritik nicht zu Unrecht vorbringt, wirklich nicht viel mehr als sich selbst als schwarze Männer. Und hörten teilweise endlosen Sermonen von Leuten wie Jesse Jackson und natürlich Louis B. Farrakhan zu, der zu dieser Demonstration aufgerufen hatte. Frauen waren nicht eingeladen – außer aufs Podium –, und andere schwarze Verbände wie etwa die Organisation schwarzer schwuler Männer diskutierten lange, ob sie sich erwünscht fühlen sollen, und wenn nicht, ob sie trotzdem oder sichtbar nicht hingehen sollen. Die offizielle Begründung für die Nicht-Anwesenheit schwarzer Frauen lautete, daß die Männer auch zusammenkommen, um sich für Fehlverhalten zu entschuldigen, um zu bereuen.

    Dies, Familien-Werte und anderer religiöser Quatsch haben dem Marsch gerade von linken und feministischen Schwarzen viel berechtigte Kritik eingebracht. Andererseits ist auch nicht ganz wegzuwischen, daß der Marsch besser als gar nichts war:

    Klar, Farrakhan wird von einem Trio von Schuften geführt, deren Namen Prophetischer Mystizismus, Politischer Konservatismus und gemeindehaft beschränkter Blick lauten. Daß der Million Man March Frauen hätte einschließen müssen, braucht man nicht zu erwähnen, daß er konkrete soziale Themen hätte benennen müssen, ist eine Binsenwahrheit, aber diese Beschränktheiten haben auch keinen irreparablen Schaden angerichtet. Laßt uns also Minister Farrakhan für seinen großartigen Beitrag zur Repolitisierung des afrikanischen Amerika danken und ganz schnell seine beschränkte Vorstellung vom Universum hinter uns lassen und die Energien dieses Marsches auf eine perfekteren Einheit schwarzer Männer und Frauen im Interesse voller politischer und ökonomischer Gleichberechtigung in dieser (…) Wildnis namens Nordamerika konzentrieren

    schreibt z. B. Ernest Allen Jr., der Herausgeber von Contributions in Black Studies in der Million-Man-March-Nummer der Standard-Zeitschrift The Black Scholar.(4)

    Hip-Hop-Theoretiker und -Chronist Greg Tate beklagte sich, daß keine Rapper auf dem Marsch dabeigewesen wären. Busta Rhymes widerspricht: „Mein Mann muß von der Menge Menschen geblendet gewesen sein, daß er mich nicht gesehen hat. Ich war da, meine Flipmode Squad war da, ich habe Speech von Arrested Development gesehen, Ice-T, sogar MC Hammer, Charlie Brown, D-Knowledge, mit dem ich in Higher Learning gespielt habe und so weiter.“ Er meinte wohl eher, daß keine Rapper auf dem Podium waren. „Das war doch gar nicht nötig“, findet Busta. „Warum sollen Rapper immerzu Verantwortung übernehmen, warum sollen wir immer so tun, als ständen wir in der Schuld von allen? Außerdem übernehmen wir schon die ganze Zeit Verantwortung. Niemand berichtet schließlich so ausführlich darüber, was es heißt, jung und schwarz zu sein, wie wir. Wir sind schwarz, und also erzählen wir davon, nicht weil wir uns das ausgesucht hätten, sondern weil deine Erfahrungen nun mal so geprägt sind. Ich kann nicht sagen, wie es ist, als Chinese oder als Weißer aufzuwachsen. Du kommst durch diese ganzen kulturellen Differenzen nicht hindurch. Also bleibt alles, was wir tun können, unsere Zustände und Lebensbedingungen zu reflektieren, mehr können wir nicht tun, schließlich kontrollieren wir unsere Lebensbedingungen nicht. Ich stamme nicht aus einer Welt, die zur westlichen Zivilisation gehört, trotzdem muß ich Englisch sprechen. Ich kann mir das nicht einmal aussuchen. Man hat mir mein Geburtsrecht aberkannt, und ich weiß nicht einmal warum. Und das ist nicht nur eine alte Geschichte, sondern das prägt die Lage, die Bedingungen, das System. Das System kontrolliert alles, es prägt die Leute, entscheidet darüber, wer arm und wer reich ist, und so weiter.“

    Und da kann man nichts anderes machen, als sich und seine Lage zu repräsentieren? Zeugnis ablegen und Repräsentieren?

    „Man kann was machen. Man muß die Wahrheit dechiffrieren. Die Leute laufen rum und wissen nicht, wer sie wirklich sind, sie müssen nur herausfinden, wer sie wirklich sind, dann wird sich etwas ändern.“

    Dieses „wahre“ Wesen der Leute benennt er nicht näher. Es gehört wahrscheinlich zu jenen „wahren“ Eigenschaften, die man sich notwendig und logischerweise zuschreibt, wenn man nur eines mit Sicherheit weiß – betrogen, belogen und beraubt worden zu sein. Daß er dem, was ihm geraubt wurde, keinen konkreten Namen gibt, spricht auch für die Einsicht, daß eben das die heutige Lage nicht nur Schwarzer in den USA ist: als Folge einer primären Beraubung und Unterwerfung wird erinnert, was im Zuge der Permanenz rassistischer Alltagsverhältnisse wie übergeordneter kultureller und ökonomischer Verhältnisse zu einer ganz normalen Entfremdung geworden ist, die nicht mehr viel mit ursprünglicher Verschleppung und dem dadurch Verlorengegangenen zu tun hat. Aber die Identifikation mit Diaspora und babylonischer Gefangenschaft offeriert immerhin ein nicht zu unterschätzendes Zuhause in großen Erzählungen. Und diese spenden immer noch reichlich Metaphern – etwa die biblisch inspirierte „Wildnis“-Rede, die sich auf die babylonische Gefangenschaft bezieht – für die zeitgenössischen besonderen Entfremdungsverhältnisse, unter denen z. B. die meisten US-Schwarzen leben. Metaphern, denen es an Plausibilität nicht mangelt. Die Beraubung, soviel steht fest, hat stattgefunden, denn ich habe ja keinen Einfluß und keinen Besitz und hatte auch nie welchen. Also hat sie vor meiner Geburt stattgefunden und wird als irgendwie primär erinnert, als kolonialistische Urszene. Sie fühlt sich mittlerweile aber truthful und treffend auch für all die anderen an, die zwar noch die „Wildnis“ im Urlaub suchen, aber die erzwungene Verwilderung ihrer Existenz auch immer schlechter ertragen, die restlichen Kapitalismus-Opfer nämlich.

    Jeder Schritt von der Konkretheit irgendwelcher Abstammungs-Mystik zur Abstraktheit einer politischen Erkenntnis ist da ein Schritt in die richtige Richtung, und der Fall, daß diese Schritte von Rappern im Kontext ihrer Kunst vorgenommen werden, weist die Kritik an Abstammungsmythen als Ausgangspunkt solcher Reflexion in ihre Grenzen. Rapper mit Herbert Hupka zu vergleichen, ist aus vielen Gründen infam; wenn es aber auf irgendeinem Level Berührungspunkte gibt, auf die eine europäische, altlinke Hip-Hop-Kritik ja immer wieder zurückkommt, muß sie klar unterscheiden, ob solche Heimatbezüge als Ausgangspunkte oder als Fixierungen auftreten. Das gilt besonders dann, wenn man sich die von Hip-Hop beeinflußten jungen Leute, wieder hauptsächlich Männer, in deutschen Großstädten und ihre teilweise nur noch Pitbull-Besitzer-Version von Territorialitätsideen und Identifikation mit diasporischen Geschichten ansieht. Dennoch gibt es auch da, vor allem natürlich bei Migrantenjugendlichen, beides – Ausgangspunkt und Fixierung.

    Am Ende des Interviews steigert sich Busta in dräuende Andeutungen des nahen Endes. Gut verschwörungstheoretisch-millenaristisch liest er die Zeichen an der Wand, die Jahreszahlen, die Prophezeiungen, das Ende des Jahrtausends etc. Schließlich frage ich, was es denn nun sei, das kommen werde, was er da die ganze Zeit andeutet?

    „Busta Rhymes’ neue Solo-Platte natürlich, was denn sonst!“

  • Diederichsens Playlist

    Lieder, die man nicht abstellt und nicht vorspult. Vorgestellt von einem Verfasser, der zur Zeit ohne Plattenspieler lebt und sich von Cassetten, TV und Radio ernährt.

    1. Cyndi Lauper „Girls Just Want To Have Fun“

    Wenn ihr jetzt endlich wach werden würdet, hättet ihr die Chance, Cyndi zur Suzi Quatro der 80er zu machen. Genau wie Suzi hat sie den Charme einer altmodischen Provinzsexbombe, die sich in der City als das Mädchen zum Pferdestehlen erweist. Genau wie Suzi verkauft sie unbekümmert unschmutzigen Sex, und läßt sich unbekümmert in ein Pophistorie-Loch fallen, das anzieht wie eines der schwarzen im All, wo die Physik der Historie ein bißchen spinnt, denn eigentlich darf so ein Allerweltsrockpop aus einem Allerwelts-Amerika gar nicht so gut sein.

    2. Louis Armstrong „He Have All The Time In The World“

    Immer wenn der Rummel um einen neuen James Bond vorbei ist, breiten sich die Accessoires der alten Filme aufs Neue aus. In unzähligen geliebten Wiederholungen und Re-prisen. Das schönste aller Lieder gehört zu dem mißratenen Film, grandios mißraten, mit dem Zwischen-Bond George Lazenby. Das Lied verdeckte das tragische Ende von Bonds Ehe mit Emma Peel, durch das trügerische Versprechen eines überirdischen ewigen Glücks, das etwa so aussehen muß: Mit einem Mädchen vor einem Fernseher liegen, der ein amerikanisches Programm ausstrahlt. Die Zigarette in der einen Hand, Fernbedienung in der anderen und ihr er-klären, daß die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist.

    3. ABC „SOS“

    Wenn eine Konzeptpopband ein Lied „SOS“ nennt, das ist kühn. Wenn das auch noch gelingt, ohne daß man auch nur eine Sekunde an ABBA denkt, … Glückwunsch!

    4. The Chevalier Brothers „One More Drink Bartender“

    Ich höre mir das immer dann zu Hause an, wenn ich schon getrunken habe, nichts mehr zu trinken habe, und die masochistische Neigung ausleben will, mich fühlen zu dürfen wie ein Alkoholiker ohne Stoff.

    5. Robert Mitchum „From A Logical Point Of View“

    Die LP, auf der Robert Mitchum „Calypso“ singt, ist gerade wiederveröffentlicht worden und sie steht natürlich Lichtjahre über all der anderen Musik dieser Liste. Das Lied, das empfiehlt (aus logischen Gründen) besser ein häßliches als ein schönes Mädchen zu heiraten (läuft doch nur weg) ist mir nur zu wertvoll, um es als Nr. 1 einer zu großen öffentlichen Aufmerksamkeit preiszugeben.

    6. Charles Mingus, „Meditation For Integration“

    Von der Tripel-LP Mingus In Paris einer der schönsten Momente in der Geschichte des Jazz, eingeleitet durch einen zweieinhalbminütigen Monolog über die Anliegen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung um 1964. Dann 27 Minuten Musik aus der letzten Phase der richtigen Musik. Denen zu empfehlen, die von der neuesten Style Council für Jazz inspiriert wurden.

    7. Mel Brooks „To Be Or Not To Be“ (Hitler-Rap)

    Ringt mit Konrad Kujau um den Vergangenheitsbewältigungspreis. Und stünde höher in dieser Liste, wenn ich es nicht schon seit zwei Monaten unausgesetzt hören würde, und die Frequenz zur Zeit abnimmt: Ich greif’ mir eine Blonde und ein Bier. Die Russen kommen. Let’s get outer here. Da hat sich Peter Illmann vielleicht gewunden, als er das in Formel Eins vorstellen mußte. Grüße gehen nach Buenos Aires und Hamburg-Fuhlsbüttel. Wer kennt noch Ronald Biggs?

    8. Nancy Sinatra „The City Never Sleeps At Night“

    Für diese und die beiden folgenden Platten wäre ebenfalls ein höherer Platz gerecht, wenn ich sie nicht in Hamburg vergessen hätte, und so nur ihre Auflegehäufigkeit bis vor drei Wochen in Rechnung stellen kann. Wenn ich, was doch meine Aufgabe sein soll, aufliste, was ich in den letzten Monaten gehört habe. Das Lied handelt von den vielen Dingen, die die Stadt des Nachts zu bieten hat und bedient sich der lyrischen Struktur eines ganz ländlichen Abzahlreimes. Nancy Sinatra ist im Übrigen das ‚unabhängige Mädchen‘ to end all unabhängige Mädchen. Friß Scheiße, Pat Banatar!

    9. Blondie „Picture This“

    Von der LP Parallel Lines, das beste Lied von Blondie überhaupt und aus aktuellem Anlaß wieder hervorgezogen: Die Bild-Zeitung wärmte als Tagesmeldung wieder auf, daß Debbie die Tochter von Marilyn sei (die wir kurz darauf in der hinreißenden Karl-Marx-Komödie Gentlemen Prefer Blondes – „Blondes prefer Surplus-Value-Abführung“ bewundern konnten), und englische Zeitungen dichteten ihrem Hubby Chris Stein eine unheilbare Krankheit an.

    10. Buzzcocks „Ever Fallen In Love (With Someone You Shouldn’t Have Fallen In Love)“

    Paul Weller: „Ich denke an die politischen Gedichte von Shelley.“ (meint den Romantiker) Tony Parsons: „Ja, die Buzzcocks war’n ’ne gute Band.“ (meint Pete Shelley, ihren Sänger) Und natürlich sind alle schon in diese Liebe gefallen, in die sie nicht hätten fallen sollen. Das gilt heute wie 77, wie 1815.

  • Distanzieren und Definieren: Jungs unter sich

    Wenn das Unter-sich-Sein nicht als Problem empfunden wird, sondern gute Laune auslöst. Ein weiteres Mal schwelgen G. Love & Special Sauce (Coast To Coast Motel, Sony 1995) geschmackvoll und dennoch ausgelassen in Pub-Musiken des Planeten. Aufbauend auf dem Blues, der nicht nur nie „empfunden“ (was mir egal wäre), sondern wie schon von Generationen weißer Pub-Rocker vor ihnen (Ausnahme: Violent Femmes) als Folie für eine schunkelige Gemütlichkeit mißbraucht wird, widmen sie sich kenntnisreich coolen Folk-und Roots-Musiken, die sie zelebrieren wie ein Kenner seinen Keller: als allzeit verfügbare schöne Stücke, in die man sich nach Lust und Laune reingrooven kann. Und das machen sie geschickt, nichts poltert oder stumpft hier, nichts rockt unhip, alles groovt, staubt cool und begießt sich mit Miller Light. Die Stimme könnte so cool wie ein früher Jonathan Richman auf Rädern klingen, nur will ihr Eigentümer niemanden bewegen. Er will cool sein, cool endgültig als Inszenierung von Genuß als Distanz.

    In dem für diesbezügliche Diskussionen entscheidenden Hintergrundtext („Exile in Guyville“, Die Beute, Sommer 95) beschreibt Kerstin Grether Ausschließungsmechanismen, mit denen Jungs/Männer sich Frauen vom Leib halten, wenn diese sich in ihrem Rock-Kosmos aufhalten. Sie verwirft die viel bemühte Kastrationsangst als Motiv und entscheidet sich für das reine Erhaltenwollen und daher Verteidigen eines Territoriums. Doch wäre dafür nicht unbedingt die Geschlechterdifferenz als Ausschließungsgrund zwingend. Mit dem Derrida-Wort vom „konstitutiven Außen“ beschreibt sie das Wesentliche dieser Männer-Strategie. Im Außen, fährt sie fort, dürften Mädchen alles. Männer schließen nämlich Frauen aus der Welt „ihrer Kunst“ nicht in erster Linie aus, weil sie Konkurrenz fürchten oder etwas nur so für sich haben wollen, sondern um genau die ausgeschlossenen Mädchen besser definieren zu können. Egal ob sich das als verliebtes Träumen oder konkrete Sexphantasie gestaltet: Niemand stört dabei bekanntlich so wie die echte Person. Erotische Projektion und Kampf um Definitionsmacht liegen nahe beieinander.

    Dieses Problem teilt die Rockmusik mit anderen Künsten und es gibt dies auch, wenn auch seltener, in Fällen, wo Sexismus keine Rolle spielt. Beim Träumen, Projizieren und Definieren stört stets die Anwesenheit seines Gegenstands, muß dieser ausgeschlossen werden. Lieber ein Pin Up als eine Frau. Lieber eine kritische Theorie als eine Politik. Lieber eine Multikultur als offene Grenzen. Die wenigsten Songs halten die Anwesenheit des anderen wirklich aus: Manchmal vermögen dies gerade irgendwelche narzißtischen, alten Machos wie Leonard Cohen oder Jim Morrison, manchmal Dünnhäutige wie Jonathan Richman, Dino Valente, Jochen Distelmeyer, Annette Peacock und die Go-Betweens. Aber selbst die sonst so bewundernswerten Soulsänger Kevin Rowland, Bob Dylan und Green Gartside nie (letzterer kennt aber das Problem und arbeitet darüber). Ich empfehle Julie Driscolls Version von „Light My Fire“ und erneut Allen Ravenstines Fiepgeräusche: wo ein Du so beschworen wird, daß man nicht mehr wegsehen kann.

    Diese Platte hingegen verbreitet die Atmosphäre dieser neoamerikanophilen US-Restaurants in deutschen Großstädten: Kompetent werden die Hamburger gebraten, der kalifornische Rotwein stimmt, die Soßen sind lecker, sogar die Guacamole läßt sich essen. Und trotzdem ist das alles nicht mal Trash. Es fehlt dieser Platte bei aller kundigen Schnaftizität sogar das, was Trash möglich und durch Trash andere Öffnungen möglich macht: das Aufgeben der Distanz als ästhetischer Haltung.