Kategorie: Archiv

  • Text in Martin Kippenberger: Peter

    Borges hat bei einem gewissen Franz Kuhn etwas über eine chinesische Enzyklopädie gefunden, die „Himmlischer Warenschatz wohltätiger Erkenntnisse“ heißt. Darin soll es folgende Systematik der Tierwelt geben, die wiederum Foucault anregte, „Die Ordnung der Dinge“ zu schreiben: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppierung gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, j) unzählbare, k) die mit einem feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, l) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen. Mit einem Sprung, so sinngemäß Foucault, erreicht man bei dem Staunen über diese Aufzählung die Grenze unseres Denkens – die Unmöglichkeit das zu denken.

    Was anderes aber als Denken sind die kognitiven Prozesse, die zum Errichten solcher Ordnungen führen, die zum Beispiel auch die Skulpturen Martin Kippenbergers organisieren, ohne daß diese Organisation ihrer Struktur nach zu beschreiben wäre.

    Andrerseits ist klar, daß das Erstellen einer solchen Taxonomie weder den Gesetzen der freien Assoziation folgen darf, noch anderen Techniken, die als dadaistische oder surrealistische bekannt sind.

    Stattdessen plädiere ich dafür, das Denken – und es ist ein Denken, das das Undenkbare organisiert, auf undenkbare Weise dazu und logischerweise – das NICHTDENKEN zu nennen. Wobei NICHTDENKEN weder die Abwesenheit von kognitiven Prozessen, noch östliche Autopsychose-Techniken (als „Meditation“ bekannt), noch Intuition oder Irrationalität meint, sondern ein Gegenteil des Denkens, das freilich auf vielfältige Weise mit dem Denken verbunden ist, auf das Denken bezogen ist, wie das Nichtrauchen auf das Rauchen und seit alten Zeiten wesentlicher Bestandteil künstlerischer Praxis.

    Bei Kippenberger aber ausgezogen, bis es als Königsweg zur Plastik stehenbleibt: Das Nichtdenken bestimmt nicht nur Reihenfolge und Beziehung untereinander der Plastiken, die Martin Kippenberger in dieser Ausstellung zeigt, sondern auch ihren Aufbau im einzelnen und besonderen: wie die Teile zusammengesetzt sind, wo sie warum mit was lackiert/nicht-lackiert wurden, wo was warum genäht, genagelt, genoppt wurde und welche beabsichtigten oder nichtbeabsichtigten und dennoch respektierten Fehler mit welchen Farben so weit übermalt wurden, daß einerseits die Fehler noch sichtbar sind, aber ebenso die Entscheidung, sie als Fehler anzuerkennen und sie daher korrigieren zu müssen, diese Korrektur aber auf halbem Wege abbrechen zu müssen, aus Respekt der mit diesem Fehler gewonnenen Schönheit gegenüber, den Beginn der Korrektur jedoch stehen lassend aus Respekt vor der Tatsache, daß die Schönheit mit einem Fehler gewonnen wurde und vor der Freiheit des Willens und sicher auch nicht ganz uneingedenk der Tatsache, daß soviel Respekt möglicherweise seinerseits Schönheit abwirft.

    Ich glaube, das Gesetz des Nichtdenkens hat weniger etwas mit einer negativen Beziehung zur Logik etwa oder zu anderen Gesetzen konventionellen Denkens zu tun, sondern mehr mit einer Überbewertung der Temperaturen des Denkens, also den Beziehungen zwischen den vier Ecken Scharfsinn, Stumpfsinn, Grobheit und Feinheit. Das Nichtdenken spürt sich in diesem Spannungsfeld, sein Ziel ist es, die Unterschiede zwischen größter Feinheit und größter Grobheit gegen null gehen zu lassen, andrerseits Scharfsinnigkeit und Stumpfsinnigkeit unversöhnt und in schnellstmöglicher Reihenfolge einander jagen zu lassen, keineswegs unparteiisch. Es ist die Heizung des Denkens, aber auch sein Kippfenster. Als der Gitarrist Alex Chilton einmal das Studioband nicht auf die richtige Geschwindigkeit eingestellt hatte, als er „Rock Hard“ spielen wollte, hat er einfach gewartet, bis ein dramaturgisch entscheidender Moment dieser Rockabilly-inspirierten Nummer kam, und dann das Band, das anschließend langsamer lief (weswegen die Musik schneller, also normalschnell wurde), umgestellt. So hört man das auch auf Platte. Aber eigentlich wollte ich von dem Satanisten Roky Erickson erzählen, der auf der Suche nach geeignetem Heavy Metal auf das Lied „Don’t Look Around“ von der stumpfsinnigsten Gruppe Mountain stieß. Der Text ging so: „Don’t look around, cause I’m never comin’ back / High time you saw the last of me“. Erickson fand diese Melodie attraktiv für diesen Text: „Two-headed dog / Two-headed dog / I was working in the Kremlin with a two-headed dog / Two-headed, two-headed, two-headed!“

    Ein großer Teil der ausgestellten Arbeiten sind Berichtigungen durch doppelte Verneinungen, eine vorgefundene Fehlerhaftigkeit wird nachgebaut und ein Fehler beim Nachbau hebt die Fehlerhaftigkeit des ersten vorgefundenen, aber selbstverständlich erhaltenen Fehlers wieder auf. So wurde zum Beispiel verfahren mit der Kistenkonstruktion, die ein spanischer Parkwächter für sich und seinen Hund gebaut hatte, so auch mit einer Tiefkühltruhe, einem Gerhard-Richter-Original oder einem idealen Regal, das sich der Assistent in seiner Jugend bauen ließ und das er jetzt eigenhändig mit allen Elementen, die an einem Regal pubertär sein können, nachbaute, bevor Kippenberger es von Meisterhand vollendete. Usw.

    Alle Dinge auf der Welt enthalten Zartheiten und Grobheiten. Das Nichtdenken hat dafür die Reaktion der unterschiedlichen Empfindlichkeiten vorgesehen. Die das als zart Vorgesehene und das als grob Vorgesehene planvollen Überempfindlichkeiten oder Überunempfindlichkeiten aussetzen, um in stoischem Gleichmut heiter mit dem Material arbeiten zu können, ohne das, was keine der beiden Qualitäten enthält, überhaupt anschauen zu müssen. Den Unterschieden zwischen Stumpfsinn und Scharfsinn bleibt das Nichtdenken gegenüber gleich empfindlich. Beiden wird großer und deutlich geschiedener Raum in den Plastiken Kippenbergers wie in ihrem Bauplan und in ihrem ontologischen Status eingeräumt.

  • Alles ist Pop

    Was bleibt von der Gegenkultur?

    Im Zeit-Magazin heißt eine Rubrik für Kurzinterviews „Helden der Popkultur“. Die betrifft alle, vom niedersächsischen Ministerpräsidenten bis zur Sex-Talk-Show-Moderatorin, die man früher dem „öffentlichen Leben“ zugerechnet hätte. Auch in der tageszeitung gab es eine längere Strategie-Diskussion zwischen Lesern und Kolumnisten, ob Politik „popfähig“ sein müsse. Gemeint war je nach Kontext „verständlich“, „flott“, „bunt“ oder „sexy“. Beim Spiegel und bei der Süddeutschen Zeitung und ihren diversen Kindern (SZ-Magazin, jetzt), wo „Pop“ am stärksten vertreten ist, ist allerdings gleichzeitig auch die Gegenbewegung am stärksten: im Spiegel verschafft sie sich über kulturpessimistische Gegenwartsdiagnosen Gehör, in der SZ etwa durch Partisanen der Hochkultur wie C. Bernd Sucher und dessen dezidierte Pop-Feindschaft. Neulich kam dort auch ein engagierter evangelischer Geistlicher zu Wort, der die Ursache für Entsolidarisierung, soziale Kälte etcetera in der „Pop-Kultur“ ausgemacht haben wollte. Seit Guido Westerwelle Guildo Horn und Gerhard Schröder als „Pop-Phänomene“ parallelisiert hat, geht selbst den gestandensten Intellektuellen beim Begriff „Pop“ völlig das Hirn auf Grundeis. Mittlerweile steht das Kurzwort für eine abendlandverschlingende Verblendungsmelange, in der Guildo Horn, Helge Schneider und Harald Schmidt alle dasselbe meinen.

    Ob als Zeichen für den jeweiligen Lieblings-Untergang der kommentierenden Intellektuellen oder für attraktiv transparente, neue gesellschaftliche Verhältnisse beim Viva-Chef und SPD-Berater Dieter Gorny: der Pop-Begriff scheint nicht nur endlos zuständig, sondern auch endlos dehnbar. Zwar gab es schon zu seinen Anfangszeiten in den frühen Sechzigern unterschiedliche Verwendungsweisen, doch heute scheint schier alles Pop zu sein oder will Pop sein: vom Theatertreffen bis zur Theorie, von der sozialdemokratischen Kandidatenkür bis zur Kulturkatastrophe.

    In den Sechzigern stand Pop für den von Jugend- und Gegenkulturen ins Auge gefaßten Umbau der Welt, insbesondere für den von der herrschenden Wirtschaftsordnung verkraftbaren Teil davon: sexuelle Befreiung, englischsprachige Internationalität, Zweifel an der protestantischen Arbeitsethik und die Ablehnung von Hierarchien und Autoritäten. Dazu kam Vertrautheit, ja sogar fetischistisches Begehren nach neuen Technologien und der von Andy Warhol besonders prominent inszenierte Kult um Berühmtheit an sich , wie er unter Bedingungen eines immer dichteren Mediennetzes möglich wurde. Dieses heterogene Sammelsurium von Forderungen konnte immerhin eine Weile stabil bleiben.

    Im Kontrast dazu stand in den Siebzigern das englischstämmige Kurzwort eher für die Käuflichkeit gegenkultureller Ziele; wer an diese in einem engagierten Sinne glaubte, wollte sich von deren warenförmiger Seite eher durch andere Etikette absetzen. In den frühen Achtzigern waren dann wieder einige von den eigenen politischen und künstlerischen Strategien enttäuschte Vertreter aus Politik, Theorie und Kunst bereit, gerade in den Pop zugeschriebenen Attributen wie Geschwindigkeit, Warenform, Flüchtigkeit durchaus Anzeichen gesellschaftlichen Fortschritts zu erkennen. Foucault tanzte im Berliner „Dschungel“, Deleuze pries Patti Smith, und Bands wie Scritti Politti und Dexys Midnight Runners priesen abwechselnd den bewaffneten Kampf, Derrida und Gramsci im Zusammenhang mit Motown-Soul, irischem Rebellentum und schwulem Camp.

    In den Neunzigern nun avanciert „Pop“ zum begrifflichen Passepartout einer unübersichtlichen Gesellschaft. Seitdem ist Pop als – von verschiedenen Seiten unterschiedlich besetzter – zeitdiagnostischer Dummy-Term im Einsatz. Ein Grund dafür liegt auch in einer inflationären Vermehrung der Pop-Phänomenen: Was man 1980 in einem Jahr an Konzerten sehen konnte, wurde einem in einer beliebigen deutschen Großstadt 1990 in einer Woche angeboten, was in der ARD einst 45 Minuten Sendezeit pro Monat hatte, hat heute vier eigene Kanäle.

    Tatsächlich ist aber das, was vom heutigen Kulturjournalismus über den einen Kamm des Pop geschoren wird, eine unzulässige Vereinfachung kultureller Phänomene. So drückt die Subsumption unterschiedlichster Phänomene aus den Bereichen Kultur, Öffentlichkeit, Medien unter den Begriff Pop selbst eine Entwicklung aus, die man als die von Pop I (Sechziger bis Achtziger, spezifischer Pop) zu Pop II (Neunziger, allgemeiner Pop) bezeichnen könnte.

    Eine Masse von Kultur

    Pop I wurde meist als Gegenbegriff zu einem etablierten Kunstbegriff verwendet. Pop II steht dagegen neuerdings im Gegensatz zu herkömmlicher Politik, auch wenn sicherlich Öffentlichkeit der produktivere Gegenbegriff wäre. Pop I war immer in grenzüberschreitende Bewegung verwickelt. Das Drama von Pop II scheint auf den ersten Blick, daß kein Terrain sich gegen seine Invasion mehr sperrt. Wollte Pop früher von der hohen Kunst zur Politik (Godard) oder von der Politik zur Kunst (Zappa), oder von der Massenkultur zur Gegenkultur (Marianne Rosenberg) oder von der Gegenkultur zur Massenkultur (T. Rex) oder von der Öffentlichkeit zur Gegenkultur und zurück (Horst Mahler) oder von der Kunst zur Öffentlichkeit zur Gegenkultur und zurück (Otto Mühl), so bleiben heute all diese Bewegungen innerhalb eines neuen kulturellen Feldes bodenständig, nehmen verteilte Rollen ein und wechseln diese, überschreiten aber nichts mehr. In jenem kulturellen Feld, mit dem es Pop II zu tun hat, dominiert nicht mehr die nachvollziehbare Verpflichtung auf die eine Gemeinschaft, sondern die Überlagerungen. Die generell zum Verständnis und zum Gebrauch von Pop-Bedeutungen notwendigen Gemeinschaften scheinen immer flüchtiger zu werden – so wie die Lebenspläne heute nicht mehr über feste Modelle von Biographie, sondern aus ständig wechselnden, bohemienartig unabgeschlossenen Modellen zusammengesetzt sind. Dementsprechend existieren viele Möglichkeiten der Partizipation nebeneinander.

    Um sich mit subkulturellen Sub-Genres auszukennen, muß man eine Fülle von hochspezialisierten Habitus-Tests und -Verfeinerungen durchlaufen, die jeden Dandy grob aussehen lassen. Doch auch diese Kenntnisse und Fähigkeiten sind wesentlich davon geprägt, daß sie sich anschließen lassen müssen und schleunigst ersetzt werden können. Dies gilt auch, wenn sich beobachten läßt, daß die sich überlagernden flüchtigen Gemeinschaften von Pop II ein Komplement in den entgegengesetzten pathetischen oder auch politisierten Verpflichtungen zur Treue, zur Wahrheit, zur Kompromißlosigkeit haben.

    Andererseits führen Phänomene des Pop II, wie etwa der Easy-Listening-Kult von 1995 und die Begeisterung für alte Schulmädchen-Report– und Vampyros Lesbos-Filmsoundtracks, die in deutschen Großstädten dazugehörige Kultur aus in ehemaligen Animierbars eingerichteten Cocktail-Lounges sowie die diese bevölkernde Klientel aus Flexibilisierungsgewinnern und -opportunisten auch dazu, nun besonders trotzig an der kleinen kontrollierbaren Gegenkultur und ihren Regeln über die Beziehungen zwischen politischen Inhalten und den dazugehörigen Zeichen festzuhalten. So stellt dann die sich von Pop II bedroht fühlende alt-subkulturelle Szene – ohne das zu wollen – eine strukturelle Gemeinsamkeit mit jenen Kulturkonsumenten her, die zur Flexibilisierung aus ganz anderen, mitunter konservativen Gründen noch nicht finden konnten.

    Noch mehr Beats per minute

    Diesen wiederum stehen die exzentrischen Konformisten gegenüber, die aus dem vor ein paar Jahren noch im exklusiv gegenkulturellen Besitz befindlichen Trash-Gedanken, größtmögliche Authentizität entstehe nämlich nicht im Beherrschen, sondern im Verfehlen eines gleichwohl begehrten kulturindustriellen Standards, die bekannte Schlagerbewegung um Guildo Horn gemacht haben. Ein dandyistischen Geschmack-Subkulturen zur nonkonformistischen Selbststilisierung dienendes Prinzip, das ein Bekenntnis zu ungeschützter Emotionalität mit einer schützenden Geschmackskultur kurzschloß, das darüberhinaus eine wesentliche Rolle für einen kulturpolitischen Aspekt schwuler Identitätspolitik spielte, ist so wie viele andere, aber vielleicht übersichtlichere, weniger abstraktere Prinzipien massen- und auch stumpfsinnsfähig geworden und dient nun zu allem möglichen: Wer gerade noch seinen Platz im Konkurrenzkampf behauptet, entledigt sich seiner Anteile von Verlierer-Kultur und Verlierer-Psyche durch die kollektive Ironieorgie.

    Bisher erschien das jeweils konkrete Treiben der Pop-Kulturen – Sicherheitsnadeln durch die Backe, freie Liebe, Avantgarde-Kunst, Techno tanzen, Piercen, Extremsport, Überraschungseier-Figuren sammeln – Soziologen und Zeitdiagnostikern stets interessanter als dessen Formen. Daher sind die Regeln von Pop II und neuer Öffentlichkeit selten in einem eher formalen Sinne beschrieben worden. Das hat sich in den letzten Jahren drastisch geändert. Trotz aller Überbietungsversuche beim konkreten Inhalt (noch mehr Beats per minutes, noch länger Tanzen, noch mehr Hautflächen zu tätowieren, sich beim Überraschungseier-Figuren sammeln spezialisieren – und alle, die die Spezialisierung nicht mitvollziehen, „Faschisten“ nennen) ist das Gesamtterritorium der Pop-Kulturen auffälliger als alle einzelnen und diejenigen einzelnen am relevantesten für die Berichterstattung und die Beobachtung, die in ihrem pop-kulturellen Spezialtreiben das Gigantische und Massenhafte der Pop-Kultur an sich zum Ausdruck bringen, von der Love-Parade bis zur Guildomania.

    Diese Größe stellt nun seit knapp einem Jahrzehnt, in den letzten Jahren aber mit gewachsener Drastik die einschlägig und lukrativ lebensüberdrüssigen Kulturkritiker vor die Frage, ob die Pop-Kultur nun schon alles bedecke und „wir“ in einer einzigen solchen Kultur oder Gesellschaft schlimmerweise leben. Oder ob – im Gegenteil – am Ende gar die „Ordnung der bürgerlichen Klasse zusammengebrochen“ ist, wie am anderen, am optimistischen Ende des kulturdiagnostischen Spektrums verdächtig aufgekratzt behauptet wird? Solch pauschalen Charakterisierungen, wonach entweder „wir“ gesiegt hätten und ein neues Zeitalter von Demokratie ausgebrochen sei oder aber gar nichts mehr ginge und Pop-Kultur selbst alle Formen der alten Untertanenkultur übernommen habe, entzieht sich indes das vielschichtige Phänomen des Pop II.

    Zum einen gibt es anstelle eines universalistischen Mainstreams die inklusive, ideologisch aber durchaus homogenisierende neue Öffentlichkeit, in der die vielfältigen Phänomene von Pop II scheinbar heterogen und unvermittelt nebeneinander wahrgenommen werden – ohne tatsächlich noch Effekte von Oppositionalität zu erzielen. Zum anderen ist aber auch der Rest von Pop im alten Sinne nicht mehr das randständige, minoritäre und subversive Gegenüber eines Nicht-Pop-Mainstreams offizieller Werte und Institutionen. Vielmehr haben wir es, wie Tom Holert und Mark Terkessidis in ihrem diesbezüglich bahnbrechenden Buch gezeigt haben, mit einem Mainstream der Minderheiten zu tun – einer Fülle von nebeneinander existierenden Pop-Kulturen, für die allerdings konstitutiv ist, daß jede einzelne noch so strukturiert ist, wie Pop-Kulturen immer schon strukturiert waren: um käufliche Kulturgegenstände herum wird eine Semantik errichtet, die eine Gruppe für verbindlich erklärt. Diese Semantiken reichen natürlich heute, da die Leitdifferenz nicht mehr wie früher jung/alt, links/rechts, langhaarig/kurzhaarig kongruent ist, von reaktionär bis progressiv, von sexistisch und rassistisch bis zu emanzipativ. Und ihre immanente Organisation kann im günstigen Fall von der hochkünstlerischen Komplexität des Janet-Jackson-Videos „Got ’til It’s Gone“ bis zur formal geschlossenen Eleganz einer repetitiven One-Note-Techno-Komposition eines Jeff Mills reichen.

    Wenn es in den Neunzigern aber offensichtlich jene virtuelle Instanz namens „Mainstream“ nicht mehr gibt, die unterschiedlich schnell die Codes der Pop-Kulturen assimilierte und zu allgemeinverständlichen Codes der herrschenden Untertanenkultur verwandelte, dann fragt sich, gegen welches Gegenüber oppositionelle Popkulturen heute agieren. Bei Pop-Kulturen geht und ging es immer – wie illusionär diese Selbsteinschätzung im Einzelfall auch sein mag – um die Durchsetzung der von den Beteiligten als angemessen empfundenen Sprechweisen. Diese scheinen heute in ihrer Vielfalt allgegenwärtig und werden aber tendenziell unabhängig von ihrem Inhalt als in letzter Instanz einverstandene Mehrheit in den vielen Sendungen inszeniert, wo Leute reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Der nächste Schritt, der Schritt zum Außen des Mikro-Projekts wird jedoch immer schwerer. Denn auch diesen Aktivitäten steht eine immer größere Abhängigkeit von einer immer blinderen, immer toleranteren, dafür aber inhaltlich komplett indifferenten Kulturindustrie gegenüber, die die mitunter entstehenden Gemeinschaften zu einer gedächtnislosen Flüchtigkeit zwingt.

    So läßt sich aus der Differenzierung der Pop-Kultur also trotz einzelner emanzipativer Effekte kein übermäßiger Kulturoptimismus, aber auch nicht dessen Gegenteil ableiten. Pop-Kultur II – so könnte man zuspitzen – hat heute eine Funktion wie das ästhetische Erlebnis in Kants Philosophie: Sie verankert auf der jeweils höchst subjektiven Ebene des Kunsterlebnisses und des „authentischen“ Sprechens – ob im Drum’n’Bass-Pattern oder in der Jeder-darf-mitreden-Show von Kerner – den allgemeinen kulturellen Zusammenhalt. Daß ein solcher neuer Common Sense, der paradoxerweise aus lauter Partikularismen besteht, die in der Vorstellung der Subjekte gerade nichts gemeinsam haben (außer nichts gemeinsam zu haben), als Orgie der Differenz unsere Gegenwartskultur bestimmt, ist aber auch ein möglicherweise zu feuilletonistisch sauberes, zu totalen Optimismen oder Pessimismen verleitendes Zerrbild, wenn auch tendenziell triftig. Wie neben diesen neuen Formen die alten gesellschaftlichen Institutionen einerseits weiterbestehen und wie auch deren kulturelle Formen – „Hochkultur“, öffentlich-rechtliches Fernsehen etc. – in vielen Punkten ungefährdet bleiben, andererseits sich mit den neuen verketten und ideologische Formationen bilden, ergibt ein neues dynamisches Verhältnis.

    Hauptstrom und Wechselstrom

    Dabei kommt es gerade darauf an, wie und wo jene Differenzen, die von den alten Institutionen gesetzt werden (etwa Inländer/Ausländer) mit neuen Differenzen korrespondieren und wo nicht: Differenzen sind nicht per se gut oder schlecht. Dieses Verhältnis bedarf einer Analyse, die noch aussteht, bei der aber weder reflexhafte Neuauflagen des dem alten bürgerlichen Kunsterlebnis nachtrauernden Kulturpessimismus von Adorno und Horkheimer helfen, noch verschwörungstheoretische Anrufungen eines blinden jede Lebensäußerung wegnivellierenden „Systems“, noch die auf Verfallsformen kritischer Kultur und Theorie negativ fixierte Affirmation um jeden Preis, wie sie etwa die jüngere Literatur in letzter Zeit vertreten hat.

    Die strukturell aus vielen Mini-Ein- und Ausschlüssen zusammengehaltene Pop-Kultur und die sie auf der Basis einer großen Inklusion rezipierende neue Öffentlichkeit stehen zwischen alter Repräsentationspolitik – eine Öffentlichkeit, eine Gesellschaft – und einer folgenlosen Pluralisierung zu flüchtigen Gemeinschaften. Letztere haben den Vorteil der Freizügigkeit um den Preis der Politikunfähigkeit, erstere den Nachteil der Langsamkeit und Totalisierung. Stabilisierte man die Gemeinschaften von Pop II, dann bestünde die Gefahr, in auch alter deutscher Tradition warme, lebensweltliche Bindungen und Gemeinschaften reaktionär über kalte Gesellschaften zu stellen, ohne die erwünschte Verbesserung von Oppositionalität zu erzielen.

    Ist es also berechtigt gewesen, alles Pop zu nennen, war dies tatsächlich die große Neuheit? Zwar ist Pop als Pop II in alle öffentlichen Kommunikationsformen eingedrungen, aber noch immer in der Form der Tendenz, nicht als neue Totalität. Es gilt, sich mit dieser Tendenz in ihrem Verhältnis zu Pop I und der alten Öffentlichkeit auseinanderzusetzen und auf dieser neuen Ebene oppositionelle Effekte zu studieren und zu stärken. Allerdings geht das kaum von außerhalb. Was bleibt, ist wohl eh nur die Mitarbeit an Pop II: Nie war Bedeutungsproduktion so wichtig, als Rohstoff des Marktes wie als Ferment des Gesellschaftlichen – und damit im Prinzip auch einer neuen Politisierung zugänglich. Nie war sie gleichzeitig so unwichtig, so ersetzbar, so flüchtig, so resonanzlos.

  • Jahrescharts

    1. Daft Punk: Homework
    2. Erykah Badu: Baduizm
    3. Diverse: Spunk Jazz
    4. Maurizio: Dito
    5. Subtle Tease: The Goings Of An Offer
    6. M:I:5: Maßstab 1:5
    7. Missy Elliott: Supa Dupa Fly
    8. Workshop: Meiguiweisheng Xiang
    9. Neil Young & Crazy Horse: The Year Of The Horse
    10. Ed Rush/Nico/Trace/Fierce: Torque
    11. Reprazent feat. Roni Size: New Forms
    12. MC Solaar: Paradisiaque
    13. Gravediggaz: The Pick, The Sickle And The Shovel
    14. Jammin’ Unit: Deaf, Dub And Blind
    15. Pacu: Pure Techno Tracks
  • Nouvelle Design

    Wenn noch die Texte so transgressiv werden wie das Layout, gibt es zwei brillante neue Zeitschriften: de:bug und Jungle World.

    Zwei dringend notwendige Zeitschriften sind in diesem Jahr gegründet worden. Beide überzeugen durch Qualitäten, die bei Blättern aus dem linken oder linksradikalen Milieu immer besonders gefehlt haben – blattmacherische Stringenz und konzeptuelle Eleganz. Sowohl die Wochenzeitung Jungle World, ein Spaltprodukt der jungen welt, als auch de:bug, die „Zeitschrift für elektronische Lebensaspekte“ aus dem Dunstkreis der verblichenen Frontpage, wissen gestalterisch und konzeptuell sehr deutlich, was und wohin sie wollen.

    Diesen Umstand kann man gar nicht neuartig genug finden, denn in vielen Bereichen der Musikbegeisterung, Theorieverwicklung und des Politaktivistentums sind die Texte letzterzeit zwar immer differenzierter, genauer und abwechslungsreicher geworden, aber gerade über die wachsende Spezifizierung degenerierten die Zeitschriften- und Zine-Typen zu bloßen Foldern von konzeptionslos aneinandergereihten Artikeln.

    Diese Tendenz hat sich nun zum Teil umgedreht: Die Jungle World tritt optisch souverän auf und wagt sich sogar in den für Linke lange verbotenen Bereich, wo Bilder mehr oder anders als bloß illustrativ oder Fotokunst sein dürfen. Ihre Auslandsberichte und Weltwirtschafts-Surveys ergänzen oder ersetzen zuweilen sogar die in diesem Bereich führende Le Monde Diplomatique. Trotz der bekanntermaßen immensen persönlichen und ökonomischen Nervereien, denen MacherInnen linker Zeitschriften ausgesetzt sind, verströmen weite Bereiche eine aus diesem Milieu nicht gekannte Entspanntheit.

    Nur verdankt sich die konzeptuelle Stringenz noch zu sehr einem alten, dichotomen Denken in Departments entlang der Basis-Überbau-Unterscheidung. So wird in den Spalten der Jungle World die unselige Trennung zwischen Kultur und Politik nicht nur fortgeschrieben: Der Kulturteil bringt selten mehr als die üblichen Verdächtigungen der üblichen Verdächtigen, denen nur selten zugute kommt, daß sie als Texte nun ein paar Tage mehr Zeit haben als vormals bei der jungen welt.

    Hier artikuliert sich wieder die altlinke Angst, eine ominöse, böse „Diskurstheorie“ wolle Wirklichkeit aufessen. Wer nicht gerade unter diesen Generalverdacht fällt, den trifft der andere allgegenwärtige Vorwurf, nur Kohle machen zu wollen. Ideologiekritik bleibt das hermeneutische Nullsummenspiel, bei dem immer nur rauskommt, daß wer bezahlt immer auch gekauft ist. Am Ende ist der Teil der Linken, der Präfixe wie „Kultur-“ oder „Pop-“ als Schmähworte vergibt, wieder so allein und bündnispartnerfrei wie in den seligen Zeiten vor dem Wohlfahrtsausschuß. Daß dieses Hinterwäldlertum von der gestalterischen Konzeption längst überwunden zu sein scheint, läßt allerdings in Zukunft auf mehr Dschungel und mehr Welt hoffen. Schon jetzt wirkt sie sich zuweilen ermutigend auf einige in diesem Umfeld unvermutet offenherzige Texte aus.

    Auch bei de:bug – wo jede Menge unübliche Devices (Tageszeitungsformat, eine Papierfarbe im Stil der Financial Times oder Mute, das Sektionenprinzip der Welt am Sonntag oder Die Woche) um jeden Preis den Eindruck vermeiden, man habe es mit einer Musikzeitschrift zu tun – bleiben gerade einige musikbezogene Texte hinter der an sich ziemlich genialen Idee zurück, es gebe so etwas wie kulturenübergreifende, elektronische Lebensaspekte, die nach einem integrierten Forum verlangen: Wenn Michael Mayer in einer Aufmacherstory als marktwirtschaftlich-unternehmerische Erfolgsnummer gefeiert wird, als gehe es darum, einen mittelständischen Ersatzteil-Zulieferbetrieb der Rüstungsindustrie anzupreisen („konsequente Linie“), fällt das so weit hinter das Niveau der leider viel zu knappen nichtmusikalischen Sektion zurück, daß eine Zerreißprobe unvermeidlich scheint.

    Von neuer elektronischer Musik und elektronischen Produktionsformen inspiriertes Denken kollidiert mit retardiertem Fantum, wie man es nur zu gut kennt – nicht nur entlang von Fraktionen, sondern auch mitten durch die einzelnen Subjekte. Trotzdem überwiegen auch bei de:bug die Versprechen und die Neuartigkeiten vor allem in den nichtsprachlichen Bereichen, auf daß der Text folgen werde wie der Geist dem berühmten Arsch.