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  • Gefühlte Paprika – Die politische Subjektivität der Boheme

    I. DAS AUFGESCHOBENE LEBEN

    1. Spät im Kapitalismus

    Es wird immer später in der Republik. In den mittleren 80ern waren in Köln nur wenige Kneipen zu finden, in denen man nach ein Uhr nachts noch Leute treffen konnte. Heute füllen sich die entsprechenden Bars überhaupt erst gegen 2 Uhr 30. In Hamburg, wo man immer schon etwas länger aufblieb, geht heute früh nach Hause, wer es vor 6 Uhr schafft, den Wodka stehenzulassen oder vom Dancefloor aufzubrechen. Noch eine Pizza? Jetzt habe ich Hunger.

    Gleichzeitig verfügen die Betreffenden über weniger Geld, weniger Zukunft und weniger Chancen, das in endlosen Kneipengesprächen möglicherweise angehäufte kulturelle Kapital gewinnbringend anzulegen. Stattdessen hört man die jungen Leute, meistens Männer, wieder viel von Politik reden. Nicht gerade der heißeste Gegenstand in den 80ern. Das Mißverhältnis zwischen eingenommenem und für Alkohol ausgegebenem Geld ist nichts Neues, es gehört traditionell zur Krise, wie wir aus englischen Bergarbeitersiedlungen wissen (der Wirt ist als einziger nicht von der Krise betroffen und gibt daher schon gern mal einen aus). In einem Lebensmittelgeschäft in Hamburg-Wilhelmsburg ist im gleichen Zeitraum der Umsatz um 6.000 Mark zurückgegangen, in dem der Verkauf von hartem Alkohol die Spitze der ganzen Hansestadt erreicht hat. Wer heute vom Elend im Studentenmilieu redet, muß zunächst über materielles Elend reden. Die Magie ungedeckter EC-Karten, über die jeder verfügt, ist an die Stelle des Schwarzfahrens getreten, wenn es darum geht, sich vor anderen mit der eigenen Illegalität/Schlampigkeit zu brüsten. Schwarzfahren war eine Option, ein Spaß oder Protest, die ungedeckten EC-Karten sind bitterer Ernst. Aber man schämt sich seiner Armut nicht, das Elend der Krise verhilft zu Legitimierungen, die das inhaltliche Elend im Boheme-Milieu zu einem Pariser Lebenslauf des 19. Jahrhunderts zurechtromantisieren. Das uninspirierende Nichtweiterwissen oder Endlosverfeinern der späten 80er Jahre erscheint von heute aus als Epoche luxuriöser Dekadenz. Und umgekehrt heute: nichts zu essen, aber das Leben hat wieder einen (politischen) Sinn.

    2. Messungen und Methoden

    Von wem rede ich hier, von welchem Zeitraum und woher weiß ich das? Natürlich von mir und den Meinen. Das heißt: von Leuten, die wie ich zwischen den mittleren 70ern und heute als Kulturarbeiter, Aktivisten die Schnittstellen von (Gegen-)Politik und (Gegen-)Kultur gekreuzt haben. Auch wenn ich glaube, daß mir wesentliche Entwicklungen nicht entgangen sind, ist es klar, daß das nicht stimmt. Meine Methode ist, das Verhalten, die Praxis und das Selbstbild der Beteiligten zu Modellen zu verkürzen und zu fragen, was mit diesen Modellen anzufangen ist. Die Analyse von Gruppen im kulturellen Bereich unterliegt besonderen Schwierigkeiten: Zum einen steht die geringe Anzahl der Beteiligten meist in keinem Verhältnis zu relativ großen Wirkungen ihrer Behauptungen, zum anderen steht die Anzahl und der Reichtum der Auskünfte, die von solchen Gruppen gegeben werden, in keinem Verhältnis zu deren soziologischer Aussagekraft. Mit anderen Worten: Wer über die schreibt, die Romane schreiben, kommt oft nicht darum herum, selber Romane zu schreiben. Wer sich die falsche Alternative Objektivismus oder Subjektivismus nicht stellt, erfährt aber etwas über das Leben in den Städten, das nur eine Frage beantworten will: Was an diesem Leben ermöglicht, bedingt und legitimiert politisches Handeln?

    3. Die Kneipe und die Stadt

    Die Bilder- und Ideenwelt der Boheme hat sich im Laufe der 70er und endgültig in den 80ern in die Stadt und die Kneipe verlagert. Das war zwar schon traditionell ihr Einzugsgebiet, aber keineswegs in der unmittelbaren Vergangenheit. In den 70ern waren Kneipen kaum Orte kontinuierlicher Entwicklung. Auch die Konzertkneipe, in der regelmäßig bis täglich tourende Bands auftreten, die Independent-Szene existierten nicht. Die Kunstwelt war, vom Einzugsgebiet der Düsseldorfer Akademie abgesehen, eine Option für extrem wenige Bohemiens. Ästhetisches Material für neueste Gedanken lieferte bezeichnenderweise das Kino, ein relativ unkommunikativer Ort. Um Hamburg gab es aber z. B. einen Gürtel von Land-WGs, politischen, religiösen und sonstigen; auch in der Stadt sorgten bestimmte wichtige WGs für Kontinuität und Bezug, auch diese lagen eher in Suburbs als in der Innenstadt. Die Umorientierung in die innere Stadt, die dort stattfindenden Häuserkämpfe kamen in den 80ern (sieht man von wenigen Vorläufern ab) zeitgleich mit den neuen ökonomischen Chancen in der Kultur, zeitgleich mit Punk/New Wave und sogenannten Neuen Wilden auf. Die „Übernahme“ bestimmter Stadtteile durch eine sowohl politische wie (alternativ-)konsumistische Szene mit dem dazugehörigen Ghetto-Lebensgefühl, der Idee, ein Viertel zu verteidigen als Folie aller späteren, nicht Stellvertreter-politischen Denkmodelle konsolidierte sich ebenfalls in den frühen 80ern (kurz danach zerfielen die Szenen in „politische“ und „hedonistische“ oder „ästhetische“, ohne allerdings im eigenen Selbstverständnis die jeweils andere Option aufzugeben: in Kreuzberg, Karoviertel, Schanzenviertel blieb man auch weiterhin Nachbar). Anders als bei der vorangegangenen WG-, Landkommunen- und Universitäts-bestimmten Szene waren die neuen Formen ungeregelter, lockerer, die Grenzen fließender. Sie hatten etwas von Befreiung, aber auch von Goldgräberstimmung. Sitten und Gebräuche waren nicht mehr das, was man heute p.c. nennt („Es war p.c., nicht p.c. zu sein“, habe ich mal anderswo über diese Zeit geschrieben), unberechenbarer, experimenteller. Gleichzeitig waren all die neuen Räume viel stärker von auch kommerziellen und anderweitig fremdbestimmten Strukturen abhängig. Neue Typen wurden wichtig: einerseits Krieger, Warrior, Großstadtindianer, andererseits Gurus und Wortführer. Beim Umschlag zwischen 77 und 781 fielen Konventionen und Verbote wie, niemals ein Gespräch zu dominieren, endlose Umarmungen zur Begrüßung, der „liebe Blick“, das inflationierte „Du“, grenzenloses Verständnis und Gesprächsbereitschaft. Diese Umgangsformen waren plötzlich ebenso als terroristisch wie als verlogen entlarvt worden, sie sollten durch neue ersetzt werden. Aber wie immer, wenn etwas falsches Altes fällt, tritt an dessen Stelle nicht nur das gute Neue, sondern auch das noch schlechtere Nochältere. In mancher Hinsicht gewannen Männer verlorenes Terrain zurück, fanden sich Frauen selbstverständlich in Positionen wieder, die schon überwunden schienen. Der Goldgräber wollte sich nicht mehr an Vereinbarungen halten, die der sogenannte Softie oder „Neue Sozialisationstyp“ unterschrieben hatte: Girls, die nicht als die schöne Nessie Bardame spielen wollten, hatten es plötzlich schwer. Das Feiern neuer (gerne auch instabiler) Identitäten und die (durchaus auch berechtigte) Distanzierung von den alten Linken hatte sehr schnell auch diese noch älteren Verhältnisse wieder in Kraft gesetzt. Mannesstolz und Besitzdenken sind nun einmal Attribute des Guru wie des Warrior. Andererseits traten die Slits, Raincoats, Kleenex, Au-Pairs, Lizzy Mercier Descloux auf den Plan, und der von Jungs mitgegröhlte feministische Punk-Hit hieß „Hau ab, du stinkst“ (von Hans-A-Plast). Die Punk-Ästhetik war die erste offen antisexistische Szene-Ästhetik, sie schrieb neue Identitäten nicht fest, bezweifelte die Gegebenheit des Körperlichen und der Geschlechteridentität und wußte: „I am a cliché“ (X-Ray-Spex-Sängerin Poly Styrene). Und im künstlerisch-musikalischen Bereich hatten neue Frauen einen Einfluß, den sie szene-sozial zu verlieren drohten.

    4. Das Dreieck des jungen Mannes

    Traditionell hat, seit ich denken kann, der junge Mann, und von jungen Männern ist hier zunächst die Rede, weil sie aus den Kämpfen der Früh-80er-Boheme sowohl als Sieger hervorgingen als auch den Anschluß an ältere (hauptsächlich urbane), männlich- dominierte Boheme-Modelle herstellten, drei Möglichkeiten, sich der Welt überzustülpen, Geld zu verdienen oder Kontaktanzeigen auf der Suche nach Job und Partnerinnen aufzugeben: die Universität, die Partei und die Poesie.2 Das hat u. a. auch damit zu tun, daß man ihm irgendwann mal erzählt hat, wenn er es nicht selbst noch gespürt hat, daß diese drei Dinge 1968 verschmolzen gewesen sein sollen: nichts hat etwas anderes ausgeschlossen, nichts etwas anderes aufgeschoben. Nach der Explosion auseinandergesprengt und aufgeteilt, waren nur die Reste des Stoffs des Aufstands zu finden, und wenn möglich sollten sie wieder zusammengefügt werden. Zum anderen hatte die Hitze und Geschwindigkeit der Situationen zwischen 78 und 82 mit einer Öffnung der Boheme zu tun, die nun (begrenzt) proletarische Jugendliche zuließ (ein nicht unwichtiger Teil der Punk-Rocker). In dem Maße, in dem man sie zuließ und von ihnen lernte (u. a. auch „Männlichkeit“), grenzte man sich instinktiv von ihnen, die diese Möglichkeiten kaum hatten, ab und investierte in eine dieser traditionellen drei Möglichkeiten. In den 70er Jahren kann ich mich erinnern, die Lebensentwürfe zwischen den drei Polen oft gewechselt zu haben. Das kann damit zu tun haben, daß ich noch jünger war, oder aber damit, daß es leichter ging (wofür einiges spricht: geringere Konkurrenz, unklarere Definitionen etc.).

    Die Universität, im folgenden Akademie genannt, steht in den Großstädten herum und verwaltet und produziert Wissen, legitimes Wissen. Niemand stört sich heute mehr daran. Den Eingeschriebenen ist es seit Jahren nicht mehr gelungen, stetige Verschlechterungen von Studienbedingungen und zunehmende Unmöglichkeit von Kritik und Opposition auch nur annähernd so wirksam und glamourös dem Rest der Welt mitzuteilen wie in Zeiten, als die Lage noch wesentlich günstiger war. Gerade in dieser Unfähigkeit besteht ja auch die Unerträglichkeit der Lage. Aber sie hat noch einen anderen Grund: Die Universität hat Konkurrenz bekommen. Ihr offizielles (legitimes) Wissen, das ich im folgenden „Philosophie“ nenne, wurde durch ein inoffizielles (illegitimes) Wissen herausgefordert, das ich „Theorie“ nenne. Das hängt auch damit zusammen, daß sich die gegenkulturellen Debatten seit Verhängung von Regelstudienzeiten, im Zuge also der Niederlage aller universitärer Politik der 70er, in die Kneipen verlagert haben. Die Zeit spielte dabei die entscheidende Rolle: Das immer länger Geöffnethaben, Aufbleiben ging mit den immer kürzeren Studienzeiten einher. Das Versprechen des Studiums, möglichst lange keiner geregelten Tätigkeit nachgehen zu müssen, wurde nicht mehr eingelöst. Der bildungspolitische Imperativ lautet nicht erst seit der Rezession, aber seitdem nochmals verschärft: Ausbildungszeiten kürzen. Das Versprechen auf Aufschub realisierte sich nur noch täglich in der Kneipe („Bitte nicht nach Hause schicken!“, Bildtitel Kippenberger). Die herrliche Zeit des schier endlosen, der Selbstverwirklichung gewidmeten Lebenszeitraums Studium ließ sich nur noch alkoholisiert, nicht minder herrlich, bei verlängerten Öffnungszeiten realisieren. Und über Recht- oder Unrechthaben entschied nicht mehr die geregelte Kompetenz der akademischen oder parteipolitischen Diskussion, sondern die poetische Kompetenz des Charismatikers.

    Die Partei und die Parteichen (von den Jusos zur K-Gruppe, vom Stadtteilzentrum bis zur Polit-Sekte) waren eine andere Chance. Hier verbreitete und produzierte man nicht legitimes Wissen, sondern legitimes Handeln. Sowohl Partei im weitesten Sinne als auch Akademie im weitesten Sinne wurden eine Weile brisant durch die Tatsache, daß sie die radikalste Opposition beherbergten und auch die darum entstandenen Lebensformen. Doch die Partei züchtete das Komplement zur „Verlogenheit“ oder „Naivität“ des Hippie: die rigide Entschiedenheit, den patriarchalen Führer (der natürlich nicht das Charisma des neuen Warriors oder Szene-Gurus haben konnte, weil er offiziell das Kollektiv vertreten mußte: also lügen). Seit den 80er Jahren gab es andere Chancen, die die Parteipolitik dazu noch skurril und weltfremd erscheinen ließen und die man nicht allein mit dem bösen, moralistischen Wort der Karriere entkräften kann: Es gab nicht nur neue Individualismen. Auch der relevante (sichtbare, attraktive, beachtete) politische Widerstand wurde nunmehr von „Bewegungen“ inszeniert (von „Züri brennt“ bis „London Calling“), die anderen Gesetzen gehorchten. Die Chance der Relevanz ließ, neben anderen Versprechungen, manche gerne das aufgeben, was ihm die Geschütztheit der Partei gegeben hatte. Was war eine ferne Revolution gegen ein nahes Brokdorf?

    Der dritte Weg war die Poesie. Das Bekenntnis zu ihr beinhaltete in der Regel den bewußten Verzicht auf die unerträgliche Verantwortlichkeit, die mit Partei und Akademie verbunden war. Wer sich für die Poesie entschied, verstand die Kontaktanzeige nur als erotische, nicht mehr als Stellengesuch. Wer für die Poesie optierte, wählte den radikalen Individualismus. Er mußte ohne die vermittelnde Distanz des Gedankens, der Rede oder des Programms klarmachen, hier und jetzt, was er meint. Das wiederum beeindruckte tendenziell auch die Leute an der Akademie oder in der Partei; erstere hatten immer genau das denken wollen, was der Poet zu leben schien: Unmittelbarkeit, Leben ohne Aufschub; letztere erkannten in seinem Leben die erzwungene Distanzlosigkeit aus dem Leben der Unterdrückten wieder (die damals noch den Ehrentitel „politische Subjekte“ trugen). Artaud, Rimbaud und Lautreamont wurden im gleichen Zeitraum Vorbilder für Patti Smith und ihre Fans, wie sie Gegenstand akademischer Untersuchungen und neuer Editionen wurden.

    Dem Poeten begegnete – und das war im Gegensatz zu dem, was mancher Marxist behauptet, nicht immer so – in den frühen 80er Jahren nun ein ungeahntes Verständnis seitens der kulturellen Kreditinstitute. Gerade er durfte plötzlich verzinsen, was bei Akademien und Parteien zu unsicheren Papieren geworden war: Opposition, Illegitimität, Dissidenz. Er durfte Filme drehen. Platten aufnehmen, „Projekte“ realisieren, einflußreich schwafeln und in Werbeagenturen rasend schnell ohne jede Schulbildung viel Geld verdienen.

    5. Aufgeschobenes Leben

    ln der ansonsten unerträglichen Robert-De-Niro-als-Heinz-Rühmann-rettet-gefallene-Uma-Thurman-vor-Martin-Kippenberger-als-Bill-Murray-Schnulze Mad Dog And Glory geht es um drei Figuren, die alle erzählen, daß sie in Wirklichkeit gerne etwas anderes wären, nämlich Künstler. Die beiden Männer haben sich den Traum abgeschminkt, sie sind Polizisten bzw. Gangster geworden, die Frau hat den Traum verwirklichen und sich als Kellnerin finanzieren wollen, was sie dann geblieben ist. Sie sagt, durch den Mund von Uma Thurman: „Leben ist das, wo man hängen geblieben ist, während man auf die Erfüllung seiner Träume gewartet hat.“ Der Poet lernte das während der 80er Jahre ebenso wie die anderen Typen, die wir kennengelernt haben. Dabei gibt es zwei Arten von Aufschub, die auf einem anderen Niveau und unbemerkt wieder einführten, was 68 abgeschafft werden sollte: die Trennung von Bewußtseinsform und Leben. Der erste Typ ist der, den auch Bourdieu als charakteristisch für die neuen Mittelklassen, die städtischen neuen Berufe beschreibt: Ich arbeite zwar als Werbetexter, aber eigentlich bin ich Dichter. Die Chance, Geld zu verdienen, weit über das hinaus, was das Bildungskapital erhoffen ließ, die Liebe der Industrie zu den Illegitimen und den Poeten kaufte diese aus ihrer (teilweise) selbstgewählten Unmittelbarkeit3 frei. Das dort erworbene und während der 80er Jahre so begehrte „Querdenkertum“, die „Unangepaßtheit“ mußte so aber verlorengehen, die stammten ja aus den Bergwerken der sogenannten Authentizität. So mußten im Laufe des Jahrzehnts viele zurückkehren. Andere zahlten die üblichen Preise: Drogen, Aids, Auszehrung. Selten war zu klären, ob die einzelnen vom System ausgespuckt wurden, weil unfähig, den begehrten Rohstoff länger zu liefern, oder freiwillig zurückgekehrt sind. In den 80er Jahren lernte auch der Poet die Karriereleiter als Maß kennen.

    Der andere Aufschub ist schwerer zu beschreiben: Es war die Verlängerung der Jugend. Die immer länger geöffneten Kneipen boten weit mehr Raum und Zeit als je irgendwelche Universitäten, um das Leben ohne sogenannte feste Bindungen zu verbringen, die Schattenökonomie der Indie-, Pop- und Kunst-Szene, die Möglichkeiten für die oft gut ausgebildeten Kleinbürgerkinder, sich den Traum zu erfüllen, weder als Kellner arbeiten, noch Gangster werden zu müssen, waren gewachsen. Die drübergestülpte, parasitär an der großstädtischen Szene saugende Werbe- und Lifestyle-Industrie schoß immer wieder von außen Beträge zu, die oft so etwas wie „Luxus“ oder „Lebensart“ in das System injizierten, so daß es ganz so aussah wie bei Henri Murgers Scènes de la vie de bohème – auf Zeiten der ausschließlichen Ernährung durch Bier folgten solche des gehobenen Geschmacks.

    Während also im ersten Typus des Aufschubs der Ernst des Lebens als Geldverdienerei, Kreditaufnehmen, Existenzgründen längst unbemerkt begonnen hat, träumt der Betreffende eigentlich, ein anderer zu sein, und verschiebt die Realisierung auf später. Mit dem Gedanken an Aufschub, an ein späteres „eigentliches“ (und unmittelbares) Leben bewahrt er sein Gesicht im „vorläufigen“ falschen Leben, bewahrt ein intaktes Selbstbild. Der andere Aufschub erwirbt gerade Unmittelbarkeit, Radikalität, Authentizität oder das, was die Betreffenden dafür halten, indem er die Einbindung, Integration, das geregelte Geldverdienen aufschiebt. Da der Aufschiebende in dieser Zeit auch leben muß, geht er immer, bewußt oder nicht, einen ganz spezifischen Kompromiß ein. Dieser Kompromiß ist der blinde Fleck, der so funktioniert wie die Selbsttäuschung im ersten Aufschubstypus. Die beiden stützen auch einander, weil in der „Ökonomie der Chance“ in den frühen 80ern die Wechsel zwischen beiden Aufschubmodellen häufig waren: Der jeweilige Wechsel (oder der Verzicht darauf) konnte dann als Kritik des blinden Flecks des jeweils anderen Typus legitimiert werden. Daß die einen nur „labern“, legitimierte Aktionismus, daß die anderen nur „blind aktiv sind“, legitimierte Theorismus. Der jeweils andere hatte eine Lebenslüge zu verbergen. Oder: Er hatte ein Symptom.

    6. Verfestigung der Aufschubverhältnisse und Entstehung ihrer spezifischen Bewußtseinsform: Selberdenkertum

    In dem Maße, in dem die relevanten und gefragten Beiträge zum Diskurs nicht mehr von der Akademie kamen und Parteien aller Art von der Szene (der Bürger folgte ihr auch in diesem Punkt später) nur noch Verdrossenheit entgegengebracht wurde, in dem also illegitimes Denken (Theorie, Popmusik, bildende Kunst) und illegitimes Handeln (Autonome, Spontaneisten) ihre Hochkonjunktur erlebten, entstand eine eigene Bewußtseinsform, das Selberdenkertum: ein dem Selbstwiderspruch nicht abgeneigtes, antikanonisches, eklektizistisches, „rhizomatisches“ Reden und Denken, das nicht nur, wie es von sich selbst sagte, einen notwendigen Paradigmenwechsel vollzog (von dem monokausalen, akademischen, totalitären Meisterdenkertum zu einem angemessenen „wilden“ Denken), sondern eben auch die Entsprechung einer halb begrüßten, halb gefürchteten und aufgezwungenen ökonomischen Unsicherheit und „unordentlichen“ Lebensplanung war. Das Selberdenken ist die Fortsetzung der Poesie mit anderen Mitteln, bzw. die Fortsetzung der Poesie im Zeitalter ihres Erfolges über Partei und Akademie. Der Begriff umfaßt alles, was vom schreibenden Künstler über Stadtzeitschriften- und Zeitgeistblätter-Kolumnisten, „französisch“ geprägte Theoretiker außerhalb und am Rande der Unis bis zum Autor dieser Zeilen in den 80er Jahren unter Bedingungen Gehör gefunden hat, die der wesentlich rigidere Kultur- und Wissenschaftsbetrieb der 70er ihnen verweigert hätte. Die in Parteien und Akademien produzierten Wissens- und Lebensformen wurden dagegen während der 80er aus dem öffentlichen Blick gedrängt. Der so aufgewertete, aber immer noch „unordentlich“ wechselhaft lebende Poet, der sich aber immer noch, oft ohne das zu wissen, bei Akademie und Partei bedient, entwickelt im Laufe der 80er, irgendwo zwischen dem Umschlag von Holger Hiller zu Kolossale Jugend und von Kolossale Jugend zu Blumfeld und Cpt. Kirk &, ein selbstgemachtes Denken, das er dank seiner neuen Position nicht mehr nur individualistisch codiert, sondern in Ansätzen wieder universalisiert: Die Poesie will plötzlich mehr erklären und zelebrieren als individuelle Zustände, sie sieht Gemeinsamkeiten (ohne sofort den poetischen Anspruch und den dazugehörigen Style/Habitus aufzugeben). Da beginnt die neue, sich auch wieder „politisch“ gerierende Orientierung der jungen Männer in den großen Städten (und nun gibt es auch wieder eine Begrifflichkeit oder gar Bewußtsein davon, daß und warum ihnen Frauen als Mitstreiterinnen verlorengegangen sind). Exakt an dem Punkt, wo sich die zugestandene Aufschiebung des Ernstes des Lebens (ewige Studentenzeit, erträgliche Einnahmen in den Schattenökonomien der Indie-Szene und der Kunstwelt) in einen erzwungenen Aufschub (Arbeitslosigkeit, Rezession auch im Kulturbereich, Steigerung des Anteils auch der Beschäftigten, die nicht mehr dauerhafte Jobs haben, sondern sich von Job zu Job hangeln, wodurch Leute unfreiwillig bohemisiert werden, aber oft die betreffenden Verhaltensweisen und Denkgewohnheiten entwickeln) verwandelt, wird aus der fröhlichen Dissidenz des theoretisierenden Selberdenkers politischer Ernst.

    7. Frauen und Schwule

    Der Hedonismus, der auf der Schwelle vom Poeten zum Selberdenker in den 80er Jahren zelebriert wurde, verdankt sich ganz stark dem neuen Begriff von Politik, Vertretung, Widerstand, der durch Minderheitenkulturen, Feminismus und Schwulenbewegung vorgeführt wurde: Wenn es denn politisch sein kann, ein anderes Leben zu führen (und darauf konnten sich ja vom Hausbesetzer bis zum Szene-Intellektuellen alle einigen), einen gesellschaftlichen Code anzugreifen, Symbole zu unterwandern etc., wie Frauen, Schwule, schwarze Kultur gezeigt hatten, dann konnten das die metropolitanen post-poetischen jungen Männer auch tun. Noch heute ist es den Re-Politisierten wichtig, Style zu zeigen. Ja gerade das Beharren auf der Bedeutung von Style gilt vielen als unausgesprochene Ausrede, sich im heute neugewonnenen politischen Denken ganz simplizistisch auf altlinke, reduktionistische Positionen zurückzuziehen: Man zeigt ja durch seinen Style, daß man es nicht so reduktionistisch meinen kann, wie man es mangels besserer Begriffe sagt, die man vielleicht gewinnen könnte, wenn man all das Selbergedachte, das man davor entwickelt hatte und dann an der Schwelle der Re-Politisierung vergessen hat (peinlich gefunden hat), ernster genommen hätte. Vor allem aber, wenn die Vorbildfunktion der Bewegungen, die die Stellvertreterpolitik abgeschafft haben, für den eigenen Anspruch, es ihnen über Imitation ihrer Methoden gleich zutun, klarer geworden wäre: Sich-Verkleiden und in Zungen reden, was z. B. von Schwulen- und schwarzer Kultur gelernt wurde, konnte so einverleibt werden, bis es von anderen, immer schon praktizierten Politik- und Partyformen nicht mehr zu unterscheiden war. Zugrunde liegt dieser Strategie auch ein Vorgehen, das den oben beschriebenen ähnelt: Der Widerspruch, der in den Anspruch von „Radikalität“ oder „Authentizität“ eingeschrieben ist, wird delegiert an eine Spaltung zwischen Style und politischer Überzeugung, an unverbundene Lebensbereiche. Weit entfernt davon, Dissonanzen zu kritisieren und Harmonisierungen zu fordern, glaube ich, daß eben gerade hier eine unzulässige Harmonisierung vorliegt: das einander Ausschließende oder Bedrohende wird getrennt und die beiden Teile können ungestört weiter gedeihen. Ein nicht verdinglichter Umgang mit Style könnte dagegen gerade darüber informieren, dass Style nicht das Problem der Stellvertreterpolitik löst, sondern den Widerspruch zwischen individuellem Interesse und Politik (also zwischen unmittelbarer Verwirklichung und der davon abzuleitenden politischen Forderung) zum (dynamischen) Gegenstand haben kann, wie diverse marginalisierte Kulturen zeigen.

    II. DE- UND REPOLITISIERUNG: STELLVERTRETUNG, STRATEGIE UND DELEGATION

    1. Existenzialismus versus Solidarität

    Viele haben sich Ende der 70er von konventioneller, also parteibezogener und organisierter Politik abgewandt, weil deren Gegenstände und Subjektpositionen im buchstäblichen Sinne in weite Ferne gerückt waren. Scheinbar willkürlich wurde zur Solidarität mit den verschiedensten Imperialismus-Opfern aufgerufen, schon das Imperialismus-Bild eines Bomben scheißenden Uncle Sam mit Zylinderhut kam einem immer weltfremder vor. Ich schrieb 1981 in einer Kritik von, glaube ich, einer Clash-Platte, daß die Clash die Widersprüche nur noch da betrachten, wo sie einfach sind, und die eigene Lage dahin projizieren. Dabei hatten doch The Clash mit „Safe European Home“ schon 1979 eine der ersten und besten Analysen der „Festung Europa“ avant la lettre geliefert. Statt in anderer Leute Widersprüche wollten wir wieder in unserer spezifischen, als gebrochen und nicht-authentisch empfundenen Lage Authentizität gewinnen. Denn eines läßt sich der Bohemien, insbesondere als der junge Mann, in keinem Falle wegnehmen: seinen Existenzialismus, seine Authentizität (auch wenn er diese Begriffe und ihre Probleme schon damals hundertmal durchschaut hat). Da gab es eine Parallele zwischen autonomer und Hausbesetzer-Politik und hedonistischer Kultur-Linke (also den beiden zeitweilig so weit voneinander entfernten Gruppen, die jetzt, wenn es nach den Wohlfahrtsausschüssen geht, wieder zusammenkommen wollen/sollen). Was in der Hausbesetzer-Bewegung das eigene „selbstbestimmte“ Leben jenseits und gegen Staat und Konsumgesellschaft sein sollte, war in der Boheme-Linken der Selbstversuch, in der Postmoderne auszunutzen und auszukosten, was an Selbstverwirklichungs-, -verfeinerungs- und Differenzierungsmethoden im Angebot war. Das Zauberwort hieß „strategisch“ – alles, was man tat, konnte man dadurch rechtfertigen, daß es im Hinblick auf einen Erkenntnisgewinn, eine Umcodierung, eine semantische Erschütterung, eine Dekonstruktion hin erfolgreich sein könnte, die die symbolische Seite der Verhältnisse als notwendigen ersten Schritt erschüttern würde. Den Begriff der Strategie hatte man von der eigenen links-organisierten Vergangenheit mitgebracht. Von dieser blieb bei der autonomen oder undogmatischen Linken die „politische“ Dimension der Selbstbestimmung, das Selbstbild als Kämpfende, das auch dann blieb, als aufschiebende Begriffe wie Anti-Imperialismus im Laufe der 80er aufgelöst wurden. In beiden Fällen schlich sich aber der Aufschub, das Nicht-Unmittelbare des Handelns, die Distanz in einen als existentiell und primär empfundenen „poetischen“ wie „politischen“ Lebensstil wieder ein, wenn es nicht schon vorher dessen Möglichkeitsbedingung war: Sowohl da, wo der Anti-Imperialismus (wo man quasi als Stellvertreter der Ausgebeuteten der Dritten Welt selbstbestimmt leben wollte) überlebte, wie auch in der Letztbegründung anderer und avancierterer Aktivismen, wo gegen den Theorismus der 68er ein abstrakter Gerechtigkeitssinn oder eine nicht näher geklärte „Moral“ und die daraus problemlos ableitbare „Empörung“ den Horizont bildeten; aber eben auch im „strategischen Kampf“ um Symbole und Bedeutungen (den eine Theorie absichern sollte, die mehr oder minder klar sagte, daß die eigentliche Wirklichkeit die Hyperrealität der Mediensimulation sei) trat eine Mittelbarkeit an die Stelle nicht nur der für sich selbst beanspruchten Unmittelbarkeit, sondern auch an die Stelle der Unmittelbarkeit des klassischen Solidaritätsgedankens, der ein Handeln mit, nicht anstelle anderer meinte. Im Spannungsfeld des unmittelbar existenzialistisch legitimierten Hedonismus / selbstbestimmten Lebens / Kämpfens und der Strategie/Stellvertretung/Moral suchte das Selberdenken, das Theorielesen nach Antwort.

    2. Politisiere dein Symptom wie dich selbst

    Es kam nicht auf die einzig richtige Antwort an: daß nämlich Authentizität und Unmittelbarkeit dessen, was ich tue, immer mit tendenziell ewigem Aufschub der Forderungen erkauft sind, die sich aus der Legitimation meiner Praxis ableiten, allgemeingültig oder politisch zu sein. Der linke Hedonist vermeidet den Aufschub z. B. des abstrakten Anti-Imperialismus, indem er jetzt die naheliegenden und tendenziell neuen Aspekte seiner unmittelbaren Wirklichkeit ausprobiert, aber er rückt die allgemeine Legitimation, die daraus folgt (alle sollten dies testen, erkennen und unterwandern, verbessern können), durch seine individuelle, unmittelbare Realisierung für sich in weite Ferne. Der praktisch selbstbestimmt lebende, politische Aktivist vermeidet die aufschiebenden strategischen Kompromisse des Hedonisten, schiebt aber die Möglichkeit einer allgemeinen Realisierung seines unmittelbaren Kampfes durch radikal-moralische Unvereinbarkeitsforderungen in weite Ferne. Jeder Radikalität ist eben ein Solipsismus oder Kompromiß/Selbstwiderspruch als blinder Fleck eingeschrieben. Es kann nicht darum gehen, dessen Abschaffung zu verlangen, das würde die Möglichkeit von Radikalität, den notwendigen Anspruch auf die radikale Würde als Selbstbild, abschaffen. Aber dieser blinde Fleck kann Bestandteil der Strategie werden: Um statt irgendwelche, von Ökonomie, Zeitläufen und Psychologie auferlegte Kompromisse/Solipsismen zu übernehmen, diese politischen Kompromisse oder Solipsismen anzukoppeln an Vorgänge, wo sie politisch werden. Anders gesagt: Es kommt nicht darauf an, das Symptom der Radikalität(skonstruktion) zu heilen, den jungen Mann oder die junge Kämpferin auf die Unmöglichkeit von Authentizität und Unmittelbarkeit oder Selbstbestimmung hinzuweisen, sondern es kommt darauf an, das Symptom zu politisieren. Das SPK nannte das mal, aus der Krankheit eine Waffe machen; nur daß man nicht von dramatischen psychischen Krankheiten ausgehen kann, sondern von alltäglichen Kompromissen und Lebenslügen.

    3. Delegation

    Die bohemistische Fraktion dachte sich keineswegs als unpolitisch. Man hatte weder seinen linksradikalen Denkstil noch dessen Begrifflichkeit abgelegt (allenfalls um der „französischen Theorie“ entlehnte Termini erweitert) noch die Option auf die bessere Moral (als die Macht), nur im Leben und Handeln verschoben sich die Koordinaten. Die Überzeugung, die entscheidenden Kämpfe spielten sich auf der symbolischen Ebene ab (meist durch eine selbstgestrickte Medientheorie untermauert), ermöglichte es, sich aus der „Drecksarbeit“ alltäglicher politischer Arbeit zu entfernen, die man zwar nicht unbedingt ablehnte, für die man aber in den benachbarten „scenes“ der Hausbesetzer und Autonomen die besser qualifizierten Leute sah. Gut arbeitsteilig wies man den Streetfightern – einerseits leicht belächelt wegen Überkorrektheit (Stillosigkeit), andererseits als Experten der Auseinandersetzung mit der Staatsmacht respektiert – eine Rolle zu, für die man sich selbst als überqualifiziert (im intellektuell-symbolischen Kampf bin ich wichtiger) oder unterqualifiziert ansah (kann mich nicht prügeln).4 Den „Style“ der Autonomen konnten die Hedonisten so wenig wahrnehmen wie jene deren Politik. Diese Delegierungen und Arbeitsteilungen spiegeln natürlich die Fragmentierungen und Spezialisierungen, die durch die zweischneidigen Chancen einer Indie- und Kunst-Konjunktur das Leben der Poeten und Bohemiens der 80er bestimmt haben. Dabei sind sie aber nicht Ergebnisse verlorener und weggekaufter Authentizität, sondern gerade das Ergebnis des Existenzialismus und Authentizismus. Nicht weil man sich an die Kulturindustrie verkauft hatte, hatte man sich deren kapitalistische Logik der Vereinzelung und Spezialisierung aufzwingen lassen, sondern weil man trotz Kooperation sich Authentizität erhalten und letztlich auch genau diese als Produkt verkaufen wollte. Vergleichbares läßt sich vielleicht für einen Teil der autonomen Politik sagen: Gerade weil man sich von Stellvertreterpolitik trennen wollte, mußte der Horizont eines Anti-Imperialismus entstehen (oder einer abstrakten Moral), der nicht mehr untersuchen und nachprüfen konnte/wollte, was ihm als Letztbegründung eingeschrieben war: einerseits wie in der wirklichen Welt sich Imperialismus völlig veränderte und wie wenig die alten Imperialismus-Erklärungen noch verfingen; andererseits wie Moral immer tendenziell terroristisch wird.

    Die Beispiele zeigen, wie das Radikalitäts-Symptom entsteht, in einer doppelten Bewegung aus Wegschieben, Aufschieben und Heranziehen, Verwirklichen. So waren die klassischen Vorwürfe, die sich „politische“ und „künstlerische“ Linke im Laufe der 80er gegenseitig machten (erst: „Konsumismus“ versus „Weltfremdheit“; später „Ihr labert ja nur“ versus „Theoriefeindlichkeit“), immer richtig und falsch: sie isolierten jeweils den aufschiebenden Aspekt und übersahen den „existentiellen“ Aspekt der jeweiligen Radikalitätskonstruktion: ja, wir labern nur, aber dieses Labern ist kein Nurlabern, weil es in einer Theoriepraxis eingebunden ist; ja, wir sind theoriefeindlich, weil das eine besondere Qualität, Schnelligkeit, Eleganz von Aktionen ermöglicht, deren Erfahrungen wieder eine Theorie ergeben.

    4. Re-Politisierung

    Im Übergang vom Poeten zum Selberdenker wird dieser Ende der 80er wieder tendenziell universalistisch. Seine neue politische Perspektive versöhnt sich mit seiner alten existenzialistischen über das Medium des illegitimen Wissens, das ich Theorie genannt habe. Die praktische Dimension – so will es etwa das meist unausgesprochene Selbstverständnis der „Wohlfahrtsausschüsse“ – entsteht aus den oft voller Zerknirschung vorgebrachten Vorschlägen zu einer Zusammenarbeit mit Autonomen-Gruppen, die der ex-negativo-Bestimmung, man sei gemeinsam bedroht, geschuldet ist: bedroht vom gesamtgesellschaftlichen Rechtsruck, von der Straße bis zur Spiegel-Redaktion. Der Feststellung, als Bohemien gemeinsam mit Linken, Nichtdeutschen und Menschen dunkler Hautfarbe bedroht zu sein, geht die Universalisierung des Selberdenkens voraus. Die hat mit seiner ökonomischen Lage ebenso viel zu tun wie mit den Inhalten seiner u. a. durch amerikanische Lesefrüchte (feministische, dekonstruktivistische, antirassistische Theorien, die oft auf denselben „Franzosen“ und Marxisten aufbauen wie die Theorien des Selberdenkers, aber auf praktische Politik zielen) modifizierten „Theorie“. Die Gefahr besteht darin, daß wieder ein großer Sinn die Widersprüche vorschnell versöhnt: daß man sich gegenseitig seine Mängel auffüllt und nicht versucht, die notwendigen Mängel zu nutzen. Denn es liegen diverse, meist schnell in Kultur und Stimmungen transformierte Wandlungen vor der jetzt diskutierten Wandlung zum politisierten Bohemien. Rekonstruieren ließen sich diese Wandlungen, Verarbeitungen und ihre Logik eigentlich nur, wenn man Songs und künstlerische Arbeiten, aber auch Spuren typischen 80er Poeten-Denkens in Massenpresse und Massenmedien bis hin zur Werbung (Benetton) untersuchen würde. Der Begriff Politisierung droht, Mikro-Entwicklungen zu totalisieren und am Schluß die gleiche leere Unzufriedenheit zu hinterlassen, die andere Totalisierungen Biographien gewaltsam zugefügt haben. So ist zum Beispiel interessant, daß Bohemiens in dem Moment wieder in besetzte Häuser gingen, wo in diesen eine neue, bessere Musik angeboten wurde (Hardcore, so ab 1985) und sich Autonome wieder für Popzeitschriften interessieren: seit die nämlich wieder was zu einer Musik zu sagen haben, zu denen seit circa 1989 auch Autonome tanzen, und die ganz offensichtlich nicht ohne weiteres in das Weltbild zu integrieren ist (Hip-Hop). Es soll jedenfalls nicht dabei bleiben, die veränderte ökonomische Lage des Bohemiens reduktionistisch als Ursache seines veränderten Bewußtseins auszumachen, sondern die enge Wechselwirkung zwischen existenzialistischem Selbstbild, Funktion für die Stimmung im Over- und Underground der Städte, Theorie und deren Inhalt zu beschreiben. Ich kann mich jetzt nicht in solche Einzelanalysen der molekularen Entwicklung der Boheme begeben, versuche aber im Teil III die mehr oder weniger unverbunden übriggebliebenen Bausteine des 80er Bewußtseins einzeln anzuschauen und neue Verknüpfungen vorzuschlagen, die das Radikalitätssymptom und seine neuen universalisierenden Selbsttherapien stabil politisieren könnten.

    III. IST FOUCAULT EIN BASEBALLSCHLÄGER, HABERMAS EINE REFORM UND WIE SOLLTE ENZENSBERGER IM VOLKSGEFÄNGNIS BEHANDELT WERDEN?

    1. Denken ist auch eine Technologie der Macht

    Der Selberdenker legitimiert seine antiakademische, antikanonische und eklektizistische Theorie durch einerseits die Ablehnung der repräsentativen, institutionellen Akademie mit seinem existenzialistischen Poeten-Lifestyle, zum anderen durch die Modifikation von dessen lndividualismus im Zuge seiner Re-Universalisierung und Re-Politisierung: ein bißchen institutionelles, nicht-existenzialistisches Wissen ist schon ganz gut. Es muß allerdings poetische Qualitäten enthalten. Die bekam es durch Kontexte (Merve-Verlag), existentiellen Duktus (Theweleit) oder durch Exotik (Import-Verhältnisse). Ich habe an anderer Stelle gesagt, daß ich diese Vorgehensweise nicht nur ablehne, aber sie hat natürlich einen blinden Fleck. Sie wähnt sich bei ihrer Zusammenstellung ihres intellektuellen Menus am Salatbuffet, wo jeder für 9.- soviel und so viel Verschiedenes auf den „Maredo“-Teller häufen darf, wie er will. Sie hat kein Bewußtsein vom Vorgeprägten und historisch Gewordenen ihres Materials, das ja immer noch in und rund um die Akademie entsteht. Sie weiß nicht, daß Denken, auch wenn es sich zum Material für Existentialisierungen und Poetisierungen eignet, an den Akademien institutionell und industriell produziert und zugerichtet wird. Auch Theorien werden angepflanzt und geerntet und mit Pestiziden behandelt. Die aus dem Auge verlorene Akademie muß da angegriffen werden, wo sie zur Zeit so ungestört von (gegenkultureller) Öffentlichkeit die Technologien des Denkens ausbrüten darf. In der Zusammenarbeit und dem Angriff auf die Akademie kann das Symptom der Radikalität genutzt werden. Hier ist ein Widerspruch, der sich lohnt: Nicht nur, weil er vergessen worden ist und aus dem Blickfeld verschwunden, sondern auch, weil die Errungenschaften des Selberdenkens nur überleben, wenn sie sich weiter überfordern. Heute, wo die Ausbildungszeiten nochmals gekürzt werden sollen, darf außerdem die Forderung nach dem „guten Aufschub“ (Dauerstudium) sich nicht mehr mit dem zum „schlechten Aufschub“ gewordenen, immer noch zugestandenen Kneipenelend zufriedengeben (auch wenn wir die Geschwindigkeit unserer Kneipenreden den Umständlichkeiten in der Akademie immer noch vorziehen).

    2. Style als Waffe

    Seit den 80er Jahren wird Style und Habitus als Strategie nicht nur praktiziert, sondern auch theoretisiert. Das fällt mit dem Datum zusammen, an dem linke, männliche, heterosexuelle Selberdenker den Style als Waffe entdeckten. Diejenigen, bei denen sie den Style entdeckten, hauptsächlich Frauen, Schwule und Afroamerikaner, kamen in dieser Diskussion kaum noch vor. Die Waffe Style, wie sie der Film Paris Is Burning etwa zeigt, wurde – wie die Theorie – von ihrer Produktion abgetrennt und ganz in die symbolischen Feldschlachten des kleinen Kunst- und Pop-Universums von urbanen Jungs übertragen, die nur die Verwendungsweise von Style vor diesem Horizont als Problem denken konnten. Das wurde noch dadurch gefüttert, daß nur in einem solchen Kontext das Spiel mit Identitäten neu war und sich daher auch auf das routinierte Novitäten-Echo der Medien verlassen konnte. Der Style von Frauen und Schwulen, aber auch der vielleicht unreflektierte Style des Proletariers, des Kraftsportlers, selbst die traditionellen männlichen Styles des Dandys etc. wurden als „natürliche“ oder „spontane“ Styles von der Debatte ausgeschlossen, und damit auch von der Wahrnehmung. Und da in der heutigen Lage für viele Jungs ihr Style und Habitus auch so etwas wie eine Entlastung wird, rutscht ihre Anwendung von Style in eine große Nähe zu den „spontanen Styles“: stumm erinnert Styling und Geschmack an die Geschichte der 80er, ohne sie zu problematisieren, und erlaubt den Re-Politisierten, sich auf der inhaltlichen Ebene ganz ganzheitlich als „neue neue Linke“ zu fühlen. Auf Kongressen und Touren des Wohlfahrtsausschusses wird dann den Musikern die Rolle zugewiesen, für die Unterscheidung von alten, antihedonistischen Linken der 70er zu sorgen. Die Diskurse dürfen dann frei bleiben von jeder zweiten Ebene und Problematisierung der Form. Der Versuch, über Style Befindlichkeiten und Existentielles zu retten, verkommt dann auf der diskursiven Ebene zur Erlaubnis, alle anderen Zeichen von „Befindlichkeiten“ zu denunzieren. Probleme des Symbolischen werden an den gemütlichen Teil delegiert. Die Abwesenheit von Frauen, Schwulen und Afroamerikanern, aber auch der Musiker auf den Podien verstärkt diese Situation, die man aus den Kneipen aber schon kennt. Die im Prinzip korrekte Ethik des Für-immer-Ferien, Verantwortung-Nein!, Bitte-noch-ein-Getränk rächt sich in dem Moment, wo man mit denen zusammenarbeiten soll/will, denen man, während man Chancen ergriffen hat, die ganze Zeit das Rohmaterial geklaut hat und die sich Verantwortungslosigkeit – z. B. buchstäblich finanziell – nicht leisten konnten. Reden sollten über Style jetzt z. B. die Frauen, die sich den Style als heterosexuellen Jungsbegriff zurückerobern, indem sie für sich einen Style entwickeln, der diese Geschichte einbezieht: sich als Frau anziehen/frisieren, wie sich Jungs angezogen haben, die das Sich-Anziehen/Frisieren den Frauen abgeguckt haben. Das wird auch gerade dadurch wichtig, daß Style – im Gegensatz zu den 80ern – heute wirklich immer weniger eine Investition ist und immer mehr zu einer Waffe5 wird. Dazu ist Style, bevor er thematisiert oder hypostasiert wird und also mißbraucht, um die Widersprüche und blinden Flecke auszulagern, genau der sichtbare Ort des Symptoms der Radikalität: dasjenige, das an der Akademie die Unvereinbarkeiten und Überforderungen produzieren könnte.

    3. Moral und Verbot

    Unter Hinweis auf die Gesetze des Hegemonialdiskurses werden Veranstaltungen mit Rechten blockiert. Freie Rede höre eben da auf, wo nicht das, was, sondern die symbolisch bedeutsame Tatsache, wer rede, entscheidend sei. Wo für Rechte ein Triumph im Kampf um kulturelle Hegemonie schon erreicht ist, wenn sie in einem bestimmten Kontext reden dürfen und sich dadurch als legitimer Bestandteil des demokratischen Spektrums inszenieren. Die relative Einigkeit über diesen Tatbestand bei den Wohlfahrtsausschüssen hat den Nebeneffekt, daß sich auch relativ ungestört der alte linke Gestus, sich als Besitzer der Wahrheit zu präsentieren, zurückkehren konnte. Was als gegenseitige Durchdringung von Poesie und Politik, individueller Erfahrung und neuen Universalitäten, neuen Subjektpositionen und neuen Solidaritäten beginnen könnte, befindet sich ständig in der Gefahr, von einem strukturell immer tendenziell mächtigeren reinen Universalismus auf eine Seite gekippt zu werden. Die Zustimmung zum Verbieten (auch wenn klar ist, daß man nicht von der Position der Macht aus verbietet und dieses Verbieten im Sinne von Blockieren erstmal legitim scheint) ist für die Binnenverhältnisse in den Wohlfahrtsausschüssen möglicherweise sehr prekär. Es ist zu wenig klar, wie viel von der grundsätzlichen, latenten Bereitschaft, klare Verhältnisse zu schaffen, auszugrenzen und festzuschreiben, bei den 90er-Jahre-Persönlichkeiten überlebt hat. Wenn man nicht sehr bald die alte Spaltung in Künstler/Spinner versus Polittypen/Wahrheitsbesitzer wiederhaben will, muß die Frage der Binnenwirkung von Entschiedenheitsdemonstrationen diskutiert werden. Es ist so geil, entschieden aufzutreten (und auch – strategisch – berechtigt), aber immer auch der Anfang vom Ende der Selbstreflexivität. Und dessen, was an Mehrdeutigkeiten und offensiv vertretenen Unsicherheiten gerade erst politisch zu werden begann. Die Erinnerung daran, wie sinnstiftend und berauschend mit Schmackes hervorgeschleuderte Empörtheiten sich von innen anfühlen, kommt mir im Rückblick auf die WA-Touren und -Kongresse heute unangenehmer vor als der von allen als unverständlich kritisierte Podiums-Beitrag auf der Hamburger Veranstaltung. Die leeren, pathologischen Entschiedenheitsdemonstrationen altlinker Persönlichkeiten auf dem Konkret-Kongreß waren traurige Warnungen. Stuart Hall: „In jedem von uns steckt ein Stück eines dogmatischen Linken, das vor unser Bewußtsein Grenzposten stellt, bestimmte wesentliche, aber unbequeme Tatsachen aus unserem Gedächtnis streicht, bestimmte Fragen für indiskutabel erklärt, keinerlei Seitensprünge erlaubt und dazu beitragt, bestimmte automatische und unhinterfragte Reflexe beizubehalten.“6

    4. Universität und Organisation

    Das berechtigte Mißtrauen gegen akademische und parteipolitische Organisationsformen hat auch dazu geführt, daß die Boheme-Linke einen Anschluß verpaßt hat, der sich nicht nur stolz als Weigerung, „denen ihr Spiel zu spielen“ oder sich Probleme der Macht aufzwingen zu lassen, auf der Habenseite verbuchen läßt. Die völlige Abwesenheit von Kontakten zur Mehrheit der Bevölkerung und ihren Organisationen (und auch ihrer Kultur), die Arroganz, die sich in der ausschließlichen Beschäftigung mit symbolischen und sekundären Erscheinungsformen auch ausdrückt, wird da gefährlich, wo sie habituell wird (ein Style, der nichts von sich weiß). Diese Abwendung geschah in mehreren Schritten: Der erste war zweifellos schon im Theorismus der 68er angelegt (der sich auch sprachlich gegen die damals neu zur Uni drängenden Schichten richtete), der zweite war die Abwendung auch noch von der Uni. Zwar waren beide Reaktionen nach außen, aber nicht für die Beteiligten in ihrer Dimension als Schachzüge in Konkurrenzkämpfen verständlich. So konnte auch nicht klar werden, daß die anschließenden Strategien (Öffnung für Markt) genauso ein Kompromiß mit der Macht waren wie der sogenannte Marsch durch die Institutionen, diesmal mit dem warenförmigen Gesicht. War der große Kompromiß (Widerspruch, Symptom) der 80er der, der sagte: Wir bleiben radikal, aber wir arbeiten auch mit dem Markt zusammen, sonst werden wir weltfremd (oder auch: Es ist viel radikaler, mit dem Markt zusammenzuarbeiten), dann muß der jetzt geforderte heißen: Wir versuchen radikale Formen zu entwickeln oder zu erhalten, aber müssen ein anderes Verhältnis zu Institutionen gewinnen. Einen solchen Kompromiß machte in der Praxis jeder Poet, in der Regel mit dem Markt oder eben als Aufschub in einem der beiden Sinne. Es kommt aber darauf an, diese Kompromisse (Symptome) zu erkennen, zu benennen und nicht unter Zwang da einzugehen, wo es sinnvoll ist. Die Subjektivität des aufgeschobenen Lebens muß Bündnisse eingehen / Konfrontationen suchen, die ihr ihre objektive Seite zu erklären beginnen (nicht denunzieren). Und was man in den 80ern mit Werbeagenturen und Plattenfirmen machte, kann man genausogut mit Universitäten veranstalten. Daß dabei jenseits eines stichlinghaften Suchens nach dem jeweils etwas wärmeren Wasser (günstigeren Milieu) eine politische Perspektive entsteht, gründet sich freilich nur in der Hoffnung, daß das nietzschemäßige oder quasianthropologische Auftauchen von immer gleichen oder ähnlichen Widerstandsformen auch eine andere historische Seite hat, die verhindert, denselben Fehler zweimal zu machen. Die fröhlich-selbstreflexive Selbstaufklärung über Bedingtheiten und „böse“ (konkurrenzkämpfende) Seiten „guter“ (politischer) Absichten produziert oft jenen „zynischen Untertan“ (Žižek), der alles weiß und gerade darum nichts tun kann.

    5. Linksradikalismus, Politikfähigkeit, Mainstream

    Ich will also weder sozialdemokratischen Positionen noch einem Basis-Überbau-Reduktionismus das Wort reden, noch mich einer Elitismus-Kritik beugen, die ja bezeichnenderweise auch zu Zeiten der Studentenbewegung immer von der rechten Sozialdemokratie kam (Helmut Schmidt), sondern vorschlagen, den ohnehin Kompromisse eingehenden Anteil an Lebensentwürfen besser zu organisieren. Das kann nur geschehen, wenn die linksradikale Seite der Szenepolitik sich zunächst stärkt, nur dann sind solche Kompromisse (ohne irgendwelche entristischen Illusionen) sinnvoll. Der Politikfähigkeit muß immer eine spezifische Politikunfähigkeit gegenüberstehen. Ein Beispiel für solche Kompromisse ist die Forderung nach Quotierungen: Linksradikale Kritik daran sagt immer, wie kann man dafür kämpfen, daß jemand bei einer eh unbefriedigenden Sache teilnehmen darf. Aber nur wenn das Privileg der Erfahrung der Unbefriedigung durch Gratifikation verbreitet ist, entstehen neue politische Subjektpositionen. Wenn eine Summe der 80er ist, daß ein richtiges Leben im falschen möglich ist, dann kommt es jetzt darauf an, im spezifisch politisch wichtigen falschen richtig (radikal) zu leben.

    6. Enzensberger entführen

    Daß auf der Ebene der Symbole gekämpft wird und eine Aufnahme des Kampfes mit diskursanalytischen Mitteln dringend notwendig ist, darf über ein Eintreten für ein neues Erheben von Primärdaten nicht vergessen werden. Nur so kann man einer breiteren Szene erklären, warum man Enzensberger nicht widersprechen will, sondern ihn im Volksgefängnis für seine Korruption bestraft. Für seine Freilassung verlangen wir, daß er bei Gaudimax auftreten muß und Botho Strauß bei Ruckzuck. Da zeigt sich der wahre Dichter.

    Vorabdruck aus dem im November erscheinenden Buch: Etwas besseres als die Nation. Texte und Materialien zur Abwehr des gegenrevolutionären Übels. Herausgegeben von den Wohlfahrtsausschüssen Köln, Frankfurt/M., Hamburg. Edition ID-Archiv, ca. 180 Seiten, ca. 20.- DM

    1. Das, was ich 77/78 erlebte, haben andere früher oder später erlebt. In Hamburg konnte man auch 1972 schon Hippies hassen, nihilistischer Punker werden und Stooges hören. Eine zehn Jahre jüngere Studentin gab mir dieses Jahr in Los Angeles einen Text von sich zu lesen, wo sie denselben Vorgang – Umschlag von Hippie- zu Punk- Werten – in der kalifornischen Provinz im Jahre 83 beschreibt. ↩︎
    2. Von Poesie/Poet rede ich hier, um einen alten idealistischen deutschen Gegensatz aufrechtzuerhalten und mit ihm zu spielen, den zwischen Poesie und Politik. Ich könnte auch von Künstlertypen reden, was mir aber die Spezies, die ich meine, zu sehr einengt. Es geht um Leute, deren Legitimation ihre Individualität, Originalität und Authentizität ist. Nicht mehr diskutierbare, im Habitus zum Ausdruck gebrachte Erfahrungen. Mit Partei meine ich all jene Zusammenschlüsse, bei denen man sich diskursiv durchsetzen mußte (auch wenn in Wirklichkeit andere Regeln entscheidend waren). ↩︎
    3. Eine andere Unmittelbarkeit beschreibt die Agentur Bilwet für die Anfänge der Besetzerbewegung in Amsterdam: Anders als bei den Szenen des deutschen urbanen Widerstands, die ich kennengelernt habe, sollen die Amsterdamer nahezu alle externen Zuschreibungen, Strategien und Sinnstiftungen abgelegt haben; nicht nur „Theorie“ und „Ziel“, sondern auch Erkennbarkeit, Style, Moral. Die Tatsache, daß aus denselben Kreisen ausgesprochen durchdachte und effiziente Aktionen wie die „Nolympica“-Kampagne hervorgegangen sind, spricht allerdings dafür, daß die „Bewegungslehre“ von Bilwet vor allem auf einen Aspekt der Bewegung abhebt und andere voraussetzt. Wenn man eingedenk dieser Lektüre aber Bewegung selbst, so wie Bilwet diesen Begriff fast metaphysisch faßt, mit dem analogisiert, was ich das „Radikale Symptom“ nenne, ist es vielleicht möglich, diese beiden Modelle aufeinander abzubilden und von den ohnehin nur unsauber beschreibbaren historisch konkreten Bewegungen auf ein allgemeineres Modell von Radikalität zu kommen (das freilich Radikalität nicht anthropologisieren darf, wie zur Zeit in Mode ist, wenn etwa Katharina Rutschky „Stagediving“ in ihren irren Begriff von „Jugendirresein“ einschmilzt). Vgl. Agentur Bilwet, Bewegungslehre, Berlin/Amsterdam, 1991. ↩︎
    4. Während ich dies schreibe, höre ich mit großem Genuß eine CD von Dr. Dre, auf der gerade der Kehrreim gesungen wird „Who’s the man with the masterplan? A nigger with a gun“. Radikalitätsgenuß ohne Folgen. Eskapismus deluxe und auf der anderen Seite doch wieder eines dieser Urerlebnisse, aus dem Solidaritätsmoleküle entstehen: Ich kann mich nur solidarisieren mit dem, dessen Sätze ich gut finden kann. ↩︎
    5. Freilich eine problematische Unterscheidung, weil in den 80ern „Investition“ schlechthin eine Waffe war: gegen die Schutzräume vor dem Markt, die einem eine Realisierungsmöglichkeit, auch im Sinne von „schlechtem Aufschub“ inmitten des „guten“, vorzuenthalten schien. Man lese diese Unterscheidung also neutral als Verschärfung, von Investition zur Waffe; als Homologie zu der nie ganz trennscharf wahrnehmbaren Verschärfung von erkämpftem überzugestandenem bis erzwungenem regellosen Leben in der Boheme. ↩︎
    6. „Neuorientierung der Linken“ in Hall, Ausgewählte Schriften (herausgegeben von Nora Räthzel), Hamburg/Berlin 1989, S. 207ff. ↩︎
  • Flyboy In The Media

    Wie sieht’s eigentlich so aus im amerikanischen Musik-Journalismus? Wer hat Anspruch auf Lester Bangs Nachfolge? In den Achtzigern wuchs beim New Yorker Stadtmagazin Village Voice eine Garde neuer, afro-amerikanischer Hip-Journalisten heran. Diedrich Diederichsen stellt zwei von ihnen vor: Greg Tate und Stanley Crouch. Sie haben einen Streit, der auch hierzulande besonders wichtig ist.

    Auf jeden schwarzen Jazz-Kritiker, der sich in den 60er Jahren einen Namen machen konnte, kommen mindestens fünf oder sechs Weiße. Der einzige international bekannte afro-amerikanische Jazz-Kritiker blieb bis heute LeRoi Jones (der zur Zeit als Amiri Baraka lieber Gedichte oder maoistische Malcolm-Deutungen schreibt), dem stehen Dutzende Leonard Feathers, Ralph Gleasons etc. gegenüber. Selbst das Jazzbuch des Deutschen Joachim-Ernst Berendt wurde in den USA zum Standardwerk, und sogar ein Thema wie Black Nationalism And The Revolution In Music wurde von einem in der schwarzen Jazz-Community allerdings sehr respektierten Weißen bearbeitet, Frank Kofsky.

    Diese Lage änderte sich erst in den 80ern. Das New Yorker Stadtmagazin Village Voice brachte aus seinen Reihen plötzlich reihenweise schwarze Autoren und Musikschreiber hervor. Und die Früchte erntet jetzt Vibe, von Quincy Jones herausgegebenes Highgloss-Magazin für Kultur und Musik „of colour“, das die mittlerweile illustren Namen der Voice-Autoren von Greg Tate, Nelson George, Joe Wood, Hilton Als etc. im Impressum vereinigt. Letztes Jahr erschienen dann auch die ersten Bücher von Tate und Wood, Nelson George veröffentlichte sein viertes. James Bernard von The Source hat ebenfalls seine Recherche für eine Gang-Reportage in L.A. abgeschlossen und brachte, genau wie Greg Tate in der Oktober-Nummer von Vibe, in Source ein neues Manifest für Hip-Hop und seine „Nation“/Kultur heraus. Auch bei Spin sind die schwarzen Autoren zur Zeit die Stars: Scott Poulson-Bryant, der schon mal für das Recht junger Schwarzer warb, auf Morrissey stehen zu dürfen, statt sich immer nur mit Hip-Hop beschäftigen zu müssen und dream hampton, die erste junge schwarze Autorin, die sich im Hip-Kontext einen Namen machte (im akademischen Bereich sind da Tricia Rose, die über Hip-Hop lehrt und natürlich Michelle Wallace und bell hooks zu nennen).

    Im Zuge dieser Entwicklung wuchs – parallel zur allgemeinen Aufmerksamkeit für afroamerikanische Theorie und Publizistik – auch das allgemeine Interesse an diesen Schreibern in den USA. Der seit dem Tode von Lester Bangs verwaiste und nur unzureichend von Hip-Reaktionären wie P.J. O’Rourke oder Underground-Puristen wie Byron Coley verwaltete Thron des Gonzo-, Hip- und New Journalism im Musikbereich ist endlich von den Autoren besetzt worden, die angesichts der Tatsache, daß schwarze Musik nun schon ein paar Jahre den meist diskutierten Stoff stellt, auch dahin gehören: afro-amerikanische Autoren.

    Denen begegnet zunächst eine Wahrnehmung, wie sie den Jazzern, Soulern, Hip-Hop-Musikern und -Rappern ebenfalls lange entgegenschlug: Gleichmacherisch hält man Schwarze für Schwarze, die schon alle am selben Strang ziehen werden und sich einig für dasselbe einsetzen. Dabei ist gerade in afroamerikanischen Intellektuellen-Zirkeln die Diskussionskultur besonders ausgeprägt. Das gilt für die Pop-Welt wie für Akademia: Wann gab es dagegen zuletzt in einem deutschen akademischen Reader Autoren, die sich fetzten? Als ich vor einem Jahr begann, mit Leuten von der Edition ID-Archiv und Übersetzern ein Buch zu konzipieren, das afro-amerikanische und afro-britische Theorie erstmals einem deutschen Leserkreis vorstellen sollte, sprang uns dieser Aspekt sofort ins Auge: Jeder Text reagiert auf einen anderen Text und spricht das auch aus. Wir haben daher unsere Auswahl dialogisch organisiert, um Widersprüche, Verbindungslinien und Kritik zwischen den einzelnen Positionen sichtbar zu machen. Unter den Musikschreibern in diesem Buch (Yo! Hermeneutics!, zu beziehen über den Spex-Buch-Service) fallen Stanley Crouch und Greg Tate als Kontrahenten auf. Tate wirft Michael Jackson dessen diverse Gesichtsoperationen vor („I’m White! What’s Wrong With Michael Jackson?“); Crouch entgegnet seinem Village Voice-Kollegen, daß es sich hierbei um einen völlig legitimen Dandyismus handele, den er, Tate, wenn er in Dreadlocks rumläuft und sein Penner-Outfit über seine Mittelklasse-Herkunft hinwegtäuschen lasse, schließlich selber praktiziere. An anderer Stelle wird Crouch mit dem Black Nationalism grundsätzlich am Beispiel der Nation of Islam abrechnen, während Tate an diversen Stellen gewisse Sympathien, zwar nicht für schwarzen Antisemitismus oder Homophobie (wie sie die NOI praktiziert), durchaus aber für andere Formen von Black Nationalism formuliert. Er nennt seine Variante „Black Bohemian Nationalism“ oder „Anti-anti-Essentialism“. Schließlich erwähnt Tate, daß Crouch ihn gefragt hätte, welche Rapper denn überhaupt „literate“ seien, was sich Tate zunächst als „so belesen wie wir zwei“ übersetzt, bis ihn Harry Allen darauf hinweist, daß natürlich alle Rapper „literate“ seien, weil sie in kreativer Weise mit Worten umgehen. Auch hier deutet sich ein Konflikt zwischen Tate (der Allen recht gibt) und dem implizit der Anschuldigung, eurozentristischer Hochkultur zu folgen ausgesetzten Crouch an. Eine andere Autorin unseres Readers, Michelle Wallace, nennt Crouch dann auch explizit einen Neokonservativen.

    Dieser Konflikt zwischen „linken“ „Neo-Nationalisten“ und „rechten“ „Universalisten“ in der schwarzen Community ist nicht nur interessant, weil dort die traditionellen Definitionen von rechts und links aufgehoben scheinen (Rechte hängen traditionell an den „Besonderheiten“ des Nationalen, Linke verteidigen eher die Universalität von Kultur und Menschenrechten), sondern auch, weil er sich bei diesen beiden Autoren über die Beschäftigung und Identifikation mit Musik herleitet. Das könnte dann auch zu allgemeineren Rückschlüssen darüber führen, wie politisch-philosophische Wege und musikalische Entwicklungen zusammenhängen. Ein Zusammenhang, der ja in letzter Zeit so heftig bestritten worden ist.

    Stanley Crouch war selber einmal Anhänger des Black Nationalism. Die ehemalige Black-Panther-Politikerin Elaine Brown beschreibt ihn in ihren Memoiren als glühenden Jazz-Poeten, der bei Beerdigungen von gefallenen Brothers Grabreden hält. Er selbst macht in den 70ern eine Wende: Seine Abkehr vom Nationalism (den ja auch die Panther, zumindest der Newton-Flügel, vollzogen) wird zu einer Abkehr vom Radikalismus überhaupt. Schwarze Radikale, von Spike Lee bis zu den Rappern der Gegenwart sind für ihn Minstrels, die von einer verantwortungslosen weißen Radical-Chic-Elite gestützt werden. Seit 1979 schreibt er über Musik und anderes für die linksliberale Village Voice. Seine Nicht-Musik-Artikel hat er 1989 gesammelt als Notes Of A Hanging Judge veröffentlicht. Darin berichtete er unter anderem über die Schwierigkeiten, die er hatte, die essentials und die Berichterstattung der Village Voice für die Schwulenbewegung zu verstehen. Einmal läßt er sich zu der Bemerkung hinreißen, daß erst die AIDS-Krise ihn hat erkennen lassen, daß und wie Schwule Würde zeigen. Ohne ihn mit dem Etikett „neo-konservativ“ oder „rechts“ ganz erledigen zu wollen, zeigt sich Crouch in seinem Essay-Band als Schreiber, der mit den metropolitanen Themen der 80er sich nur schwer anfreundet (worüber er ehrlich Auskunft gibt und sich selbst nicht schont), und von heilen, konservativen Idyllen zu träumen scheint.

    Musikalisch vertritt Crouch etwas Entsprechendes. Er schreibt die kenntnisreichen, oft poetischen Liner-Notes zu den Platten des kulturkonservativen Trompeters Wynton Marsalis und zeigt dabei seine literarische Ader. Crouch profiliert sich als von Ralph Ellison beeinflußter, pointenreicher Erzähler, brillanter Darsteller musikalischer Details und Anhänger der Mythen des Südens, der Geschichten, die den Stoff des Blues abgeben, wie ihn sich auch Marsalis vorstellt: als klassische, schwarz-amerikanische Kultur, der seither nicht viel Wesentliches hinzugefügt worden sei. An einer Stelle wird da auch einem Kid, das auf Rap steht, erklärt, daß sowas früher jeder Schuljunge gekonnt hätte, ohne viel Aufhebens davon zu machen.

    Für Crouch, der mittlerweile am Lincoln Arts Center über Jazz doziert, gibt es zwei Sündenfälle des Jazz: Free Jazz und Rock bzw. Funk. Der Free Jazz wird bei ihm zur Ausgeburt des narrow nationalism reduziert. Rock ist Teufelswerk der Kulturindustrie, Funk nichts als schwarzer Rock. Für Tate sind aber genau diese beiden Formen essentiell fürs Selbstverständnis. Miles Davis ist ihm ein Mann des Funk wie des Jazz. Marsalis und Crouch haben ihm dagegen alles seit Bitches Brew als Verrat ausgelegt. Für Greg Tate ist George Clinton der archetypische, moderne, schwarze Musiker, über keinen hat er häufiger geschrieben, auf keinen kommt er öfter zurück. P-Funk ist für Tate auch die Blaupause von Hip-Hop: Flavour Flav ist für den „Bohemian Black Nationalist“ ebenso ein Nachfahre afrikanischer Trickster wie ein Besatzungsmitglied des Clintonschen Mothership. Nichts hassen Crouch und Freunde dagegen so wie die „afrozentrischen“ Klamotten etwa des Art Ensemble of Chicago. Für Tate setzt der Bezug zu Free Jazz aber gerade an dieser, wenn man so will pop-nationalistischen Seite des Free Jazz an. Für Crouch und Marsalis haben Ellington, Monk und der frühe Coltrane alles gesagt; es kommt darauf an sie sozusagen weiterzuspinnen, im Grunde genommen zu interpretieren (so wie die Europäer ihre Goldberg-Variationen ein ums andere Mal nur verschieden interpretieren, es kommt aber darauf an, sie zu …).

    Nun kann man es absurd finden, einen in jeder Hinsicht experimentellen, ausprobierenden und zutiefst idiosynkratischen Regelverletzer wie Monk im Nachhinein zu kanonisieren. Es gibt aber ein starkes Argument für die Crouch-Fraktion: das ist die Musik von Marsalis, die tatsächlich reichhaltiger, subtiler, brillanter etc. ist als das meiste, was zeitgenössischer Jazz sonst so zu bieten hat. Nur ist das ein Argument? Das Ausfeilen bereits fertiger musikalischer Formeln bietet einen ganz spezifischen Reiz, spezifische Möglichkeiten, aber es vernachlässigt eine ganze Reihe von musikalischen Essentials, die im Abspielen klassischer, ehemals improvisierter Musik untergehen: Schroffheit, Brüche, unwillkürliche Wahrheit, Kontingenz, Nebengeräusche etc.; ganz zu schweigen von den für Pop so entscheidenden außermusikalischen Aspekten von Musik – kurz alles, was feinstes Kunsthandwerk von „Kunst“ unterscheidet. Die Tatsache, daß Kunsthandwerk heutzutage mehr Mühe, Training, Üben, Studium etc. erfordert als „Kunst“ (deren Gelungenheit sich Unkontrollierbarkeiten, Zufällen, Produktionsanarchie mitverdankt) läßt ja immer mehr Kunsthandwerker aller Medien glauben, das Kunsthandwerk sei, weil mühseliger, die wahre Kunst. Entsprechende Ansätze finden sich auch in der Literatur, wo wieder „richtig erzählt“ werden soll oder in der Bildenden Kunst. Das Gemeinsame all dieser Bemühungen ist eine Idee, man könne weite, anstrengende, unangenehme, frivole und unkontrollierbare Aspekte der Moderne rückgängig machen und wieder irgendwo anfangen, wo irgendwer aufgehört hat.

    Tates Musikgeschichte beginnt dagegen mit einer Musik unter Medienbedingungen: Sie ist elektronisch und nationwide über Radios verbreitet. Sie existiert schon bevor sie gespielt wird. Da kann er sich weder einen antimoderenen Kulturpessimismus leisten, noch sich auf schwarze Essenzen verlassen. Tate ist so alt wie ich, und ich erkenne die Parallelen in der Musikaneignung mit bloßem Auge wieder, was auch beweist, daß er da weit weniger nationalistisch vorgeht als Crouch mit seinem Beharren auf absolut einmaligen kulturellen Errungenschaften. Black Nationalism ist für Tate – ohne daß er dies so ausspricht – ein Pop-Phänomen, ein ihm sehr nahes Pop-Phänomen, dem folglich seine Solidarität gilt, das er aber nie aus diesen Pop-Bedingungen herauslöst. Seine schwarzen Helden sind weder Südstaatler noch hehre Speer-tragende afrikanische Urahnen, sondern die Science-Fiction-Gestalten, Androiden und Replikanten des George Clinton. Afrozentrismus entsteht bei George Clinton, in einem Tate-Interview wiedergegeben, dann so: Tate: „You done much study of the Egyptians and Nubians?“ Clinton: „Just after I did the record „Nubian Nut“, a Chinese guy called me that, a Nubian nut. I didn’t know, what the fuck that meant. Thought it meant a naked motherfucker. I went to look it up in a dictionary because I liked the rhythm of it. It said African, so I said cool. Then I went out and got some books by this German chick, Leni Riefenstahl, Last Of The Nuba and The People Of Kau. There’s one motherfucker in one picture looks just like me.“ Diesen wohl angenehmsten Gebrauch, den je jemand von Leni-Riefenstahl-Büchern gemacht hat, findet man dann übertagen auch bei Tates Aneignung und Übersetzung von Roland Barthes in Eric B. oder bei seiner Einschätzung von Pop-Phänomenen von Nirvana bis Bachman-Turner-Overdrive im letzten Spex. Sein Horizont ist Black Nationalism in etwa der Weise wie Hunter S. Thompson ein Linksradikaler war: Er bildet das Material für gonzoistischen Journalismus. Tate erneuert diesen Stil, weil er wie die großen gonzoistischen Pop-Journalisten der 70er ein Interesse hat, eine Kultur sowohl zu schützen wie zu verbreiten, vor allem aber, sie in seinem Sinne zu codieren. Seine Sympathien für die Kämpfe der Frauen und Schwulen, für die innerstädtischen Bewegungen der Gegenwart sind nicht aufgesetzt, und er möchte sie in seine Vision einer schwarzen Kultur integrieren. Er möchte sich das Recht vorbehalten, auch einen Kurt Cobain bei Bedarf einen Brother zu nennen, aber er besteht auf Definitionszuständigkeit. Ihm ist klar, daß man über das verworrene, zerrissene Gebiet der schwarzen Pop- und Jazz-Kultur eben nicht vereinheitlichend und kanonisierend schreiben kann, aber er weiß auch, daß man es schützen und vor reaktionären Codierungen bewahren muß.

    Dafür bietet sich als beste Möglichkeit, den inhärenten Separatismus afro-amerikanischer Kultur auszunutzen: als Hindernis gegen Kulturindustrie, Meinungsscheiße und US-Mainstream-Kultur. Gleichzeitig dekonstruiert er dessen problematische Seiten von innen: durch den gonzoistischen Blick auf die Welt und durch Inklusion aller Bündnispartner, von vertrottelten MTV-Sklaven bis Don DeLillo. Der jugend- und popkulturelle strategische Separatismus und der ernstgemeinte Essentialismus geraten bei ihm durcheinander. Er redet nicht von essentiellen Qualitäten, sondern von denen des Hipsters, von erworbenem Cool. Das macht seinen Anti-anti-Essentialismus letztendlich universalistischer als jeden Kulturkonservatismus, auch wenn dieser auf dem ersten Blick einem Universalismus ähnlich sieht, den man aus Alteuropa kennt.

    Greg Tate: Flyboy In The Buttermilk, Simon & Schuster, New York 1992

    Stanley Crouch: Notes Of A Hanging Judge, Oxford University Press, Oxford und New York, 1990

    Diedrich Diederichsen (Hrsg.): Yo! Hermeneutics!, Edition ID-Archiv, Berlin 1993

  • PC – zwischen PoMo und MuCu

    Ein Erfahrungsbericht

    Mein traurigster St. Patrick’s Day

    Wenn man am Ankunftstag in Manhattan die Montagspresse studiert, nimmt man noch mit einem gewissen Erstaunen zur Kenntnis, mit welcher Einmütigkeit sämtliche Dailies (und einige Weeklies) diesem – soll ich sagen: exotischen? – Thema allererste Relevanz zusprechen. Eine knappe Woche später greift man schon mit Begeisterung in diese Diskussion ein: Dürfen die Angehörigen einer Organisation namens ILGO (Irish Lesbian and Gay Organisation) an der traditionellen St. Patrick’s Day Parade teilnehmen? Und dürfen sie dies in vollen Ehren, also als vollwertiger irisch-amerikanischer Brauchtumsverein, in vollem Wichs mit Fahnen, Farben und Brimborium? Für die Hibernians, den Ausrichter der St.-Patrick’s-Parade, kam das ebensowenig in Frage wie für Kardinal O’Connor, seit Barbara Krugers Plakataktion gegen seine Anti-Abtreibungs-Tiraden zumindest in der Kunstwelt als Pope Fetus I. bekannt: Homosexualität sei für jeden gläubigen Katholiken eine Sünde; wenn diese Leute unbedingt mitmarschieren wollen, dann ohne Transparente und nicht als irische Brauchtums-Organisation erkennbar. Schnellgerichte mehrerer Instanzen beschäftigten sich in der knappen Zeit bis zum siebzehnten März mit dem Fall, das liberale wie das konservative politische Establishment mischte sich ein, die Post machte sich über die Schwulen lustig. Village Voice, Paper und die kostenlosen Downtown-Infoblätter riefen zur Solidarität auf. Schließlich wurde einen Tag vor der Parade unwiderruflich beschlossen und verkündet, die St. Patrick’s Day Parade sei eine Art Privatveranstaltung, die Hibernians dürften von einer Art Hausrecht Gebrauch machen, und ILGO blieb die Teilnahme verwehrt. Daraufhin postierten sich die ILGO-Mitglieder an einer strategisch günstig gelegenen Kreuzung und skandierten den beliebten Slogan „We are here, we are queer!“ Und zum ersten Mal seit den zwanziger Jahren nahm der Regierende Bürgermeister New Yorks, David Dinkins, aus Solidarität mit ILGO (und mit ihm jeder Liberale und fast alle Politiker der Demokratischen Partei der Stadt), nicht an der St. Patrick’s Day Parade teil. Ein „typischer“ konservativer Ire erklärte der New York Times, er habe die Schwulen noch nie ausstehen können. Wenn sein Sohn ihm so etwas antun würde, könne er was erleben, obwohl, er habe mal diese schwulen Untermieter gehabt, eigentlich ganz ehrliche, anständige Leute, Katholiken und Kirchgänger. Eine Aktivistin von ILGO meinte mit verheulter Queer-Nation-Schminke, dies sei ihr traurigstes St. Patrick aller Zeiten gewesen, so als sei die Parade bislang ein fester Freudentag im aktivistischen Jahreskranz gewesen. In den schon seit Monaten mit von Miller Light gesponserten Kleeblättern zugepappten Pubs in allen irischen und nichtirischen Teilen der Stadt wurde wie üblich gesoffen und ein wenig geprügelt.

    Fulda, wie es singt und lacht

    St. Patrick’s Day ist eine Einrichtung, die, wie bei uns etwa der Karneval, sensiblere und gegenkulturelle Gemüter normalerweise zur Flucht treibt. Zumindest meidet man an diesem Abend die Pubs. Die Parade gilt als so spießig und uninteressant für subkulturelle Aktivitäten aller Art wie der Mainzer Rosenmontagszug. Es ist, als wollte man die Bundeswehr Big Band unter Günter Noris zwingen, sich mit Free-Jazz-Arrangements auseinanderzusetzen. Aber die Nummer-Eins-Metropole der USA ist über Wochen, mehr noch als mit der Welle von Kinderschießereien an Schulen in Brooklyn, die am Tag zwischen einem und drei Toten forderten, mit dem Wunsch einer Schwulengruppe beschäftigt, bei Mainz wie es singt und lacht mitzumachen. Mehr noch: Leute, die sich als dezidiert gegenkulturelle Aktivisten verstehen, denen Mainstream-Kultur verhaßt oder egal ist, wie die Mitglieder von Queer Nation, fahren Kategorien wie „mein traurigstes Weihnachten“ auf, als gelte es, das Menschenrecht auf Teilnahme an Wim Thoelkes Großer Preis einzuklagen. So etwa meine Perspektive bei meiner Lektüre diesbezüglicher Doppelseiten, während der ersten Woche im März 1992. Sie sollte sich ändern.

    Die Forderungen sogenannter Minoritäten nach Gleichberechtigung, Anerkennung, Normalität etc. beschränken sich in Deutschland immer noch weitgehend auf den Wunsch nach Gerechtigkeit und, vor allem, in Ruhe gelassen zu werden; vielleicht noch: nicht eingeschränkt zu werden, nicht behindert und – immer noch seltener – nicht ausgeschlossen zu werden. Minderheitenfeinde tendieren hierzulande traditionell ja dazu, diese zu verfolgen, zum Mitmachen zu zwingen oder per Ermordung zwangszuintegrieren. Entsprechend wollen diese zunächst nur ihren Frieden. Kein Mensch hat bisher die Auffassung vertreten, daß ein Quoten-Aktivist die politische Korrektheit einer Thomas-Gottschalk-Show verbessere. Doch in der Kölner Galerie Nagel hat einer der führenden unter den jungen amerikanischen Neo-Konzept-Künstlern, Fareed Armaly, unlängst eine sehr vielschichtige, auf langen Recherchen bei WDR, ORF etc. basierende Ausstellung über die „progressiven“ deutschen Fernsehshows und -serien der siebziger Jahre (Acht Stunden sind kein Tag, Wünsch Dir was) gezeigt. Als ob der provinzielle Reformismus jener Jahre vielleicht doch eine Antwort auf die amerikanische Mediensituation enthalte. Die Idee, die Spießer zu überzeugen, sich mit ihnen auf Diskussionen und Prozesse in voraussehbar fruchtloser Mühseligkeit einzulassen, hat hierzulande noch nicht Fuß gefaßt bzw. ist mitsamt Aufklärung, Marxismus, Kritischer Theorie den Bach runtergegangen. Dabei ist der erste Öffentlichkeitserfolg der deutschen Sektion der in Amerika allgegenwärtigen Aktivisten-Gruppe Act Up haargenau einer solchen Konfrontation zuzuschreiben: Fuldas Irrsinnsbischof Dyba, Lieblingsfigur neuer Karikaturistengenerationen, tat einem winzigen Act-Up-Demonstrationszug den Gefallen, seine Teilnehmer als „ein Haufen hergelaufener Schwule“ zu bezeichnen. Zum ersten Mal erreichte Act Up die Mainstream-Presse und gewann einen Prozeß, dessen Urteil dem Bischof untersagt, in Zukunft so böse zu reden. Man beginnt also, von Amerika zu lernen.

    Ein Gespenst geht mal wieder um

    Als ich die St.-Patricks-Geschichte in Deutschland an einem Kneipentresen zum besten gebe, fragt einer der Zuhörer: „Ist das jetzt ein Ausläufer der Politically-Correct-Debatte?“ Das Gespenst dieses Namens hat also Europa erreicht. Im Herbst 1990 erschien das New York Magazine mit einem rein typographischen Titelbild, auf dem groß die Frage gestellt wurde: „Are you politically correct?“ Darunter und darüber las man in kleinerer Schrift: „Sagst du ‚Native American‘ oder ‚Indianer‘? Sagst du ‚Schwarze‘ oder ‚African Americans‘?“ Und so weiter. Zur selben Zeit etwa unterhalten sich ein schwarzer Obdachloser und eine gefeuerte jüdische Kolumnistin in einer Szene des besten Comic der letzten Jahre, Why I Hate Saturn, über die neuen politisch korrekten Namen. Der Obdachlose resümiert, daß die Menge der Silben der jeweils korrekten Bezeichnung für schwarze Amerikaner sich umgekehrt proportional zu ihrer wirtschaftlichen und politischen Lage verhalte. Als „colored people“ ging es ihnen schlimm, mit „Neger“ wurde es etwas besser, bei „Black“ kam zu den Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung. Mit „Afro-American“ begannen die Rezession und der Verfall der Innenstädte, und der gegenwärtige Tiefpunkt sei mit „African Americans“ erreicht.

    Malcolm X mit Lacan

    Von Anfang an wollten mit der Formulierung „politically correct“ die Vertreter der dazugehörigen Bewegung ebensowenig zu tun haben wie zehn Jahre vorher postmoderne Denker mit dem Wort Postmoderne. Beide haben sich dennoch, oder gerade deswegen, durchgesetzt. Dennoch konnte sich PC weniger als Begriff für eine neue Schule des oppositionellen Denkens behaupten als vielmehr als dessen rigide Exekutive an der Front politischer Symbolik. Die Theorien, als deren Polizei PC auftritt, ist der sogenannte MultiCulturalism. Dieser hat wenig zu tun mit dem von Institutionen, Werbekampagnen und CDU-Generalsekretären gebrauchten Verwaltungskategorie „Multikulti“, sondern stellt eher den Kampf einer Koalition verschiedener Bewegungen „von unten“ dar, die von den Rändern des Black Nationalism bis zu den feministischen Lacanianerinnen reicht und am spannendsten ist, wenn sich beide Pole in einer Person treffen. Die Village Voice widmete ihr vierteljährliches Literary Supplement im Herbst 1991 der Wachablösung von PoMo (PostModernism) durch MuCu. PC gehört zu MuCu, wie die Kampforganisation zur Partei, was um so erstaunlicher ist, denn daß ein derart unorganisiertes, heterogenes, von allen Beteiligten angezweifeltes Bündnis über derart schlagkräftige und eindeutige Regeln verfügt, ist uns noch nicht vorgekommen.

    Decon und Deutschland

    PoMo war die Ideologie der Kulturschaffenden, und da sind die Bildenden Künstler vorneweg, in den achtziger Jahren, MuCu ist verabschiedet worden als – natürlich nicht Ideologie – sagen wir theoretisch-moralischer Rahmen der Neunziger. PoMo berief sich auf ein französisches, MuCu beruft sich auf ein amerikanisches Denken, das wiederum aus der Lektüre französischer Texte entstanden ist. PoMo brauchte keine Verhaltensregeln zu seiner Durchsetzung zu verabschieden, da sein einziges Ziel doch war, die Katastrophe voranzutreiben: PoMo brauchte sich nur an die Tendenz anzuschmiegen. MuCu dagegen braucht PC als Exekutive. Lustigerweise berufen sich beide, PoMo etwas weniger, MuCu etwas mehr, auf Decon. Es ist eine lange und auch komplizierte Geschichte, diese eigenartige Karriere des Begriffs Dekonstruktivismus in Amerika, zwischen Derrida-Rezeption, dem Einfluß Paul de Mans und Harold Blooms auf die Literaturwissenschaft der USA und dem Jubel, mit dem die Kritik des „Logozentrismus“ an amerikanischen Universitäten begrüßt wurde: Aber ohne sie versteht man den ganzen Vorgang nicht: Wurde – extrem vereinfacht gesagt – das Denken von Derrida, Lyotard, Foucault und Lacan in Frankreich auch als massive Kritik an den (kommunistischen) Parteien gelesen, am Gulag, an Jaruzelski und schließlich am Projekt der Linken, wenn nicht sogar prinzipiell als Kritik der Dissidenz, die immer wieder nur neue Meister hervorbringe, las man es in Deutschland – wo es keine mächtige KP gab und eine institutionalisierte Linke nur in bescheidenen Ausmaßen – als Auflösung des eigenen Glaubens: Die Partei, gegen die es hier ging, war die eigene bedeutungslose K-Gruppe, der man in Pubertät und Adoleszenz angehört hatte. Was in Frankreich einfach nur eine Erweiterung und Steigerung einer Politik der Unabhängigkeit der Intellektuellen war, wurde in Deutschland seit den späten Siebzigern zum Bruch mit einer vermeintlich schuldbeladenen Vergangenheit. Was in Frankreich das Selbstbewußtsein stärkte, war in Deutschland Therapie einer eingebildeten Krankheit. Französische Intellektuelle waren spätestens seit den Situationisten der institutionalisierten Linken gegenüber extrem skeptisch gewesen; deren endgültige Verabschiedung war kein Bruch, sondern eine Vorantreibung und Steigerung des eigenen Projekts (auch wenn das in manchen Fällen zu Umarmungen mit der Rechten geführt hatte, geschah es doch im Sinne einer „Souveränität des Geistes“). In Deutschland war man selbst „die Partei“ gewesen, glaubte hysterisch, Schuld auf sich geladen zu haben, und mußte sich nun durch Entpolitisierung bestrafen. In beiden Fällen nahm die institutionalisierte Linke (und auch deren nicht institutionellen Genossen) schweren Schaden, aber die Stimmung war nur in Deutschland depressiv.

    Von Punk zum Panel

    In Amerika, wo es weder eine institutionalisierte Linke noch deren imaginären Ersatz durch K-Gruppen und Sekten gab, hatte dasselbe Denken einen anderen, paradoxen Effekt: Die Repolitisierung der Intellektuellen und Künstler. Man kann dabei, am Beispiel der Kulturgeschichte von SoHo und dem East Village, von drei Stadien sprechen: Das erste ist noch unserer frühen Franzosen-Rezeption vergleichbar. Szenefiguren aus der Punk- und No-Wave-Bewegung stürzten sich auf Baudrillard-Sätze und legitimierten neue Nihilismen, die ohnehin anlagen. Damals war der Einfluß von Sylvère Lotringer als Vermittler für die amerikanische Entwicklung immens wichtig. Über seine Tätigkeit in diversen Kunst- und Avantgarde-Projekten einerseits und an der Columbia University andererseits schloß er das Interesse für italienische Autonomia, Deleuze/Guattari und auch Baudrillard mit den Punk-Projekten von Downtown kurz. Dabei war der Import von Baudrillard nach Amerika für ihn vor allem eine Provokation, die eine selbstzufriedene marxistische Intelligenz erschüttern sollte, wie er kürzlich in einem Interview mit der englischen Kunstzeitschrift artscribe erklärte, mitnichten aber deren Entpolitisierung einleiten. Heute, da man Baudrillard getrost zu den Rechten zählen könne, so Lotringer, sei er für ihn nicht mehr interessant.

    In der zweiten Phase teilte sich die Gruppe der Franzosen-Leser in einerseits diejenigen, die anfingen sozusagen die „Roots“ von Baudrillard zu erforschen und bei den vier Denkern landeten, die ich oben erwähnte und deren einflußreichste in Amerika Derrida und Lacan wurden; zum anderen in die Leute, die Baudrillards melancholische Zustandsbeschreibungen als Imperative künstlerischen Handelns mißverstanden und die Welt mit der traurigen, aber vorübergehend erfolgreichen Novität der Simulationskunst unterhielten. Damit war das internationale Band der Zeitgenossenschaft zwischen italienischer Autonomie, weltweitem Punk, Graffiti und Rap, deutschem Kino und der Theorie Baudrillards zerrissen. Die Zeit der lokalen, regionalen, nationalen Subkultur- und szenespezifischen Sonderwege begann.

    In den USA gingen aus jener ersten Gruppe die Leute hervor, die in den späten Achtzigern begannen, vor allem die Bildende-Kunst-Szene Downtown in SoHo und TriBeCa (zwei Stadtteile, deren Namen auf genau die gleichen Abkürzungsregeln zurückgehen wie die Kurzworte für MultiCulturalism und PostModernism) um Symposien und Panels, Diskussionen und neokonzeptuelle „politische“ Kunst zu reorganisieren. Ihr Erfolg bei der Durchsetzung dieses Programms fiel zusammen mit der Rezession auf dem Kunstmarkt. Fehlte das Geld, ersetzten schon immer immaterielle Diskurse die massiv materiellen Kunstwerke als Währung. Downtown-Political-Correctness – die Mutter aller künftigen Political Correctnesses – konnte erst nach dem Sturz von Kursen und Aktien sich zum dominierenden Diskurs entfalten, Trump war bankrott, und Leona Helmsley, die Hotelmagnatin und Symbolfigur von Achtziger-Jahre-Verantwortungslosigkeit, mußte erst vor wenigen Wochen ihren vierjährigen Gefängnisaufenthalt wegen Steuerhinterziehung antreten. Dem politisch korrekten und steuerehrlichen New York war Satisfaktion zuteil geworden. Derweil wurden die Panels und Symposien wichtiger als irgendeine primäre Kunstveranstaltung. Die während der ganzen Achtziger an den Universitäten gelaufene intensive Beschäftigung mit Barthes und Lévi-Strauss, später Lacan und Bataille und vor allem dem, was man in den Staaten Dekonstruktivismus nennt, hatte den Boden weit über SoHo hinaus urbar gemacht.

    Darf ich mitmachen?

    Heute im Frühjahr 1992 finden pro Woche drei bis fünf größere und immens viele kleinere Panels statt. Meistens veranstalten sogenannte alternative spaces oder Organisationen, zunehmend aber auch kommerzielle Galerien, Diskussionsrunden, die meist ein Kritiker, Theoretiker oder Künstler – die Übergänge sind mittlerweile so fließend wie zuletzt in den frühen Siebzigern – thematisch organisiert (einige Leute sind Profis auf diesem Gebiet geworden und bauen eine Karriere darauf auf, daß ihre Panels besser besucht sind als andere). Für einen Außenstehenden ist schon beeindruckend genug, daß noch auf dem unattraktivsten „Symposion“ eine drangvolle Enge herrscht, die offensichtlich nicht nur niemanden davon abhält, sich zwei Stunden lang Statements anzuhören, sondern auch noch diese zwei Stunden abzuwarten, um dann selbst in die Diskussion einzugreifen. Alle Panels, die ich besuche, sind ausverkauft: faßt der Raum siebenhundert Leute, sind siebenhundert da; faßt der Raum nur dreihundert, sind eben nur dreihundert da, dafür müssen Hunderte abgewiesen werden. All diese Leute ziehen, während um sie herum das sogenannte Leben Manhattans „pulsiert“, noch am Abend eine Universitätssituation, der viele von ihnen ja schon tagsüber ausgesetzt sind, auch abends den unzähligen Amüsements, Verruchtheiten, Abenteuern etc. vor, die die Stadt noch zu bieten hätte. Und fast alle diese Diskussionen handeln auf die eine oder andere Weise von MuCu und der Rolle der Künste. Fast alle scheinen um die mehr oder minder offen, immer ängstlich gestellte Frage herum organisiert zu sein, inwieweit das große, neue Projekt MuCu seinen bescheidenen, durch keine multikulturelle Facette legitimierten, überwiegend weißen, männlichen, heterosexuellen Mittelklasse-Jüngern erlauben wird, mitzumachen und wertvolle Beiträge zu leisten. Nur wenige Blocks von diesen Panels entfernt finden die interessantesten Manifestationen einer, wenn man so will, lebendigen multikulturellen Praxis statt: Hip-Hop-, Dancehall-Reggae-etc. Veranstaltungen gibt es mittlerweile auch Downtown. Man sieht aber fast nie Künstler dort. Und schon gar nicht weiße Künstler. Einer der professionellen Panel-Organisatoren stellt mir bei einem Mittagessen mit erstaunt aufgerissenen Augen und nachdrücklicher Betonung die Frage: „Why are you so interested in that culture?“ Als wollte er sagen: „Kannst du uns nicht endlich mal in Ruhe lassen?“ Weit entfernt davon, mir so eine blöde moralistische Kritik wie die am Lippenbekenntnis zu eigen zu machen: solche Karrieren im Namen der multikulturellen Lehre können einem vielleicht einen Eindruck vermitteln, der erklärt, warum MuCu seine Exekutive PC braucht. PC, das zunächst mal nur unsinnig rigide erscheinende Regelwerk scheinbar reiner Höflichkeitsformen. Die Möglichkeit, sich diese Formeln einfach anzueignen, markiert zwar deren Grenze. Aber man sollte die Magie von Sprachregelungen in den USA nicht unterschätzen. Wehe dem, der keine Symbole sieht!

    Ein (Krypto-)Rassist

    Die deutsche Rezeption von PC beschränkt sich fast ausschließlich auf die Frankfurter Allgemeine Zeitung und ihren rührigen US-Korrespondenten Jörg von Uthmann. Eine schillernde Figur, dessen direkte Abstammung von einem Kalifen, der gleich zwei Töchter des Propheten ehelichte, kürzlich sein Freund und Kollege Johannes Gross den staunenden Lesern des FAZ-Magazins aufdeckte. Uthmann ist einerseits Herausgeber des Briefwechsels des Pontius Pilatus, andrerseits als US-Korrespondent Spezialist für Statistiken, die den geringen Erfolg schwarzer Studenten „belegen“, was ihn irgendwann mal so weit getrieben hat, den Gleichheitsgrundsatz in der amerikanischen Verfassung anzuzweifeln. Mithin ein Rassist, der vermutlich nicht einmal des Präfixes „Krypto“ noch bedarf. Aber er ist immer vorneweg und ein exzellenter Korrespondent, wenn es darum geht, intellektuelle Trends in den USA zu erschnüffeln, die in irgendeiner Weise wichtig, heißt meistens: bedrohlich für das Bildungsbürger-Publikum in der Heimat sein könnten. Lange vor allen anderen schrieb er über PC und reduzierte das Phänomen, von ihm selber und von den von ihm abschreibenden Kollegen in diversen Varianten oft wiederholt, hauptsächlich auf zwei Anekdoten: Die eine ist die Geschichte des Professors Leonard Jeffries, der am New Yorker City College den Fachbereich „Black Studies“ leitet und der die Theorie von den „Sun People“ und den „Ice People“ lehrt. „Sun People“ seien die friedlichen, dunkelhäutigen Menschen der südlichen Hemisphäre, „Ice People“ die Imperialisten und Kolonialisten der nördlichen. Die andere, immer wieder erzählte Geschichte handelt von den von der PC-Lobby an den Universitäten betriebenen Revisionen der Leselisten. Leselisten, ein an deutschen Universitäten, zumindest zu meiner Zeit, unbekanntes Phänomen, regeln eine Art Kanon, den jeder Student eines bestimmten Faches unabhängig von weiterer Spezialisierung kennen muß. Ein ums andere Mal beklagt der Kalifennachfahr, daß große europäische Klassiker mit Schimpf-Abkürzungen wie DWEM (Dead White European Male) oder PPPP (Pale Patriarchal Penis People) belegt vom Lehrplan verschwinden und durch – und hier kommt immer dasselbe Beispiel – so etwas ungeheuer Abseitiges wie die Lebens-er-in-ne-run-gen ei-ner gua-te-mal-te-ki-schen Bäu-e-rin ersetzt werden. Allein „guatemaltekische Bäuerin“ reicht normalerweise dieser Berichterstattung, um mit PC fertig zu werden. Sie stammt nicht nur aus der unzivilisierten Welt, nein, sie stammt darüber hinaus aus einem notorisch unstabilen Popelsland wie Guatemala, der sprichwörtlichsten unter den Bananenrepubliken. Und dazu ist sie noch eine Bäuerin. Man muß das nur aussprechen, und der ganze Unsinn von PC ist klar.

    Teach, Jeffries, teach!

    Bei diesen, dem nicht regelmäßigen Leser von Uthmann wie ein wahllos herausgegriffenes Beispiel für die Ersetzung von großem europäischem Geist durch ärmliche Dritte-Welt-Quotentexte erscheinenden Lebenserinnerungen handelt es sich nicht um irgendeinen bizarren Orchideentext, sondern um einen Klassiker der neueren lateinamerikanischen Literatur, dessen Rang, Status in der Iberoamerikanistik sich nur insofern von den auch bei uns seit gut einem Jahrzehnt rezipierten Texten unterscheidet, daß er von einer ungebildeten und weiblichen Verfasserin stammt. I, Rigoberta Menchú wird vielleicht noch ein paar Jahre brauchen, bis jemand auf die Idee kommt, es ins Deutsche zu übersetzen; wenn es soweit sein wird, wird auch die FAZ sich unter einem anderen Blickwinkel dieses Textes annehmen. Leonard Jeffries wiederum, die einzige Person, die immer wieder im Zusammenhang mit dem für rassistisch-deutsche Ohren hochsuspekt klingenden Fach „Black Studies“ genannt wird, ist vor kurzem sein Lehrauftrag für ein Jahr entzogen worden; seinen Namen kann man auf den Special-Thanks-Listen diverser Hip-Hop-Platten finden, was nicht zuletzt an seinem rhetorischen Talent liegt; seit seiner Relegation versammelt er seine Anhänger in Parks und an Straßenecken. Und sie unterbrechen seine Vorträge mit Zwischenrufen wie „Teach, Jeffries, teach“, kolportiert zumindest die New York Post. Das Fach „Black Studies“ stellt aber auf einem ganz anderen – sagen wir mal „Niveau“ – die Mehrzahl der Denker dar, die durch das Aufgreifen von Positionen Derridas, Foucaults und Lacans die Repolitisierung der amerikanischen Intelligenz, besonders der Kunstszene und andrerseits die Theoretisierung der diversen Minderheitenanliegen erfolgreich betrieben haben. Leute wie Cornel West, Henry Louis Gates Jr. oder Houston A. Baker sind Dauergäste der Symposien und Panel-Debatten, und sie sind nur die bekannten Stars einer Flut von schwarzen und anderen nichtweißen Intellektuellen, die durch die Anwendung foucaultianischer und dekonstruktivistischer Methoden und Begrifflichkeiten auf die Kultur der „Margins“ und „Minorities“ die neue, ungekannte diskursive Produktivität ausgelöst haben. Sie publizieren über Themen wie die Geschichte des „Signifyin(g)“ als einer schwarzen Kulturtechnik, über Blues und die Harlem Renaissance der Dreißiger, über schwarze Frauenliteratur und debattieren höchst anregend, etwa in dem Sammelband Race, Writing And Difference mit Derrida und Todorov persönlich über Begriffe wie „Rasse“, „Apartheid“ und natürlich „Difference“ und „Differance“, die, nicht zuletzt zur Freude von ihrem Erfinder, plötzlich aus der europäischen Theorieszene entführt, eine praktische und alltägliche Funktion im Überlebenskampf nichtweißer Amerikaner bekommen.

    Wir basteln uns soziale Verhältnisse

    Das prominenteste Forum der neuen Panel- und Symposien-Kultur wurde die Reihe Discussions in Contemporary Culture an der New Yorker Dia Art Foundation, einer traditionsreichen Stiftung der Avantgarde, die sich erst in den letzten Jahren derart politisierte. Auf einer dieser mittlerweile Wochen und Monate im voraus ausverkauften Veranstaltung spricht bell hooks, neben Michelle Wallace prominenteste Vertreterin eines neuen schwarzen Feminismus, auch über I, Rigoberta Menchú: „The assertion of a decolonized subjectivity allows us to emphasize resistance, as well as other aspects of our experience. A work like I, Rigoberta Menchú seeks to call attention to the oppression of the Guatemalan peasant, while contextualizing that reality so that it is evident that the people are more than their pain. Literature emerging from marginalized groups that is only a chronicle of pain can easily act to keep in place the existing structures of domination.“ Es handelt sich also um den Versuch, genau das Schmuck-Elend, den Dritte-Welt-Kitsch aus Folklore und verniedlichter Panflöten-Unterentwicklung, wie er hierzulande von der Fußgängerzone bis zum Weltmusikabend die Auseinandersetzung beherrscht, hinter sich zu lassen.

    In der Uthmannschen Darstellung ist die PC-Bewegung a) ein homogenes Ganzes, das neue Sprachregelungen und Verhaltensordnungen an Universitäten durchsetzt und ihn (und ein paar amerikanische Professoren) den Begriff eines „McCarthyismus von links“ verwenden läßt; b) eine Verschwörung von Alt-68ern und Marxisten; c) ein Vehikel, mit dem minderbegabte Neger sich einen Hochschulabschluß besorgen wollen.

    Wenn man die in Sammelbänden zusammengefaßten Symposien der Dia-Art-Foundation, die seit 1987 in hoher Auflage so was wie die Keimzelle dessen bilden, was von außen PC und von innen Criticality oder Oppositionality heißt, studiert, stellt man fest, daß es mit der 68er-Verschwörung nicht weit her ist: ein paar linke Kunsttheoretiker aus der Epoche der Konzept-Kunst, auf die die Bezeichnung 68er noch nie so recht zutraf, weil sie deren Blindheit für ästhetische Theorie nie geteilt haben, trifft sich mit einer jungen, französisch geprägten Generation von Wissenschaftlern aller Fachbereiche, vor allem Soziologen und Literaturwissenschaftler, aber auch Medienwissenschaftler und Künstler, die aus der Frauenbewegung, Schwulenbewegung oder den Bewegungen der people of color kommen und eher von den frühen und mittleren Achtzigern, der Reagan-Ära, geprägt sind. Die immer wieder kolportierten Stories vom Terror gegen Professoren, die nicht mitmachen wollen, und Studenten, die sich nicht an die neuen an einigen Unis geltenden Anti-Diskriminierungs-Ordnungen halten, verschweigen einige Besonderheiten des amerikanischen Universitätssystems. Fast für alle Unis gilt, daß traditionelle Klientel, mächtige Fraternities und nicht zuletzt hohe Universitätsgebühren für Machtverhältnisse sorgen, die hier unvorstellbar sind. Die wenigen vor allem klassisch liberalen Unis mit hoher Anzahl an Stipendiaten, die Hausordnungen verabschiedet haben, die nicht nur „rassistische“ und „sexistische“ Verhaltensweisen verbieten, sondern darüber hinaus Studenten aufgrund von Schönheitskriterien oder Sprachproblemen diskriminieren, gehören weniger zu den intellektuellen Neuorientierungen, die unter PC zusammengefaßt werden, als zu den ganz Amerika ergreifenden Debatten wie der um „Sexual Harassment“, wo die Auflösung von Verhaltensordnungen und die kleinen Erfolge des Feminismus einen Bedarf für Reglements geschaffen haben, die keine (falsche) Tradition mehr liefert. An diesen Debatten zeigt sich auch, daß der in der amerikanischen Populärkultur so weitverbreiteten Beschwörung von Echtheit, Natürlichkeit und „Authenticity“ ein Alltag gegenübersteht, der von einem hohen Bewußtsein aller Beteiligten für die Konstruiertheit sozialer Verhältnisse gekennzeichnet ist. „Construction“ ist dann auch ein Lieblingswort des PC-Jargons, neben dem erwähnten „Criticality“ und „Oppositionality“ und allem, was sich mit „-ality“ bilden läßt.

    Vor Columbus

    Uptown, wenige Blocks vom Dakota-Building entfernt, sammeln sich in einer zweckentfremdeten baptistischen Kirche an einem Januarabend Literaturliebhaber; dieselbe Mischung aus reizend aufgeregten Mauerblümchen beiderlei Geschlechts und muffigen Bohemiens, die auch bei uns solche Veranstaltungen besuchen. Geladen hat diesmal die „Before Columbus“-Society. Diese in den mittleren Siebzigern ins Leben gerufene Vereinigung hat sich die Förderung „ethnischer“ Literatur in den USA zur Aufgabe gemacht; jedes Jahr vergibt sie den American Book Award, mit dem z. B. so verschiedene Werke wie Allen Ginsbergs Gedichte und Henry Louis Gates Jr.s Standardwerk The Signifyin(g) Monkey ausgezeichnet wurden. Dementsprechend lesen heute abend „Italian Americans“, „Hispanic Americans“, „African Americans“ und sogar ein „Latvian American“.

    Einer der Gründer der Gesellschaft, der „african american“-Autor Ishmael Reed, ist anwesend und spricht einführende Worte zu jedem einzelnen Autor wie zu der ganzen Veranstaltung. Bis jemand mir das Gegenteil beweist, würde ich ihn als den Erfinder des Begriffs Multikulturalismus bezeichnen, den er schon in den siebziger Jahren verwendet hat. Entsprechend müde und gelangweilt ist er der Debatten, die zur Zeit Downtown laufen. Ihm und den hier versammelten, älteren Sinnenmenschen der Beat-Generation ist die puritanisch-protestantische Ehrpusseligkeit, der vermeintliche Versuch, nur auf der Ebene der Begriffe und Symbole Ergebnisse materieller Verhältnisse zu attackieren, suspekt bis zuwider. Reed, der neben einer Fülle von Essays – in denen er nicht nur über die vielen paradoxen Debatten der Black Community geschrieben hat – mehrere Klassiker einer afroamerikanischen Literatur verfaßt hat (Mumbo Jumbo, Cab Calloways Stands In For The Moon – nichts davon gibt es auf deutsch), die für sich in Anspruch nimmt, einen spezifisch schwarzen Literaturbegriff mit der europäischen Moderne und der amerikanischen Beat-Literatur verbinden zu wollen, brummt verächtlich über die PC-Mode. Und Leute wie der schwarze Beat-Poet Ted Joans, der im Publikum sitzt, oder Miguel Algorín und Jayne Cortez, die mit der Dynamik und Geschwindigkeit von Rappern ihre Texte vortragen, lachen beifällig. Als dann allerdings ein weißer, durch keine „ethnic“-Bezeichnung definierter Autor antritt, der über die Kultur und die Aufstände der jamaikanischen Maroons geschrieben hat und den Reed als Beispiel lobt, daß man mit offenem Ohr und Fleiß bei den Hausaufgaben auch als Nichtbeteiligter über fremde Kulturen schreiben kann, trieft eine Betroffenheitssuada auf uns nieder, wie ich es Downtown noch nicht erlebt habe.

    Straight Edge

    Vorläufer für die vielbeklagte Rigidität, mit der PC seine Forderungen nach korrekten Bezeichnungen, Leselisten und Verhaltensweisen vertritt, findet man im amerikanischen Musik-Untergrund. 1982, als sich speziell für amerikanischen Punk-Rock und dessen musikalisch weit über die englischen Vorgaben hinweg entwickelnden Sonderweg der Begriff Hardcore (HC) durchsetzte, nahm die Band Minor Threat aus der hochpolitischen HC-Szene von Washington, DC den Song „Straight Edge“ auf. „Straight Edge“ verwirft die Rock’n’ Roll-Klischees, etwa die Apotheose des Kontrollverlusts, die Fetischisierung der Auszehrung, des authentischen Todes auf der Bühne, und brüllt sich für Selbstzucht und Disziplin aus. Gegen Drogen, für Arbeit. Zehn Jahre später spielt die heutige Band des Minor-Threat-Texters und -Sängers Ian MacKaye, Fugazi, im New Yorker Palladium für den sensationell niedrigen, politisch korrekten Eintrittspreis von fünf Dollar. Mit einer gewissen Verspätung und viel Interpretation seitens seiner Anhänger wird „Straight Edge“ in den mittleren Achtzigern zur Hymne und zum Namensgeber einer Bewegung, die von den Ostküsten-Punk-Zentren Boston und DC nach und nach das ganze Land erfaßte. SE-Anhänger malten sich ein schwarzes Kreuz auf die Hand (einige tätowierten es), nahmen keine Drogen, tranken keinen Alkohol und kämpften gegen Rassismus und Sexismus, die amerikanische Außenpolitik und die Diktatur der Medien. Sie trieben Sport, verachteten die Dekadenz des Pop-Business und seiner Freuden und ähnelten nicht nur wegen ihrer gestählten Körper und rasierten Köpfe linken Skinheads. Wie heutzutage viele wichtige intellektuelle Bewegungen hatte auch PC in SE seinen musikkulturellen Vorläufer. Und lange vor der Medienberühmtheit von PC war SE schon wieder aus den Fanzines des Punk-Untergrund verschwunden. Seine Vertreter hatten sich entweder Hare Krishna angeschlossen wie die Cro-Mags und Youth Of Today aus New York, Nietzsche gelesen und ein wenig Humor entwickelt wie Henry Rollins oder den Schritt zu PC bei gleichzeitiger musikalischer Verfeinerung mitvollzogen wie Fugazi. Mentalitätsgeschichtlich liegt in SE sicher ein Schlüssel zum Verständnis von PC: Wieso organisiert sich ausgerechnet die avancierteste, jugendkulturelle Opposition um Rigidität und Verbote, Disziplin und moralische Imperative? Wo ist der Zusammenhang zwischen alternativem Moralismus und Skateboardfahren?

    Von Malcolm lernen

    Neben MuCu als politisch-philosophischem Programm gibt es den alltäglichen Multikulturalismus der amerikanischen Großstädte, also das, was hierzulande Politiker meinen, wenn sie von Multikulti reden und schreiben: viele nebeneinander existierende, dennoch ihre Eigenständigkeit betonenden Nationalkulturen – und im Gegensatz zu uns: aktivistische Sub- und Gegenkulturen. Sowohl diese wie jene haben viel gelernt von den Kampf- und Organisationsformen des schwarzen Widerstands, von seiner integrationistischen wie von seiner nationalistischen Variante. Im Gegensatz zum schwarzen Nationalismus und zur schwarzen Gegenkultur haben aber Feminismus auf der einen und koreanischer – um ein Beispiel zu nennen – Nationalismus beschränkte Erfolge gehabt. Die amerikanischen Koreaner haben in kurzer Zeit den gesamten New Yorker Gemüsehandel übernommen, indem sie eine Community- und familienorientierte Arbeitsweise angewandt haben, die der schwarze Nationalismus immer gefordert hatte. Der Feminismus hat, wie neulich wieder ein amerikanischer Autor in der taz bestätigte, erreicht, daß Sexismus nicht nur in alternativen Kreisen, sondern grundsätzlich in den USA nicht mehr akzeptiert wird. Auch PC verdankt Vieles taktischen und strategischen Vorbildern aus der Geschichte der schwarzen Widerstandsbewegungen. Die meisten und wichtigsten Theoretiker, die den Multikulturalismus als Theorie inspirierten, sind neben den indischstämmigen Homi Bhabha und Gayatri Chakravorty Spivak schwarze Amerikaner. Ganz entscheidend war immer die schwarze Lektion, sich nicht auf sogenannte Überzeugungen und christliche Gutheiten zu verlassen, die das natürliche Problem und auch die Enge von PC ausmachen, sondern die Konstruktionen, Sprachregelungen und Forderungen aus den Notwendigkeiten und der Empirie eines Kampfes zu gewinnen, dessen Ziel und Bedingung die Konstruktion einer oder mehrerer neuer politischer Subjektivitäten sei. Aber auch davon – so zeichnet es sich ab – hat die Mehrheit der schwarzen Amerikaner wieder nichts.

    By any means necessary

    Ein Reiz wie ein Problem von PC und MuCu ist ihre schon im Begriff enthaltene Heterogenität insofern: die von ihm Vertretenen wollen immer weniger von dem Bündnis wissen, wobei die schwarze Kultur verständlicherweise eine besondere Rolle spielt. Alice Walker schlug als Alternative zum weißen Feminismus einen schwarzen „Womanism“ vor.

    Bei der schwarzen Mittelschicht gewinnt die Nation of Islam, die nicht zuletzt wegen ihrer Erfolge beim Kampf gegen den Drogenhandel auch von keineswegs mit ihren Inhalten einverstandenen schwarzen Intellektuellen respektiert wird, an Einfluß. Die Nation of Islam glaubt, der Lehre ihres Gründers Elijah Muhammad zufolge, daß Weiße eine Züchtung des Teufels Yakub und mithin selber prinzipiell Teufel seien. Was mit mir noch okay wäre, wenn die Organisation nicht immer wieder antisemitisch und schwulenfeindlich in Erscheinung getreten wäre. Ihr Einfluß auf Hip-Hop und andere Bereiche schwarzer Kultur wächst ebenfalls immens. Gegen eine Platte des NOI-Anhängers Ice Cube machte jetzt das Simon Wiesenthal Centre mobil. Die des Antisemitismus unverdächtige Angela Davis veranstaltete daraufhin „in einem Akt afroamerikanischer Solidarität“ eine Konferenz mit Ice Cube. Ein Kommentar der Zeitschrift Spin verteidigte Ice Cube explizit gegen PC-Argumente. In diesem Zusammenhang wird die Absurdität klar, wenn Uthmann Leonard Jeffries, der eher der NOI als PC nahesteht, als Beispiel für den PC-Kanon immer wieder herbeizitiert. Derweil hat eine späte, breit getragene Heiligsprechung von Malcolm X eingesetzt; bei schwarzen Jugendlichen, der Hip-Hop-Community, bei NOI-Anhängern – obwohl Malcolm die Organisation im Streit verließ –, aber auch bei der weißen Jugendkultur sind die Baseball-Kappen mit dem großen X verbreitet. Malcolm-T-Shirts, -Porträts und seine berühmte Formulierung „By any means necessary“ sind allgegenwärtig.

    Auch im Feminismus gibt es Gegenbewegungen zu PC, von radikalfeministischer Seite ebenso wie von Figuren wie der in kürzester Zeit zum Star aufgestiegenen Camille Paglia, die mit ihrem antifeministischen Feminismus für eine Herauslösung der Frauenfragen aus einer links-humanistischen Position plädiert und ihre Erfolge zu einem großen Teil ihrer Argumentation mit Motiven aus der Pop-Kultur verdankt. In diesem Zusammenhang wird klar, daß PC als Exekutive multikulturell zustande gekommener und von der Multikultur sprechender Theorien ein Notkitt war, um das, was man nicht mehr auf eine linke Tradition eurozentrisch reduzieren wollte, zusammenzufassen. Ein Koalitionspaper der Mikropolitiker. Diese Künstlichkeit und Vorläufigkeit sind es aber gerade, die PC, über seinen oft dürftig puritanisch-moralistischen Mainstream hinweg, interessant machen. Denn hierzulande wird man noch im dritten Jahrzehnt die Krise oder das Sterben der Linken bejammern, während dort eben ein erster Versuch von Nachfolgekonstruktion gemacht wurde.

    Für immer postmodern?

    Mein Interesse an PC verdankte sich weniger meinem protestantisch erzogenen Bedürfnis, Gutes zu tun oder im Lager der Richtig-Denkenden eine Heimat zu finden. Deswegen interessieren mich heute selbst schwache amerikanische PC-Vertreter mehr als – sagen wir – die honorige Ingrid Strobl, deren neuestes Buch Strange Fruit ein nahezu komplettes Verzeichnis der PC-Anliegen darstellt. (Daß es derart komplette Verzeichnisse in der amerikanischen PC-Literatur nicht gibt, ist allerdings nicht unwesentlich.) Ich weigere mich auch immer noch, „man/frau“ und AktivistInnen zu schreiben. Mein Interesse an PC verdankt sich eher meinem Interesse an schwarzer Kultur, dessen Ursprünge sich wiederum einer Faszination für schwarze Musik verdanken, die zunächst keine moralische, sondern nur hedonistische Gründe hatte. Wie die Stärke, die ein solches Interesse erwecken konnte, sich theoretisch darstellt und politisch handelt, ist ein Thema, das über diesen organisatorischen Schritt hinaus bedeutsam bleiben wird.

    Entscheidend dabei ist, daß die schwarze Kultur Identität in Amerika schon immer konstruieren mußte, ihr jede reaktionäre Illusion von „Natürlichkeit“ immer abging (was eben gerade die Popularität begründet, die Bücher, die Afrika zur Wiege des Abendlandes erklären, wie Black Athena oder From The Pyramids To The Projects zur Zeit auf den über die ganze Stadt verteilten schwarzen Bücherständen haben; wo ich einmal dann auch Henry Fords altes antisemitisches Pamphlet The International Jew fand). Stuart Hall, Henry Louis Gates Jr. und andere haben darauf hingewiesen, daß die schwarze Kultur sozusagen schon immer eine postmoderne war, die existentiell mit der Konstruiertheit von Identitäten zu tun hatte. Guattaris berühmte Forderung, daß sich „die Menschen“ komplett künstlich neu entwerfen müßten, ist in Amerika, besonders aber im schwarzen Amerika, durchaus alltägliche, wenn auch unfreiwillige Praxis. Deswegen sind Leselisten so viel wichtiger, vor allem symbolisch, als irgendwelche deutschen Uni-Curriculen. Jetzt wird dieser Vorsprung der schwarzen Kultur natürlich begierig von der PC-Koalition aufgegriffen und in theoretische Münze, kulturelles Kapital umgewandelt, woran deren Produzenten einmal mehr, wie es scheint, nur unzureichend beteiligt werden. Es ist einerseits, wie in vorangegangenen Fällen kultureller Transfers auch schon, gut, daß eine solche Adaption überhaupt stattfindet, aber die kulturökonomischen Verhältnisse, die für die ungerechte Verteilung ihrer Erfolge sorgen, scheinen davon unangetastet zu bleiben. Am Ende war diese Koalition, darin der Bürgerrechtsbewegung der Sechziger vergleichbar, vielleicht wieder nur dazu da, neue weiße Mittelklasse-Subjektivitäten emotional und begrifflich mit einer Innenausstattung zu versorgen, die sie für den kulturellen Konkurrenzkampf fit macht.

  • fIREHOSE – Soziale Plastik

    Ein Glücksfall: Just zur Eröffnung einer Ausstellung mit Skulpturen des kalifornischen Künstlers Mike Kelley während des Kölner Kunstmarktes war auch dessen alter Freund Mike Watt in der Stadt, um mit fIREHOSE ein Konzert zu geben. Anläßlich dieser Umstände erörtert er die Vorteile einer „Band“ gegenüber dem im Alleingang schaffenden „Künstler“ einerseits und der politisch aktiven „Gruppe“ andererseits.

    1989 drehte Raymond Pettibon vier Filme,in denen große Momente in der Geschichte von Subkulturen auf ihre inneren Widersprüche durchsucht werden. In zweien davon spielt Mike Watt mit. In Weathermen ’69 ist er ein Revolutionär, der sich als „marxist-leninist motherfucker“ bezeichnet: „Marx really did a thing on me.“ Wie in allen vier Pettibon-Filmen geht es um Haare, Sex, Musik, Theorie, Zahnbürsten (eine für alle oder für jeden eine). Die Weathermen, die sich später in Weather Underground umbenennen, weil sie in der Mehrzahl Frauen sind, haben ihren Namen („You don’t need a weatherman to know which way the wind blows“) aus demselben Dylan-Song, aus dem fIREHOSE („Better stay away from those who carry round a firehose“) ihren Namen haben – „Subterranean Homesick Blues“ – und aus dem Mike Watt einen anderen Satz zitiert, als wir uns samstagmorgens im „Cafe Central“ gegenübersitzen, d. h. auf Stühlen wälzen: Nach und nach gehen Watts Hemdenknöpfe auf, sein Mantel rutscht von der Stuhllehne herunter, seine Schlüssel fallen auf den Boden. Wäre nicht zufällig der Schriftsteller Thorsten Becker draußen am Cafe vorbeigekommen und hätte Watt auf seine am Boden liegenden Schlüssel aufmerksam gemacht, würde der jetzt vor seinem Haus in San Pedro stehen und fluchen. Ach ja, der Dylan-Satz, natürlich: „Don’t follow leaders, just watch the parking meters!“ Wir wissen, daß Dylan Watts Ersatz-Vater war: Immer, wenn sein Vater auf See war, tröstete sich seine Mutter mit Dylan-Songs.

    „Andererseits“, fährt Watt fort, „hasse ich auch diese billige anarchistische Position, die so tut, als würde sie das alles nicht betreffen. Das ist ein Dilemma, Mann. Ich sage mir immer, ich wähle nicht eine Person oder eine Partei, ich stimme nur gegen die andere, aber das ist natürlich auch eine Krücke.“

    Ihm ist aufgefallen, daß junge Europäer sich gerne vorstellen, sie seien junge Amerikaner: „Sie lassen auch das Flannel fliegen, das Publikum sieht hier in Europa aus wie unser Publikum in irgendeiner amerikanischen Universitätsstadt.“

    Jaja, die Tribes. Ich weiß ja nicht, ob nicht dieser nie so ausgesprochene, alle kleinen Trends überlagernde Megatrend der letzten 15 Jahre zu Abschottung und Tribalisierung bei gleichzeitiger Zunahme der Kommunikationskanäle nicht langsam zusammenbrechen muß, angesichts des objektiven Faktums, daß wir zu immer weniger Kanälen zugelassen werden. Wenn man sich nicht mehr verständigen kann, muß es eine neue Unity geben. Ob die Internationale der nicht totzukriegenden Flanellträger dazu beiträgt, ist eine andere Frage. Auch daß die jungen Working-Class-Europäer, die nicht zu seiner Überraschung Hooligans geworden sind, ein bei aller Straßengewalt in den USA völlig unbekanntes Phänomen, immer mehr wie junge schwarze Amerikaner sein wollen, ist Mike aufgefallen. Was mich zu Weathermen ’69 zurückbringt. Die Gruppe im Film kann sich über ihre Liebe zu und Solidarität mit dem schwarzen Befreiungskampf gar nicht einkriegen. Eine Frau wird schwanger und hofft, daß von ihren diversen Geliebten der einzige Schwarze der Vater sei („damit es kein häßliches weißes Kind wird“), und überall in der konspirativen Wohnung sind kleine Zettel mit weißen Selbstbezichtigungen verteilt. Am Anfang gehen die Weather People ihre Plattensammlung durch. Erst sehen sie sich Hot Buttered Soul von Isaac Hayes an („What a beautiful black man!“), dann eine James-Brown-Platte. Einer keift: „Nixon-Supporter“. Mike Watt grunzt: „Nigger!“ und zerbricht die Platte.

    „Ja, die Weathermen waren aber eben selbsternannte weiße Mittelklasse-Revolutionäre, was schon ein Widerspruch in sich war. Und sie waren sich ihrer Position so sicher, daß sie diese Haltung hatten: Such dir deinen Schwarzen aus! – mithin den schwarzen Kampf also wieder für ihre ganz anderen, weißen Mittelklasse-Probleme ausgebeutet haben. Sie nennen zum Beispiel auch Louis Armstrong einen Onkel Tom, was sich ein Weißer nie herausnehmen darf. Ich meine: Raymond, der den Film geschrieben hat, hat ein sehr feines Gespür für solche Widersprüche und ist ein politisch sehr interessanter Kopf, ich habe diesbezüglich viel von ihm gelernt. Alle Leute sehen in ihm nur einen Künstler, aber weißt Du, worin er seinen Abschluß gemacht hat? In Wirtschaftswissenschaften, und zwar mit 19. Also vier bis fünf Jahre, bevor jemand das sonst macht. Wir drehen gerade einen neuen Film zusammen. Über Fidel Castro. Es gibt nur eine Einstellung, und ich halte als Fidel eine Rede, eine seiner endlosen Reden. Dazu rauche ich kubanische Zigarren – die es ja übrigens in Amerika wegen Boykott immer noch nicht gibt, ich muß sie mir immer noch in Europa besorgen. Ich habe sie geschrieben in seinem Stil, aber auf heute bezogen, und darauf, daß er wohl der einsamste Boss der heutigen Welt ist. Immer noch ein Boss, aber der einsamste.“

    In einem anderen Pettibon-Film, Sir Drone, spielen Mike Watt und Mike Kelley zwei rührende Punk-Rocker, die im Jahre 77 eine Band gründen wollen, für die Dils und Richard Hell schwärmen (obwohl sie bei der Tätowierung von Watts Rücken nicht einmal dessen Namen richtig schreiben: „Richard Hale“), „Poser“ bekämpfen, versuchen, „politische“ Texte zu schreiben und endlich ihre Angst vor Mädchen zu überwinden („Fucking can’t be too hardcore, even your parents are doing it“). Kelley trägt seine ’89 zur Drehzeit schon wieder langen Haare, Mike Watt wirft ihm – als running gag – vor: „You’re a punk on the inside, but a hippie on the outside.“ Am Ende, nachdem er seine sexuelle Verklemmtheit überwunden hat, kommt Kelley mit kurzen Haaren, Zigarre im Mund und Girl im Arm in die Bandwohnung. Als vor zwei Jahren fIREHOSE in Köln spielten, war Kelley, der Künstler, der die intensivste Verbindung zwischen US-Trash- und -Untergrund-Kultur mit der Welt der Bildenden Künste aufrecht hält, im Publikum, und die Band widmete ihm ihre Show, jetzt, als während der Kölner Kunstmesse und den umgebenden Shows Kelley wieder in der Stadt war, um u. a. den Stars wie Jeff Koons und Cicciolina die Show zu stehlen, spülte fIREHOSE morphogenetischerweise ihr Tourplan wieder am Tag von Kelleys Eröffnung nach Köln. Als ich sie in Kelleys Ausstellung zusammenbringe, wo wir die Fotos für diesen Artikel machen, begrüßt Mike Watt ihn in aller Unschuld doch tatsächlich – wie im Film: „Du hast dir ja die Haare geschnitten.“

    Am nächsten Tag rekapituliert er die Eindrücke der Giga-Eröffnung (Kelley, Koons & Cicciolina, General Idea, alle im selben Galerienhaus): „Ich war ja ein paarmal mit Raymond auf seinen Eröffnungen und bei allem Respekt: Ich fand es immer so deprimierend. Wenn wir uns präsentieren, dann spielen wir, wir machen etwas. Mike mußte gestern den ganzen Abend da rumstehen und zusehen, wie Leute seine fertige Arbeit betrachten, das hat was Gräßliches. Es ist so einsam. Raymond und Mike sitzen da zuhause allein und denken nach, probieren aus – immer allein. Dagegen die Jungs in meiner Band – they’re no canvases, they’re real dudes.“ Schon bei den Minutemen war es ja immer darum gegangen, aus dem Zusammenspiel, der sichtbaren Konfrontation von gleichberechtigten, massiven Temperamenten, das Meiste herauszuholen und in kleinen, am Anfang streng nur unter einer Minute langen Songs niederzulegen. Die Trio-Form mag dabei helfen, kommt sie doch der von der Wahrnehmungspsychologie festgestellten Fähigkeit des Menschen entgegen, nie mehr als drei Stimmen gleichzeitig wahrnehmen zu können. fH und Mm haben allerdings die Reizverarbeitung immer extrem beansprucht: Mm durch ihre ungewöhnliche Art, alle drei Instrumente sich großräumig austoben, mächtig und eruptiv, aber in von Pausen zu großen Hallen erweiterten Architekturen sich ergehen zu lassen; fH führten notgedrungen nach D. Boons Tod die zusätzliche Schwierigkeit ein, sich teilweise wie zwei Bands anzuhören: Neben den zwei Kanäle ausfüllenden Watt und Hurley spielte Ed Crawford (alias Ed fROMOHIO) – dessen menschliche Integration in die Band zu den typischen Leistungen guter Bands gehört, soziale Praxis als künstlerische und umgekehrt funktionieren zu lassen – seine liedhaften Läufe, sang seine sanften Songs. Denn parallel zu ihrer Räume öffnenden Pausen-, Bruch-, Beschleunigungs- und Überlagerungsmusik gelang es beiden Bands immer, im Gegensatz zu anderen Theoretikern der kurzen Aufmerksamkeitsspanne (wie John Zorn), uralte folkige Emotionalitäten zu evozieren (oder meinetwegen freizulegen: Das Geheimnis von D. Boon, Mike Watt und George Hurley war ja auch, ihre gegen Rock und Scheiße und Industrie und Kapital gerichtete, zu ihrer Zeit auch gern als intellektuell verschriene Schroffheit als alten Working-Class-Zorn zu empfinden und durch ihre Live-Präsenz rüberkommen zu lassen). Als im Publikum jemand, der fIREHOSE erst kurz und die Minutemen gar nicht kannte, die Idee hat, man könnte und sollte doch mal nur kürzeste Songs ohne Iterationen und Liedform spielen, muß ich lachen: Genau deswegen und wegen ein paar Raketen mit nuklearen Sprengköpfen hießen die ja Minutemen.

    „Wir haben aber nie Pausen zwischen den Songs gemacht, damals. Wir haben durchgespielt: Für das Publikum war kein Unterschied zwischen endlosen Tracks aus vielen Teilen und lauter Minutensongs zu erkennen. Meine Demos sind auch viel länger als die Einheiten, die in den gespielten Stücken davon übrigbleiben. Komponieren und dann den Rest abschneiden – das ist unsere Methode. D. Boon und ich – wir kannten ja den Rock’n’Roll, wir waren ja Fans von früher Jugend an. Deswegen hat uns Punk so beeindruckt: Weil es für uns eine fundamentale Revolte gegen Rock’n’Roll war, eine unglaubliche Reinheit. Diese Typen waren von nichts verseucht. Da haben wir versucht, alles zu vergessen und zu vermeiden, was wir kannten. Die anderen Punk-Rocker hatten dann irgendwann wieder lange Haare und spielten Rock’n’Roll, das konnten wir umgehen, weil wir nicht unschuldig, sondern bewußt gegen Rock’n’Roll angespielt haben. Und Ed kommt überhaupt nicht vom Rock’n’Roll: Er ist eigentlich Trompeter und klassisch ausgebildet. Ich habe ihm damals seinen ersten Amp gekauft. Ich muß schon manchmal lachen, wie er jetzt so die diversen Stadien der historischen Rock-Gitarristen durchmacht. Ich schreibe ihm auch gerne Gitarren-Lines, die ihn in die eine oder andere Richtung bringen. Er ist ausgebildet, aber unschuldig: Er baut auch gerne etwas auf, während George und ich natürlich anders drauf sind: Wir sind nicht als Musiker ausgebildet, wir haben uns nach unseren Ideen selber ausgebildet.“

    Obwohl bei euch drei Leute so spielen, daß selten festzustellen ist, wer Lead-Instrument und wer Begleitung ist, klingt ihr jetzt wie eine richtige Band, nicht mehr wie Rest-Minutemen plus One.

    „Die Transparenz ist sehr wichtig, die Pausen: Das kann man von der afrikanischen oder afroamerikanischen Musik lernen. Thelonious Monk und seine Pausen. PLING! – abwarten – noch ein komischer Akkord. (…) Wir sind alle große Basketball-Fans. Basketball ist ein Sport, bei dem ständig kleine Entscheidungen getroffen werden, ständig ist alles wichtig, fallen kleine Vorentscheidungen, nicht wie bei eurem Soccer, wo man 1:0 gewinnen kann. Ständig fallen Entscheidungen, und trotzdem kannst du auch immer noch alles umbiegen. Wir gehen nicht zu den großen Spielen, sondern sehen uns viel College-Basketball an, wo junge Wahnsinnige spielen in kleinen Hallen mit einer Atmosphäre wie bei irgendwelchen guten Konzerten.“

    Ihr hängt immer noch alle zusammen, die ganze Bande von damals, wie ich das sehe: eure Band, Pettibon, die ganze alte SST-Clique.

    „Ja, daran hat sich trotz unseres Weggangs von SST nichts geändert. Gemeinschaften sind für uns sehr wichtig, es ist wichtig zu demonstrieren, daß sie halten. Wir haben diese Platte gemacht wie jede andere Platte von uns, mit denselben Freunden, demselben Artwork, derselben Schrift, demselben Layout und mit Zeichnungen von Raymond: Ich habe sie für 13.000 $ von meinem eigenen Geld aufgenommen und bin bei Sony reinspaziert und habe ihnen das fertige Teil mit fertigem Artwork hingelegt. Sowas hatten die noch nie erlebt. Obwohl mein Kontaktmann bei denen auch ein alter Freund ist – was auch der Grund war, bei Sony zu signen. Dann produzieren die aber auf der anderen Seite eine Retortenband für sage und schreibe 600.000 $, die dann in einem Jahr nicht so viel verkauft wie wir in einer Woche.“

    Ich war überrascht, daß eure Konzerte so gut besucht sind, besser als zu der Zeit, wo ihr bei uns auf dem Titel wart, daß ihr offensichtlich in dieser fragmentarisierten, krisengeschüttelten Indie-Welt noch einen gemeinsamen Nenner hergebt.

    „Das ganze Indie-Problem, und auch das von SST, ist ein großer ökonomischer Fehler: daß man die Produktion in die Handgenommen hat, aber nicht die Distribution. Alle Indies, die in Amerika pleite gegangen sind, waren nicht eigentlich bankrott, sie haben unglaubliche Außenstände bei den Vertrieben gehabt. Die Vertriebe aber, auch die unabhängigen, sind keine Firmen wie Indie-Labels gewesen, sie handeln mit Waren wie jeder andere Vertrieb, sie haben sich ja nie über ein bestimmtes Produkt definiert, sondern gerade über die Vielfalt von Produkten, über deren Austauschbarkeit. Heute erleben wir vielleicht den Wiederaufbau, auch SST wird es schaffen, sich zu regenerieren. Ohne Black Flag und deren Pionierarbeit gäbe es heute in den USA überhaupt keine Indie-Szene: Sie haben das Netzwerk geschaffen – aus Plätzen, wo man spielen kann, Typen, bei denen man übernachtet und so weiter. Obwohl wir glücklicherweise seit ein paar Jahren niemandem mehr auf die Nerven gehen müssen und in Hotels übernachten können.“

    Ginn hat mir mal erzählt, daß auch die Minutemen nur schwer zu überreden waren, Los Angeles überhaupt zu verlassen.

    „Das stimmt. Die ersten Jahre haben wir nur in L.A. gespielt, wir haben uns nicht getraut. Wir haben uns sehr stark über unsere Neighbourhood definiert, wir waren und sind Homeboys. Mein Vater ist ein Seemann in San Pedro, D. Boons Vater ist Automechaniker, Georges Vater ist Schuhmacher. Wir hatten Angst vor dem Rest der Welt. Und ich kann noch heute nicht allzu lange von Pedro wegbleiben.“

    Joe Carducci gehörte auch zu dem alten Minutemen-Kreis, jetzt hat er dieses Buch geschrieben, das in Musikerkreisen so viel diskutiert wird. Hast Du’s gelesen?

    „Oh, Mann: ich höre den Mann reden, wenn ich das lese. Es ist sein Bekenntnis, er hat Jahre dran gearbeitet. Carducci ist ein toller Mensch, aber das Buch ist natürlich in hohem Maße subjektiv, wenn auch sehr unterhaltsam.“

    Man hat manchmal den Eindruck, daß seine Polemik gegen die liberale Rockkritik nicht mehr auf einen linken, sondern auf einen neokonservativen Standpunkt hinausläuft.

    „Oh, nein. Carducci ist ein Linker, ein enttäuschter Linker, aber ein Linker. Und ein Katholik. Er hatte, bevor er bei SST arbeitete, eine eigene Plattenfirma, die ‚Thermidor‘ hieß, nach dem Revolutionsmonat. Die französische Revolution und die Pariser Kommune sind seine Orientierungspunkte, auch wenn er da schon die Strukturen des Verrats und der Enttäuschung vorgezeichnet sah.“

    „Finnegan’s Ladder“ ist das Credo der literarischen Seite von Mike Watts Songwriting. Klettere Finnegans Leiter hinauf und schmeiß sie dann weg! Befrei dich von der Zwangsjacke des Reims! Texte wie dieser oder „Epoxy For Example“ oder der mit Pettibon zusammenverfaßte „Losers, Boozers And Heroes“ stellen neue Höhepunkte in Watts immer schon ziemlich entwickelter Art, Worte zu setzen, dar. Andererseits ist die Zwangsjacke des Reims sofort akzeptiert und keine Zwangsjacke mehr, wenn es um seine Liebe zu Hip-Hop geht: Als Zugabe haben sie, wie üblich, „The Red And The Black“ von Blue Öyster Cult gespielt, als einzigen Song aus dem Minutemen-Repertoire. Danach brüllt Mike Watt: „Bring in the Red, the Black and the Green“, und sie haben Public Enemy gecovert. „Ja, ‚Sophisticated Bitch‘, weil es so songartig ist, wie gemacht für eine Band. Völlig grotesk natürlich, wenn da dieser Typ aus Ohio steht und erzählt, diese Frau sei eine Bitch, weil sie nicht mit einem Brother zusammen ist. Ich wollte eigentlich auch lieber ‚She Watch Channel Zero‘ covern, aber Ed wollte unbedingt diesen Text singen.“

    Ja, genial: ein weißer Rock-Sänger aus einer Band, die gerade zuvor einen Song namens „Anti-Misogyny Maneuver“ gespielt hat, singt einen Text von einer schwarzen Band, dem Misogynie vorgeworfen wird – das ist sozusagen der komplizierteste und daher schönste Weg, sowohl dem schwarzen wie dem feministischen Kampf Solidarität auszusprechen. Hast Du die neue Tribe Called Quest gehört?

    „Ja, Ron Carter ist natürlich Gott und die Platte ziemlich gut, aber mein Lieblingsrapper ist und bleibt Rakim, auch Q-Tip und all diese anderen jungen sophisticateden Rapper kommen von Rakim, ein poetisches Genie. Ich sollte ihn mal interviewen.“

    Und?

    „Ich habe abgelehnt, ich bin für sowas zu schüchtern. Ich kann die Begegnung mit bewunderten Menschen nicht aushalten. Als bekannt wurde, daß ich der große Blue-Öyster-Cult-Fan bin, wollte man mich unbedingt mit Eric Bloom zusammenbringen, dem Helden meiner Jugend; ich hatte zuviel Angst. Das hat Bloom erfahren und mich angerufen und mir erzählt, was für ein normaler Typ er ist, er esse gerne Hamburger undsoweiter. Ich habe nur gesagt: ‚Hör auf, das will ich doch gar nicht wissen.‘ D. Boon und ich haben unsere ganze Jugend über für den Typ geschwärmt und ihn verehrt, und jetzt erzählen sie mir, er sei körperlich so klein, fast ein Zwerg. Wer will das wissen, der ihn auf der Bühne gesehen hat? – Und er war GROSS! Nein, ich hätte das nicht geschafft, mich vor Rakim hinzusetzen und ihm Fragen zu stellen. Thurston war mal so hinterhältig, mich mit Richard Hell zusammenzubringen, einem anderen Helden meiner Jugend. Ich saß eine Stunde steif neben ihm in einem Studio und wäre am liebsten zu Fuß nach Pedro gelaufen. Und wir waren gerade in New York City.“

    Als die letzte fIREHOSE-LP aufgenommen wurde, Ende ’88, war die Welt noch die alte …

    „Ja, und die neue wurde während des Golfkriegs aufgenommen. Alle Leute starrten auf den Fernseher in dem völlig irren Glauben, in dem Ding wäre irgendwas drin, was uns weiterhilft. Oh Mann, das ist so verrückt. Jetzt hat die Regierung wieder was getan, um den Massen den Glauben an Amerika zurückzugeben. Die ganze amerikanische Außenpolitik ist immer nur eine Innenpolitik, die sich über die ganze Welt stülpt, um da innere psychologische Probleme zu lösen, wenn es paßt. Jugoslawien können wir nicht gebrauchen, also tun wir nichts …“

    Es gibt keinen Good Guy, nur Bad Guys …

    „Ach, das wäre nicht das Problem, den könnten wir schon erfinden. Guck dir Panama an, was für eine irre Sache, 1.500 Leute umzubringen, um einen Drogendealer zu fangen. Wer sonst käme auf so eine Idee? Seitdem sind natürlich im Gegenteil sehr viel mehr Drogen ins Land gekommen, unsere Kriege haben immer nur propagandistische und psychologische Gründe. Allein schon der Name Panama. Meinst du, dieses Land hat sich so genannt? Bullshit. Panama = Panamerika, unsere Erfindung, weil wir den Kanal brauchten.“

    Massenpsychologie.

    „Ja, und dazu gehört natürlich auch, daß die Politiker selber daran glauben.“

    Was wurde eigentlich, um auf den Anfang zurückzukommen, aus den echten Weathermen; ich habe gehört, sie seien alle im Knast gelandet?

    „Also, sie wurden zunächst zu einer fast rein feministischen, bewaffneten Organisation, weil fast nur noch Frauen mitmachten, wie die Bernardine, die im Film von Kim Gordon gespielt wird, und dann wurden sie vom FBI infiltriert und flogen auf. Das ist das große Problem der ganzen amerikanischen Oppositionsbewegungen gewesen: Sie waren vom Anfang an infiltriert. Weißt du, was ein Agent Provocateur ist? Das ist es. Schon ’68 bei den Demonstrationen in Chicago, waren Bullen unter den Demonstranten und haben ihnen Waffen gegeben und gesagt, daß nur Protestieren nicht reicht. Die SLA war meiner Meinung nach von Anfang an unterwandert: waren ja alle ehemalige Insassen, ist doch klar, daß die im Knast für Mitarbeit gewonnen wurden. Und anschließend liquidiert oder verhaftet, wie Noriega. So läuft das unter Kriminellen und ihren Helfershelfern: Noriega war ja jahrelang unser Mann. Das FBl hat doch sogar die Jewish Defence League unterwandert, weil sie so paranoid sind. Das ist das Schreckliche: Wenn du in so einer Gruppe warst, bist du am Ende immer der Trottel, weil du, was immer du tust, für das FBI arbeitest. Du kannst dich keiner Gruppe anschließen, und es bringt nichts, allein zu arbeiten. You can’t join a group, you have to join a band!