Kategorie: Archiv

  • Jahrescharts

    LPs:

    1. A Tribe Called Quest – The Low End Theory
    2. I. Roy & Jah Woosh – We Chat, You Rock
    3. Volcano Suns – Career In Rock
    4. Max Roach Trio feat. The Legendary Hasaan
    5. Flesh Eaters – Dragstrip Riot
    6. Ice-T – Original Gangster
    7. Ninjaman – Bounty Hunter
    8. Monster Magnet 25 – Tab
    9. Ragga Twins – Reggae Owes Me Money
    10. Poor Righteous Teachers – Pure Poverty
    11. 3rd Bass – Derelicts Of Dialect
    12. Jerry Garcia Band – dto.
    13. Terminator X – The Valley Of The Jeep Beats
    14. Michael Prophet & Ricky Tuffy – Get Ready
    15. Raymond Pettibon & Supersession – Torches & Standards

    Singles:

    1. Rebel MC – The Wickedest Song
    2. Son Of Bazerk – Change This Style
    3. Violent Femmes – American Music
    4. Blumfeld – Apropos Tyrannenmord
    5. Cutty Ranks/Beres Hammond – Lambada
    6. Nightmares On Wax – A Case Of Funk
    7. Rebel MC – Tribal Base
    8. Apache Scratchie – Popularity
    9. Willie One Blood – Empire State
    10. King Sun – Undercover Lover
    11. Dream Warriors – I Lost My Ignorance
    12. Macka B./Tony Rebel – DJ Unity
    13. Black Sheep – Flavour Of The Month
    14. Home T., Cocoa Tea & Cutty Ranks – The Song Is Rough
    15. Barrington Levy & Cutty Ranks – Dancehall Rock
  • Milizen und Mirakel

    Die amerikanische Unterhaltungsindustrie muß sich derzeit mit einem neuen Problem herumschlagen. Fast alle erfolgreichen LPs dieses Jahres waren in der Optik ihrer Organisatoren „Minderheiten“- oder Spezialisten-Platten. Nur bei den Singles war jenes grauenhafte Genre, das drüben A.O.R. (Adult Oriented Rock) und bei uns Ami-Mainstream heißt, noch erfolgreich. Der Rest war Hip-Hop, Metal und Country, sogar ein wenig College- und Underground-Musik (die überraschend verkauften 800.000 Einheiten von Nirvana). Der ideale mittelständische, mittelmäßige Schallplattenkonsument, mühsam als die große konterrevolutionäre Erfindung der Kulturindustrie seit den späten Siebzigern aufgebaut und in die Welt exportiert, kauft einerseits nur noch CD-Wiederveröffentlichungen, was auf den ersten Blick fürs Geschäft nicht schlecht ist, jedoch keine Perspektive hat, hört aber andrerseits langsam sowieso auf zu existieren. Nicht nur wegen der Erosion der unteren Bezirke des Mittelstandes: Man definiert sich in Amerika zusehends weniger über die im A.O.R. verflüssigt mittransportierten allgemeinen humanistischen Utopien und/oder christlich-amerikanischen Geheimplätze oder über das patriotisch-verkrüppelte Klassenbewußtsein, das von Springsteen bis John Cougar Mellencamp reichte, man definiert sich über die Kultur seiner Ethnie, nicht die Reste seiner Jugend. Und für Aufsteiger stehen andere, spezialisierte Angebote zur Verfügung. Die Jugendkultur ist auf Metal, Hip-Hop und Underground (College-Kultur) verteilt, mit gewissen Überschneidungen. Gemeinsam ist den drei Genres, daß man sie nur vermarkten kann, wenn man sich mit Musik und Kultur auskennt, nicht nur mit Ökonomie, was beim A.O.R. die einzige Voraussetzung war.

    Eine ähnliche Lage herrscht im Kino: schwarze Filme und Das Schweigen der Lämmer, die Death-Metal-Version der Behaviorismus-Kritik. Die Institution als solche verliert ihre soziale all-american Funktion tendenziell an Minderheiten aller Art, und an jeder Ecke kann man sich Videos ausleihen, die sich nicht mit der immer rigideren Zensur durch ratings herumschlagen müssen. In dieser Lage erhalten plötzlich jede Menge schwarze Regisseure ein Rederecht, das sie schon lange verlangen, wenn auch immer noch unter der Voraussetzung, daß sie billig produzieren. Spike Lee wie John Singleton betonen immer wieder, daß sie nur so arbeiten können, wie sie arbeiten, weil ihre Filme nichts kosten. Der teurere unter den neuen schwarzen Filme dieser Saison, New Jack City, fiel dann ja auch gegen Jungle Fever und Boyz N The Hood deutlich ab.

    „Ein heute lebender schwarzer amerikanischer Mann hat eine Chance von 1 : 20, ermordet zu werden. In den meisten Fällen wird die Kugel von einem ‚Brother‘ abgefeuert.“ Mit diesen schriftlichen Informationen – weiß auf schwarz – beginnt John Singletons Film Boyz N The Hood, der das Aufwachsen zweier Jungs in South Central L.A. in zwei verschiedenen familiären Situationen verfolgt. Das erste Bild nach den beiden Schrifttafeln ist ein Stopschild. Das erinnert an Spike Lees Methode, immer auch kleine Zeichen zu tragenden Details von Subnarrativen zu erheben, wie etwa bei der Straßenschildersequenz am Anfang von Jungle Fever. Auch die Szene, die dann folgt, wir befinden uns im Jahre 1984, erinnert an Lee: Kinder finden auf dem Schulweg das Opfer einer nächtlichen Schießerei, die Kugeln stecken in einem Plakat, auf dem Reagan und Bush für „Four more years“ werben. Dann nimmt der Film eine andere Richtung. Der kleine Tre Styles wird von seiner Mutter, die studieren und einen Abschluß machen will, zu ihrem Vater gebracht, von dem sie getrennt lebt: „Nur du kannst ihm beibringen, ein Mann zu werden.“ Auf der anderen Straßenseite leben Ricky und Doughboy, sie werden von ihrer Mutter erzogen. Im Haushalt von Tres Vater Furious ist es schmutzig, aber es herrschen strenge Regeln, „responsibility“ ist das Schlüsselwort, bei Doughboys Mutter liegen Coffee-Table-Magazine auf dem Tisch, und eine Plastikplane schützt das „gute“ Sofa, aber sie macht Männern schöne Augen, und die Kids machen, was sie wollen. 

    Sechs Jahre später. Die anfangs nur angedeutete Gewalt in South Central ist allgegenwärtig, den ganzen Film über hört man das Klappern von Polizei-Hubschraubern, heulen Polizei-Sirenen, durchleuchten Suchscheinwerfer noch die intimsten Momente. Tre lernt von seinem Vater, daß er immer Kondome benutzen soll, Doughboy trinkt St.-Ides-Bier (ein mit einem „schwarzen“ Image vermarktetes Stark-Bier, gegen dessen negativen Einfluß auf die Community diverse Aktivisten Front machen: Chuck D klagte gegen die Verwendung seiner Stimme in einem St.-Ides-Spot, während Boyz-Darsteller Ice Cube vor seiner Konversion zum Black Muslim noch in einem St.-Ides-Spot auftrat). Ricky macht einen Test, um wegen seiner großartigen Football-Leistungen zur Universität zugelassen zu werden. Als seine Mutter das Couvert mit dem zur Aufnahme ausreichenden Test-Ergebnis öffnet, ist Ricky schon tot, erschossen von einer Gang wegen einer harmlosen Streiterei. Doughboy, Tre und die anderen ziehen los, um ihn zu rächen. Während der Fahrt erinnert sich Tre an die Lektionen seines Vaters, verläßt den Wagen, Doughboy richtet die drei Mörder seines Bruders durch Genickschüsse hin. Zwei Wochen später erwischt es auch ihn. Tre kommt auf die Uni.

    Im Gegensatz zu Lee, der die Eroberung der Hollywood-Leinwände mit dem Anspruch verbindet, die schwarze Lage sozusagen dem Denken freizugeben, dessen Filme Begriffsentwicklungen, Programme vorbereiten, beschränkt sich Singleton darauf, ein einziges Issue so realistisch wie möglich zu untersuchen: die schwarze Familie. Allein dieses Thema lädt Lee ja schon dazu ein, gleich drei bis vier völlig verschiedene Typen von schwarzen Familien vorzuführen, Singleton bleibt bei zwei halben, in der einen fehlt der Vater, in der anderen die Mutter, die aber nicht aus der Welt ist. Auch Singleton kommt nicht darum herum, die sein Thema überdeterminierenden Probleme (Crack-Handel, Mediendarstellung von Schwarzen, Schulsystem, Wohnungspolitik: „Gentrification“) mitzuerörtern, aber er folgt ihnen nicht weiter, als sie für die Story unmittelbar relevant sind – mit dem Ergebnis, daß Boyz N The Hood wenig von dem intellektuellen Vergnügen bringt, das der für Truffaut und Scorsese schwärmende Cineast Spike Lee selbst noch der empfindungslos abgestumpften Programmkino-Klientel zu bieten hat; dafür schnürt Singleton sein Thema immer enger zusammen und dem Zuschauer sich die Kehle zu. Singleton setzt nicht Gefühle als Argumente ein, aber ihm gelingt es, den Zuschauer symbolisch in eine ausweglose Situation zu versetzen, in der die Notwendigkeit, handeln zu müssen, jede Zeit fürs Nachdenken zum alteuropäischen Luxus macht. Aus den berühmten, sonst nur Weltspiegel-mäßig erörterten „Problemen“ wird ein Tote-per-Minute-Beat der Vernichtung; nicht von statistisch-erfaßter Bevölkerung, sondern von „echten“ Menschen. 

    Den ersten Einwand, die ausweglose Determiniertheit der Schicksale von Doughboy und Ricky der alleinerziehenden Mutter zuzuschreiben, das relativ reibungslose Gelingen von Tres Erziehung dank seines righteous für black owned business preachenden Vaters zur Verherrlichung des Patriarchats zu verwenden, sei doch etwa – nun – frauenfeindlich vielleicht, haben gleich zwei schwarze amerikanische Feministinnen zurückgewiesen, mit denen ich über dieses Thema sprach: Auch Furious habe ja einen Fehler gemacht, als er ein Kind mit 17 zeugte, als er es die ersten zehn Jahre unbeachtet bei der Mutter aufwachsen ließ, nur habe er eben gelernt. Und die schlampenhafte Mutter von Doughboy und Ricky habe ja auch gelernt: Sie verhalte sich im zweiten Teil des Filmes wesentlich verantwortungsbewußter, nur reiche ihre Energie eben bloß dafür, einen Sohn bis zur Universitätsreife zu erziehen, und könne sie als Frau schlechter verhindern, daß ihr Sohn Ricky ebenfalls wieder mit 17 Vater wird (und mit 19 erschossen, worauf wieder ein schwarzes Kind ohne Vater aufwächst etc.). Und dann sei da die Debatte in einem poshen Restaurant, in das Tres Mutter ihren Ex-Mann Furious einlädt, um ihren Sohn zurückzuverlangen: Furious habe nun, wo das Gröbste, Pubertät und Schule, ausgestanden sei, kein Recht mehr auf seinen Sohn, er sei ihm zwar ein verantwortungsvoller Vater gewesen, was keine Selbstverständlichkeit unter schwarzen Männern sei, aber – fuck! – schwarze Frauen kümmern sich um ihre Kinder, ohne sich darauf etwas einzubilden. Sie behält in dieser Debatte das letzte Wort. Tre muß nun entscheiden, ob er bei Vater oder Mutter leben will: Er entscheidet sich für die Uni in Atlanta, Georgia. Er kommt als einziger raus aus South Central.

    Großen Anteil daran, daß die Auswirkungen der fatalen Ghetto-Determinismen dem Zuschauer nahegehen, haben die einzigen darin „frei“ handelnden Personen bzw. vor allem deren Darsteller. Tres Vater Furious etwa, der aus der Lage seine Schlüsse zieht und versucht, das „Black Business“ zu organisieren. Ihn stellt Larry Fishburne dar, einer der wenigen Schauspieler, die schon vor dem großen Boom des Schwarzen Kinos Karriere machen konnten, vor allem bei und durch Coppola. Dabei ist besonders nett, wie sein intellektueller Reifeprozeß sich äußerlich in einer immer größer werdenden Ähnlichkeit mit Malcolm X niederschlägt. Er verkörpert das neue Ideal des schwarzen Aktivisten, der ebensoviel von Business versteht wie vom Preachen und der in der Schnittmenge von Organisationstalent und Spiritualität ein politisches Subjekt konstruiert. Der andere Charakter ist nicht die Hauptfigur Tre, dessen ewiges Richtigmachen niemanden berührt (auch wenn mich eine Amerikanerin darauf aufmerksam machen mußte, daß Tre immer, wenn er mit den anderen Boys rumhängt, sein sonst so gepflegtes Hochenglisch ablegt und Ghetto-Jive redet, um nicht seine Glaubwürdigkeit zu verlieren: das, und sein einziger kleiner Fick ohne Kondom sind dann aber auch die einzigen Bruchstellen in einer Persönlichkeit, die schon als zehnjähriger Knabe in der Schule predigt, daß der Mensch eigentlich aus Afrika stamme, was Knochenfunde bestätigen etc.), nein, die entscheidende Figur ist Doughboy, der von seiner Mutter weniger geliebte, nicht zur Uni zugelassene Junge von Gegenüber, der nicht anders kann, als nach Ghetto-Gesetzen zu leben, sich aber immer als der Couragierteste, als ein Häuptling erweist, der seinen Stamm zusammenhält und vor allem seinen begabten Bruder gegen Ältere und Bewaffnete verteidigt, ja ihn am Schluß mit einer brutalen Hinrichtung seiner Mörder rächt. Er wird dargestellt von Ice Cube.

    Ice Cube war Gründungsmitglied von N.W.A. und unter anderem Autor der Nummer „The Boyz-n-the Hood“, der der Film seinen Titel verdankt. Während N.W.A. den „verantwortungslosen“ Gangster, der seine „bitches“ herumkommandiert, nach Gutdünken umlegt, wenn sie nicht „dick sucken“ können, durch die Gegend ballert und die Polizei individualanarchistisch bekämpft, als Helden aus ihren Songs hervorgehen ließen, fühlte sich Ice Cube, vor allem nach Ego-Kämpfen mit N.W.A.s Chef-Gangster Eazy-E und dem Manger der Truppe, Jerry Heller, von dem New Yorker Kollektiv um die politisch engagierte und ästhetisch komplexere Gruppe Public Enemy stärker angezogen. Auf zwei LPs (Kill At Will und AmeriKKKa’s Most Wanted) wandelte er sich zum engagierten, ziemlich linksradikalen, wenn auch etwas tappsigen Rapper. Diese immer wieder in Zorn oder Brutalität verfallende, eigentlich treuherzige Tappsigkeit macht ihn zur idealen Verkörperung von Doughboy. Im wirklichen Leben wurde sie auch zum Problem: Anders als seine neuen Freunde und Produzenten aus New York, die zwar aus ihrer Sympathie für Farrakhans umstrittene Nation of Islam (N.O.I.) kein Hehl machen, aber doch stets diplomatisch, nach einigen „Fehlern“ ihres inzwischen gefeuerten „Ministers Of Information“, Professor Griff, versuchen, ihre Radikalität auf einer allgemeineren, antikapitalistischen und neuerdings auch, in der Allianz mit weißen Metal-Kids, Anti-Establishment-Position zu begründen, tritt Ice Cube in alle bereitstehenden Fettnäpfchen. Auf seiner neuen LP (Death Certificate, vgl. konkret 12/91) wütet er (der noch im Golfkrieg mit der Formulierung glänzte: „I see too many black kids down there, I see too many hispanic kids down there, and I see too many poor white kids down there, send some rich kids. And let them die!“) gegen nahezu alle anderen Minderheiten und ihm in die Quere geratenden Opfer AmeriKKKas: „motherfuckin homos“, „bitches“, Koreaner. Seinen ehemaligen Partner Eazy-E möchte er gerne baumeln sehen, und den ehemals gemeinsamen Manager beschimpft er als Juden.

    Daraufhin hat das Simon Wiesenthal Center öffentlich gefordert, die mittlerweile an die Spitze der Charts geschossene LP zu bannen. Zum ersten Mal in seiner Geschichte und unter Hinweis auf „Black Korea“, wegen der darin enthaltenen Verunglimpfung von Koreanern und wegen der Beschimpfung von Heller, hat das Wiesenthal-Center eine Platte nicht nur gerügt – wie z. B. vorher u. a. Madonna und Public Enemy –, sondern für so verletzend gehalten, daß es einen Auslieferungsstop verlangt. Die englische Plattenfirma Island, die für Europa die Produkte von Ice Cubes Firma Priority lizensiert, hat sich daraufhin geweigert, die Platte für den europäischen Markt zu übernehmen. Dem mußte auch die deutsche BMG/Ariola in München als Vertragspartner von Island folgen. Angela Davis, die nicht in dem Verdacht steht, die immer schon latent antisemitische Organisation Farrakhans unreflektiert zu unterstützen, fand sich bereit, Ice Cube bei einer Pressekonferenz zur Seite zu stehen als langjährige Kommunistin und vor allem schwarze Feministin, denn die von anderer Seite erhobenen Vorwürfe wg. Frauenfeindlichkeit ließen sich auch nicht mehr ignorieren. Ice Cube erklärte dabei unter anderem, er sei kein Antisemit, er habe nur erwähnt, daß Jerry Heller Jude sei, weil, wann immer Schwarze negative Schlagzeilen machten, die Medien nie zögern würden, die „Nationalität“ der Betreffenden herauszustellen.

    Mittlerweile hat Priority ein neues Masterband an seinen europäischen Vertragspartner geschickt. Der antisemitische Track und „Black Korea“ sind entfernt worden, die anderen, vom Wiesenthal-Center nicht ausdrücklich monierten, jedoch mindestens so problematischen Nummern wie „Horny Lil’ Devil“ oder „Death/Rebirth“ blieben erhalten. Island und seine europäischen Lizenznehmer wollen diese Version veröffentlichen. 

    All das ist wichtig für Boyz N The Hood, weil der Film von Ice Cubes Geschichte und seinem Image lebt. Seine Rivalität mit seiner alten Band wird im Film an zwei Stellen symbolisch ausgetragen: Einmal darf er einen Taschendieb fangen und verprügeln, der ein Eazy-E-T-Shirt trägt, zum anderen hat der Mörder seines Bruders einen Eazy-E nachempfundenen Haarschnitt, den er kurz vor seinem Tod auch noch einmal ausführlich erklärt. Ice Cube, der symbolisch Eazy-E und mit ihm den verantwortungslosen Ghetto-Gangsta hinrichtet, kommt weder im Film noch in der Wirklichkeit aus dem Ghetto raus: Weder darf sein Filmcharakter auf die Uni, noch wird er – wie diverse Public-Enemy-Mitglieder – zu Vorträgen an Colleges eingeladen. In gewissem Sinn mißbraucht man seine Offenheit, um für einen bestimmten Flügel von zu rekrutierenden neuen Members die N.O.I. – die zu unterstützen Ice Cube auf seiner neuen Platte deutlicher aufruft als je ein Rapper zuvor (die alle wissen, welchen Ärger sie sich damit einhandeln können) – immer noch als harte, aggressive Truppe darzustellen, während jedoch Farrakhan Kreide gefressen zu haben scheint und in den amerikanischen Medien sich als respektabler Black Leader präsentieren läßt.

    Die eigentliche Tragödie liegt aber wohl darin, daß es zur N.O.I. zur Zeit keine Alternative zu geben scheint, wie es denn auch ein Luxus wäre, die in Boyz N The Hood angepriesenen Familien-Strukturen von hier aus mit Begriffen zu kritisieren, die nach 200 Jahren Kleinfamilienterror entstanden sind, während es dort doch buchstäblich weder eine Schule noch eine Familie noch irgendwas außer Drogenhandel und St.-Ides-Werbung gibt, das sich um Young Black America kümmert. So sind Familien Minimalforderungen und ist die Nation die einzige disziplinierte Organisation, die das tägliche Sterben von Black Males zumindest aufhalten zu können scheint, die effektive Programme gegen Crackhandel und „Gentrification“ und für „black business“ durchzieht. Und für den Aufbau von Alternativen ist einfach keine Zeit, weswegen sich auch schwarze Intellektuelle – die weder mit Farrakhans latentem Antisemitismus, noch mit seiner kruden Auslegung des Korans, die in der Tat eher an normale amerikanische Fernsehprediger als an die Tradition aktivistischer schwarzer Kirchenmänner erinnert („Satan Offers Substitute World“) – weigern, öffentlich gegen ihn aufzutreten: das hieße zu vielen die letzte Hoffnung nehmen. Es wäre zu einfach, in Farrakhan und seiner Organistion nur den von der in der sogenannten Ersten Welt beispiellosen Misere profitierenden Protofaschisten zu sehen und in seinen Hilfsprogrammen seine Autobahnen: Wer das tut, verkennt, daß er nicht Raub und Mord einer Macht vorbereitet oder begründet, sondern für Leute spricht, die in ihrer überwiegenden Mehrzahl seit Jahrhunderten von den bescheidensten gesellschaftlichen Gratifikationen ausgeschlossen sind, daß die Lebenserwartung eines heute geborenen schwarzen Amerikaners unter der eines Bangladeshi liegt, daß mehr seiner Altersgenossen im Knast als im College enden, daß ein junger schwarzer New Yorker, der nach nur zwei Jahren Armee in Deutschland nach Hause kommt, seine halbe College-Abschlußklasse (!) tot oder im Gefängnis wiederfindet. 

    Es hilft nur Gewalt, wo Gewalt herrscht? Oder eine Reduktion auf das Überlebensnotwendige, das handlungsfähig macht: der klassische Job von Religionen und Bürgerwehren, Milizen und Mirakeln. Denen nicht „Vernunft“ entgegenzusetzen wäre, sondern die Konstruktion von Eigenschaften, die einen Schutz gegen die Barbarei und Ausbeutung auch der Kultur der Community bilden.

  • Wir outen Vera Drombusch

    1. What have they done to my song, Ma!

    Das kleine Foto links hinter Biermanns Kopf, an einer Art Pinnwand in der romantischen Sixties-Dissidenten-Wohnung, zeigte einen zweiten schnauzbärtigen Mann. An diesem Montag, Anfang Januar 1992, war durch die Carte Blanche – die nun auch der Spiegel dem schnauzbärtigen Moralisten ausgestellt hatte, indem sie ihn (publizistisches Neuland!) auf einen privaten Brief (von Rauschebart Kopelew) öffentlich antwortend, den halben Kulturteil vollschreiben ließen – dessen schrittweise Erhebung zum ersten Staatspoeten vollendet. Es hatte mit einer kleinen Rezension in der FAZ begonnen. Der alte Kommunist habe sich zum illusionslos-kompetenten Dichter gewandelt (Heine-Nachfolge brabra: Wenn irgendetwas in Deutschland wegen seiner Nähe zu Heine oder Tucholsky gelobt wird, meist mit einer scherzhaften Anspielung auf Tucholskys wahn-sin-nich geistreiche Pseudonyme, kann man schon sicher sein, daß es muffigster Spießerscheiß ist). Das war ca. Ende ’90. Die Einschwörung aller staatstragenden Kulturforen auf den poeta laureatus Biermann gewann dann zügig an Tempo und ergriff nacheinander Reich-Ranicki und diverse Preiskommitees. Gegen alle, die sich nicht einreihen wollten, SZ etwa, wurde in der FAZ eigens vom Chef eine Entrüstungskolumne eingerichtet (Doppelmoral der Intellektuellen brabra: Wenn irgendwas in Deutschland wegen seiner doppelmoralfreien Sauberkeit gelobt wird, kann man schon sicher sein und so weiter). Irgendwann hatte es alle Leute, Lehrer und Leserbriefschreiber gepackt, die sich einerseits immer schon freuten, wenn Gedichte anständig gereimt sind, andererseits es im besonders streng riechenden Feuilletonisten-Urin hatten, daß man bald eine staatstragende Dichterpersönlichkeit für die Abwicklung der kulturellen Altlasten der NBLs brauchen wird. Es gipfelte in diesem Spiegel-Text in Biermanns unverhohlener Gleichsetzung seiner moralischen („anständig“/„unanständig“) Einwände gegen „Arschloch“ Anderson mit den ästhetischen („blutleer“) gegen alles, was die Moderne, exemplifiziert in diesem Fall durch den Nicht-Stasi-Mitarbeiter Papenfuß-Gorek, der Lied- und Gedichtform des 19. Jahrhunderts angetan hatte. Das entsprach der DDR-Abwicklung in anderen Bereichen: In der Bildenden Kunst werden die alten SED-Schinkenpinsler Marke Tübke rehabilitiert – ohne Prüfung durch die Gauck-Behörde, während alles geringfügig an die Kunst, wenn schon nicht der Gegenwart, sondern der 40er, erinnernde modernere Zeug mit dem als Stasi-Simulation entlarvten Prenzlauer Berg auf dem Müllhaufen der Geschichte landen soll. Niemand eignete sich so gut, um in einem Atemzug moderne wie postmoderne Ästhetik, die Linke sämtlicher Prägungen plus sämtliche Unrechtsstaaten auf deutschem Boden in einer einzigen, leicht faßbaren populistischen, zutiefst stammtischhaften Empörung abzuwickeln wie der ehemalige Ultralinke Biermann. Denn wer war der alte Mann mit dem Schnauzer auf dem alten Foto von Biermann in seiner alten DDR-Bohemien-Wohnung, das das Spiegel-Manifest für anständige Menschen und gegen Dadaisten, Denunzianten und andere Arschlöcher illustrierte? Ja, wer wohl? Gamsachurdia jedenfalls nicht.

    2. Rache für Chris Drombusch

    Die zentrale Behauptung der um die Neujahrszeit mich und Millionen andere Deutsche fesselnden Drombusch-Staffel war, daß Intoleranz gegen Uniformen dasselbe sei wie Intoleranz gegen Hautfarben. Intoleranz, das große Übel unserer Zeit, wird damit parallelisiert mit den anderen Begriffen, die zur Zeit die Diskussion bestimmen: Rassismus, Outing, Anstand, Verrat/Spitzeltum, Gewalt. Ihnen allen ist gemeinsam, daß sie verwendet werden, als ob es keine Frage mehr sei, wer wen outet. Wer wen mit Ungeduld (Intoleranz) behandelt, wer wen bespitzelt und wer welchen anderen Menschen aufgrund einer ethnischen Bestimmung essentiell für einen Vertreter einer Rasse hält (und entsprechend behandelt: das ungenaue Wort „diskriminieren“, das eigentlich nur „unterscheiden“ bedeutet und immer [in einem gewissen Sinne korrekt] falsch verwendet wird, als sei das Unterscheiden von Ethnien schon Rassismus, wo doch Rassismus [zunächst nur] heißt: biologisch-genetische Determinanten wie charakterliche Determinanten zu betrachten). Der junge Drombusch wird in der Kirche wegen seiner Bundeswehr-Uniform als potentieller Mörder „diskriminiert“, direkt darauf wird Chris Drombusch als „Bulle“ an seiner Uniform erkannt und ermordet (von einer seltsamen Spezies halb Proll-Hools, halb Autonome, die sich nur Leute ausdenken können, die noch auf dem Stand des exakt 1973 entstandenen Begriffs „Polit-Rocker“ sind, der von der Springer-Presse damals erfolgreich lanciert wurde, um politischen Widerstand und Hooliganism zusammenzufassen. Leider hat die Linke nur die Absicht der Springer-Presse, sie zu denunzieren, an diesem Begriff bemerkt, nicht die Chance, das vielleicht revolutionäre Potential von Bikern zu untersuchen). Und unmittelbar nachdem Chris seinen in Uniform (= Haut) zugezogenen Verletzungen erliegt, wird Richy als „Neger“ (= schwarze Hautuniform) von seinem Adoptivgroßvater in spe als Firmenerbe ausgeschlossen.

    3. Gewalt ist out

    In der Februar-Ausgabe von konkret äußern sich die Revolutionären Zellen zu dem Fall eines von einem nicht näher benannten palästinensischen Kommando ermordeten Genossen zu der linken Falle Antisemitismus und der Rolle, die deutsche Terroristen bei der „Diskriminierung“ von Juden unter den Geiseln eines entführten Flugzeugs gespielt hätten. Wolfgang Pohrt kommentiert diesen Text, dem er Inkonsequenz und Larmoyanz vorwirft, in seiner Eigenschaft als schärfster Vertreter des neuen deutschen linken Essentialismus, den ich „Antiantisemitismus“ nenne. Es hat nicht lange gedauert, bis Teile der Linken auf der verzweifelten Suche nach einem Essential unter dem Eindruck des Golfkriegs bei dieser scheinbar selbstverständlichen Position angekommen sind. Der Begriff Antiantisemitismus ist als Modell aber brauchbarer als das, was in der Hektik des CNN-Guckens Anfang letzten Jahres aus dieser Position gemacht wurde. Zunächst informiert das Gerangel um seine Konsequenzen über etwas ganz Wesentliches: Antirassismus, Antiantisemitismus sind keine Selbstverständlichkeiten der guten Kinderstube aufgeklärter Metropolenbewohner, sondern ein Ziel harter gedanklicher Arbeit, wie auch diverse Debatten in Spex gezeigt haben. Vor allem aber hilft dieser Begriff als Modell in dem Dilemma zwischen Aufgabe des alten (falschen) linken Universalismus und der Gefahr der neuen Partikularismen und Nationalismen. Die Probleme der partikularistischen Essentialismen (entscheidend sei jeweils ein Problem/Widerspruch: das der Arbeiterklasse, der Frauen, der ethnischen Minderheiten, der sexuellen Minderheiten – die jeweils anderen seien Nebenwidersprüche) wie der Universalismen (ein System moralischer Maximen gilt für jedes vernünftige Wesen, wer dies nicht anerkennt, ist kein vernünftiges Wesen) sind die mittlerweile von der (sollen wir sagen: ehemaligen?) Linken mehr oder weniger weinerlich akzeptierte Lektion des 20. Jahrhunderts. Die Untauglichkeit der Partikularismen zeigt sich, wenn man sie nicht nur bei jugend- oder minderheitenkulturellen Tribes euphorisch betrachtet, sondern sich das Geschichtsmächtigwerden von Nationalismus und in seinem Gefolge Gangstertum als Nachfolgeorganisationsform von Kommunistischen Parteien global ansieht. Minderheitentribalismen organisieren sich um Minderheitenprobleme im Angesicht einer Mehrheit, indem sie ihnen einen universellen Namen geben: Nation. Oder gar Rasse. Jugendtribalismen ahmen das mehr oder weniger distanziert nach: „We’re justified and we’re ancient.“ Jugendtribalismus verhält sich dann zu osteuropäischen Nationalismen wie sich die alten Post-68er Organisationen zum Weltkommunismus verhalten haben. (Dazwischen liegen als Tertium Comparationis Sachen wie Nation of Islam oder Rastafarianismus). Das alles dürfte genügend deutlich machen, daß solche Parallelen weder über die moralische Qualität noch die politische Legitimität des Parallelisierten genügend taugliche Auskünfte geben. Ich sage das nicht ohne Schmerz, denn die flotte Analogie war mir auch stets eine liebe und teure Waffe gegen alle möglichen Betulichkeiten. Heute richtet sie in der Hand so mancher Zeitgeist-Kolumnisten hauptsächlich Unheil an. Das Verglichene ist so wenig zu vergleichen, wie der Rassismus des Klan mit dem angeblichen Rassismus des vielgescholtenen (und in Deutschland immer als einzigen Genannten, wenn es um schwarze Intellektuelle geht) Professor Jeffries, der die nicht-weißen Sun People gegenüber den weißen Ice People verklärt. Das BKA schaltete in den späten 70ern eine Kampagne in Jugendzeitschriften: „Gewalt ist Shit“. Auf dieser Ebene spielen die heutigen Debatten über Outing, Rassismus oder Tribalismus versus Universalismus. Es müssen andere Paradigmen her. Der Begriff des Antisemitismus bzw. des Antiantisemitismus liefert dafür ein Element, weil er eine partikulare Situation, einen partikularen Fall von Rassismus und dessen Universalisierung durch Ideologie zusammendenkt und sich dazu in Gegenposition bringt, sich ableitet aus einer Gegnerschaft nicht nur zu einem falschen Universalismus (Rassismus), sondern auch zu dessen Einzelfällen (Rassismus gegen Juden) und deren vom Universalismus nicht zu fassenden Spezifika. (Hinzu müßte die Bestimmung „deutsch“ kommen, die unvergleichbar macht, welche Funktion Deutsche in diesem Zusammenhang haben [der sie ebensowenig entgehen können wie ihrer weißen Haut], mit dem, was vorzugsweise hierzulande Fundamentalisten unter den Black Muslims so vorgeworfen wird, als könnte es uns exkulpieren oder deutschen Antisemitismus relativieren. Stattdessen spielt dieser nämlich auch in der seltsamen Region zwischen Geschichtlichem und Anthropologischem, die immer so schwer zu verstehen ist, wenn Schwarze von Schwarz stolz sprechen und Rassisten darin [in Wirklichkeit ihren eigenen] Rassismus wiedererkennen [wollen]: Die vielen Jahrhunderte, in denen Schwarzsein eine gesellschaftliche Tatsache war, haben dafür gesorgt, daß es eine Kultur, Geschichte etc. gibt, die man nur mit einem biologisch-genetischen Wort benennen kann. Die Ungeheuerlichkeit und Einzigartigkeit der Nazi-Verbrechen macht Deutsche ein für allemal zu Verstrickten, so als wäre das ein biologischer, genetisch bestimmter Aspekt ihres Lebens. Deutsch sein heißt tatsächlich, in derselben Ordnung so etwas ähnliches wie das Gegenteil von schwarz sein: so ziemlich das einzige, worauf man nie stolz sein kann. Der z. Z. so viel beklagte Antigermanismus ist daher voll gerechtfertigt. Vor allem, wenn ihn Deutsche empfinden, ebenso der Black Nationalism: aber natürlich nur auf der Grundlage, daß es so etwas wie „Rasse“ weder im biologischen noch im kulturgeschichtlichen Sinne wirklich gibt, sondern nur deren legitime oder illegitime Konstruktion. Und: Was die Deutschen für alle Zeiten zu „Deutschen“ macht, haben sie frei gewählt, was die Schwarzen zu „Schwarzen“ gemacht hat, war keine freie Entscheidung. Und: Wie unwichtig es auch sein mag – KRS-One hält es für Selbstbetrug, sich viel darauf einzubilden und so ständig von der Gegenwart abzulenken –: The Original Man kam tatsächlich aus Afrika, es war allerdings eine Woman. Und zum Antigermanismus: Wann immer ich das Wort „anständig“ lese, entsichere ich …)

    4. Klatsch

    Vor Jahren schrieb ich einmal, Klatsch sei die letzte materialistische Waffe gegen die Meinung. Und an anderer Stelle: Im totalitären Osten herrsche noch die alte Lüge, im Westen die semiotische Vergiftung. Allerlei Vorgänge bringen uns dieses Thema zurück. Outing ist natürlich genau die zielgerichtete, taktische Einsetzung von Klatsch gegen die Unverbindlichkeit von Meinungen und ihren sogenannten Führern. Und sehr viel problematischer als meine gute alte Theorie: Seine Praxis erinnert stark daran, wie K-Gruppen ihre Feinde immer in den unmittelbar benachbarten Gruppen suchten und fanden – und ist trotzdem etwas Anderes. Es ist das beste Beispiel dafür, daß man eben nicht allgemeine Moralgesetze anwenden kann: auf eine Taktik. Der Zweck heiligt die Mittel tatsächlich. Aber wie kann eine Operation, die nicht von oben kommt, unter massenmedialen, kulturindustriellen Bedingungen noch Mittel, Zweck, Risiken, potentielle Fehler richtig einschätzen bzw. überhaupt voneinander trennen; wie kann sie andererseits vermeiden, so skrupulös zu werden, daß Handeln unmöglich wird. Outing ist ein unter Medienbedingungen ersonnenes Programm, das heißt, es arbeitet nur unter den Bedingungen der semiotischen Vergiftungen („Meinungen“). In der altmodischen DDR gab es keine Meinung, und Klatsch wäre keine Waffe gegen sie gewesen, sie hätte erst Meinung erzeugt und damit vielleicht Lügen relativiert, vielleicht zum nächsten Schritt geführt. Der Realsozialismus erweist sich auch auf diesem Terrain als nachholendes Modernisierungsunternehmen, das eben den Anschluß an den entwickelten Kapitalismus sucht. Die Stasi organisierte anscheinend den Klatsch wie eine LPG die materielle Produktion. Ein echter Entmündigungsvorgang, der das Herz von 19. Jahrhundert-Poeten empört höher schlagen läßt und auch ihre veraltete Kunst für einen Moment, wenn man den Zusammenhang isoliert, scheinbar richtige Sätze hervorbringen läßt: Auch darauf geht Biermanns Erfolg zurück, wo doch wirklich jeder außer der Dingsda-Redaktion ihn seit 1976 nur als traurig anachronistisches Relikt archaischer politischer Verhältnisse gesehen hat. Seine geschnauzt empörte Anrufung des Anstands trifft mitunter tatsächlich auf angemessene Weise die archaischen „Verbrechen“ gegen Menschen, die um die Selbstorganisation der eigenen Meinung kämpfen. Und nun allerdings in einem Staat leben, wo „die eigene Meinung“ seit gut 25 Jahren ca. ein gut eingespieltes Verblödungsinstrument erster Sahne darstellt. Und der bedrohliche, riesige Aktenberge, auf denen alles und alles und noch irgendeine Einkaufsliste verzeichnet und abgeheftet sind, nie brauchte, weil er nicht erst seit gestern über eine einigermaßen fortgeschrittene EDV verfügt, die irgendwelche Intimitäten irgendwelcher „Menschen“ einen feuchten Kehrricht interessiert. Im selben Moment behelfen sich aber in beiden Situationen die verunsicherten oder kämpfenden Einzelnen mit dem Benennen von Personen, als wäre der Name eines echt da draußen rumlaufenden Menschen eine letzte Sicherheit und Gewißheit in einer Zeit, wo der Anteil der Menschen, die an das glauben, was sie im Fernsehen sehen – erfreulicherweise – innerhalb der letzten zehn Jahre von 54 % auf 27 % gefallen ist (und weiter fällt). An Personalausweise glauben wohl noch ein paar mehr. (Und daß die Zonis ihre Stasi irgendwo auch ein bißchen lieb haben, liegt natürlich daran, daß die die „Menschen“ echt noch ernst genommen hat.)

    5. Die neue Saison

    Vera Drombusch ist Josef Stalin. (Das wäre ein Schluß, so hätte früher ein Artikel dieser Art von mir aufgehört und ich hätte der in letzter Zeit so oft an mich herangetragenen Bitte, wieder mal einen Artikel „wie früher“ zu schreiben, was ich hier versucht habe, ganz entsprochen; ich kann aber dem Leser nicht ersparen, daß es so einfach eben nicht ist – auch nicht mit dem schnauzbärtigen Diktator, den Wolf Biermann vor seiner Ausbürgerung, als wir ihn noch schätzten, so geliebt zu haben scheint wie wir damals, als Maoisten, natürlich auch. Nein, die Wahrheit ist komplizierter: Witta Pohl ist nämlich Stalin, und das ist verdammt wahr und verdammt komplex, wenn ihr versteht, was ich meine.)

  • Disku(r)s

    Dokumentieren geht über Demonstrieren: ein Reader zur Frankfurter Studenten-Zeitschrift diskus

    Nichts scheint heute, wo ständig schon mal Gewußtes, schon mal Selbstverständliches, nicht wie in den frühen 80ern oder späten 70ern überwunden und erweitert, sondern schlichtweg vergessen wird, so dringend geboten wie die Rekonstruktion der Geschichte der deutschen „neuen“ Linken. Da ihre überlebenden Protagonisten so wenig wie möglich wissen wollen, wer oder was sie wann waren und es vorziehen, eine Rolle bei jener anderen Rekonstruktion zu spielen, die sich darin äußert, daß deutsche Reporter angesichts deutscher Erfolge bei olympischen Spielen immer vom größten Erfolg seit … sprechen und damit einen alten DDR-Erfolg eingemeinden, müssen heutige Aktivisten wie die neue diskus-Redaktion die Sache ihrer im besten Falle resignierten Altvorderen in die Hand nehmen. Hilfreich ist es schon, sich all der zum Teil auch ins Mainstream-Gedankengut eingegangenen Ideen und Begriffe zu erinnern, indem man ihnen beim Entstehen in ihrem ursprünglichen Kontext zusieht. Nicht zu wissen, wofür oder wogegen ein Gedanke entstanden ist, ist meistens die Ursache für seinen Niedergang, auch wenn er einmal tauglich war (und wieder sein könnte). Die Frankfurter Zeitschrift diskus ist ein traditionsreicher Ort systemkritischer Linker. Als biedere Studentenzeitschrift einer Universität, deren Rektor allerdings Horkheimer war, 1951 gegründet, radikalisierte sich das Blatt über die ästhetische Öffnung ihres Kulturteils im Laufe der späten 50er, um, in den 60ern und wieder in den mittleren 70ern, ein wichtiges Forum für die Konstitution einer neuen Linken zu werden. Die seit ’89 amtierende Redaktion, die sich mit dem Problem des Neuanfangs (nicht nur ihrer Zeitschrift) ebenso konfrontiert sieht wie mit der Verwaltung eines Erbes, hat zu verschiedenen Themengruppen Prominentes wie Bezeichnendes zusammengestellt. Weder werden die „historischen“ Promi-Highlights (Dutschke/Krahl, Marcuse; Mescalero-Text plus Debatte etc.) unterschlagen, noch die Kontinuität einer Arbeit die etwa die von Sonnemann, noch wird unterlassen zu dokumentieren, in welche Fallen linkes Denken schon fast strukturell zu tapsen tendiert. Auffälligerweise gab es keine Epoche unter den vielen verschiedenen des diskus, in denen nicht von einer „Krise der Linken“ die Rede war. Das kann in der gegenwärtigen Lage zu den kühnsten Hoffnungen berechtigen (die waren allerdings auch schon früher mit allen Krisen verbunden).

    Redaktion diskus (Hrsg.): Küß den Boden der Freiheit – Texte der neuen Linken, Edition ID-Archiv c/o AurorA Verlagsauslieferung, Knobelsdorffstr. 8, 1000 Berlin 19