Kategorie: Archiv

  • Haoui Montaug, 1952-1991

    Als ich 1982 und ’83 ziemlich lange in New York abhing, war meine Stammkneipe das „Lucky Strike” in der 3rd Avenue (mittlerweile stehen Logo und Name für einen Künstlertreff in SoHo). Chef dieses ambitionierten Konzept-Hangouts war Haoui Montaug, die eine der beiden Kellnerinnen hieß Madonna. Haoui ließ sie gelegentlich in seinem multikulturellen Multi-Media-No-Wave-Kabarett „¡No Entiendes!“ auftreten. Ich setzte mich öfters nachmittags mit Haoui zusammen, der mir seine auf reichlich Erfahrungen basierende Subkultur-Soziologie erläuterte. Sein Begriff der „Privileged Poor“ z. B. bildete einen nicht unwesentlichen Bestandteil des theoretischen Fundaments meines seinerzeitigen Klassikers Sexbeat. Seine tiefen Einsichten hatte Haoui unter anderem erworben, indem er jahrelang in den wichtigsten New Yorker Clubs die Tür machte. Seine unorthodoxe, der Szene mehr als den Brieftaschen verpflichtete Tür-Politik half damals, die Idee in die Welt zu setzen, ein Türsteher könne so etwas wie ein Sozio-Künstler sein, sozialer Architekt einer Szene. Haoui hatte damals eine ganze Schule von Türstehern beeinflußt, vor allem solche, die mit ihm zusammengearbeitet hatten, die später in die Welt ausschwärmten und seinen Stil kurzfristig sogar in Etablissements wie dem Hamburger „Bsirs” durchsetzen konnten. Er hatte mittlerweile den East-Village-Kleinkunst-Circuit mit „¡No Entiendes!” (spanisch: Du verstehst nicht!) aufgemischt, einer Mischung aus Talentshow und New-York-bezogener politischer Agitation. Sein cooler Charme, seine klaren linksradikalen Haltungen, seine Positionen gegen Rassismus und für Gay Rights machten ihn zu einem wichtigen medien- und szenenübergreifenden Aktivisten, der schließlich eine entscheidende Rolle auch bei der Politisierung des New Music Seminars hatte, wo er in den letzten Jahren eine immer wichtigere Rolle innehatte. Mir (und vielen anderen Touris und Neugierigen) hat er in den frühen 80ern geholfen, New York zu verstehen. Permanent unterstützte er alle Arten von Talent, von jungen Disco-Sängerinnen bis zu schwer gezeichneten alten Beatnik-Poeten, Haoui Montaug starb im Juli in New York, seine Freunde sprechen von einem „AIDS-related death“ und von der „dignity”, mit der er sich seinem Schicksal gestellt hat.

  • Fegefeuer der Eitelkeiten

    Wer zwingt den einst besten Regisseur der Welt, Rassismen runterzukurbeln?

    Ich habe den Wolfe-Roman nicht gelesen. Eine Umfrage „Ist das Fegefeuer der Eitelkeiten rassistischer Müll?” ergab unter Kennern drei Ja- und zwei Nein-Stimmen. Brian De Palmas Film versucht, einen Freispruch von diesem Vorwurf zu erwirken, indem er vorgibt, allen ihr Fett zu geben. Die ironische Analyse der New Yorker Politik, Öffentlichkeit, Gesellschaft läßt allerdings nur diejenigen blöd (bis abstoßend) aussehen, deren Geschäft Korruption, Bigotterie und Doppelmoral nicht schon per definitionem ist: Alle Arten von Minderheiten, Widerstandsbewegungen und anderen sogenannten Außenseitern, die für diesen Freund des „wahren Amerika“ lange genug zu Wort gekommen sind. Denn die angeblich zu große Sympathie, die man denen im vergleichsweise liberalen New York immer noch entgegen bringt, das zu große politische Gewicht, das sogenannte ethnische Minderheiten für einen weißgekleideten Wolfe in New York haben, sind der eigentliche Anlaß von dessen Satire. Dabei schafft er sich schlauerweise Komplizen auch unter radikalen Geistern, weil das ewige Im-Munde-Führen politischer Korrektheit und moralischer Gutheit im Namen von Minderheiten-Anliegen bei unbeteiligten Vertretern der liberalen, weißen, mittelständischen moral majority der Ostküste in der Tat unerträglich sein kann.

    Ein Yuppie-Börsianer (Tom Hanks) gerät bei einer Fahrt vom Flughafen mit seiner Geliebten (Melanie Griffith) in die South Bronx, wo er in einer dunklen Gasse, von zwei B-Boys bedroht, einen der beiden mit dem Auto ins Koma befördert. Nach und nach wird er zum Opfer einer von liberalen und schwarzen Medien und Politikern aus Gier, Opportunismus und anderen niederen Beweggründen inszenierten Kampagne. Mag dabei seine eigene Park-Avenue-Umgebung sich ebenso bigott verhalten, ohne Zweifel steht unser weißer Mitbürger, der in der Gefahr mannhaft den Angreifer umnietete, als der Held der Geschichte dar, die der dritten Hauptfigur und wendigen Drahtzieher des Medienrummels, Wolfes Alter Ego, einem versoffenen Journalisten, den Bruce Willis darstellt, am Ende einen Pulitzer-Preis-gekrönten Bestseller einbringt. Von der Reverend-Al-Sharpton-Karikatur, die die Medien-Betreuung der Familie des schwarzen Opfers übernimmt, während der echte Al Sharpton gerade fast erstochen worden wäre, bis zu den krakeelenden B-Boys, Feministinnen und Underground-Aktivisten, die sich im Gerichtssaal danebenbenehmen, während ein weiser, alibischwarzer Richter Recht zugunsten von Tom Hanks spricht – sie alle sind bigotte Versager, während die Repräsentanten weißer Macht eben nur bigott sind – und wer wollte es ihnen übelnehmen, es ist schließlich ihr Job?

    Fataler sind allerdings noch die ästhetischen Fehlleistungen: Brian De Palma versucht mal wieder, einen kommerziellen Film zu drehen und scheitert auf ganzer Linie: seine Manierismen und persönlichen Stilmittel lassen sich halt nicht ganz unterkriegen. Für einen echten Brian-De-Palma-Film war hingegen zu viel Geld und zu wenig gedankliche Konsequenz im Spiel. Unmotiviert wird da nach gut 40 Minuten plötzlich einmal kurz die Leinwand geteilt, dann verschwindet dieses Autoren-Markenzeichen für den Rest des Filmes, ein einziges Mal kreist die Kamera, wie man es von ihm kennt, halbherzig um eine Figur – sie tut es nie wieder. Und auch die etwa aus The Untouchables bekannten, neuartigen Raumbilder schrumpfen zu wenigen, beliebig „unkonventionellen“ Perspektiven, wie man sie eher von einem Ken Russel als von einem Regisseur erwartet hätte, der noch vor kurzem als postmoderner Eisenstein anzutreten schien, dem es um grundsätzliche Revisionen des Raumeindrucks ging.

    Als Trost bleiben drei Hauptdarsteller, denen der halbherzige Manierismus besser bekommt als ihre normale Routine und einige gelungene Witze über ein liberales Establishment, dessen permanentes Ringen um Beruhigung des eigenen Gewissens tatsächlich etwas Komisches hat, auch wenn darüber zu lachen jeder andere als dieser reaktionäre Hilfsdandy im Schafspelz des „realistischen“ Schriftstellers und sein Erfüllungsgehilfe von einem (einst besten) Regisseur (der Welt) ein größeres Recht hätte.

  • Jahrescharts

    LPs

    1. Chumbawamba: Slap!
    2. Public Enemy: Fear Of A Black Planet
    3. Bastro: Diablo Guapo
    4. Vexed: The Good Fight
    5. Tiger: Touch Is A Move
    6. Alice Donut: Mule
    7. X-Clan: To The East, Blackwards
    8. Pure Righteous Teachers: Holy Intellect
    9. Fidelity Jones: Piltdown Lad
    10. Bongwater: Too Much Sleep
    11. Louis Tillet: A Cast Of Aspersion
    12. Killing Time: Bright Side
    13. Giant Sand: Long Time Rant
    14. Lubricated Goat: Schadenfreude
    15. Pinky & The Renegade Posse: Pinky & The Renegade Posse

    Singles

    1. A Tribe Called Quest: „Can I Kick It“ (div.Remixe)
    2. Sonic Youth: „Kool Thing“
    3. Monie Love: „It’s A Shame“
    4. Primal Scream: „Come Together“ (Brain Machine Mix)
    5. Kid Frost: „La Raza“
    6. Flourgon/Ninjaman: „Zig It Up“ (Hip-Hop-Remix)
    7. Jungle Brothers: „Because I Got It Like That“
    8. Carl Meeks/Daddy Lilly: „Heard About My Love“
    9. A Tribe Called Quest: „Bonita Applebum“ (Versions)
    10. Grant Hart: „All Of My Senses“
    11. N.W.A.: „100 Miles And Runnin“
    12. Rebel Princess, Coca Tea & Shabba Ranks: „Just Be Good To Me“
    13. Little Lenny: „Wicked And Wild“
    14. St. Etienne: „Only Love Can Break Your Heart“
    15. Junior Tucker: „Don’t Test“
  • Drei Dramen vom Grill

    Dramatis personae

    Walter Seitter, Kunsthistoriker, Philosoph, Übersetzer, veröffentlicht u. a. bei Merve, Berlin

    Diedrich Diederichsen, Autor dieses Textes, geboren in Hamburg, lebt in Köln

    Franz Bieberkopf, Ex-Skinhead, vorbestraft

    Hildegard Knef, verlebt, hat Koffer in Frankfurt/Oder

    Emil, Junge mit Skateboard

    Partnervermittlerin, da inner Elisabeth Berger y’all

    Gaby, hat noch nicht den Richtigen gefunden

    Rosa von Praunheim, steht auf starke, schräge, schrille Frauen

    Martin Kippenberger, ehemaliger Geschäftsführer des SO36 und von Kippenbergers Büro, hat seine Kunstsammlung in der Paris Bar ausgestellt

    Lydia Lunch, typische New Yorkerin, „extrem“ und „intensiv“, steht auf Berlin

    Sylvère Lotringer, New Yorker Intellektueller, steht auf Berlin, veröffentlicht bei Merve, Berlin

    *

    Kommissar Lohmann, raucht Stinkadores, seine Verhörmethoden sind besonders menschlich und daher besonders brutal, kennt seine Pappenheimer

    Ali Bieberköpf, trägt schwere Taschen, schaut durch Mauern und Menschen hindurch

    Nina Hagen, Berlinerin

    Heiner Müller, raucht Stinkadores

    Blixa Bargeld, Berliner, Sänger, veröffentlicht bei Merve, Berlin

    Diepgen, Politikaster

    Brecht, raucht Stinkadores, typischer zugereister Wessi

    Rudolf Fernau, Bretter bedeuteten ihm die Welt

    Harald Juhnke, postmoderner Berliner

    *

    Karl Marx, schrieb über 1848 in Paris, liegt in London, steht in Ostberlin

    Schwanz, Bordellier

    Fifi Kronsbein, verstorbener Fußball-Trainer

    Michael Rutschky, Essayist, fühlt sich in Berlin wohler als in München

    Zwei Mädchen, reden angeregt über Oswald Wiener

    Oswald Wiener, legendärer Berliner Gastwirt, heute österreichischer Schriftsteller in Kanada, veröffentlicht bei Merve, Berlin; raucht Stinkadores

    Elvira Bach und Salomé, schicke Berliner MalerInnen aus den frühen 80ern

    Syberberg, antisemitischer Pamphletist, von Susan Sontag bewundert

    Leo Lukoschek, raucht Stinkadores

    Ex-Kellner, kennt sich aus

    David Bowie, Londoner, begeisterte sich in Los Angeles für den deutschen Faschismus, zog nach Berlin, lernte Kinder echter SS-Männer kennen und revidierte seine Ansichten. Schrieb trotzdem „Helden/Heroes“.

    Michel Foucault, Philosoph, Paris, soll sich im „Dschungel“ prächtig amüsiert haben; veröffentlichte bei Merve, Berlin

    *

    Türken, Koksgräfinnen, Huren, Ausbesserungsarbeiter

    I. Helden, für einen Tag

    1. Akt, 1. Szene

    Berlin ist kalt und abweisend. Der Golfstrom hatte sich lange vor der Stadtgründung aus dem Staub gemacht und es vorgezogen, die Gestade der Nordsee zu umspülen. Ehemals tropischen Verhältnissen im Spreewald hat nicht erst der pränukleare Fallout der Trabbi-Auspuffrohre mit seinen liebenswerten Vorkriegsschadstoffen den Garaus gemacht. Aber das ist okay mit mir. Ich mag kalte abweisende Städte, ich habe schon als Kind an Auspuffrohren und Benzinleitungen von Käfern mit geteilten Heckscheiben geschnüffelt. In Heidelberg hätte ich mir oder anderen längst das Leben genommen.

    1. Akt, 2. Szene

    Von einem anderen Ort reden. Also: von einem Ort so reden, daß man nicht von diesem Ort wie von allen anderen Orten redet, sondern von einem anderen Ort redet. Die Probleme von Ethnologie und Orientalismus. Neulich habe ich dafür, an einem anderen Ort, nämlich in Wien, von Walter Seitter einen guten Begriff gehört, den dieser aus dem Denken von Foucault (Paris) entnimmt: Heterotopologie, die Lehre des von einem (anderen) Ort Redens. Ich denke, daß ein solches Reden nur herzustellen ist, wenn man berücksichtigt, warum man sich an einem bestimmten Ort für einen bestimmten anderen Ort interessiert. Warum welche Touristen an welche anderen Orte reisen, warum Intellektuelle frankophil sind, Jugendliche schwarze Musik hören und von Berlin in unserem Westdeutschland ein Bild existiert, eine Funktion übernommen wird, die dieses wirkliche Berlin da draußen weder einst noch jetzt unter Kontrolle hat, ja dessen Opfer es längst geworden ist. Das westliche und das östliche in gleicher Weise, und ganz besonders Franz Bieberkopf, der da wohnen muß.

    1. Akt, 3. Szene

    Bieberkopf: „Haben Sie nicht einen Job für mich?“ Würstchenverkäufer: „Was ham Se denn bis jetzt gemacht?“ Bieberkopf: „War in Tegel. Im Knast, wegen Totschlag, hab nen Vietnamesen plattgemacht.“ Würstchenverkäufer: „Na, du kannst ja mal die Currywurstzerkleinermaschine anwerfen.“

    2. Akt, 1. Szene

    Es ist gerade 6 Uhr morgens vorbei, und die liebenswerten Schadstoffe ziehen, zu Schleimfädchen verdichtet, durch die aus fahlem Morgenlicht und von kriegsstromknappen, dunkelgelben Straßenlaternen illuminierte Berliner Innenstadt. „Hier ist Berlin, Heterotopologischer Garten! Eingefahrener Schnellzug aus Aachen fährt weiter nach Warschau, mit Kurswagen nach Moskau.“ Im Gegensatz zu allen früheren Berlin-Besuchen bleibe ich, um bis Berlin Hbf, früher Ostbahnhof, weiterzufahren, auf meinem Platz sitzen und begrüße die einsteigenden Polen- und Frankfurt/Oder-Fahrer. Eine verlebte Hildegard Knef und ein freundlicher Pole beklagen das Tempo, mit dem der Zug durch Gesamtberlin schaukelt: „Det is zu langsam, det is immer noch sozialistisches Tempo!“ Die Fahrt über die Berliner Stationen (Wannsee – Zoologischer Garten – Friedrichstraße – Hbf) dauert indes auch nicht länger als die Route Harburg – Hauptbahnhof – Dammtor – Altona im ungeteilten Hamburg. Dafür sind es in Berlin Namen, die man aus Emil und die Detektive kennt.

    2. Akt, 2. Szene

    Zur selben Zeit (7 Uhr) begann noch bis vor kurzem im Rest Deutschlands die Berlin-Propaganda. RIAS-TV, das erste öffentlich-rechtliche Frühstücksfernsehen, läßt keinen Zweifel daran, von welchem neuen Mittelpunkt Deutschlands aus es sendet, Groß-Berlin bekommt sogar einen eigenen Wetterbericht. Menschen, denen geographisch und kulturell Paris oder Brüssel, Kopenhagen oder Wien näherliegt, erfahren, daß heute zu 80 % mit Sprühregen zu rechnen ist. Und was aus der Schweinezucht im neuen Bundesland Brandenburg werden soll. Diese inzwischen vermutlich wegen Ungeschicklichkeit gegenüber der zahlenden Westbevölkerung aus dem Programm genommene, viel zu frühe, zu aufgeregte Hauptstadt-Präpotenz hat mich – traditioneller Berlin-Gegner der 80er – bewogen, gestern abend um 23 Uhr in Köln in diesen Schlafwagen zu steigen.

    2. Akt, 3. Szene

    Nur für Berliner bietet das Kabelfernsehen allerdings den weltweiten Nachrichtenkanal CNN an, den notorischen Hauptnutznießer des Golfkrieges und anderer brandneuer Verhältnisse. Er paßt gut ins Bild. Daneben liegen lustige türkische Kanäle, AFN und vor allem diverse Sonder- und offene Kanäle, auf denen rund um die Uhr Partnervermittlung zu sehen ist. Die patientengeschulte Frauenstimme fragt aus dem Off die sich auf dem Pfauenthron anbietende Gaby: „Wie würdest du deinen Wunschpartner charakterisieren?“ – „Ja, treu soll er sein.“ – „Und?“ – „Ehrlich.“ – „Und wie würdest du dich selbst beschreiben?“ – „Ja, zuallererst treu.“ — „Und?“ – „Ehrlich.“

    3. Akt, 1. Szene

    „Das Wichtigste ist, daß du ihn nicht überlastest, bloß nicht überlasten, nie zuviel einschütten.“ Am Ostbahnhof hat die Schicht der Ausbesserungsarbeiter begonnen. Die 20er Jahre, auf die Berlin angeblich so stolz ist und die es nicht müde wird, in unzähligen Hommages an ehemalige, im Dienst am Schrillen ergraute Nackttänzerinnen von Rosa von Praunheim nostalgisch wiederbeleben zu lassen, sollen gnadenlos vernichtet werden. Zum Glück darf man die Zementmischer aber nicht überlasten, also wird es damit noch eine Weile dauern.

    3. Akt, 2. Szene

    „Marxisten für Rätedemokratie!“ Ein beeindruckender, schiefer Zettel, der da unbeachtet an einem Konsum-Laden klebt. Er erinnert an ein vergessenes, circa 1972 endgültig aus jeder Diskussion verschwundenes Programm: Die Menschen sollen sich selbst vertreten, nichts anderes darf sie vertreten. Nur im Osten ist also die Befreiung des Menschen von der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen noch denkbar, nein mehr: Sie verträgt sogar noch den Namen einer fast pragmatischen, organisatorischen Forderung, die dem Pragmatismus und Eingeschüchtertsein der westdeutschen Linken schon so entfallen ist, daß sie sich nicht mal mehr daran erinnern, sie vergessen oder abgeschrieben zu haben. „Die Rolle des Genossen Trotzki bei der Oktoberrevolution“ heißt eine andere Veranstaltung, die direkt an den armen, bräunlichen Außenmauern des Berliner Hauptbahnhofs angekündigt wird.

    3. Akt, 3. Szene

    Ferenczi verglich die Unzulänglichkeiten des Orgasmus mit denen der parlamentarischen Demokratie. Ein Vertreter vertritt den ganzen Körper, sich mit einem Vertreter des Gegenübers austauschend, auf Gesandtenebene. (In Berlin-Romanen heißen Diplomaten immer Gesandte, bei „Tim und Struppi“, deren Welt der Balkankönige und Bananenrepubliken wiederherzustellen die gegenwärtige Restauration besonders auffällig bemüht ist, sowieso.)

    Kippenberger, der, von Berlin aus, mit der Ausstellung „Elend“ 1979 die seinerzeit neue deutsche Kunst der 80er losgetreten hat und zur selben Zeit als erster Lydia Lunch in seinen Club „SO36“ in Kreuzberg geladen hat und damit den New Yorker Berlin-Fanatismus anzündete, der sich wenig später in „The German Issue“ der von Sylvère Lotringer herausgegebenen Zeitschrift Semiotext(e) austoben sollte, während im wirklichen Westdeutschland weitaus interessantere Dinge zu beobachten waren, dieser heute bekannte Künstler Kippenberger sagte neulich, er fühle sich nicht als Künstler, sondern als Vertreter. Berlin soll Deutschland vertreten, aber kann es sich selbst vertreten, außer mal eben die Beine? Soll es vielleicht gerade deswegen den großen Anderen (Deutschland) vertreten und darf sich selbst nicht vertreten?

    II. Helden, für immer und immer

    1. Akt, 1. Szene

    Eigentlich gibt es zwischen Ost- und West-Berlin keine Unterschiede. In beiden Stadthälften wohnt der Berliner, beide sind von und für Berliner erbaut worden. In beiden Städten sind die Straßen so breit, daß der einzelne Erwachsene sich mehr als dreimal langlegen müßte, um das Trottoir in seiner Breite zu bedecken, wird Sorge getragen, daß man sich nicht anrempelt oder gar begegnet. In beiden Städten steht autoritäre Architektur rum. In beiden Städten sind kühne Kahlschläge von Verkehrsadern durch das einstige Dickicht der Städte geschlagen worden. In beiden Städten spukt das Gespenst der Autorität und des Autoritären. In beiden Städten leben autoritäre Persönlichkeiten, regelt reale, lebendige Autorität das wirkliche Leben. In beiden Städten hat man sich in jahrhundertelanger Preußenzeit dagegen eine sogenannte Aufmüpfigkeit ausgedacht, einen rührenden, regredierten kleinen Humor, der es erlaubt, kleine, als Souveränität empfundene Reservate im Bieberkopf auszubilden, sogenanntes Über-sich-lachen-Können und eine „kesse“ Frechdachsigkeit, damit die „Würde“, von der die überall sich ausbreitende, entfaltende, sich reckende und streckende Autorität spricht, nicht zuviel Schaden nehme. Betonung auf „Müpf“: „Sie ham mer ja nüscht zu sagen, Sie!“ – „Wat soll ick denn machen?“

    1. Akt, 2. Szene

    Die Aufmüpfigkeit ist redselig, macht immer zu viele Worte, damit nicht eines ernst oder verbindlich klinge, daß Kommunikation gar nicht erst aufkommt (bei der ein souveräner Mensch einem anderen furchtlos Einblicke gewährt, wo man „Schwäche zeigen kann, ohne Stärke zu provozieren“, ähem!). Der Berliner quatscht sich von Anekdote zu Anekdote durchs Leben, frei von der Leber weg, mit Kartoffelpüree und Apfelmus. Er ist der ewige verdächtige Kleinkriminelle, der sich mit seiner Schnauze aus der Scheiße schwadroniert. Verhört von dem ewigen Kommissar Lohmann. Und reitet sich dabei natürlich immer weiter in die Scheiße.

    1. Akt, 3. Szene

    Ich dagegen genieße es natürlich, über 10 Meter breite Trottoirs durch die Nacht zu stiefeln. 20 Minuten zu brauchen, um in einer normalen Wohnstraße von Nummer 1 bis Nummer 72 zu kommen. Genieße es, daß mir anderswo bemäntelte oder und durch subtilere Macht-Verhältnisse ersetzte alte Autorität überall furchterregende Schatten ins Blickfeld wirft, mich mit schneidender Kälte und brutalen Blockwart- und Skinhead-Visagen dazu drängt, mich nach Verbündeten, meinesgleichen, umzusehen. (Die Voraussetzung für die berühmte Berliner Subkultur, all die Jahre: Ohne Berlin wäre die Studentenrevolte niemals eine antiautoritäre geworden, so dafür Sorge tragend, daß auch die längst viel versteckteren, sublimierteren Herrschaftsformen im Westen als autoritäre demaskiert werden konnten.) Ich finde es abenteuerlich, ich bin ja auch Tourist und nehme das wahr, was West-Touristen, Provinz-Jugendliche und New Yorker seit Jahren in atemloses Staunen versetzt: Die South Bronx und das Bukarest der Preußen. Die Nacht ist jung und vielversprechend, die Räume, die ich frierend abschreite, sind immens, die abweisenden Urstromtäler von Straßen genialer als jede Trümmerzone der ebenso viel und falsch rezipierten South Bronx. Alle 7 Minuten begegnet mir der frierende Türke mit seiner Plastiktüte, Ali Bieberköpf, alle 10 Minuten eine Würstchenbude, hinter deren Tresen ein anderer Türke sitzt und an mir vorbei in die riesige Nacht starrt. Absolut keine Ahnung, an was er denken könnte. Absolut keine Ahnung, was diese Berliner empfinden, die sich immer durch diese Straßen schleppen und in deren Kopf ihre „Schnauze“ sitzt und müpfige pointenreiche Beschwerden und Anekdoten komponiert. Denn keen Mensch hat sie je vertreten. Nicht einmal Hertha BSC.

    2. Akt, 1. Szene

    Seit Jahren vertritt Berlin stattdessen eine nostalgische, jene nur zu gern von noch jedem Establishment eingeräumte und vom Ministerium fürs Pittoreske finanzierte Nische des Schrillen besetzende Klein-Kunst-, Freak- und Außenseiter-Folklore. Ihr Berlin hat so wenig mit dem wirklichen, nicht bearbeiteten, nicht ausgesprochenen Berlin und seinen großen Nächten zu tun, nichts mit dem wirklichen Abenteuer seiner zugigen, leeren und dennoch von ungelesenen Spuren übersäten Aufgeräumtheit, so wenig wie „Lambada“ mit Favelas oder „Bandolero“ mit Gitano-Siedlungen um Madrid. Aber die innere, vor allem aber die äußere offizielle wie inoffizielle Berlin-Repräsentation, Berlin-Werbung, Berlin-Selbstdarstellung hat immer wieder dafür gesorgt, daß bei dem ersten kalten, fahlen Gefühl in der großen Berliner Nacht diese Verniedlichungen sich als Namen für das Gefühl im Gemüt des Touristen einstellen. Wie der Müpf im Kopf des verzweifelten Bieberkopf.

    2. Akt, 2. Szene

    Warum aber will jeder Tourist genau das von Berlin, warum will er Weimarland, Borussiapark, Off-Off-Schrillshow, warum kämpft er nicht – wie auch ich jetzt wieder mit zuwenig Engagement – um die ernste, andere, kalte Wahrheit und das mit ihr beginnende Abenteuer, das hier ungeschützt auf der Straße liegt? denke ich, während ich irgendwo im Osten im „Egon-Erwin-Kisch-Café“ („Kommunistischer Journalist – ‚der rasende Reporter‘“, informiert eine Tafel) sitze und ein belegtes Brötchen mit Käse und Salat frühstücke. Ich war gerade der Spur eines rechtsradikalen Parolenschreibers mit violettem Edding gefolgt. Erst hatte er über einen Marx geschrieben: „Rasier dich erst mal, rote Sau!“, ein paar Straßen weiter auf „Wolf Biermann soll deutscher Präsident werden“, inzwischen zusehends besoffener und krakelig „Wolf Biermann“ durchgestrichen und „Franz Schönhuber“ eingesetzt, schließlich, kurz vorm Abwinken, auf das Plakat einer antifaschistischen Theateraufführung: „Hört doch endlich mit der Hitler-Scheiße auf!“

    2. Akt, 3. Szene

    Und natürlich hat „Lambada“ mit Favelas zu tun, sonst könnten wir gar nicht wissen, daß es so wenig damit zu tun hat. In dem Maße, in dem wir einen Rest „Favela“ in „Lambada“, mit unseren anderen (musikalischen) Informationen über „Favela“ abgleichend, vorfinden, können wir entscheiden, daß der andere Teil „Nichtfavela“ ist. Wir haben aber keine anderen musikalisch, sprachlich oder sonstwie notierten Infos über Berlin. Die können wir hier nur heute morgen sehen und riechen. Hören nicht, hören können wir ja nur das aufmüpfige, ängstliche Geschwätz.

    3. Akt, 1. Szene

    Der Drang zur Bühne beherrscht Berlin. An unsichtbaren Fäden zieht der Schnürboden der Vergangenheit noch immer auch die besten Berliner, Heiner Müller und Blixa Bargeld etwa, auf die Bühne. Die schlimmsten machen derweil unermüdlich und seit Jahrzehnten ihre Off-Off-Off-Modenschau, wo seit 10 Jahren Bundespost-Säcke mit ausgeschnittenen Löchern als Abendgarderobe dem treulich berichtenden Aspekte-Mann freudiger Anlaß sind, einmal mehr das Loblied auf „Unangepaßtheit und Kreativität“ zu singen. (In der dunklen Nacht da draußen räumten zur selben Zeit vom rot-grünen Senat beauftragte Beamte drei besetzte Häuser. Wahlkampf. Auch die Alternativen wollen Sitze im preußischen Landtag. Und wie immer, wenn man den Alternativen anschließend die Quittung präsentieren will, übernimmt Diepgen.) Natürlich liegen auf alten Bühnenbrettern alle Probleme Berlins schon gelöst und beschrieben irgendwo herum. Verständlich, daß alle noch immer diese Bretter suchen. Aber währenddessen ist da draußen auch in Berlin ein wirkliches, anderes 1990, um das sich keiner kümmert. Und jetzt ist 1991.

    3. Akt, 2. Szene

    31. 10.1924. Ich entdecke Brecht lesend in der U-Bahn, die zum Zoo fährt. Von dort begleite ich ihn in seine Atelierwohnung und erwähnte, während er sich mit einer seiner Stinkadores einqualmte, die Fehlingsche Auffassung des Kent in (Brechts) „Eduard“. Währenddessen fixierten seine dunklen, punktförmigen Vogelaugen eine Bleistiftspitze und ironisch abschließend sagte er: „Grundfalsch. Das emotionelle Theater ist tot. Nur die drüben am Gendarmmarkt (wo sich das preußische Staatstheater befand – Anm. d. Verf.) wissen es anscheinend noch nicht. Außerdem: warum peitscht man sie ständig in eine krankhafte Ekstase, der Expressionismus ist doch passé.“ Er reichte mir über den Tisch eine angebrochene Schrippe, wie die Berliner sagen. „Sprechen Sie nochmals den Text und essen Sie dabei, das entkrampft. Trocken wie ein Heeresbericht muß dieser Verrat konstatiert werden.“ „Aber es soll doch tragisch wirken“, wagte ich, einzuwerfen. „Ich pfeif auf Tragik“, replizierte Brecht: „Tragisch ist allein der Vorgang. Und über den sollen sich die Leute Gedanken machen.“ Als er nun mit bannend krächzender Stimme diese Verratsszene vorspielte, ging mir eine Art neuer Seifensieder auf und riß mich zu erregt beipflichtenden Jajajas hin. „Emotionen sind Gefühlsdampf und vernebeln das Denken“, sagte Brecht. Und während er mir an der Tür Abschied nehmend die Hand gab, mahnte er: „Bleiben Sie ja bei der Stange. Und denken Sie an das Sprichwort: Tue Brecht und scheue niemand.“

    aus: Rudolf Fernau: Als Lied begann’s – Lebenstagebuch eines Schauspielers, erweiterte Taschenbuchausgabe, München 1975

    3. Akt, 3. Szene

    Die Schrill- und Müpf-Folklore aber hat ungehinderten Zugang zu allen Distributionskanälen deutscher Propaganda, das ist so und war so, im Westen wie im Osten, Front- oder Hauptstadt. Letztere brachte, als sie begann, „eigenständige“ (post-Brecht, post-Becher) Kultur zu entwickeln, dieselben Mythen hervor: Solo Sunny, Unsere Leichen leben noch, Nina Hagen, Harald Juhnke – alles dasselbe (Juhnke ist natürlich am besten: denn er lacht über das Lachen-über-sich-selbst): ewiges Preußen und ewiges Untertanentum, Lächeln mit bitterem Zug um die Mundwinkel, Uns geht’s ja noch gold, zwischen Staatsarchitektur, Staatskultur, Staatsstraßen und staatlich geförderter Kleinstrebellion öffnet sich die „Schnauze“ und gibt den architektonischen Besonderheiten freche Namen. Schmunzel, schmunzel. Wie nennen die Berliner nochmal die neue Philharmonie? Picklige Placenta? Neckische Nebenniere? Pissige Petunie?

    III. Schüsse peitschen die Nacht

    1. Akt, 1. Szene

    In den Buchhandlungen des Ostens, an der Humboldt-Uni, im Café am Rosa-Luxemburg-Platz, überall diese ernsten, in die Arbeit versunkenen Mädchen, die eifrigen, nach Innen gekehrten Jungs. Prachtvolle Deutsche. Sie entwickeln die anachronistischen Innenwelten, in denen noch staubige Liedermacher, evangelische Gedichte und vielleicht sogar Rätedemokratie Platz haben könnten. Ich bilde mir ein, daß sie sich von dem schlimmsten Trick, sich mit dem Unerträglichen abzufinden, befreit haben: dem Berliner Humor. Später sehe ich diesen Gesichtsausdruck auch im Westen. Auch hier gibt sich wohl niemand der vom Ministerium fürs Pittoreske lancierten Idee noch hin, unordentliches Herumstehen in unordentlichen Klammotten reize irgendeine Autorität bis aufs Blut. Andererseits wollen eben mittlerweile auch die westlichen – oft selbsternannten – Underdogs, die sprichwörtlichen, aus deutschen Kleinstädten entsprungenen, hungrigen Kleinbürgerkids, noch irgendwas mit echtem Straßenschmutz zu tun haben, wo es jetzt plötzlich zu viele echte Underdogs gibt: völlig unromantische Polen, Schadstoff-Zonis, arme Säue, deren Schmutz kein antibürgerlicher, bürgerlicher Putz ist.

    1. Akt, 2. Szene

    „Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden“, heißt es in Marxens 18ten Brumaire des Louis Napoleon Bonaparte. Wenn man dieses fundamentale Problem des ganzen Untertanentums erkennt, kann man auch „Rätedemokratie“ denken. Wie in Berlin nicht einmal die einfachsten Repräsentationen einer Stadtkultur funktionieren, kann man an den Katastrophen der Berliner Nachkriegsfußballgeschichte ebenso klar ablesen wie an der Unfähigkeit der Politiker, die eigene Korruptheit wenigstens noch über für Laien unverfängliche Eigennamen zu tarnen. In Bordell- und Bauskandale verwickelte Dunkelmänner heißen hier wirklich Schwanz mit Nachnamen. Man kann das für Ehrlichkeit halten. Ein Trainer, der Hertha trainierte, zur Zeit als man in diesem Verein den Bundesliga-Skandal erfand, und der später in den Verdacht geriet, seine Frau ermordet zu haben, hieß wirklich „Fifi“. Tasmania Berlin hält den Minus-Rekord aller Bundesliga-Mannschaften aller Spielzeiten. Hertha schließt diese Saison als zweitschlechteste Mannschaft aller Zeiten ab und ist so oft auf legale und illegale Weise unter aller Anstrengung aller Finstermänner und Axel-Springer-Verlage in die Bundesliga gehievt worden, aber steigt doch immer wieder ab. Der Weltgeist will keine Berliner in der Bundesliga.

    1. Akt, 3. Szene

    Als er an der U-Bahn „Potsdamer Platz“ anfing, völkische Zeitungen zu verkaufen, ging Bieberkopfs Niedergang los. 62 Jahre später gibt es unter diesem Platz wieder einen U-Bahnhof. Der Platz ist noch ein riesiger, leerer Sandhaufen und Todesstreifenspielplatz für finnische oder niedersächsische Schulklassen. Ein paar Meter weiter ist das Gelände des „Sportvereins für Gebrauchshunde“. Hier üben die alten Frontstadt-Blockwarte mit den Schäferhunden, die sie sonntagsmorgens, wie entsicherte Schießeisen am Gurt, an langer Leine über breite Bürgersteige Gassi führen.

    2. Akt, 1. Szene

    Diese Nacht ist ein Trip. Niemand hat mehr Humor, niemand biedert sich an, niemand scheint mehr an dem alten Problem zu leiden, den Berliner machen zu müssen. Und niemand erzählt einem mehr, daß das Leben in Berlin ein Tanz auf dem Vulkan sei. Wie könnte man auch, die Geschichte hat sich ja nun Verunsicherungen ausgedacht, die keine romantische Gefahrenmetapher in ihrer Schulweisheit sich je hätte träumen lassen. Von einem beeindruckenden Spaziergang durch, um und ins Gleisdreieck – Sandhaufen, Kipplaster, ein frierender Punk, ein Mädchen mit Theorie aus dem Merve-Verlag unterm Arm – lasse ich mich Richtung Kreuzberg treiben. In einem Café sitzt Michael Rutschky und redigiert ein Manuskript. Über Berlin, wie ich annehme. Vielleicht schreiben ja die Schriftsteller nun etwas, was den Einwohnern aus der Verhedderung in ihr eigenes Spiegelbild heraushilft. Obwohl ich bezweifle, daß die Schrift dafür stark genug ist.

    2. Akt, 2. Szene

    An meinem Nebentisch essen zwei Mädchen Joghurt und unterhalten sich über die beiden neuen Bücher des Oswald Wiener. Der hatte in den 70er Jahren, als die Berliner Kunstszene noch funktionierte – wie ich mal als Zuspätgeborener aus ihren Dokumenten schließend zu ihren Gunsten annehme und von trivialen Wilden, mit ihrer nur zu gut ins Berlin-Symptom passenden Nostalgie-Malerei der Elvira Bachs und Salomés noch nicht viel zu spüren war, als der Merve-Verlag ein neues Denken erstmals ins Deutsche übersetzte, Foucault im „Dschungel“ tanzte und Bowie sich den Satz „Schüsse peitschen die Nacht“ übersetzen ließ, mit dem „Exil“ und der „Paris Bar“ für einen legendären, mondänen Boheme-Treffpunkt gesorgt, die auch nach Wieners Umzug nach Kanada noch prima als Seismograph wenigstens des etablierten Berliner Kulturlebens funktionieren.

    Zwischenspiel

    Fahre ich also in die Kantstraße, um das Paris-Bar-Orakel zu befragen. Doch schon der flüchtige Blick von außen, auf den besten Platz im Lokal, den Fensterplatz, rechts von der Tür, gewahrte Fürchterliches. Der leibhaftige Syberberg fährt sich herrenmenschlich durchs Haupthaar, die weniger leibhaftige Edith Clever sitzt ihm gegenüber. Sollte dieser Geist jetzt Einzug gehalten haben in Berlin? Was macht ausgerechnet der Antisemit und Neo-Reaktionär Syberberg inmitten der entarteten jüdischen Unkultur, die in Gestalt von von Kippenberger gesammelten Bildern – kein Kiefer ist darunter – von der Wand der „Paris Bar“ in dichtester Salon-Hängung sein visionäres Blickfeld verstellt. Während ich so denke, wächst Leo Lukoschek neben mir, fast bis in Schulterhöhe, aus dem Boden und verlangt vom Oberkellner jovial nach einer Zigarre, fast so lang und kompakt wie er selbst. Syberberg und Clever sind inzwischen mit dem Verzehr fertig geworden. Daß solche Typen in der „Paris Bar“ überhaupt bedient werden, ein Ort, der mir für das Bessere in Berlin, neben Free Music Production, SO36, Kumpelnest, Risiko all die Jahre ein Name war. „Ach, der Syberberg“, meint einer, der hier früher gekellnert hat, „der sitzt doch immer nur am Katzentisch.“

    3. Akt

    Zurück zum nächtlichen Würstchengrill. Ein paar Türken schaffen ein paar Spielautomaten in einen Lastwagen. Reiche Deutsche entfalten Stadtpläne. Traurige Huren fixieren voller Verachtung ihre deutschnationalen Freier. Bieberkopf wirft die zuckende Zerkleinerungsmaschine an. Koksgräfinnen tippeln nervös vorbei, und in der Ferne kreischt die Elektrische. Bild und Wirklichkeit von Berlin halten – parasitär aneinandergebunden – Atavismen am Leben. Namenloses neues Leben darunter, darüber, dahinter. Auf dem Papier verhält sich Berlin zur Zukunft Europas wie Bagdad zur Zukunft der Welt. Spezialisiert für Wiege und Totenbett diverser Zivilisationen. Aber auf Papier stehen immer nur tote Buchstaben, ihre große Zahl in Bezug auf Berlin blockiert den Zugang zu der unermeßlichen Leere, wo die wirklichen Berliner wirklich leben und durch die hindurchgeht der Wind.

    Nachspiel in Bonn

    Wir „fanden uns selbst“ in der Differenz, die sich auftat, wenn wir versuchten, Engländer oder Amerikaner zu sein: unser „Eigenes“ war nie deutsch, sondern unvollkommen amerikanisch (oder englisch, französisch, spanisch). Wir wissen mehr über amerikanische als über deutsche Geschichte – und mehr über schwarze Amerikaner als über deutsche Juden. Der nicht-ganz-amerikanische Bundesrepublikaner ist der einzige uns akzeptable Landsmann; der Fußgänger-Zonen-Freizeit-Trottel uns trotz aller Flirts mit seiner (gewaltsamen) Vernichtung immer noch und unendlich viel näher (und lieber) als jeder DEUTSCHE. Aber der ist eh schon lange tot, seine Rekonstruktion und seine Hauptstadt werden künstlicher sein als es die BRD je war: ungeschminkt sozialstaatgewordene Durchgangsstation internationaler Geldströme und Technologie-Konkurrenz, die sich (wenigstens symbolisch) noch bekämpfen ließ. Der rekonstruierte Deutsche wird von seiner Konstruiertheit nichts wissen, keine Differenz mehr wahrnehmen. In Berlin ist jetzt schwer was los: Tekkno – einst als Techno eine schwarze Musik, aus der alles Schwarze entfernt wurde – ist die erste, junge, neue, postmodern deutsche, „eigenständige“ Popmusik. Sehr underground, sehr hart, sehr eigen-ständig.