Autor: admin

  • Spirituelle Reaktionäre und völkische Vernunftkritiker

    Nach der Wende: Syberberg und Foucaults falsche Freunde

    Wie die alten Völker ihre Vorgeschichte in der Imagination erlebten, in der Mythologie, so haben wir Deutsche unsere Nachgeschichte in Gedanken erlebt, in der Philosophie. Wir sind philosophische Zeitgenossen der Gegenwart, ohne ihre historischen Zeitgenossen zu sein.

    Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, Einleitung

    Erste Initiation im Frühjahr 1982: Dietmar Kamper läßt mich nach Tübingen kommen. Mattenklott, Bergfleth, Sonnemann, Gehrke – und Baudrillard. Ein Hauch von Entspanntheit und savoir vivre. Claudia hat ein ausgezeichnetes Menü organisiert; ich darf neben Baudrillard sitzen und ihm meine Philosophie erzählen. Nach einem Spaziergang trage ich mich mit Kamper und Baudrillard in Hölderlins Turm ins Buch ein. Ich bin glücklich.

    Alexander Dill, „Franzosen, Französinnen und ich“, in: Tumult, 15

    Wenn alle inneren Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.

    Marx, ebenda

    Ende 1990 suche ich mir einen Platz in der „Paris-Bar“ in Berlin und stelle fest, daß der einzige freie Stuhl mich zwingen würde, neben HJ Syberberg und schräg gegenüber seiner Muse E. Clever Platz zu nehmen. Den „Fall Syberberg“ gab es noch nicht, der Kampf der völkischen Rechten, deutschtümelnden Kultur- und Identitätsbewahrer um kulturelle Hegemonie, die Flut sogenannter rechter Intelligenz-Blätter zeichnete sich noch nicht ab, das heiße Medienthema „Neue Rechte“ und die Flut von Buchveröffentlichungen, die ihm folgen sollten, war an keinem Horizont zu sehen. Außer für Hubert Winkels, der mir auf der Buchmesse von seinen Recherchen zu diesem Thema erzählt hatte. Und als der leibhaftige Syberberg da wenige Meter von mir sein Herrenmenschenlodencape überwarf, streifte mich doch der Hauch eines Horrors. Die sogenannte „Wiedervereinigung“ hatte also doch stattgefunden. Und Witzfiguren wie dieser windige Wagnerianer waren plötzlich ernst zu nehmen? Ich schrieb einen Artikel für Spex, der dort im Januar ’91 erschien.1

    Drei Jahre später nehme ich in Oberhausen an einem dieser Symposien zum Thema Hip-Hop teil. Da es sich um Filmfestspiele handelt, nähert man sich dem Thema über Videos und die Konstruktion von „Ethnischer Identität“. Natürlich geht es auch wieder um die Frage, ob Weiße rappen können/dürfen/sollen. Die amerikanische, schwarze Universitätslehrerin Tricia Rose erklärt den Anwesenden den Unterschied zwischen den korrekten 3rd Base oder House Of Pain auf der einen Seite und den unkorrekten Vanilla Ice oder Snow auf der anderen. Anhand der Fantastischen Vier erklärt sie, was Minstrelsy bedeutet. Minstrels seien im vorigen Jahrhundert auch oft schwarz geschminkte Weiße gewesen, die sich darüber lustig machten, wie sich Schwarze über Weiße lustig machten. Die Diskussion greift die Frage auf, wie Deutsche, die von dieser komplexen Tradition gegenseitiger, aber letztlich immer von den weißen Machthabern zu ihren Gunsten entschiedenen „Rassen“-Parodien ja kaum etwas wissen können, dennoch das gleiche Verhalten an den Tag legen können. Tricia Rose plädiert dafür, daß man sich mit „sich selbst beschäftigen“ soll, während ich die Ansicht vertrete, daß die deutsche Nachkriegs-Pop-Kultur immer schon offen eine Imitationskultur gewesen sei, darin gerade ihre große Chance lag, Fiktionen wie „Identität“ zu entgehen, die doch nur als offensive Strategien von Machtlosen schön und wahr werden könnten, während Tricia Rose dagegen hält, französischer Rap sei besser, weil er sich auf spezifisch Französisches einlasse, ich wiederum entgegne, guten deutschen Rap unterscheide man von schlechtem am leichtesten dadurch, wenn man untersucht, wer da spricht, die Plattenindustrie oder ein Fan. Chuck Stone III, ein Video-Regisseur, der mit Tricia Rose gekommen ist, spricht sich für House Of Pain aus, weil die ihre irische „Ethnicity“ zelebrieren. Ich melde gerade daran meine Bedenken an und erkläre, daß ich auf deutsche Rapper, die ihre deutsche „Ethnicity“ zelebrieren, gut verzichten kann. Da erhebt sich eine Frau und erklärt, daß man uns Deutschen seit 45 Jahren – sie sagt wirklich: seit 45 Jahren – die Identität genommen habe („Sehen Sie sich nur die Lehrpläne an!“) und daß die Kids, womit sie nur die Skins meinen kann, jetzt die Schnauze voll hätten, nicht sagen zu können, daß sie stolz wären, Deutsche zu sein.

    Bizarrerweise solidarisieren sich die Afro-Amerikaner und Afro-Briten vorübergehend mit diesen Sätzen, die einen auch dann aufhorchen lassen müßten, wenn man nicht weiß, daß „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein“ bekanntermaßen ein Aufnäher ist, der nur von offenen Nazis getragen wird. Eine andere jüngere Dame solidarisiert sich ausdrücklich, eine weitere spricht davon, daß man im Film wieder die Nationalkulturen respektieren müsse. Die jüngere erklärt in der auf Englisch geführten Diskussion, daß wir unsere „Whiteness“ befragen müßten und daß die Existenz einer deutschen Identität schon durch prügelnde Nazis bewiesen sei (gegen meine Einlassung, nationale Identitäten seien Fiktionen mit unterschiedlichen Funktionen; die des Black Nationalism z. B. teilweise politisch korrekt, diverse postjugoslawische verheerend und eine deutsche ganz bestimmt unerträglich). Es wurde wirrer und erregter, bis schließlich die erste Frau das Drama der deutschen Umerziehung erneut beklagte. 45 Jahre Erziehung hätten uns unsere Identität ausgetrieben. Wer hat das denn gemacht?, frage ich wiederholt, wer wollte das denn, wessen Interesse entsprach dieser vermeintliche kulturelle Kahlschlag? Die Juden?, die Kommunisten?, biete ich an, als sie eine Antwort verweigert. Da kommt es, leise, aber bestimmt: die Amerikaner.

    In dieser Einschätzung trifft sich diese völkische Kulturpolitikerin nicht nur mit allen Bands der vielbeschworenen und umraunten Rechtsrock-Szene, die alle neben je einem obligaten Kinderficker-Song einen Anti-McDonald’s-die-Amis-haben-uns-unsere-Bratwurst-weggenommen-Klopper im Programm haben, ihre Rede ist auch die Essenz eines Buches, eben von HJ Syberberg, das den Endpunkt eines intellektuellen Verfalls im Westdeutschland der Achtziger ebenso markiert wie den Unstern, unter dem das neue Deutschland seine historische Mission beginnt. Es ist zur Zeit bei Linken die Versuchung zu erkennen, durch Ortung und Beobachtung der neuen Rechten wieder Boden unter die eigenen Füße zu bekommen. Das staunende Lesen der Frechheiten in der FAZ, der immer weiter voranschreitenden Übernahme des Spiegels kann zum Selbstzweck werden: klare Verhältnisse schaffen, die nicht klar sind und zum Spiegelbild der Neurose werden, die sich in der verzweifelten Suche der FAZ nach der Linken ausdrückt. Die Suchanzeige „What’s Left“ ist ja auch ein Hilfeschrei von Leuten, denen das Weltbild kaputtgeht. Nur sind die 1.) an der Macht und damit auch an der Definitionsmacht: Sie erklären, was normal ist und wo die Abweichung beginnt. Normal sind zur Zeit in der FAZ die Nazi-Manifeste ihres Herausgebers Reißmüller („Was sich da alles selbst verwirklicht“), während der amüsante Rortyaner Patrick Bahners auf den Kulturseiten die den guten fraktionsübergreifenden Ruf stabilisierende Ausnahme darstellt. 2.) zeigen Fälle wie die Diskussion in Oberhausen, daß man sich überall und zwangsläufig mit Positionen auseinandersetzen muß, die man zwar auch stärkt, wenn man sie nur benennt und beschreibt, die man aber auch nicht mehr ignorieren kann. Und 3.) geht es mir in diesem Text eher darum, den Anteil an dem Schlamassel aufzuzeigen, den Künstlertypen wie unsereins zu verantworten haben, nicht darum, den neuen und alten deutschen Rechten ihre Geschichte zu schreiben.

    1990 versprach ein Buch2 von Hans-Jürgen Syberberg per Klappentext „unseren kulturellen Identitätsverlust in der Nachkriegsepoche“ zu beschreiben, als eine „Niederschrift der Trauer und zugleich eine Befreiungsgeschichte“: „Nicht nach links, nicht nach rechts geht der Weg.“ Das erinnert an den Titel von Zeev Sternhells „Ni droite, ni gauche“, auf das sich kürzlich eine Auseinandersetzung des Bataille-Experten Denis Hollier mit dem Faschismusverdacht in der Bataille-Rezeption in einer Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift October bezieht. Die Bataille-Rezeption lag ja in Amerika in den Händen von Feministen, Körperkünstlern, Anwälten und Praktikern aller Arten von „perversen“ Lebensweisen, vom masochistischen Dichter bis zum gepierceten Techno-Musiker: Die Bataille-Mode war eine gegenkulturelle Mode, eher die Erweiterung des „emanzipativen Projekts“ als ihr Ende. Syberbergs Buch erschien in dem Verlag, auf dessen Konto nicht nur das Gros der deutschen Bataille-Veröffentlichungen, sondern auch die prominenteste Bataille-Sekundärliteratur geht. Aber ich fürchte, daß diese „Ambiguity“ wirklich nicht mehr ist als ein „cover for an univocal fascism“3, was Denis Hollier für Batailles „Collège de Sociologie“ zurückweist, und nicht „profound ambiguities, which are as such – as ambiguities – at the heart of what was thought …“. Alle Eindeutigkeiten im kulturellen Bereich entstehen aber durch eindeutige Kontextualisierungen prinzipiell immer eher zweideutiger, importierter Kunst/Kultur-Daten.

    Der Weg zu dem Ergebnis, daß die taktisch ambige Formulierung „Weder rechts noch links“ sich (nicht nur in diesem Falle) ganz eindeutig mit „rechts“ übersetzen läßt, konnte sich den luxuriös-großherzigen Verzicht auf ermittelndes und verdächtigendes Lesen leider nicht mehr leisten. Er führte uns auch an einem Bataille-Übersetzer und-Herausgeber vorbei. Denn wir müssen ein paar Figuren beobachten, ein paar Orte und Unternehmungen, die mit dem Abbau und der Entsorgung des linken deutschen Denkens der Siebziger während der Achtziger, zum Teil auch aus zunächst guten Gründen, beschäftigt waren und im Namen von Poststrukturalismus, vor allem aber im Namen von Foucault und Bataille, an einem Vergessen mitgewirkt haben, das am Ende – der zeitlich mit dem Anfang des vereinigten Deutschlands zusammenfällt – sich nur noch jener als Geschichte ausgegebenen deutschen Mythen erinnert, die vergessen oder bewältigt und hinter sich gelassen zu haben die ganze Welt unbegründeterweise und unvorsichtigerweise der neuen Nation auf der Suche nach Identität, Vertrauen vorschießend, zutraut.

    Anläßlich der „Wiedervereinigung“ Deutschlands eine „Identität“ zu basteln, war und ist ein weitverbreitetes Anliegen, das ebensoviele ehemalige Linke wie Rechte erfaßt hat. Diejenigen, die die unpassende Frage stellen, wozu man solch Identität denn braucht, wurden mit viel publizistischem und propagandistischem Aufwand aussortiert. Uneinigkeit, welche Materialien für das Fundament der Identität zulässig seien und welche Notwendigkeit überhaupt historisch forderte, Nationen zu Identitäten zu verhelfen, wurde meist durch anspielungsreiche Vagheit überspielt. Da ging Syberberg dann eben doch ein paar Schritte zu weit, oder zu früh ein paar Schritte zu weit, sowohl bei der Festlegung der Materialien wie bei der Bestimmung ihres Zwecks. Zumindestens gemessen an dem, was das offizielle westdeutsche Feuilleton zum Erscheinungstermin an Genauigkeit ertragen konnte, ohne in Konflikt mit dem zu geraten, was es eben immer nur andeutungsweise sagen darf: seinen neuen hegemonialen Ansprüchen, seiner Handlungsfähigkeit, ob mit Blauhelm oder als Weltwirtschaftsmacht, Führung der EG oder Bollwerk gegen anstürmende Ausländer aus dem Osten, deren Reisefreiheit vierzig Jahre lang eingeklagt worden war. Daß konservative Zeitungen wie die FAZ in den Chor der Empörung gegen Syberbergs Buch Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem Kriege in einem Ton mit einfielen, der sich schrill von ihrer vertraut mild-manierlichen Melodie unterschied, legte den Verdacht nahe, daß hier einfach einer aus den eigenen Reihen zu deutlich geworden war. Die antisemitischen „Stellen“ waren schnell gefunden und wurden als skandalöse Slogans anstelle einer symptomologischen Lektüre geoutet, die aufgedeckt hätte, daß die Gemeinsamkeiten des Pamphlets mit dem Tagesgeschäft der FAZ-Ideologie bei genauer Lektüre des Buches doch stärker ins Gewicht fallen müßten als die Unterschiede im Ton und in den literarischen Tischsitten.

    Schnell wurde ein Symposion in Berlin einberufen, über das anderntags – eilige Reichssache – alle Tageszeitungen und sogar das Fernsehen berichteten. Syberberg-Fans wie Susan Sontag wurden dort mit Sätzen konfrontiert, die auch sie „erschreckend“4 fanden, auch wenn das keinen Einfluß auf ihre Wertschätzung der Syberbergschen Kunst hätte. Heiner Müller moderierte gelangweilt, im Publikum hörte man rechtsradikale Zwischenrufe, aber nur Klaus Theweleit griff Syberberg direkt an, dem seine Lieblingsdarstellerin Edith Clever sekundierte, indem sie den Verfall des Niveaus in der Demokratie bejammert. Alles sei so gemein geworden.

    Daß Syberberg sich für einen Verfolgten der Kulturbürokratie hält, ist keine neue Information, gegen massen- und gegenkulturelle Erscheinungsformen hat er auch schon vor mehr als zehn Jahren in Die freudlose Gesellschaft und dann wieder 1984 in Der Wald steht schwarz und schweigt in einer atemlosen Sprache gewettert, die Anzeichen einer paranoiden Sinnestrübung nicht mehr zu verbergen versuchte. Dem meist zitierten Satz aus dem „Unglücksbuch“ – „Wer mit den Juden ging wie mit den Linken machte Karriere, und es hatte nicht mit Liebe und Verständnis oder gar Zuneigung zu tun. Wie konnten das Juden ertragen, es sei denn sie wollten nur Macht“5 – folgt unmittelbar die Formulierung von der „Kunst ohne Volk oder billiger, bequemer, schneller Wegwerfwaren wie Punk, Pop oder Junk“, deren Modell sich schon über zehn Jahre zuvor in der freudlosen Gesellschaft als gegen Jeans-, Turnschuhträger und andere gerichtet, mit deren Bekleidung weder Staat noch Identität zu machen ist, lesen ließ.

    Nur eine Rezension ging 1990 freundlich mit Syberberg um. Bernd Mattheus veröffentlichte sie in der klerikalkonservativen Wochenzeitung Rheinischer Merkur – Christ und Welt. Mattheus kann man kennen als Aphoristiker und Essayist, der eine zweibändige „Thanatographie“ Georges Batailles schrieb und mit dem Verleger Axel Matthes zusammen 1985 in dessen Matthes-&-Seitz-Verlag die Anthologie Ich gestatte mir die Revolte6 herausgab, in der neben Texten klassisch konservativer und/oder kulturpessimistischer Autoren wie Jünger, Cioran, Klages und Leon Bloy Radikale und Revolteure aller Art wie Artaud, Bataille, Carl Einstein, Marcel Broodthaers und Oswald Wiener zu Wort kommen. Darin finden sich aber auch bemerkenswerte Sätze des Verlegers, die sich nicht nur stilistisch erstaunlich an den 1990 von Syberberg (nicht zum ersten Mal) angeschlagenen Ton anschmiegen. Z. B. gegen das, was er dem Hörensagen nach als „Radical Chic“ kennt: „Prestige, klischiert und medioker wie das Insein eines heterosexuellen Frisörs und einer lesbischen Mutter. Godards Filme haschen nach Radikalität wie Achternbuschs Hervorbringungen und die von einer Intellektuellenschickeria hochgeputschten pubertären Phantasien à la Rainald Goetz, ähnlich sehe ich den apokalyptischen Dandysmus des späten Beuys. Der Verschönerungspunker sehnt sich nach Ordnung und eindeutigen Verhältnissen wie der Schablonenmensch. Und ist der Computerfreak bei seinen Verrichtungen so anders?“7 Gegen Postmoderne: „Die These, es gäbe nur eine endlose Wiederbelebung bekannter Positionen, halte ich für eine Argumentationsmode der Entertainer in einer Bordellgesellschaft.“8 Und gegen einen „anthropomorphen“ Zeitgeist ohne Sinn für echte Radikalität. Daß der Haß gegen die keiner Mühe der Prüfung und Sichtung mehr unterzogene zeitgenössische Bordell-Kultur wenigstens noch die Namen wahllos herausgegriffener und offensichtlich nicht vertrauter Personen (Beuys, Goetz, Godard, Achternbusch) und vermeintlicher Zeiterscheinungen (Punker, Computerfreak, heterosexueller Frisör) nennt, markiert die sieben Jahre Differenz zu Syberberg, der dann nur noch global von „Pop, Punk und Junk“ reden kann: Jetzt hat man nicht mal mehr die Zeit, sich die Namen dessen zu merken, was man diffus bedrohlich, schmutzig und vor allem frivol findet. Wobei Syberberg nicht einmal die Tautologie aufzufallen scheint, sich selbst „Punk“ oder „Junk“ nennenden Produktionsweisen Wegwerfmentalität vorzuwerfen. Um unter anderen Kritikern der Warenform noch Verbündete zu suchen, ist es zu spät, wohl weil einem langsam, trotz ständigen Beschwörens der leeren Konsum- und Wegwerfmentalität, dämmert, daß es einem eh um was anderes geht: Im Gegensatz zum depressiven Matthes von ’85 hat Syberberg ja mittlerweile eine Hoffnung; nicht nur vom Unglück, auch vom Glück handelt ja sein Buch. Zwar muß vorher sehr viel möglichst schnell verschwinden, was die neue Identität gefährden könnte. Aber im Prinzip herrscht Hochstimmung.

    Syberberg publizierte bei verschiedenen, in der Regel angesehenen, liberalen Mainstream-Verlagen, zuletzt vor Matthes & Seitz bei Diogenes. Sein erstes Buch für Matthes & Seitz hat selbst den, wie wir später sehen werden, einiges gewohnten Verleger schockiert. Aus Syberbergs Vorrede geht hervor, daß Matthes von ihm eine einleitende Standortbestimmung haben wollte, die vielleicht vernebeln sollte, was denn doch nicht zu übersehen war. Syberberg gehorcht und nennt seine Helden: Kiefer, Tarkowski, Thomas Bernhard, in der Politik: Gorbatschow, Václav Havel und Walesa, dann Ernst Jünger, Heidegger und sogar noch Hannah Arendt, bevor er sich bei biblischen, mythischen und antiken Figuren verliert.9 Ein Jahr später tauchen einige dieser Namen (Jünger, Heidegger) wieder auf, als Axel Matthes in einem Beitrag zum Matthes-&-Seitz-Verlagsalmanach Der Pfahl mit dem „Spiesser- und Mitläufertum unter deutschen Intellektuellen“ anläßlich der inzwischen zur „Affäre“ gewordenen Syberberg-Debatte abrechnet.10

    Neben anderen Leitfiguren des „neokonservativen“ (um es mal vorsichtig zur formulieren) Deutschlands (Carl Schmitt, Spengler etc.) kommt auch Theodor W. Adorno zu unerwarteten Ehren („der trotz der voreiligen Malicen zu Heidegger, Spengler und Sibelius ein hervorragender Anarch war“). Matthes zitiert Adorno von 1947: „Stalin braucht sich nur zu räuspern und sie werfen Kafka und van Gogh auf den Misthaufen.“ Das lasse sich bruchlos auf unsere liberal verseuchte Kultur applizieren: „Mittlerweile braucht nur ein Magazin-Redakteur über Syberberg zu zetern und die Kampfbündler rangieren den Autor und Künstler samt Verlag aus.“ Die besondere Komik des Vergleichs von Stalin mit dem hier gemeinten harmlosen Herrn Karasek vom Spiegel, einem Mann, der am liebsten über Woody Allen und gemütliche Glossen unter Pseudonym schreibt und dessen radikalster Moment vermutlich vor über zehn Jahren das Bekenntnis war, sich durchaus auch an einem James-Bond-Film freuen zu können, wird noch verschärft dadurch, daß Matthes hier von einer Steigerung der falschen Verhältnisse spricht: Karasek schlimmer als Stalin, das Verbrechen, Syberberg auszurangieren, fataler als der Misthaufen für Kafka und van Gogh. Daß Adorno dafür herhalten muß, ist allerdings symptomatisch.

    Wir müssen noch etwas weiter ausholen: 1978 veröffentlichte der Berliner Merve-Verlag den Reader Das Schillern der Revolte11, der nicht nur am Anfang der Rezeption neuerer französischer Theorie durch deutsche (ehemalige) Linke steht, sondern auch die bemerkenswerte Karriere des Begriffs Revolte einleitet, die mit Syberbergs heroischer Auflehnung gegen internationales Judentum und Junk Culture ihr vorläufiges Ende findet. Vorher war Merve vor allem ein Verlag der „Internationalen Marxistischen Diskussion“ gewesen. Neben Sohn-Rethel veröffentlichten dort z. B. Toni Negri und andere „undogmatische Linke“, wie man sie damals nannte. Unmittelbare Vorläufer von diesem Reader waren Veröffentlichungen zu den Projekten italienischer Autonomer (etwa die Sendeprotokolle des Senders „Alice A/traverso“) und deutsche Übersetzungen von Foucault, Althusser und Deleuze/Guattari. Im Schillern äußern sich erstmals auch deutsche Anhänger der noch diffus rezipierten französischen Novitäten. Bis dahin waren Foucault und Deleuze/Guattari wie auch Derrida nur einem kleinen Kreis von Spezialwissenschaftlern bekannt gewesen; der immense Erfolg von Klaus Theweleits Männerphantasien hatte durch seine vielen Fußnoten und Verweise, die sich besonders auf Foucault und Deleuze/Guattaris Anti-Ödipus (in Deutschland 1976 erschienen) bezogen, den Boden für das allgemeine Interesse bereitet. Zu den Autoren des Schillerns gehören so unterschiedliche Leute wie der ehemalige SDS-Aktivist Franz Böckelmann, in den frühen Sechzigern gemeinsam mit Dieter Kunzelmann Begründer der „Subversiven Aktion“ (einer Nachfolge-Organisation der deutschen Sektion der Situationistischen Internationale), später „Katastrophentheoretiker“ und Mitbegründer und Herausgeber der Zeitschrift Tumult – Zeitschrift für Verkehrswissenschaft, Dietmar Kamper, heute einer der bekanntesten Professoren der Republik, der sich in Berlin 1993 doch tatsächlich mit dem „Nouvelle-Droite“-Chefarsch Alain de Benoist zu einer Diskussion an einen Tisch setzen wollte, und die Foucault-Übersetzer Walter Seitter und Ulrich Raulff. Seitter nimmt darin Abschied von der „Litanei Marx Marx“12 und schlägt eine andere Lesart des Mai ’68 vor, dessen Symbole nun „die schwarze Fahne der Anarchie und die bunten Wandschriften der Poesie“ gewesen sein sollen. Das nahm ihm im Berlin zwischen Punk und Tunix natürlich niemand übel.

    Tatsächlich war die etablierte Linke in Frankreich mit dem Mai ’68 so erledigt wie sie in Deutschland nicht erledigt sein konnte, weil es eine etablierte Linke in der Nachkriegszeit nicht gegeben hatte. 1956 wurde die KPD verboten, die Sozialdemokraten hatten im Godesberger Programm 1959 den Begriff „Klassenkampf“ gestrichen, und in den fünfziger Jahren war es im Westen nicht einmal immer möglich, ein Stück von Brecht auf die Bühne zu bringen. Die in der Nachfolge der deutschen Studentenbewegung gegründeten diversen maoistischen Sekten, die sogenannten K-Gruppen (KPD, KPD/ML, KBW, KB etc.), die sich im Laufe der Siebziger in selbstquälerischen Spaltungen immer weiter atomisierten, glichen eher einer nachholenden Parodie auf die Geschichte des Weltkommunismus. Man überbot sich an Rigidität und Parteidisziplin und glaubte sich trotz totaler politischer Bedeutungslosigkeit in einer Kampffront mit der Arbeiterklasse. Bezeichnenderweise hatte ein Teil der K-Gruppen im Einklang mit dem offiziellen China den sowjetischen „Sozialimperialismus“ zum Hauptfeind erklärt, die NATO galt als das kleinere Übel. So konnte dann auch die Forderung nach einer „Wiedervereinigung“ eines sozialistischen Deutschlands ein Ziel sein, das teuer genug war, um junge Genossen zu zwingen, nicht bürgerlich-pazifistisch den Kriegsdienst zu verweigern, sondern in der antisowjetischen Bundeswehr Dienst zu tun. Als gegen Ende der Siebziger die K-Gruppen sich der Reihe nach aufzulösen begannen und ihre ehemaligen Mitglieder sich in vielen Fällen in den Reihen von Spontis, Bürgerinitiativen und anderen „autonomen“ oder „mikropolitischen“ Bewegungen wiederfanden, begann auch die Rezeption einer für Deutschland neuen französischen Theorie, deren Texte aber in der Regel damals circa schon ein Jahrzehnt alt waren. Die „Abwicklung“ der eigenen K-Gruppen-Vergangenheit ging mit scheinbar dem gleichen Tempo und der gleichen Reibungslosigkeit vonstatten, die man in den späten Achtzigern noch einmal bei der Wandlung von orthodox marzistischen oder von der kritischen Theorie kommenden Wissenschaftlern in Systemtheoretiker beobachten konnte. Indem man sich einer französischen Theorie zuwandte, die schon lange zuvor auch in Gegnerschaft zur Orthodoxie der etablierten Linken entstanden war, bekämpfte und exorzierte man aber den eigenen Stalinismus in der K-Gruppe; ihm und sich eine Bedeutung zusprechend, die weder die Individuen noch die Parteien je hatten. Denn daß dieser Stalinismus selber schon eine hysterische Antwort auf die Abwesenheit einer kommunistischen Geschichte in Deutschland gewesen war, eine machtlose Farce mit mitunter sympathischen Zügen von Jugendtribalismus und Pfadfindertum, an deren Händen nicht nur kein Blut klebte, von einigen kleineren Psychodramen abgesehen, sondern dessen Zustandekommen eher der „Anamnese der Genese“ als protestantischer Selbstbezichtigung bedurft hätte, wurde in diesem Akt der Reue über die Anmaßung politischer Bedeutung unter den Teppich einer neuen Gewißheit gekehrt: daß wir alle Skelette im Schrank haben und uns ganz schnell zu verantwortungsvollen und handlungsfähigen Demokraten wandeln müssen. In der Grünen Partei oder anderswo. (Man fühlt sich an die Penetranz erinnert, mit der Ex-Linke, vermeintliche Linke und Rechte heutzutage den Mythos von einer kulturellen Hegemonie der Linken aufrecht erhalten und einer schon lange verflüchtigten Linken Verbrechen und Versäumnisse vorwerfen, die sie gar nicht begangen haben kann). Zwar ist von Seitter nicht bekannt oder zu vermuten, daß er eine K-Gruppen-Vergangenheit zu bewältigen hatte. Aber daß man nun anders und von neuem an den Mai ’68 anschließen konnte, der plötzlich ein ganz anderer Mai geworden war, nicht mehr der Mai der Wütenden und Situationisten, nicht der Mai der Maoisten und des Generalstreiks, sondern ein Mai der Poesie und der Cohn-Bendits, ein Mai der unmittelbar zu Ariane Mnouchkine und Jérôme Savary, nicht mehr zu Guy Debord oder Jacques Mesrine oder Malcolm McLaren führen sollte, war eine Botschaft, die zu Anfang der achtziger Jahre überall auf den fruchtbaren Boden fiel, auf dem auch Traumtheater, begnadete Körper und anderer Quatsch wuchs. Überall griffen bunte, zirzensische Phantasien nach der Macht.

    Die Texte im Schillern sind natürlich in ihrer Zeit nicht nur zu erklären, sondern auch oft berechtigt: schon im Benennen von Argumenten gegen einen tatsächlich seinerzeit frigide gewordenen und mit der sozialdemokratischen Kulturbürokratie paktierenden linken Common Sense. Die Wenden von ’77/’78 haben ja auch damit zu tun gehabt, daß die sozialdemokratische Kultur marxistische Positionen und Aufklärungen repressiv einsetzte, ja daß sogar der Erfinder der Rasterfahndung gegen die RAF und andere politische Abweichler, BKA-Präsident Herold, seine Konzepte in einer marxistischen Begrifflichkeit erläuterte (die einem aber schon damals verdächtig nach Systemtheorie hätte schmecken können, wenn man die damals schon beachtet hätte). Da hatte Deutschland seine späte KP und Dialektik der Aufklärung bekommen, aber die Selbstbestrafung durch Fallenlassen der eigenen Politisierung, die die radikalen linken Intellektuellen betrieben, richtete sich gegen sich selbst und das eigene Milieu – anders als etwa der zur selben Zeit aufkommende Punk-Rock –, nicht gegen die sozialdemokratische Macht. Und im Zuge dieser Zerknirschung – die immer das bestätigende Gegenteil von Bearbeitung ist – gerieten auch die antifaschistischen Ursachen der Politisierung der deutschen Intellektuellen in Vergessenheit: Sie war jetzt nur noch die falsche Wahl zwischen zwei Möglichkeiten, den Mai ’68 zu lesen, gewesen. Am Ende heißt es ’78 bei Seitter: „Auch der Solitär ist ein Prüfstein der Politik.“ Dieser wurde dann als heroisches Komplement zu grüner Realpolitik auch die Lieblingsfigur endloser Anthologien und Verlagsmitteilungen aus dem postlinken Nachfolge-Milieu, vom Konkursbuch-Verlag bis zu Matthes & Seitz: so unterschiedlich die Autoren und Traditionen, die in diesem Verlag zusammen kamen, sie alle wurden, wenn nötig durch manchmal krude Interpretationen auf Klappentexten (etwa wenn Marcel Aymé zum kämpferischen Anti-Sozialisten erklärt wird), auf die Position des Solitärs eingeschworen. Und das einzig denkbare korrekte Verhalten des Solitärs bekam den Namen Revolte. Auf dem Klappentext des Schillerns hingegen erscheint noch in aller Unschuld eine Losung, die heute in der Bundesrepublik Deutschland zu den häufigsten Attributen von Klappentexten bis zu Stellenanzeigen gehört und deren Beliebtheit als Gratislob für die billigste Unangepaßtheit bezeichnend ist, besser: für die totale, hysterische Angepaßtheit an die Standards des kulturellen Konkurrenzkampfes: „Querdenken“. Damit wollten sich aber die späteren Solitäre und Revolteure nicht mehr abspeisen lassen.

    „Es handelt sich um eine Methode der Zersetzung, die vor nichts halt macht“, schreiben Robert Müller und Michael Makropoulos13 über das neue Denken, das jetzt an die Stelle des „linken“ Denkens treten soll, in einem Aufsatz, der nicht nur damals für die Theorie der Punkbewegung in Deutschland wichtig wurde, sondern auch heute noch in seiner Anwendung von Foucault und Deleuze/Guattari auf das damalige Elend im Studentenmilieu zutreffend ist: „… und schon gar nicht vor dem Mythos der jeweiligen Identität der revolutionären Gruppen oder Individuen.“ Denn nicht nur diese „Identitäten“ konnten einem damals in der Tat auf die Nerven gehen (wie die meisten „Identitäten“ – wir sprachen davon). Es war die Zeit linker Strickkurse und einer Dritte-Welt-Solidarität, die auf anderer Leute Elend die eigene Regression projizierte und gefahrlos anderswo eine übersichtliche Anordnung von Widersprüchen fand. Dagegen forderte man, und dieser Text untermauerte diese Forderung mit „aufregenden“ Zitaten eines neuen unbekannten Denkens, eine Subversion, die im Namen der „Ränder“ und der „Fluchten“ den Kapitalismus bekämpfte. (Daß es gegen den Kapitalismus ginge, war ’78 noch ziemlich unumstritten, und Agnoli und Brückner dürfen noch als Zeugen auftreten). Am Ende ihres Textes zitieren Müller/Makropoulos ein/en Bonmot/Aphorismus eines gewissen Gerd Bergfleth, den sie wie ein Gedicht umbrechen.

    Ein paar Jahre später erscheint bei Matthes & Seitz in dem Reader Zur Kritik der palavernden Aufklärung14 ein Text von Bergfleth, der erstmals, u. a. von der Hamburger Zeitschrift Spuren, einen Antisemitismus-Vorwurf gegen ein Produkt von Matthes & Seitz laut werden läßt. Bisherige Autoren des Verlages wie z. B. Elisabeth Lenk, die die erste Bataille-Edition für Matthes & Seitz besorgt hatte, ziehen Manuskripte zurück.15 Matthes & Seitz war zu diesem Zeitpunkt, neben Merve, der Verlag, der sich am ausführlichsten und engagiertesten um die Veröffentlichung lange übersehener französischer Texte in Deutschland verdient gemacht hatte: Bataille, Artaud, Laure, Leiris und Barthes waren bei Matthes & Seitz erschienen. Bataille später herausgegeben und teilweise übersetzt von Bergfleth. Als ’8216 Baudrillards Symbolischer Tausch und der Tod erschien, versah Verleger Matthes den Band mit einem langen Nachwort von Bergfleth (gegen den Willen des Autors) und verfuhr dann wieder genauso, als Die Göttliche Linke erschien. Diesmal reichte allerdings ein Nachwort nicht: Neben dem russischen Kunsttheoretiker Boris Groys schrieben diesmal zwei Autoren, die man als Vertreter des deutschen Rechtsradikalismus nicht erst entlarven mußte: Hans Dietrich Sander, Herausgeber der rechtsradikalen Zeitschrift Staatsbriefe – regelmäßig von Hermann Kurzke in seiner FAZ-Zeitschriftenschau berücksichtigt – und Verfasser von Texten wie „Der nationale Imperativ – Ideengänge und Werkstücke zur Wiederherstellung Deutschlands“ oder „Von der geistigen Knechtschaft der Deutschen und ihrer möglichen Aufhebung“; und der besonders schillernde Günther „Cubamaschke“ Maschke, der ursprünglich als Linker nach Cuba ging, sich dort einem Putschversuch gegen Castro anschloß und dann als rechter Theoretiker und Philologe zurückkehrte, die Werke Carl Schmitts in einer eigens für ihn bei Klett-Cotta eingerichteten „Edition Maschke“ herausgibt, die Texte jenes Staatsrechtlers, der seinerzeit Hitlers Ermächtigungsgesetz rechtfertigte und heute an allen Fronten eine Renaissance erlebt (wobei dahingestellt bleiben soll, ob Teile seines Werkes tatsächlich entdeckt zu werden lohnen – Maoisten, aber auch Anarchisten der Siebziger hatten auch immer schon allerlei Übertragbares gefunden, Seitter wird Schmitt 1991 einen „exzeptionellen deutschen Denker des Politischen“ nennen). Heute gibt Maschke die Werke von Schmitts spanischem Vorbild Juan Donoso Cortés heraus und dient jungen neuen Faschos von der Etappe bis zur Jungen Freiheit (auch immer liebevoll in der FAZ rezensiert) als Vaterfigur. Daß Maschke und Sander bei Matthes & Seitz publizierten, verunsicherte aber kaum diejenigen Intellektuellen, die sich bei M&S all die Jahre ihre Batailles und Oswald Wieners, ihre Baudrillards und Panizzas geholt hatten; nur Baudrillard selber: denn der mußte seine Nachworte ja lesen.17

    1990 erscheint ein Text von Bergfleth in den Staatsbriefen, aus dem sicher auszugsweise Zitate genügen, um diejenigen zu widerlegen, die das, was seine Kritiker für „Antisemitismus“ gehalten haben, als den „geschworenen Antifaschismus“ eines eben etwas exzentrischen und besonders radikalen deutschen Anhänger des Poststrukturalismus verteidigen, nur weil Bergfleth auch in seinem 1991er Beitrag zum M&S-Almanach Der Pfahl weiter munter Foucault zitiert18: „… Das Volk hat vollbracht, was sonst nur Beethovens Neunte bewirkt: es hat die Welt erschüttert. Aller Makel ist getilgt, aller ihm zugeschriebener Untertanengeist gelöscht. (…) Die Volksbewegung der DDR stellt das wahre Deutschland dar, das die Westdeutschen verraten haben – verraten an eine kapitalliberale Ökonomieseuche, die den Volkskörper zerfressen hat, an einen Technikkult, der das Land verwüstet, und an weltbürgerliche Lebenslügen, die darauf angelegt sind, die Zerstörung des deutschen Volkscharakters zu vollenden. Der Liberalismus ist die Spitze des europäisch-atlantischen Nihilismus. (…) Eine Aufhebung des Okkupationsstatus auf beiden Seiten mitsamt der wehrhaften Blockfreiheit Gesamtdeutschlands wird das mindeste sein, das zu gewährleisten ist. (…) Denn die Wiedergeburt der Nation setzt eine volkmäßige Erneuerung voraus, die den Westdeutschen noch bevorsteht. Erst wenn dieses Unvolk sich gegen seine technokratisch-amerikanische Knechtung erhebt, wird es reif sein, sich als freies Volk mit dem freien Volk der DDR zu vereinen. Die Volkserhebung der DDR ist der erste Akt einer nationalen Erhebung aller Deutschen, an deren Ende die Einheit der Nation stehen wird: das Deutsche Reich.“19

    Vier Jahre zuvor hatte Rolf Grimminger Axel Matthes mit Sätzen des von ihm so viel beschäftigten Autors Bergfleth konfrontiert.20 „Grimminger: Ihr Autor Bergfleth hat bei ihnen einen Aufsatz stehen, in dem das Irren böse abrutscht, es restauriert völkischnationale bis nationalsozialistische Mythen. Wie verhalten Sie sich als Verleger zu diesem Skandal? Matthes: Ihre Lesart, die Sie mit anderen linker Provenienz teilen, die in der Presse geschrieben haben, ist irrig. Da wurde mit Rosenberg und Streicher verglichen. Man liest nicht, was man liest, sondern was man ist. Grimminger: Moment mal, ich zitiere jetzt im O-Ton Bergfleth, ‚daß das aufklärerische Judentum in der Regel keinen Sinn hat für … deutsche Eigenart … romantische Sehnsucht … Verbundenheit mit der Natur … nicht auszurottende Erinnerung an die heidnisch germanische Vergangenheit …‘ Oder noch schlimmer: ‚So züchtet die neue Aufklärung einen Unmenschen …, einen Deutschen, der Europäer, Amerikaner, Jude oder was immer sein darf, nur nicht er selbst. Er ist dank der linken Reeducation, die seine Kriegsniederlage erst vollständig macht, zum Gastarbeiter im eigenen Land geworden …, der das Gnadenbrot seiner Kultivierung von den linken Herrenzynikern der Aufklärungsmafia empfängt.‘ Das reicht wohl. Matthes: Ich weiß: Bergfleth fordert unseren selbstgewissen Zeitgeist heraus, er hat an ein bundesdeutsches Tabu gerade bei den Intellektuellen gerührt, zu denen ich mich als Verleger auch zähle. Ich kann die Aufregung in meiner Brust nachvollziehen, schließlich bin ich mit Benjamin und Adorno geistig groß geworden. Bergfleth ist kein Philosemit, und wir haben in Bundesdeutschland einen Philosemitismus, der ebenso unfrei wie verlogen ist. Bergfleth (…) ist aber auch kein rassischer Antisemit. So wenig wie Nietzsche! (…) Adorno hat sich beißend kritisch über Dvořák, Rachmaninow, Tschaikowski geäußert, aber ist er darum antislawisch?“

    Und wieder Adorno. Nicht nur, daß geistig mit ihm groß geworden zu sein nicht viel gefruchtet zu haben scheint, daß die unter zuviel Philosemitismus leidenden Geister immer wieder ihn ins Feld führen, geschieht natürlich wegen seiner Kritik der Kulturindustrie, seiner Affekte gegen Jazz, gegen amerikanische Populärkultur, von der er ähnlich undeutliche Vorstellungen hatte wie Syberberg von Junk und Punk und Matthes von Godard und Computerfreaks; wegen seines Geprägtseins von einem bürgerlichen Kunstgenuß der letzten Jahrhundertwende, an dem sich auch der reaktionäre Musikliebhaber immer wieder wärmen kann. So wie in der Dialektik der Aufklärung von allgemeinen Merkmalen der Kulturindustrie die Rede ist, die sich eindeutig einerseits nur auf die New-Deal-Filme beziehen, mehrfach referiert er Capra-Plots, andererseits auf Großproduktionen Marke Cecil B. DeMille, obwohl sogar schon zur Niederschrift die Rückschlüsse über dieses Segment der Kulturindustrie überholt waren, so scheint auch die ganze Aufregung von Syberberg, Bergfleth und Matthes sich gegen kulturelle Produktionen und Erscheinungen zu richten, die zunächst nur als bedrohlich empfunden werden, weil sie nicht verstanden und einsortiert werden können. Den poststrukturalistisch und dekonstruktivistisch von linken Positionen befreiten Schöngeistern bietet sich zur Entsorgung der Kulturmüllberge zunehmend verführerischer die Einsortierung kulturindustrieller und vermeintlich kulturindustrieller Produkte in je nach rechter Radikalitäit „amerikanische“, „fremde“, „künstliche“ bis „jüdische“ an. Nur mit einer gigantischen Abräum-Leistung scheint die Identität wieder herstellbar zu sein, die der – unverkennbar von Matthes stammende – Klappentext des Syberberg-Buches verspricht.

    „Die Plastikwelt hat uns okkupiert. Wenn wir ins Auto steigen, ins Flugzeug, Schiffe betreten, wenn wir heutige Küchen erwerben, in die Fernsehwelt uns einlassen, vom Studio und Material bis Bild der Welt, so betreten wir die Welt der künstlichen Chemieuniversen. (…) Die Computer sind aus diesem Material gemacht und damit unser Denken, unser Erinnern, die Simulation des Lebens.“21 Die hier in schon bizarr falschem Deutsch eingeklagte Echtheit und Authentizität des Materials, die sich offensichtlich vor dem harmlosen Gehäuse eines Computers mehr fürchtet als vor den Chips, die immer noch aus Silizium gemacht werden, gibt einer Interpretation nicht nur Syberbergs Text, sondern auch des Erfolges, den seine Polemik hatte, recht, die die niederländischen Medientheoretiker Geert Lovink und Basjam van Stam in Mediamatic vorschlugen. Lovink / van Stam lesen Unglück und den anderen im selben Jahr bei deutschen Gemütsmenschen eingeschlagenen Theoriebestseller, George Steiners Von realer Gegenwart, als nostalgische Versuche, Authentizität über eine Art Kulturökologie (wieder)herzustellen. Wenn wir uns nur von der uns umgebenden Fülle von Mediendaten, die etwas verbergen, befreien, wenn wir uns der sekundären Diskurse entledigen, wird sich schon wieder „reale Präsenz“ (Steiner) oder Preußen statt Israel, Plastik und Punk (Syberberg) einstellen. Lovink / van Stam schließen: „Steiner and Syberberg fill a need. For the time being, experiments with electronic art are open-ended and offer no certainty in the unstable art world. So the call for a return to the authentic can count on public approval. The overkill, however, which is real, is a logical consequence of the new media’s phase of introduction onto the market. This will regulate itself via restraints and bankruptcies, irrespective of the authenticity wrapper. The drumroll of the oaken sticks on tightly stretched pig’s bladders which can be heard at fetes and street festivals (amplified or not) is at present passing before us in the media’s consolidation phase, followed by an authentic tape of 60s music and the latest technodisco. It is for lack of a primary media theory that Syberberg and Steiner can not only lash out so naively and conservatively, but on top of it get discussed as groundbreaking thinkers. If enough were known about the connections and technical possibilities of the media (and its history), such contributions would instantly be lost in the everyday multicultural shuffle.“22

    Und genau dieser Shuffle ist denn auch Syberbergs größte Sorge, die Multikultur ist sein größter Feind, und erst im Schlußteil seines Buches, den er nach der Maueröffnung geschrieben hat, wittert er Morgenluft: „Und plötzlich wird deutlich, warum alles weg mußte, die Mitte, das Bewußtsein von Einheit und der Untergang triumphierte bis zur Katastrophe, in die das führen mußte, wie Furie des abendländischen Verschwindens aus dem Kraftzentrum seines Lebens mit Popneurosen, Freak-Dekadenz, Punk-Beliebigkeit, Realismus des Untergangs oder Existenzialismus nach dem ’45 der Lügen-Befreiung und mit sozialistischem Realismus des Ostens, blut- und bodenlos die Kunst der Eunuchen der Macht. Wo nur Neubeginn sein kann wie archaischen Ursprungs aus dem Zentrum der Verluste, wenn die Wahrheit der Gefühle den Verstand regelt, wo das ehrliche Weinen und Lachen alle Unnatur vertreibt.“23

    Nüchterner – und in besserem Deutsch – kann sich Walter Seitter mit den neuen Verhältnissen auseinandersetzen. In den Achtzigern erscheinen von ihm, nachdem er über Lacan geschrieben, Foucault übersetzt und herausgegeben hat, regelmäßig seine Vorlesungen zum Nibelungenlied im Merve-Verlag24: darin schlägt er die Lektüre des Nibelungenlieds als Beispiel für „Ethnologie der eigenen Kultur“ mit Foucault vor. Das kann man schon merkwürdig finden, wenn man bedenkt, daß Foucaults Entwurf einer (idealen?, zukünftigen?, erweiterten?) Ethnologie, „die – statt sich, wie sie es bisher getan hat, durch die Untersuchung der geschichtslosen Gesellschaften zu definieren – eindeutig ihren Gegenstand bei den unbewußten Prozessen suchen würde, die das System einer gegebenen Kultur charakterisieren“25, kaum gemeint haben kann, daß sich in diesem Sinne mit dem Nibelungenlied Aufschlüsse über die unbewußten Prozesse, die das System der gegebenen (deutschen) Kultur charakterisieren, gewinnen lassen. Und das nicht nur, weil das Nibelungenlied eine Rezeptionsgeschichte als Staatsmythos hinter sich hat, die Seitter weit weniger interessiert, als sein „politisches Wissen“ hervorzubringen. Nun sind solche eiligen Applikationen im Prinzip sympathisch, weil sie gegen die gelähmte akademische Bewunderungsstarre stehen, die die Regel ist. Wie überhaupt der 1941 geborene Seitter als idiosynkratischer Sonderling (Solitär eben), dessen Vortragsweise ebenso einzigartig ist – er artikuliert jede Vokabel als hätte sie eine magische Macht – wie seine überraschenden Verknüpfungen von gewöhnlich Fernliegendem, schon früher durch eine Mischung aus philologischem Fleiß und originellen Vereinfachungen aufgefallen ist. Beide Nibelungenbücher werden auf der Innenumschlagseite von Helmut-Newton-Fotos geschmückt, eine von Seitters ästhetischen Privatobsessionen; die anderen sind Anselm Kiefer und – Syberberg. Seitter glaubt an Präzision, an analytisches Durcharbeiten („nicht Theorie, nicht spekulative Alleswisserei, sondern Arbeit ….“26). Seitter glaubt an das eine gute und richtige Zeichen für einen Sachverhalt wie an die Deutlichkeit seiner Artikulation. Daher kann man auch davon ausgehen, daß das Wort „rechten“, das dekliniert sowohl von „rechts“ wie von „recht“ kommen kann, nicht umsonst in seiner Doppeldeutigkeit im Titel seines Aufsatzes „Vom rechten Gebrauch der Franzosen“ vorkommt27; um nämlich auch eine politische Richtung anzugeben. An diesem Aufsatz ist manches verwunderlich, gerade auch, was nicht im Zentrum der Argumentation steht. Daß der Österreicher Seitter, der Österreich gerne das „Südosteck des Deutschen“ nennt, den Deutschen einen „Ethnozentrismus“ empfiehlt, den er wieder als Applikation der Foucaultschen „Ethnologie der eigenen Kultur“ geadelt wissen will und als deren Musterbeispiele er, neben den eigenen Arbeiten zu den Nibelungen, Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels nennt, ist die bislang edelste S-Klassen-Version des vertrauten Liedes „Die Amis haben uns unseren Hölderlin/Bratwurst weggenommen und durch Negermusik und Hamburger ersetzt“. Der überall gedeihende deutsche Ethnozentrismus, der sich nicht darum schert, wie zweifelhaft es ist von ausgerechnet den Deutschen als einer Ethnie zu sprechen, sondern in der Regel ex negativo und mit Baseballschlägern oder FAZ-Leitartikeln dekretiert, wer oder was nicht deutsch ist (oder „Makroorganismus“ statt Mensch, wie Reißmüller formuliert), kommt dabei ohne Benjamin aus. Doch auch Seitter wird bald deutlicher: In der neuen Nummer der von ihm (mit Kamper und Böckelmann, dem alten Schillern-Team also) herausgegebenen Zeitschrift Tumult zum Thema „Osten“ sind es „heftig riechende Türken“, die seiner Meinung nach nichts am Brandenburger Tor verloren haben.

    Dem ging durchaus eine Entwicklung voraus: Noch im Nachwort zu der von ihm herausgegebenen Anthologie von Foucault-Interviews, Von der Subversion des Wissens, billigt Seitter Foucaults Freundschaft zu Althusser und begründet Foucaults Austritt aus der KP ausdrücklich mit deren „staatstragender“ Funktion“28, also als eine Art linke Dissidenz. Jetzt gibt er nicht nur dem neuen deutschen Staat Ratschläge zu dessen innerer Architektur, er spielt dafür auch Foucault mit Eribons Biographie und der darin berichteten Entzweiung mit Gilles Deleuze – bei der es immerhin um die Einschätzung der RAF ging; ob man sie nämlich vorbehaltlos unterstützen soll (Deleuze) oder „nur“ dafür sorgen, daß ihre Mitglieder in Frankreich politisches Asyl (Foucault) erhalten – als Deutschenfreund gegen dessen weniger deutschenfreundlichen Freund Gilles Deleuze aus: Foucault habe Erhards „Soziale Marktwirtschaft“ gewürdigt und sich gegenüber Deutschland von einem „ängstlichen Optimismus“ leiten lassen. Schließlich entledigt sich Seitter en passant der zweitbekanntesten Frankfurter-Schule-Wahrheit – „Wer vom Faschismus spricht, muß auch vom Kapitalismus sprechen.“ (Horkheimer) –: In einer Fußnote versteckt er lapidar die Entlarvung des deutschen Fehlers Antikapitalismus: „Auch der klassische Antisemitismus ist ein Antikapitalismus – ein besonders dummer. Dies vorläufig auch zum Antifaschismus.“ Eine andere Ungeheuerlichkeit wird ebenfalls an einer relativ unauffälligen Stelle versteckt. Dort definiert Seitter Politik als „ Apartheit: die Installation von Verhältnissen zwischen Fremden“. Soll auch hier über die Fast-Homonymie des für die deutsche Sprache neu erfundenen Wortes „Apartheit“ konnotiert sein, daß auch die „ Apartheid“, die man kennt, gar nicht so schlimm, nämlich auch nur Politik war? Und was von der Ablehnung staatstragender Veranstaltungen und der Sympathie für schwarze Fahnen geblieben ist, wenn er in Bonn „das klassische Minimum an politischer Kapazität“ vermißt, einen „Staatsmann“ nämlich, wird klar: nur der Name Foucault.

    In den sozialdemokratischen späten Siebzigern war Foucault auch in Deutschland noch links und sei es anarchistisch, heute liefert er die Modelle für „Genealogie“, „Archäologie“ oder „Ethnologie“ der wiedermal neu geborenen Nation. In Amerika ist er der meist zitierte Autor linker, feministischer und antirassistischer Autoren vom kunsttheoretischen bis zum aktivistischen Spektrum. Man fragt sich natürlich, was jetzt, wo Foucaults populärstes Motiv vom „Mensch“ als mehr oder minder repressives Konstrukt des Humanismus zum Zwecke seiner besseren Versklavung und Ausbeutung nicht mehr so viel hergibt, weil Produktionsweisen sich etablieren, die ganz und gar auf den „Menschen“ in allen seinen Fassungen verzichten können, mit seinen Anhängern passiert und ob sie seine Kritik und Beschreibung der Macht noch einmal mobilisieren können, so wie damals, als sie noch selber gegen eine sozialdemokratisch-bürokratische Macht vorgingen.

    Man könnte Seitters Schillern immer noch mit viel gutem Willen für die eklektizistischen Entgleisungen eines provokanten Privatgelehrten halten, dessen Springen zwischen den Referenzen und Vorliebe für überraschende Übertragungen einem als Methode einmal sympathisch waren und der zitierenderweise immer noch genausoviel auf einen Aufsatz eines nominell linken Autors wie Wolfgang Pohrt zu geben scheint. Daß aber dieser Aufsatz29, der die, dem Thema „Franzosen“ gewidmete, Nummer 15 der Zeitschrift Tumult eröffnet, zuvor schon in der Nummer 6 der Zeitschrift Etappe erschienen ist, ist dann doch leider ziemlich deutlich. Die Etappe ist ein Organ, das seine rechtsradikale Position, wenn auch durch Rezensionen von Seitter, Lipowatz, Foucault etc. aufgelockert, so wenig verbirgt, wie sein gelegentlicher Autor Maschke. Hier gilt jeder zweite Artikel dem Werk Carl Schmitts, Anzeigen werben für Produkte des Karolinger-Verlags, der dem Militärhistoriker und Matthes-Autor Jean-Jacques Langendorf gehört und in dem unter anderem der berüchtigte Hitler-Komplex erschienen ist, ein Buch, das diesen „Komplex“ der Deutschen für verhängnisvoller hält als seine Ursache, und manchmal stößt man auch auf Formulierungen wie „gewisse Philosophen jüdischen Geblüts“. Was machen Foucault und sein Übersetzer in dieser Umgebung?

    Ernesto Laclau schreibt 1990: „An initial reaction to this new intellectual climate has been to become entrenched in the defence of ‚reason‘ and attempt to relaunch the project of ‚modernity‘ in opposition to those tendencies considered ‚nihilistic‘. The work of Habermas is perhaps the most representative of this attitude. Our position, however, is exactly the opposite: far from perceiving in the ‚crisis of reason‘ a nihilism which leads to the abandonment of any emancipatory project, we see the former as opening unprecedented opportunities for a radical critique of all forms of domination, as well as for the formulation of liberation projects hitherto restrained by the rationalist ‚dictatorship‘ of the Enlightment.“30 Dies hätte in Deutschland wohl 1978, aber kaum noch 1990 geschrieben werden können: Die Verbindung einer Vernunftkritik mit emanzipatorischen Projekten wird schon allein deswegen nicht mehr gedacht, weil sie kaum je stattgefunden hat. Habermas wird dagegen mit Geifer und Seiber von rechts kritisiert. Der Widerstand in den Städten ist während der Achtziger in dem Maße theoriefeindlicher und sprachloser geworden, wie die Vernunftkritik bestenfalls zur Depolitisierung, schlimmstenfalls zur Rechtsradikalisierung einer Intellektuellengeneration beigetragen hat. Die alte Marxsche Diagnose von der philosophischen Zeitgenossenschaft der Deutschen, die auf keiner historischen fußt, trifft einmal mehr zu. Weder minoritäre noch gegenkulturelle noch feministische oder antirassistische Bewegungen haben in Deutschland jenseits von grünem Öko-Kitsch und schlichter Friedensbewegtheit in den Achtzigern Fuß fassen (von einigen wenigen, aber marginalisierten autonomen Zentren abgesehen), geschweige denn sich mit einem vernunftkritischen Befreiungskonzept verbünden können. Die „nihilistischen“ drei Ps (Punk, Poststrukturalismus, Postmoderne) haben nur aus Erfahrung und Erinnerung getilgt, was sie einst korrigieren und auf die Höhe der Zeit bringen sollten/wollten: eine frigide und rigide Emanzipationskultur und deren Ursachen. Aber nicht einmal ihre Vorläufer waren gesellschaftlich geerdet; die eine politische Hysterie ließ sich leicht gegen eine andere austauschen, man mußte nicht einmal seine Philosophie wechseln. Heute wundern sich deutsche Professoren, daß und wieso Derrida und Foucault in den USA für den Kampf der Feministinnen oder der African-Americans genutzt werden. Die einzigen prominenten Foucault-Rezipienten der deutschen Linken fand man bei der RAF, die in ihren letzten Erklärungen dessen Begriff der Gegenmacht verwendete.

    Hubert Winkels hat bei seiner Recherche (vgl. Anm. 4) auch eine Fülle persönlicher Beziehungen zwischen der offenen und der Kultur-Rechten entdeckt, die im einzelnen wiederzugeben zu weit führen würde. An entsprechenden Nachschlagewerken wird ja ohnehin zur Zeit überall gearbeitet.31 Tatsächlich läge es mir trotz allem fern, Seitter direkt neben Syberberg einzusortieren, man kann hoffen, daß der Weg von der „Poesie“ des Mai zur Veröffentlichung in der Nachbarschaft des gewöhnlichen Antisemitismus ein Irrweg des Rechtsfoucauldianers ist, der typisch ist für unübersichtliche Zeiten und mangelnde Erdung; während Syberberg schon vor einer Weile in Sphären abdriftete, wo er auch für das Schmettern des gallischen Hahns nicht mehr erreichbar war.

    Durch die Konfrontation mit solchen Erscheinungen wird man auf Positionen zurückgeworfen, die man für überflüssig oder selbstverständlich gehalten hat. Ärgerlich ist eben, daß genau die Expedition in eine Zeitschleife geraten ist, deren Aufbruch nicht nur vielversprechend war, sondern tatsächlich um 1980 weltweit synchron das zu veranstalten oder zu weben schien, was Lyotard so optimistisch das „Patchwork der Minderheiten“ nannte. Es scheint aber, daß die Minderheiten, die sich neu und künstlich definierten, die Tribes der Gegenkulturen, im Laufe der Zeit in ein Patchwork nicht mehr geerdeter Abschottungen und (frei- wie unfreiwilliger) Ausgrenzungen gerieten, eben nicht im Besitz von Definitionsmacht sind, nicht im Besitz von symbolischer Macht wie sie dagegen die Vokabel „links“ oder später oder in Amerika „p. c.“, also politically correct, immer noch hat.

    Auf die Veröffentlichung einer ersten Fassung dieses Textes bekam ich aus wohlmeinend postmodernen Ecken öfter den Vorwurf zu hören, ich würde einer überholten Rechts/Links-Differenz das Wort reden, die in das gleiche System terroristischer Binaritäten gehört wie weiß/schwarz, Mann/Frau etc. Nun denn: die Linien und Fronten, die sich bei der Nachzeichnung einiger „poststrukturalistischer“, „frankophiler“ deutscher Schicksale ergeben, verdienen vielleicht einen neuen Namen, für den ein spezifischer Kulturpessimismus, ein Traum von Ursprünglichkeit und Echtheit, ein Affekt gegen elektronische, multikulturelle und „ausländische“ Künste die Bauelemente bilden. Wenn Seitter im Namen auch Foucaults ein „rationales, stabil-flexibles Verhältnis zur Macht“ fordert, „verbrecherische Regimes“ nur im ehemaligen Osten sieht und in Bonn „einen Staatsmann“ von echtem Schrot und Korn haben will, steht er in der Reihe zu Recht nicht zur Linken gerechneter deutscher Publizisten, die eine Nation handlungsfähig machen und normalisiert sehen wollen, indem sie für „normal“, „deutsch“ und gesund auch das erklären, was man früher „nationalistisch“ oder auch „rassistisch“ genannt hätte. Und während der eine Flügel von Normalisierung spricht, entwirft der andere die Krise der Kultur und der Zivilisation, die halt die Verschärfungen notwendig mache. Vom Spiegel bis zu Reißmüller sind sie sich einig, daß nun Schluß mit lustig ist: Ausländer, Gewaltvideos, Graffiti und Obdachlose bedrohen das Land.

    Als „re-eduzierte“ Kinder eines nur begrenzt, nämlich „nur“ ökonomisch handlungsfähigen Deutschlands hat meine Generation die Chance gehabt, Ethik (und was sie verbietet: Verbrechen) auch dann noch primär global anzusetzen, wenn der Weltausbeutungszusammenhang noch so „komplex“ die Wahrnehmbarkeit globaler Verbrechen vernebeln konnte. Einem weitgehend nicht einmal mehr ausbeutungsfähigen, und daher ganz unauffällig gewordenen Kapitalismus läßt sich dann gut im Namen von Dumézil und Foucault der deutsche Ethnozentrismus und der „verständige Beitrag (Deutschlands) zur Gestaltung einer Erdmacht namens Europa“ (ebenfalls ein running gag, auch bei bekennenden Rechten: immer, wenn der nationalistische Expansionismus und Hegemonie-Anspruch zu offensichtlich wird, ordnet man sich in Europa ein, das so immer mehr zu einem neuen Namen für Großdeutschland wird; nicht umsonst heißt die älteste der heute verbreiteten Rechtszeitschriften Europa und Nation) verordnen. Der Grundgedanke ist so simpel, wie in letzter Zeit weit verbreitet in allen möglichen Segmenten deutschen Schrifttums: nicht Selbstbezogenheit, Nationalismus, Hegemoniestreben etc. seien Deutschlands Problem, sondern, so Seitter, „Selbstvergessenheit“. Die Deutschen tendierten zur Flucht, zur Exotik, statt endlich normal und politikfähig zu werden.

    Von Weglaufen vor der Identität war dann auch in Oberhausen immer die Rede: Du kannst nicht vor deiner Identität als Deutscher davonlaufen. In München hörte ich neulich am Nebentisch eine Frau über mehrere Minuten insistieren: Du kannst nicht vor deinen Genen davonlaufen. Das in rechten Kreisen so überaus erfolgreiche Buch heißt Rückruf in die Geschichte – Volker Rühe empfiehlt es den Lesern der Welt, die neo-völkischen bauen ihr Weltbild daraus auf –: das heißt, wir haben uns um unsere Pflicht gedrückt oder wie wieder die Welt neulich schrieb, wir sollten uns wieder klarmachen, daß Osteuropa deutsche Interessensphäre so sei wie Lateinamerika die der USA. Imperialismus ist die normalste Sache von der Welt, und wir müssen endlich wieder normal werden. (Schleyer und die Seinen aus der deutschen Vor- und Nachkriegswirtschaft müssen sich im Grabe umdrehen, wenn sie immer zu hören bekommen, daß sie’s nicht ernst gemeint haben mit dem Imperialismus.) Folglich widmet sich dann die Nr. 17 der Zeitschrift Tumult, erschienen 1993 dem Thema „Osten“. Da wird dann aus dem Criticón, der von Jüngers ehemaligem Privatsekretär Mohler – der Maharishi der Rechten – herausgegebenen Zeitschrift, zitiert, „Carl Schmitt, kein geringerer als der lang Verdrängte“ angehimmelt und sein geopolitisches Vokabular über die „lang verdrängten“ Themen gegossen. Seitter phantasiert von den zwei deutschen Hauptstädten, und Kamper heideggert durch den deutschen Osten, daß selbst ein Hermann Kurzke in der FAZ das Heft „zu rechts“ fand (immerhin ein Mann, der schon mal kommentarlos Michael-Kühnen-Thesen als erwägenswert referierte). Immerhin hat „Osten“ gezeigt, wozu die Befreiung von der „Litanei Marx, Marx“ auf deutschem Boden immer noch führt, auf östlichen Boden, zur Schmittschen Geopolitik, zu „Ortung und Ostung“. Wer will da nicht wegrennen?

    Wer das aber tut, kriegt zu hören, „daß man über die deutschen Vorgänge nur mit denen sprechen kann, die sie auch innerhalb Deutschlands selbst erlebten. Nur die, die durch die Spannungen der letzten Monate hindurchgegangen sind, die von Stunde zu Stunde, von Zeitung zu Zeitung, von Umzug zu Umzug, von Rundfunkübertragung zu Rundfunkübertragung alles aus unmittelbarer Nähe miterlebten, Tag und Nacht mit ihm rangen, selbst die, die das alles nicht jubelnd begrüßten, sondern es mehr erlitten, mit diesen allen kann man reden, aber mit den Flüchtlingen, die ins Ausland reisten, kann man es nicht. Diese haben nämlich die Gelegenheit versäumt, den ihnen so fremden Begriff des Volkes nicht gedanklich, sondern erlebnismäßig, nicht abstrakt, sondern in gedrungener Natur in sich wachsen zu fühlen …“32 Nein, das war vor sechzig Jahren, aber so ähnlich. Der Autor dieser Zeilen hat schließlich auch ca. zwanzig Jahre vor diesen Worten ein „Modernes Ich“ entworfen, das für seine Zeit einen ähnlichen „poststrukturalistischen“ Aufbruch darstellte wie für die späten Siebziger das „Schillern der Revolte“. Diese Flüchtlinge, denen man dann in der Nachkriegszeit nur sehr zögernd und eigentlich erst in den siebziger Jahren Gehör schenkte, haben aber Nachfahren gehabt. Leute, die in der Nachkriegszeit aufwuchsen und deren Orientierung pro-amerikanisch oder pro-sowjetisch war und für die die deutsche Sprache auch ein Mittel war, ihr selbst zu entkommen. Leute, die dieser Sprache das Maximum an Neuheiten und Fremdheiten aufbürden wollten, das man noch sinnvoll in ihr sagen konnte. Und einige machten auch die Erfahrung, daß schlecht gesungenes Englisch Wahrheiten für und über Deutschland zutreffender und richtiger ausdrücken konnte als deutsche Sätze. Die besten deutschen Schriftsteller der Nachkriegszeit waren solche Flüchtlinge, Hubert Fichte und Rolf Dieter Brinkmann. Fichte, seit 1970 praktisch nur noch auf der Südhalbkugel unterwegs, Brinkmann, der möglicherweise gegen Ende seines Lebens geistig wieder ein Deutscher geworden war, hatte auf literarischer Ebene die Spritze nordamerikanische Kultur injiziert, die das Leben in der BRD erträglich gemacht hat (und teilweise aus amerikanischer Kultur wegen doppelter Fremdheit mehr machte als die USA). Wenn überhaupt, dann verdient dieser brd-deutsche Zug als der bessere eine „Ethnologie“: die Emigrationen und die aus der Differenz und Distanz zum „Eigenen“ entstandenen Beiträge; gegen ein Schrifttum, das nun von deutschen Emigranten so wenig hören will wie die deutschen Politiker und die gewöhnlichen Reaktionäre, die sie regieren, von Immigranten. Doch ist von denen nicht die Rede, ob es sich nun um diejenigen handelt, deren Denken auf dem Geflohensein vor den Nazis aufbaut oder um die wenigen angenehmen Gestalten der deutschen Nachkriegsliteratur, die, wie Fichte oder Brinkmann, eine deutsche Literatur auf der Flucht vor dem und den Deutschen entwarfen.

    Einer der unangenehmsten Nachkriegsschriftsteller, Deutschlands Staatstheaterautor Botho Strauß, der unlängst auch einmal bei Matthes & Seitz veröffentlichte, schrieb das Nachwort zur deutschen Ausgabe des Steiner-Essays, darin bekennt er sich zu dem „spirituellen Reaktionär“ (Selbsteinschätzung) Nicolás Dávila, dessen Name ebensooft in der Etappe oder im Pfahl gedroppt wird. Solchen Connections nachzuspüren mag mir bei der ersten Fassung dieses Textes vor drei Jahren noch der Tätigkeit eines Staatsanwaltes zu ähnlich erschienen sein. Verdächtigendes Lesen und Faschismusverdacht haben wir nur zu oft – damals als Punkrocker – als Methode der sozialdemokratischen Soziologenmacht kennengelernt; doch solange sich die „Rechten“ hinter Ambiguitäten verbergen, bleibt einem nichts anderes übrig. Verhindern konnten wir nichts: Das Bekenntnis zum Reaktionär Dávila, der eklig-elitistische Gestus, der bittere, enttäuschte Ton riefen erst das öffentliche Interesse hervor. So krönte der mittlerweile weltberüchtigte „Abschwellende Bocksgesang“ von Botho Strauß eine Reihe von Artikeln im Spiegel von 1993, über die Manfred Hermes zu Recht schrieb, man hätte mit ihnen „eine Debatte über entartete Kunst führen können.“33 In einer Titelgeschichte über den allgemeinen Verfall der Sitten ging es in einer Allgemeinheit gegen Sex & Violence, daß man schon glaubte, bei Christ und Welt gelandet zu sein. Doch der nachgelieferte Kontext stellt die Bedeutung auch dieses Textes klar: Strauß’ offenes Bekenntnis zur Rechten nebst Entdeckung der „Würde der Zigeunerin“, die Entsorgung Foucaults als S/M-Philosophen auf allerniederstem, homophobverklemmtem Niveau, eine offen homophobe, mieszynelnde Attacke des unglückseligen Matthias Matussek gegen p.c. und die Whitney-Biennale, gegen die man alles mögliche sagen kann, nur nicht, wie Matussek, daß politische Kunst mit der Aufhebung der Sklaverei und Schleierpflicht erledigt sei. Deutschland muß sauberer werden, und die Würde der Zigeunerin beim Betteln darf auf keinen Fall durch Sozialhilfe verletzt werden.

    Das heißt noch nicht, daß in der Chefetage der Befehl zum Rechtsruck des Spiegels laut geworden sei, neben den genannten und an exponierter Stelle, meist als Aufmacher des Feuilletons gedruckten Texten, erscheint immer noch the average linksliberale Besserwisserei: Der Rechtsruck wird nicht gemacht, sondern nur nicht mehr verhindert, und zwar von einer Generation, die genau in den achtziger Jahren flügge geworden ist, als man sich in Deutschland poststrukturalistisch linker Positionen entledigte. Ausgerechnet im Playboy windet sich Nichtmehrsoganz-Spiegel-Mann-Karasek, als er mit den neueren Entwicklungen in dem Hause, dem er so lange verbunden war, konfrontiert wird. Er distanziert sich von Strauß, rechtfertigt aber mehr oder minder die ganze Richtung als „Dokumentation“ von „Zeitgeist“, quasi als korrekte journalistische Reaktion auf das, was anliegt: dokumentieren. Diese blinde, konkurrenzdruckgeförderte, journalistische Neugier und die Scheu gebrannter ex-maoistischer Verleger und Uni-Lehrer vor „verdächtigender“ Lektüre und Parteiausschlüssen bilden das Sprungbrett, von dem aus die Rechten sich ins öffentliche Interesse katapultiert haben. Als Thema sind sie hot und kontrovers (und kontrovers ist immer gut), als Typen sind sie Querdenker und irre originell, und wenn sie über die Stränge schlagen, ist das entweder eine Provokation oder eine Zweideutigkeit, der erst mein verdächtigendes Lesen einen eindeutigen Sinn gegeben hat.

    Da, anders als in Amerika Bataille und Foucault in Deutschland keine Autoren geworden sind, die von neuen „Emanzipationsbewegungen“ (oder wie immer man sie nennen will) gesellschaftlich geerdet und fruchtbar gemacht worden sind, hat ihre Rezeption im günstigsten Falle eine Depolitisierung, im ungünstigeren, von dem hier die Rede war, eine Rehabilitierung rechter Positionen möglich gemacht. Bataille hat nicht Syberberg gemacht, aber eine Linke, die ihn Matthes & Seitz überlassen hat, hat ihn für die Herstellung eines Klimas freigegeben, von dem Syberbergs Publikation und seine und seinesgleichen spätere „kontroverse“ Prominenz profitieren konnten. In diese neue Front konnten auch aus dem Zusammenhang gerissene Reste Adornos miteingeschmolzen werden: denn alle neuen Rechten eint ein Horror vor Massenkultur, Gegenkultur, Pop und vor allem amerikanischer Kunst (die entweder politisch oder frivol ist. Oder gar beides): Jeff Koons ist ihnen der Scheitan, die obskure Alt-Nazi-Gazette namens Europa und Nation empfiehlt genau gegen seine und Warhols „Exkrementenkunst“ Syberberg als Gegenmittel. Die Affekte von Jungnazi-Bands gegen McDonald’s entsprechen hochmögenden Talk-Show- oder Reeducation-Verwünschungen durch Botho und Bergfleth so, wie der Ruf des Spiegels nach einer sauberen Mattscheibe dem Anti-Päderasten-Song, den es eben außer dem Anti-McDonald’s-Song auf allen indizierten sogenannten Rechtsrock-Platten gibt.

    Diese massive ideologische Aufrüstung von rechts existiert 1.) über alle möglichen Grenzen hinweg; sie spricht 2.) grundsätzlich – im Fernsehen wie in der Schrift – von einem minoritären Ort aus gegen eine behauptete linke Hegemonie; sie vermeidet 3.) Festlegungen, redet gar Jive: Wenn Seitter von dem „Politischen“ redet, erklärt er nicht, welchen Politikbegriff er meint oder warum „unpolitisch“ sei, wer nicht Berlin aufrüsten will, die Eingeweihten wissen, wie’s gemeint ist. Aus diesen Gründen konnte „rechts“ für diverse „dissidente“ Typen attraktiv werden. Da die Betonung von Besonderheiten, Unterschieden, „ethnischen Besonderheiten“ ebenso zur Grundausstattung der rechten Diskurse gehört wie ein Affekt gegen Internationalismus, Amerikanismus, ja sogar mitunter Kapitalismus, ist es kein Wunder, daß diese Rechten schließlich einerseits Therapie für so manch erfolglosen 68er-Akademiker, Langzeitdissidenten boten wie auf der anderen Seite Abgrenzungsmöglichkeiten für Mittzwanziger gegen die Altvorderen. Anders als Bundesministerin Merkel, die ihren verlorenen Schäfchen Jugendzentren baut, sollte man aber hier nicht versuchen, durchs Miteinanderreden weiter zu kommen. Sollen die sehen, wie sie da rauskommen. Sie waren gewarnt.

    1. Diedrich Diederichsen, „Todesblei – Get out of Germany“, in: Spex, 1/91. ↩︎
    2. Hans-Jürgen Syberberg, Vom Unglück und Glück der Kunst in Deutschland nach dem letzten Kriege, München 1990. ↩︎
    3. Denis Hollier, „On Equivocation (Between Literature and Politics)“, in: October, 55/90. ↩︎
    4. Diese und andere Informationen verdanke ich einem unveröffentlichten Manuskript von Hubert Winkels, aus dem Auszüge in der Zeitschrift Tempo im Oktober 1990 erschienen. ↩︎
    5. Syberberg, Unglück, a.a.O., S. 14. ↩︎
    6. B. Mattheus/A. Matthes (Hrsg.), Ich gestatte mir die Revolte, München 1985. ↩︎
    7. Axel Matthes, „Achtung vor der Revolte“, in: Mattheus /Matthes, Ich gestatte, a.a.O., S. 384. ↩︎
    8. Matthes, Achtung, a.a.O., S. 371. ↩︎
    9. Syberberg, Unglück, a.a.O., S. 17. ↩︎
    10. Axel Matthes, „Spiesser- und Mitläufertum bei Intellektuellen“, in: Der Pfahl – Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft, 5/91. ↩︎
    11. Frank Böckelmann, Dietmar Kamper, Ellen Künzel, Michael Makropoulos, Robert Müller, Ulrich Raulff, Walter Seitter, Das Schillern der Revolte, Berlin 1978. ↩︎
    12. Walter Seitter, „Strukturalistische Stichpunkte zur Politik“, in: Böckelmann et.al., Schillern, a.a.O., S. 85. ↩︎
    13. Müller/Makropoulos, „Das Schillern der Revolte“, in: Böckelmann et.al., Schillern, a.a.O., S. 19. ↩︎
    14. Gerd Bergfleth et.al., Zur Kritik der palavernden Aufklärung, München 1984. ↩︎
    15. siehe Anm. 4. ↩︎
    16. Jean Baudrillard, Der symbolische Tausch und der Tod, München 1982. ↩︎
    17. Maschke veröffentlichte dann noch einmal 1988 bei Matthes & Seitz im Verlagsalmanach Der Pfahl, 2/88. Staunend entnimmt man dem Impressum, daß sein Aufsatz „Die schöne Geste des Untergangs – Drieu La Rochelle – ein faschistischer Decadent“ bereits 1980 in der FAZ erscheinen konnte. ↩︎
    18. Gerd Bergfleth, „Finis Mundi“, in Der Pfahl, 5/91, S. 8. ↩︎
    19. zitiert nach Wolfgang Schneider, „Deutsche Manifeste“, in Spex, 5/90, S. 74f. ↩︎
    20. Rolf Grimminger, Die Ordnung, das Chaos und die Kunst, Frankfurt am Main 1990, S. 267f. ↩︎
    21. Syberberg, Unglück, a.a.O., S. 114f. ↩︎
    22. Geert Lovink & Basjam Van Stam, „The Souring Of Old Art“, in: Mediamatic 2-3/91. ↩︎
    23. Syberberg, Unglück, a.a.O., S. 169. ↩︎
    24. Walter Seitter, Das politische Wissen im Nibelungenlied, Berlin 1987; und derselbe, Versprechen, Versagen – Frauenmacht und Frauenästhetik in der Krimhild Diskussion des 13. Jahrhunderts, Berlin 1990. ↩︎
    25. Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge (Les mots et les choses), S. 454, Frankfurt am Main 1974². ↩︎
    26. Seitter, Versprechen, a.a.O., Klappentext. ↩︎
    27. Walter Seitter, „Vom rechten Gebrauch der Franzosen“, in: Tumult, 15/91. ↩︎
    28. Michel Foucault, Von der Subversion des Wissens, München 1974, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Walter Seitter. ↩︎
    29. Alle Zitate und Referenzen beziehen sich auf Anm. 27. ↩︎
    30. Ernesto Laclau, New Reflections on the Revolution of Our Time, London und New York 1990. ↩︎
    31. z. B.: Astrid Lange, Was die Rechten lesen, München 1993; H.Joachim Schwagerl, Rechtsextremes Denken, Frankfurt am Main 1993; oder Wolfgang Kowalsky, Kulturrevolution? – Die Neue Rechte im neuen Frankreich und ihre Vorläufer, Opladen 1991. Kowalsky ist allerdings – ob freiwillig oder unfreiwillig ist nicht ganz klar – selbst zum Lieblingsautor der neuen Rechten geworden, gehört er doch zu denen, die an anderer Stelle den Mythos einer noch bestehenden linken kulturellen Hegemonie beliefern. Keines dieser Bücher stellt den Zusammenhang zwischen offenen und Kulturrechten oder gar Underground-Rechten her: Die Attraktivität des Rechtsradikalismus für Künstlertypen sollte doch seit seinem bekanntesten Vertreter sich als Untersuchungsgegenstand anbieten. ↩︎
    32. Gottfried Benn, „Antwort an die literarischen Emigranten“, Gesammelte Werke, Band 7, Wiesbaden 1968. ↩︎
    33. Manfred Hermes, „Wer spricht? – Verkennung in Deutschland“, in: Spex, 5/93. ↩︎
  • Tribes and (Communist) Parties – Ziellosigkeit, Reversibilität, Gedankennot

    An meinem dreizehnten Geburtstag notierte Peter Weiss in sein Tagebuch, schon mitten in der zweiten Hälfte des Lebens und gerade von schwerer Krankheit genesend1: „Morgens treten wir, ohne uns dessen recht bewußt zu werden, fast regelmäßig, zum Ritual eines Totengedenkens an. Während wir unserem Körper die erste Tagesnahrung zuführen, nehmen wir die Zeitungsmeldungen auf, kauend, schlürfend erfahren wir von den Erschlagenen, Zerstückelten, Verbrannten, Zerquetschten und Ertrunkenen, von den an Krankheit, Schwäche, Auszehrung oder Verzweiflung Zugrundegegangenen, von denen, die es einzeln niederstreckte, paarweise, in kleinen Gruppen, bis zu den Massen, den Ungezählten …“ und so weiter, eine Seite weiter: „Es sind immer andre, die dran glauben müssen, uns kann es nie ereilen, bis du selbst am eigenen Leib erfährst, daß der Morgen sehr nah war, an dem du selbst als Aas auf dem Frühstückstisch liegst und man sich den Nachruf auf dich zwischen Butter und Marmelade aufs Brötchen streicht. Nein, nicht einmal diese Erfahrung kann dich aus deiner Benommenheit reißen, nicht einmal dem geringsten vereinzelten Sterben kannst du zur Hilfe eilen, für kein Grab reicht dein Trauern aus … .“ Was Weiss hier zur Sprache bringt, ist die Unvollkommenheit des aber dennoch unbezweifelten Gefühls, das heute unter dem Namen „Betroffenheit“ nicht zu Unrecht einen schlechten Ruf bekommen hat. Nicht zu Unrecht, weil, wie hier schon zu ahnen, private Ängste sich über größeres Elend zwanghaft stülpen wollen, weil sich die eigene Regression nur am offensichtlichen Elend anderer noch sinnhaft wiedererkennen kann, weil kein Mensch mehr glauben kann, daß Morgenzeitungen oder andere Medien uns etwas so verläßlich und materiell in uns aufnehmen lassen wie Marmelade und Honig. Andererseits ist die Gewißheit, ganz sicher nie den dummen Fehler machen zu können, von irgend etwas wie auch immer ergriffen zu werden, die sich so selbstzufrieden in Texten heute breitmacht, die glauben, nur noch ahnungslos oder satirisch sein zu können, ein Symptom einer Verdrängung, Verdrängung von etwas, was Peter Weiss an anderer Stelle Gedankennot genannt und zum Kriterium der Widerstandsfähigkeit erhoben hat.2

    Ich habe verschiedene Worte ausprobiert, um der Arbeit von Künstlern außerkünstlerische Zuordnungen anzubieten. Oder zuzumuten. Diese Zuordnungen gaben nicht nur eine Richtung oder einen Orientierungspunkt für künstlerische Arbeit an, sondern untersuchten gleichzeitig die gegebenen Bedingungen für künstlerische Arbeit, bzw. schon für die Entscheidung, Künstler werden zu wollen; die eingebildeten wie die wirklichen, nur allzuoft tragen beide den gleichen Namen. Diese Begriffe hießen Freiheit, das Soziale, die Gruppe, das Ritual, das Opfer, die Subversion, das Mißverständnis, die Produktivität. Hier kommt ein anderer Begriff dazu, der im Gegensatz zu den eben aufgezählten einen stärker verpflichtenden Charakter zu haben scheint. Aber wie alles verpflichtende, auch etwas beruhigendes; er heißt LINKS.

    Es wird einige Gesprächspartner geben, mit denen ich über den Begriff sprechen will: KRS-One, Peter Weiss, Denis Hollier und, weniger explizit but not least, Michel Foucault.

    KRS-One: The moral of this story is: there is no moral you have to finish this story for me …3

    Der Frage, ob es noch einen Sinn hat, von „links“ zu sprechen, liegen folgende, jedermann zugängliche Beobachtungen zugrunde: 1.) Es gehört nicht mehr zum guten Ton – in der Welt, in der wir uns alle hier bewegen –, sich zur Linken zu rechnen. Im Gegenteil, es gehört zum guten Ton, sich über das, was man neuerdings die Links-Rechts-Differenz nennt, lustig zu machen. 2.) Es scheint plausibel, von links und rechts und den daran klebenden Ausdrücken progressiv und reaktionär nicht mehr zu sprechen, wenn man sich zum Beispiel des Begriffssalats erinnert, der beim Moskauer Putsch entstanden ist: Kommunisten waren Reaktionäre oder Konservative, Antikommunisten wurden Linke oder Progressive Kräfte genannt. Die große Abrechnung mit der Aufklärung, die seit 44 Jahren mindestens läuft, bringt immer wieder als Resultat hervor, daß linke Herrschaft nur eine, meist unerträgliche Abart von Herrschaft schlechthin hervorbringt. 3.) Es läuft ein größeres gedankliches Projekt, das die Unterscheidung zwischen rechts und links den anderen unerträglichen terroristischen Binaritäten zuordnet wie männlich/weiblich, schwarz/weiß etc., die das dialektische Denken über uns verhängt hat und denen wir durch ein Denken der Vielheiten, der Schattierungen, der regellosen Kontextbezogenheit und der Mikropolitik entgehen müßten. Und 4.) Links sein fällt, nach der Verabschiedung des historischen Subjekts Arbeiterklasse und anderen „objektiven“ Bestimmungen politischer Subjektivität oder Subjekt-Positionen unter die „Überzeugungen“. Und Überzeugungen sind ja, wie wir alle wissen, die perfidesten unter den Selbsttäuschungen und sollten in der Regel Gegenstand von psychiatrischer Behandlung sein. Oder etwa nicht? Das würde dann jedenfalls das Argument des unter 3.) referierten Projekts entkräften: Wenn Links heute nur noch eine „Überzeugung“ ist, dann kann man darauf nicht die Kritik, die man den kulturell verhängten binären Codes des Körpers, der Rassen, der Rollen etc. entgegenbringt, anwenden.

    Überzeugung ist in der Regel ein Name für einen ideologischen Trick, mit dem man das, was sowieso geschieht, als Durchsetzung des selbst Gewollten interpretiert. Das, was ganz offensichtlich gegen diese, per definitionem stabile „Überzeugung“ spricht, ist aber auch immer noch gut, wenigstens die „Überzeugung“ gefestigt zu haben. Man kennt diese Todeslogik aus unzähligen Debatten: Was nicht die eigene „Überzeugung“ bestätigt, bestätigt sie erst recht, weil sie ihrer Differenz zum Wirklichen als Kritischem Bewußtsein Recht gibt. Daß wer völlig falsch liegt, gerade richtig liegt, weil sein Denken die Auszeichnung „nicht angepaßt“ verdient, diese alte linke ideologische Torheit lebt, im Gegensatz zu manch anderer linker Errungenschaft, bis heute in besonders blöden Euphemismen wie „Querdenker“ fort. Vielleicht läßt sich aus dieser ein erster Versuch machen, linkes Denken für heute positiv zu bestimmen. Oder herausfinden, warum das nicht nötig oder falsch wäre.

    KRS-One: One thing I know: the truth can always be questioned

    Und kann man die Wahrheit, daß man die Wahrheit immer in Frage stellen kann, ebenfalls in Frage stellen?

    Wir müssen also davon ausgehen, daß die harten ideologischen Fallen, die vor allem in den Verfallsjahren linker Kultur so offensichtlich wurden, sozusagen hausgemacht seien. Dann können wir sie vielleicht lesen als internen Widerstand gegen die zu schwer zu akzeptierenden … Wahrheiten, ist nicht das richtige Wort: Grundbedingungen linken Denkens. Die auszuhalten mein auf Versöhnung der Gegensätze im eigenen Kopf trainierter Kleinbürgerverstand strukturell kaum in der Lage ist.

    Zuvor aber noch etwas anderes: Komplementär zu den Verhärtungen des linken Denkens zur Bestätigungsmaschine nur psychologisch, aber nicht politisch motivierter „Überzeugungen“, gibt es eine Geschichte der Revisionen, der Selbstanklagen, der Häresien – beides ist in der Geschichte nichtlinken oder rechten Denkens unbekannt. Natürlich fällt einem sofort die strukturelle Ähnlichkeit linker Häresien und Revisionen mit den Entsprechungen in der Kirchengeschichte ein: hier die katholische Macht wie die Internationale oder die KPdSU, dort die Häretiker, Abweichler, Ultralinken etc. Aber diese strukturelle Ähnlichkeit enthüllt nur eine Teilwahrheit; denn die Geste der Revisionen war in der linken Kultur, die Zeit hat sie gar nicht gehabt, nicht auf die Ränder der kommunistischen Macht beschränkt, sondern erreichte ja selbst in der poststalinistischen UdSSR das Zentrum der Macht.

    Dafür verdanken wir auf der anderen Seite Historikern wie Norman Cohn ein Bild der klassischen christlichen Häretiker-Bewegungen, das dem von Ultra-Linken ziemlich ähnlich sieht: in der Mischung aus einem theoretischen Sauberkeitsfanatismus mit einem praktischen Durchsetzungseifer, der die Verpflichtung zur Überprüfung der Ergebnisse nicht nur mit einschloß, sondern in den Mittelpunkt stellte; so daß permanentes Revidieren der Theorie einen ganz anderen Rang bekommt als das Falsifizieren bei der Naturwissenschaft oder selbst das Beobachten von Dynamiken und Tendenzen bei diversen Sozialwissenschaften. Da die Theorie die Wirklichkeit, die sie verantwortete, mit verursacht hatte, durfte sie keine Dauerhaftigkeit haben. Sie mußte einerseits sauber sein – und die Realität widerlegte sie natürlich unausgesetzt – und beanspruchte zum anderen, Moral und Handlungsanweisung zu enthalten. Indem sie Befunde verkündete, die keine bleiben durften, sondern durch Zeitdruck sofort zu Befehlen wurden, geriet dieser Diskurs vom einen performativen Widerspruch in den nächsten: Theorie war Praxis und doch nur als Theorie ausgerüstet. Wann immer dies nicht mehr auszuhalten war, wurde aus der entsprechenden Häretiker-Bande eine puritanische Sekte, die den Anspruch auf Realität aufgab.

    Und in der Regel aufs amerikanische Land zog (oder seine späteren Entsprechungen heimsuchte, vom Monte Verita zum Friedrichshof). Das ist die Genese dessen, was als „Überzeugung“ seit vielen hundert Jahren die Köpfe von Christenmenschen inkl. christliche Kommunisten stilllegt. In einem Merkur lese ich in einer Rezension4 eines Buches über Alexandre Kojève, diesen referierend: „Die Philosophie muß in der Stadt heimisch sein, wenn sie mehr sein will als privates Träumen; die Weisheit erfordert eine dialektische Beziehung zur Welt, und zwar nicht einer akademischen Sekte auf den amerikanischen Prärien.“ Das ist exakt das, was nun in den letzten beiden Jahrhunderten dazu gekommen ist, seit die Häretiker als Bohemiens in den Arbeitervierteln trinken. Mit dem Ergebnis, daß Häretiker zum ersten Mal Macht auch im großen Stile erhielten. Mit ihr in Händen gerieten sie erneut in Lagen, wo sie nichts anderes anfangen konnten als entweder Massenmorde aus Überzeugung und gegen Überzeugung zu organisieren oder die Selbstkritik bis zur Selbstauflösung zu treiben. Die gute alte Oppositionssituation, in der der Angriff schon durch die allgemeine Verteilung der Macht gerechtfertigt ist und jedes Ergebnis des Angriffs mindestens als Lehrmittel, unterschied sich nachhaltig von der Lage, wo man unter den nominell Machtlosen verborgen Mächtige bestimmen mußte, um weiter einen wertvollen Feind zu haben.

    Die gegenwärtige Selbstauflösung der Linken zeigt die andere Seite der stalinistischen Medaille. Die Geschichte linker Revisionen, die bei Orthodoxen wie Ultras in einem gegebenen Moment immer in dem Schimpfwort „Revi“5 gipfelte, konnten wir in letzter Zeit, nicht erst seit dem Mauersturz, ziemlich eindrucksvoll beim Ansteuern neuer Höhepunkte beobachten, niemand hat das getan: Mittlerweile scheinen sich ehemalige Linke darauf geeinigt zu haben, daß gerade jetzt die Linke eine besonders gefährliche Macht besitze, die sie dringend aufgeben müßte. Ein weiteres Beispiel für die Mechanik von Überzeugungen, das jeweils Durchgesetzte, das Verschwinden der Linken, zur eigenen, perverserweise linken Forderung zu verklären. Der alte Gegner FAZ fragt dagegen händeringend „What’s left?“.

    Von Gorbatschow bis zu den Revolutionären Zellen, von Boock bis Engholm: Das Abtreten, Selbstkritisieren, Revidieren trat dabei natürlich nicht als ein und derselbe Vorgang auf. Die Begründungen, Wege etc. waren so vielfältig wie die einzelnen politischen Wege und Karrieren. Diese Vielheiten, die linke Praxis ausgemacht und schwierig gemacht haben, sind vom zugegebenen Scheitern nicht verschlungen worden. Ein Szene- und Halbwelt-Typ wie Boock liefert andere Begründungen als ein Gorbatschow-Apparatschik, der zu Beginn seiner Perestrojka diese unter die Überschrift „Zurück zu Lenin“ gestellt hat und dann in der kapitalistischen Wüste angekommen ist. Gemeinsam ist das Bedürfnis, Rechenschaft abzulegen. Das linke Leben, und sei es das korrupteste, will immer theoretisch (moralisch) über Praxis Rechenschaft ablegen. Und natürlich haben alle Revisionen das Problem, daß immer ein anderer sie – ob zu Recht oder zu Unrecht – für Verrat hält. Was der auch muß, solange er das von anderen Ergebnissen aus tut, nicht von einer Überzeugung aus – den wahren Verrat begehen immer nur diejenigen, die sich aus einer Welt zurückziehen, wo Selbstkritik und Revision noch eine existentielle Bedeutung haben, zu der wechseln, wo das Existentielle an Gedanken in der Form der Überzeugung eingefroren wird. Aber von heute aus haben alle diese Revisionen etwas extrem Ermutigendes: Sie stellen durch Ähnlichkeit dar – was, solange die „Linke“ mehr oder weniger als ganze mehr oder weniger relevante Strömung funktionierte, nicht so leicht sichtbar war bzw. aus taktischen Gründen verdunkelt wurde –, welche Bündnisse sinnvoll möglich waren – und also auch jederzeit wieder möglich sein werden: etwa das zwischen Halbwelt und aufgeklärtem Apparatschik. Und nur so wird auch sichtbar, durch Verbindungen, wer als einzelne Type für so eine Verbindung geeignet ist. Welche Sorten von Leuten überhaupt noch zu Handlungen bereit und befähigt sind, die erkennbar gesellschaftlich sind, indem sie Ähnlichkeiten und Anschlußfähigkeiten erkennen lassen. Sie stellen weiterhin dar, inwieweit eine Überprüfung der Konsequenzen des eigenen Denkens, was weder bei rechtem noch akademischem Denken, da es ja nur anschaut und nicht bewegt, weder nötig noch vorgesehen ist, ein Essential des linken Denkens ist, das über jeden Tod der Linken hinweg möglich macht, von einem linken Denken zu sprechen.

    KRS-One: Capitalism the system of pimps and hoes, in this particular system everyone’s a slave / The pimp’s so serious they’re funny, honey

    Nähern wir uns der Frage von einer anderen Seite: In der amerikanischen Zeitschrift October erschien vorletztes Jahr ein interessanter Artikel über die Politik der Gruppe um Georges Bataille, das Collège de Sociologie. Denis Hollier eröffnete seinen Aufsatz „On Equivocation (Between Literature And Politics)“6 mit einem Zitat von Zeev Sternhell aus dessen Werk, Ni droite, ni gauche, weder rechts noch links. Dieser Titel verspricht eine Bestimmung einer solchen Position, die bis jetzt immer nur von Leuten reklamiert wird, die bei etwas näherem Hinsehen als Rechte sich entpuppt haben – denn so wie nur ein Bruchteil der Rechten sich rechts nennt, nannten sich immer sehr viel mehr Leute links als es Linke gab. Typische Rechtsintellektuelle nennen sich bis heute „unpolitisch“ oder „weder links noch rechts“. Hollier fährt fort, indem er seinen Text in die Geschichte von Jules Monnerot einklammert. Monnerot, seinerzeit ein Weggefährte Batailles und Mitbegründer des Collèges, stammt aus Martinique und nannte sich stolz einen Enkel von schwarzen Sklaven und weißen Abenteurern, er gehörte der Kommunistischen Partei an. Im Juni 1989 entdeckt ihn Hollier auf einer Kandidatenliste von Le Pens Nationaler Front für das Europa-Parlament in Straßburg. Inwieweit hängt dieses Schicksal zusammen mit der „Ambiguität“, die man der politischen Position des Collège, besonders Leuten wie Caillois oder Bataille selber, weniger Leiris, schon immer vorgeworfen hat. Hollier argumentiert jetzt, daß die rechte Taktik der Ambiguität nicht zu verwechseln sei mit echter Ambiguität. Die taktische Ambiguität der Rechten verhülle ja eine Eindeutigkeit, die wahre Ambiguität, die er in manchen Momenten des Collège gefunden haben will, sei endlos oder in der Schwebe, ließe sich immer nur in weiteren Ambiguitäten auflösen. Dem würde ich entgegensetzen, daß genau dies die genuin linke Position ist, die Peter Weiss in der Ästhetik des Widerstands formuliert, wenn er als Nenner all der diskutierenden, zweifelnden, überprüfenden, revidierenden Linken in seinem Roman resümiert: Wir haben nichts außer unserer Gedankennot. Endlos ambig im Denken, ohne Aufschub im Handeln wäre links, mythisch fixiert und bewegungslos im Denken, endlos strategisch im Handeln wäre rechts.

    KRS-One: You have to look at another man’s existence, resistance – that’s materialistic.

    Unsere Gedankennot – das ist in der Tat die endlose Ambiguität Holliers, und sie ist auch deswegen nicht ni droit, ni gauche, sondern gauche, weil es in der Rechten keine Gedankennot gibt. Es gibt auch dort Verwerfungen, Brüche, Tragik, aber alle Tragik ist eine des Einzelnen und seines Denkens, nie der Adäquatheit seines Denkens für die soziale Praxis, ihre vorgegebene Ambiguität ist die des gedanklichen Zweifels, des nicht genügenden Gedankens, gemessen an einer selbst gestellten Aufgabe. Sein Denken ist immer nur taktisch oder strategisch, es kennt keine Erfahrung des Kampfgrundes im Leben (höchstens in der Erinnerung und anderen Verklärungen). In der Regel ist der Rechte aber sowieso ein zufriedener Mensch, der lange lebt wie der Mops im Paletot, weil er sein Denken und sein Handeln restlos entzweit hat. Die linke Gedankennot zeigt sich nicht als Not auf der gedanklichen Ebene, aber sie findet nicht zu Formulierungen, sie ist prozessual, nicht resultativ und zeigt sich nur auf der habituellen Ebene oder in der Zerrissenheit des Stils; deswegen können Linke so selten schön schreiben (Manifeste und heilige Texte sind nur hysterische Antworten auf dasselbe Problem).

    Stattdessen nimmt sie zwei Formen an, die ich beschreiben möchte als Dummheit und Angeberei. Objektiv ist der Linke dumm, so wie der Volksmund von jemandem sagt, er sei ja schön blöd, daß er das und das getan hat. Der Volksmund meint damit nicht, daß der Betreffende einen niedrigen Intelligenzquotienten hat, sondern sich unpraktisch verhält. Von außen ist ein Unterschied zwischen einem, der aus moralischen Gründen keine Karriere machen will, und einem, der unfähig ist, Karriere zu machen, nicht zu erkennen. Diese Identität mit dem Versager, gesehen von außen, ist ganz entscheidend für das linke Verhalten, es führt zu einer auch inneren Identifikation mit dem Versagen, zu einer Vertauschung von Symptom und Krankheit, auch innerhalb des linken Zirkels oder innerhalb der Persönlichkeit. Dieses Defizit an Macht, das im Verzicht auf Erfolg seine Ursache hat, strebt aber auch zu jenem anderen auffälligen linken Verhalten, der Angeberei, Besserwisserei, Rechthaberei, das sich auf der argumentativen oder rhetorischen Ebene zurückholen will, was es gesellschaftlich verpaßt hat. Das ist aber beides nicht so unangenehm und aussichtslos wie es klingt; denn es ist strukturell, und Strukturen sind nur gefährlich, wenn sie unerkannt prägen und regulieren. Es muß nur klar werden, daß eine Linke ohne Projekt, eine Linke, deren wenige Kriterien Gedankennot, Reversibilität, Selbstkritik, Praxisbezug und eine gewisse aus Gedankennot entstandene Lebensunklugheit, vorhin „Dummheit“ genannt, sind, wenn sie sich denn wünschenswerterweise wieder organisiert, von diesen strukturellen Kriterien ihres Linksseins weiß.

    KRS-One: If your slavemaster would have been a christian, you wouldn’t be a christian. The belief in one God is European. When you’re born in sin, you can’t win, you can’t succeed, achieve. Jesus was a revolutionary, who hung out with criminals. Stop reading from a dead book

    Born in sin – you can’t win: Dieser christlichen Bestimmung entgeht der eben strukturell bestimmte, projektlose, neugeboren auf seine strukturellen Eigenschaften zurückgeworfene, von mir entworfene Linke noch nicht. Sein Träumen nutzt nichts, wenn er sich nicht organisiert, sang ihm der erste Subkultur-Professor Deutschlands, Rolf Schwendter, einmal vor. Und wenn er nicht mehr träumt, muß er sich deorganisieren? Das wäre noch nicht das Gegenteil von Organisation, Kirchenbauen auf Felsen aus Offenbarung, vielleicht eine andere, eben eine Organisation, denn strukturiert sind wir notgedrungen mehr als genug: Der Glaube an einen Gott, und sei es eine Vernunft oder Theorie, ist etwas, von dem wir uns gerne verabschieden, wenn wir nicht dafür hilflos in Partikularismen und Nationalismen stürzen, die schlimmer sein könnten als jeder noch so kolonialistische, eurozentrische Universalismus. Wir behelfen uns, indem wir sagen, wir konstruieren unsere Partikularitäten, unsere „Nationalismen“ des Widerstands, als taktische Gebilde, wir glauben nicht essentialistisch an sie, aber wir brauchen sie, um handlungsfähig zu werden. „Strategische Essentialismen“, wie Gayatri Chakravorty Spivak sagt. Handlungsfähig im Hinblick auf was? Der Tribe aus dem Tribalismus hat nur sein eigenes Interesse im Auge, er will in Ruhe gelassen werden, seine einzige universelle Vorstellung heißt meistens Peace oder so. Nach einigen Stammesdefinitionen sind Skinheads auch Tribes, aber der Unterschied ist der, daß sie sich explizit auf etwas beziehen, was sie nichts angeht: Nation zum Beispiel. Gegen die verordnete panische Globalität der unkontrollierbaren, katastrophalen Systemik, die alle öffentlichen Reden durchzieht, könnten die korrespondierenden, selbstbezogenen Tribes ein Modell alternativer Globalität sein: Wenn es tatsächlich so ist, wofür es genügend Anzeichen gibt, daß Rassismus als negative Globalität weltweit die Probleme der Macht lösen soll, wie Verteilung von Gütern, Chancen, Zulassungen, kann man ihn auch nur bekämpfen, wenn man nicht-„rassische“ „Rassen“ zur Gegenmacht zusammenschließt. Mir reicht das noch nicht. Mir fehlt die Klammer, die die Verteilungskämpfe und ihre unterschiedlichen Opfer zusammenbringt, ohne ihnen Gewalt anzutun – was das Werkzeug Klammer so an sich hat –, aber zwischen ihnen vermittelt, wie bisher nur der Groove (also der Groove als Platzhalter von Humanismus und Klassenkampf). Den Groove zum Sprechen bringen. Das wäre die einstweilen leider (oder glücklicherweise) mysteriöse Alternative zu Gott und Theorie, zur Vernunft und ihrem Todestrieb, zum Wert.

    Soviel zur aktuellen Gedankennot. Oder zum inneren Disput, wie Weiss an anderer Stelle sagt. Der Groove könnte als Modell oder Metapher auch für das Innenleben mit der Gedankennot dienen. Denn es kommt ja darauf an, daß diese sich nicht als Überzeugung verfestigt oder als Versagerneurose marginalisiert. Der Groove ist nicht harmonisch, er zwingt nicht zur Synchronisierung, er ist polyrhythmisch und in der Lage, Dissonanzen aufzunehmen, ohne sie aufzulösen. Wir sind noch in der Metapher, aber der Hinweis sei erlaubt, daß in der populären Musik der Gegenwart, in und an allem, was an ihr neu ist, der Groove die Dissonanz, das Gegenmodell zur christlichen Subjektivität, an der die Linke solange litt, offenbar in Lust umwandeln kann. Und noch eine andere Auslegung. Auf die Rücken seiner beiden letzten Bücher, Die Sorge um sich und Der Gebrauch der Lüste, setzte Foucault jeweils das gleiche Zitat von René Char: „Die Geschichte der Menschen ist die lange Aufeinanderfolge der Synonyme ein und derselben Vokabel. Ihr zu widersprechen, ist eine Pflicht.“ Der schon erwähnte Hollier fragt in einem anderen Aufsatz7: „Werden wir diesem Imperialismus der Synonymie einen homonymischen Imperativ entgegensetzen?“ Eine homonyme Kette, wo die Homonyme immer wieder andere Bedeutungen haben, ist nichts anderes als der Groove.

    KRS-One: Rap music is a culture, everyone outside this culture is a vulture

    Damit meint er nicht, daß jeder, der draußen ist, ein Geier ist, sondern jeder, der sich von draußen darauf bezieht, Legitimation oder Profit gewinnend, ein Geier ist. Wenn unter uns bleiben zu wollen, unser durch Erfahrungen mit Markt und Institutionen begründetes Ziel ist, brauchen wir nicht mehr andere Leute durch ein Ziel zu belästigen: Die Erhaltung von Communities scheint zur Zeit Ziel in sich genug zu sein; ein Ziel, das Anmaßungen von innen wie außen gegenüber immer resistenter zu werden scheint. Und es ist weniger defensiv als es klingt. Da es die Praxis nicht vertagt, ist es angriffslustiger als die beste utopische We-want-the-world-Theorie (die in die Badewanne führt). Foucaults Kritik des Freudo-Marxismus, also des von Psychoanalyse und Marxismus gemeinsam als europäische Moderne veranstalteten Glaubens an die von der Macht verhängten Verbote als zentrale Unterdrückungsstrategie, gipfelt im Zweifel an dieser Repressionshypothese: Nicht unterdrückt, zum Schweigen gebracht werde der Untertan durch die Macht, sondern zum Reden und Beichten gezwungen. Dem setzt nur der Jive etwas entgegen, das alternative CNN, als das Public Enemy Hip-Hop bezeichnet haben: ein einigermaßen abhörsicheres Kommunikationssystem, das nicht bekennt oder zur Macht spricht, protestierend, beschwerend, betroffen, sondern nur zu seinesgleichen. Wer sich ihm anschließt, braucht nicht mehr anzugeben oder dumm, im eben beschriebenen Sinne, zu sein: Es sei denn, die ganze Angeberei und Dummheit tendierte immer schon dazu, in Jive überzugehen, dann gibt es eine Beziehung zwischen den strukturellen Merkmalen des Linken und der günstigsten Auslegung des neueren Tribalismus. (Günstige Auslegung heißt, den Kriterien entsprechend, die ich hier aufgestellt habe: Selbstbezug, Praxis, die schon einen Teil dessen enthält, was verwirklicht werden soll, hohe Kommunikationsfrequenz, Fähigkeit zu Koalitionen zur Gründung einer Gegenmacht, anti-elitistische Eleganz).

    Daß die Gesellschaft, die zu kritisieren und korrigieren sich der Linke früher – teilweise zu Recht, und da begann ja auch meist seine negative Verstrickung, ob via Sozialdemokratie oder Stalinismus sei erst mal egal – einbildete, heute nicht mehr auf ihn hört, ist seine eigentliche Chance. Das gibt ihm nicht nur die positive Seite der Nutzlosigkeit, die Armut als Freiheit, das befreit ihn vor allem von seiner größten sekundären Not, nämlich den Praxisbezug des Gegners, der Macht mitdenken zu müssen, die ihn daran hinderte, seine eigene Gedankennot als in der Schwebe befindliches dynamisches System zu nutzen und zu genießen. Aus einem Schachspieler ist in den Achtzigern ein Entdeckungsreisender geworden. Wer nicht für alle sprechen und denken muß (inkl. seine Gegner), wie Sozialdemokratie und Stalinismus, und für wen Praxis unaufschiebbar ist (wie das Leben selbst), hat keine Wahl. Die ihm bestenfalls noch angebotene „Chance“ (auf Karriere, Entwicklung, Selbstverwirklichung etc.) ist keine, da sie Aufschub und Verzicht verlangt, ohne noch ein anderes Gut anzubieten als das, was schon die Eltern in den Fünfzigern haben konnten.

    Eine Woche später notiert Peter Weiss8:

    Es ist verständlich, wenn die schwarzen Bewohner der Gettos, die Rebellen Lateinamerikas, die internationale Jugend, spontane Aktionen begehen, ohne Massenstrategie, nur weil der Druck des Gegners so unerhört ist, weil keine Partei in Sicht ist, die zu revolutionären Aufgaben bereit wäre, undsoweiter. Doch auch dem Einwand muß zugestimmt werden, daß solche Handlungen, ohne sorgfältige Planung, ohne Basis in der Bevölkerung, mit nur mangelhafter Bewaffnung, oder ohne Waffen, in Kürze eliminiert werden durch die überlegenen Schutztruppen der Ordnung. (…) Unabweisbar die Tatsache, daß nach jedem solchen Aufflammen Erschlagene auf der Strecke bleiben, daß die Besten in die Gefängnisse geraten, ohne Möglichkeit zur Verteidigung, von vornherein verurteilt von der Klassenjustiz, daß monatelange, jahrelange Haft auf sie wartet, daß sich dann Stille über sie senkt, eine Stille, in der die Eingekerkerten sühnen müssen für ihr unrealisierbares Freiheitsbedürfnis, für ihren Aufschrei gegen die Prasserei, den Wucher, die Tyrannei, sei es in Mexico City, Los Angeles, New York oder Tokio, in Rio de Janeiro, Valparaiso, Bogotá, Madrid, Athen oder Lissabon, in Rom, Milano oder Paris, wo auch immer, in jeder schönen, dem Tourismus anempfohlenen Stadt.

    1970, als Weiss das schrieb, braucht er schon den Weltmaßstab, um sich die Metanot zu machen, über die Folgen nachzudenken, und wählt das verräterisch objektivistische Wort „unrealisierbar“. Heute kann man den Pessimismus wie den Optimismus nur maßlos steigern. Bei aller Gültigkeit vieler dieser Beobachtungen noch auf die heutige Lage bezogen, gilt, daß die Linken immer weiter in Ruhe gelassen werden, von Macht und Massenbasis desinteressiert mißachtet. Sie können also wieder zur eigentlichen Gedankennot kommen, die schon in der Aktion selbst enthalten ist, ohne die Erwägung, was sie im Weltmaßstab bedeuten. In einer Nummer9 der Zeitschrift Widerspruch schreibt Robert Kurz, daß für die Wissenschaft und die Intellektuellen längst gelte, was für die Kunst seit Warhol und Beuys gilt, wenn jeder ein Künstler ist, ist keiner einer, so sind heute im Westen alle Wissenschaftler, tendenziell alle Intellektuelle und alle Linksintellektuelle. Deswegen ist keine Massenbasis in Sicht, weil die Linksintellektuellen in der ersten Welt selbst wie die Massen geworden sind. Sie wissen es nur noch nicht. Sie müssen als erstes lernen, mit ihrer inneren Not zu leben, ohne sich die Gedanken des großen Bruders, seiner Maschinen und seiner Netzwerke zu machen. Ihre innere Not, die zu Ausbrüchen führt, kann sich als Widerspruch, Widerstand erfahren, ohne an ein großes Ganzes denken zu müssen. Sie kann sich die kognitive Dissonanz leisten im Modell des Grooves: Sie nimmt nicht mehr ernst, was eh warenförmig oder endlos synonym ist, sie muß nicht einmal zur Tat schreiten, weil ihr die Dimension der Zukunft, die Linke von je an die Macht verkauft hat, abhanden gekommen ist. So spricht sie mit sich selbst, gestaltet das komplexe, sekundaristische Innenleben der Menschen der Achtziger, genießt sich in ihrer Differenz, aber bleibt natürlich wirkungslos, wenn es darum geht, institutionalisierte und Medienmacht wirksam und strukturell zu brechen, Definitionsmacht zurückzugewinnen. Das war die Lage am Ende der 80er.

    Die vielgeschmähte amerikanische p. c.-Bewegung kann durchaus helfen, ein paar der Widersprüche zu formulieren, die auf Linke und ihre Theorie zukommen. Sie ist einerseits auf einer symbolischen Ebene fast unsinnig verbohrt und unnachgiebig und hat damit, oft gegen das Eleganz-Verständnis gerade derer, die sie tragen, tatsächlich Definitionsmacht errungen. Sie muß extreme, sinnlose Partikularismen ertragen, um halbwegs universell auftreten zu können. Anders ist der Kontakt zwischen Weltghetto, Weltoberschülerhysterie und Weltwiderstand nicht zu haben. Sie ist extrem symbolisch (also scheinbar unmaterialistisch, unpolitisch), findet darin aber die Form einer Radikalität, die es erlaubt, fast alles diskutierbar, anwendbar, genießbar zu finden, indem man es ausspricht, austrägt, darlegt. Das, was aber jenseits dieser Grenze liegt, gewaltsam anzugreifen: den „unantastbaren“ Teil der Macht.

    Dieselbe Lage ließe sich auch im schwärzesten Pessimismus beschreiben. Und zwar nicht unbedingt falsch. Beschreibt man ihre verzweifelt fröhliche Perspektive, erzählt man nur von dem, was die Leute, bewußt oder unbewußt, sowieso schon am Leben hält. Dieser Stoff löst nicht die Probleme, aber er ist zu wertvoll, um ihn den Zufällen individueller Produktion jenseits von Diskussionen zu überlassen. Gute Laune ist progressiver als Kulturpessimismus.

    1. Peter Weiss, Rekonvaleszenz, Frankfurt am Main 1991, S. 20. ↩︎
    2. Peter Weiss, Ästhetik des Widerstands, Band 1, Frankfurt am Main 1975, S. 123: „Wehren müssen wir uns dagegen, fertige Ansichten zu übernehmen und weiterzugeben, die dümmste Reaktion ist besser als ein pflichtbewußtes Nachbeten respekteinflößender Litaneien. (…) Denn was haben wir andres, fragte er, als unsre Gedankennot, soll doch unsre Unwissenheit beschimpft werden, was ist denn unser Radebrechen andres als ein Zeichen für das Aufbegehren gegen die Lüge.“ ↩︎
    3. Alle KRS-One-Zitate aus: Boogie Down Productions, Sex & Violence, 1992. ↩︎
    4. Mark Lilla, „Das Ende der Philosophie“, in: Merkur, 514/92, S. 25f. ↩︎
    5. kurz für Revisionist. ↩︎
    6. Denis Hollier, „On Equivocation (Between Literature and Politics)“, in: October, 55/90, vgl. auch: „Spirituelle Reaktionäre und völkische Vernunftkritiker“, Freiheit macht arm. ↩︎
    7. Denis Hollier, „Gottes Wort ‚Ich bin tot‘“, in: Ewald / Waldenfels (Hrsg.), Spiele der Wahrheit – Michel Foucaults Denken, Frankfurt am Main 1991, S. 106. ↩︎
    8. Weiss, Rekonvaleszenz, a.a.O., S. 48. ↩︎
    9. Robert Kurz, „Intelligenz nach dem Klassenkampf“, in: Widerspruch, 22/92, S. 11–26. ↩︎
  • Schwarze Musik und weiße Hörer

    Hubert Fichte: Sehen Sie allgemeine Kriteria für eine afroamerikanische Kunst?
    Michael Chisholm: Ja.
    F: Welche?
    Ch: Der Gebrauch von Farben – violente Farben.
    Auch die Notwendigkeit, soziale Inhalte in den visuellen Künsten zu reproduzieren.
    Dissonante Farbzusammenstellungen. Die Farben werden gezwungen, aufeinander zu reagieren. Verschiedene Rots gegeneinander.
    F: Der Gebrauch von Schwarz?
    Ch: Schwarz ist keine Farbe.
    F: Keine Farbe ist eine Farbe.
    Ch: Go on!
    F: Es scheint ihnen schwerzufallen, über Schwarz zu sprechen.
    Ch: Black ist kein Wort. Black ist etwas Absolutes.

    Hubert Fichte: Die Schwarze Stadt, Die Geschichte der Empfindlichkeit

    0
    Globale Verhältnisse unter Hip-Hop

    Hip-Hop ist die Erzählung, das Master Narrative unserer Epoche. Hip-Hop ist die Musik der Jugendlichen und der Minderheiten nach der Hoffnung auf Überwindung von Widersprüchen, auf Revolution und Utopie. Hip-Hop löst Rock’n’Roll als Musik der Metropolen und des globalen Austauschs ab. Aber Hip-Hop ist keine idealistische Musik mehr, die von etwas träumt und dann an falschen Verhältnissen scheitert. Die waren bei Hip-Hop immer schon falsch und höchstens konnte man mal jemanden dabei beobachten, wie er sich seine Fesseln etwas lockerte. Hoffnung ist bei Hip-Hop meist die Tatsache, daß es kaum schlimmer geht. Und daß die Formulierung von und Kommunikation über Verhältnisse selten zu deren Verschlechterung beiträgt. Hip-Hop ist eine nur noch antiintegrationistische Musik, das ist ihr Nenner, das ist das, was alle ihre Anhänger auf der ganzen Welt eint: nicht mitmachen. Aber jede Negation führt zu Positionen, und die reichen dann von neoutopischen linken Ideen, über Separatismus, religiösen Wahn und Nationalismus bis zum individualistischen (Gangster-)Karrierismus. Doch seine Drastik, Gereiztheit, Intensität und seinen Erfolg bezieht Hip-Hop immer noch aus der vorintegrierten Situation und antiintegrationistischen Haltung. Aber zuallererst ist Hip-Hop die Musik junger schwarzer (hauptsächlich männlicher und urbaner) Amerikaner. Alle weltweiten Jugendkulturen beruhten in der Nachkriegszeit auf Dekontextualisierungen schwarzer amerikanischer Kultur (was sie von den Vorkriegsjugendkulturen sehr zu ihrem Vorteil unterscheidet). Bislang machte aber keine dieser Musiken sowohl den Verwertern wie den Fans außerhalb der Community die Dekontextualisierung so schwer. Dennoch treten auch ins Zentrum des internationalen Hip-Hop-Diskurses Verkettungen von Mißverständnissen, die schon früher die Rezeption und den Import von sowie die Projektion auf schwarze Musik bestimmten: Ob im Soul-Liebeslied eine Intensität, die sich aus der schicksalhaften Verkettung materieller Verhältnisse mit Liebesverhältnissen ergab (Mann als Ernährer von Frau oder umgekehrt), von Mittelklassefamilienflüchtlingen als deren lustvoll erlebte Auflösung verstanden wurde, oder ob die vom Free Jazz unternommenen Versuche einer Rekonstruktion afro-amerikanischer kultureller Sicherheiten (Tradition, Formen, Autoren) als die moderne oder postmoderne Auflösung von Autorschaft, Form etc. gedeutet wurde.

    Für den deutschen Leser, der in einem Land lebt, wo Sportreporter noch selbstverständlich von „schwarzen“ Eigenschaften reden, städtische Aufstände immer noch „Rassenunruhen“ oder„Rassenkrawalle“ heißen, sollte man vielleicht die alte Malcolm-Wahrheit hinzufügen, daß Anti-Integrationismus immer auch Integrationismus voraussetzt, keinen Verzicht auf Rechte darstellt, sondern nach deren Durchsetzung spielt1, sich vorbehält, die als Geschenke deklarierten Selbstverständlichkeiten zurückgehen zu lassen. Eine Frage der Würde. Und dann muß man dem deutschen Leser wohl auch noch sagen, daß es natürlich keine Schwarzen gibt2, sondern nur deren kulturell-politische Konstruktion. Mit der muß man allerdings nicht nur notgedrungen leben. Nur weil sie als Konstruktion falsch ist, hat sie nicht – deterministisch – auch nur falsches Bewußtsein erzeugen können. Ohne viel davon gehabt zu haben, haben sich die amerikanischen Schwarzen, deren Kultur und Sprache unter der Drohung abgeschnittener Zungen bei Benutzung afrikanischer Wörter begann und daher von Anfang an unter der „modernen“ Bedingung eines Verhältnisses zur Sprache als Material stand, immer wieder als Avantgarde eines neuen Grades oder Typus von Ausbeutungsverhältnis wiedergefunden. Diese Position ist mit Hip-Hop – der Musik der Gangs, Sekten, Stämme – in einer neuen historischen Situation – Bosnien, Los Angeles, Aserbaidschan – erhalten geblieben, nur daß es nicht mehr um Ausbeutung geht, sondern um das Elend, nicht einmal mehr ausgebeutet zu werden.

    I
    Warum „Nowhere To Run“ „Nowhere To Run“ heißen muß

    Gerri Hirshey3 hat ein Standardwerk über Soul der Sechziger geschrieben. Es heißt Nowhere To Run. Warum heißt es nicht „Tears Of A Clown“, „Respect“, „Heatwave“ oder „Money“ – um nur ein paar als Headlines des Jahrzehnts aus schwarzer Sicht ebenso treffende Songtitel von ebenso spektakulären und aufregenden Songs zu nennen?

    Die Tränen des Clowns4 fließen nicht nur für zwei Jahrhunderte afroamerikanischen Unterhaltungsgewerbes, wo oft genug lustig sein mußte, wer traurig war, sondern das Lied begründet auch den zum schwarzen Anteil neuer sozialer Mobilität der Sechziger gehörenden Anspruch auf eine bürgerliche Subjektivität mit Innenleben und ästhetischer Theorie: „Don’t let my glad expression give you the wrong impression. Baby I’m sad. But like a clown I pretend to be glad.“ Das war in der schwarzen Pop-Musik noch nicht so zusammen ausgesprochen worden: daß es innen nicht nur anders aussieht als außen, sondern beide Seiten ein Spannungsverhältnis unterhalten. Im Gegenteil, Schwarze Musik neigte eher zu „reinen“ Kommunikationsverhältnissen: Cool Jazz hier und Blues da. Mit dem Rücken zum Publikum im eleganten Anzug der rassistischen Zuschreibung vom schwitzenden Gefühlsbündel widersprechen (Miles Davis in den Fünfzigern) einerseits. Aussprechen der intimen Vorgänge, auf ihre, einer fremden oder falschen Welt entgegengesetzte Echtheit bestehend (jenseits jeder „Bewußtseins“-Kontrolle im Gospel-Ritual des „speaking in tongues“5 in der Gemeinde aufgehend oder allein vor einer weltlichen Gemeinde beim Blues) andererseits. Beides gehört natürlich zusammen: Die Offenheit, die in der Gemeinde möglich war, verbot sich unter kulturindustriellen Bedingungen. Um die Aufrichtigkeit zu retten, mußte der BeBop-Künstler, erst recht der Cool Jazzer Geheimsprache sprechen: „Jive“ = „Wir beide verstehen uns, er da hinten hat keine Ahnung, wovon wir reden.“ Dem Publikum den Rücken zuwenden. Die Offenbarung des Inneren gelingt unter den fortgeschrittenen Bedingungen des Cool Jazz mit seinem weißen Establishment-Publikum erst durch sein Verbergen. Beiden Kommunikationssituationen ist ein hohes Bewußtsein von den Gefahren des Verstandenwerdens durch ein Außen bzw. eines zu schützenden Innen gemeinsam. Beide entsprechen sozialen wie auch sprachlichen Techniken, besonders solchen, die wir „rhetorisch“6 nennen würden. Die von Smokey Robinson beklagte Lage steht für einen Übergang, für eine neue Orientierung der Rhetorik afroamerikanischer Kultur während der sechziger Jahre.

    Denn während in den Fünfzigern Jazz zur „Kunstmusik“7 wurde, stieg die Nachfrage nach einer Wiederbelebung direkter Ausdrucksformen für alle diejenigen, die sich in einer Welt der neuen Mobilität zu befinden meinten: schwarze Jugendliche, Großstädter, neue Nordstaatler, Kriegsteilnehmer. Sie bediente der neue, elektrisch verstärkte R’n’B – Vorläufer von Soul (wie von Rock’n’Roll).8

    Smokey Robinsons Clown und dessen falsche Impression von einer falschen Expression einer verbotenen Impression verkörpert das Prinzip von Motown, der ersten Plattenfirma in schwarzem Besitz, bei der genau ein dem weißen Publikum schmeichelnder Glanz („glad expression“) und elegante Showmanship sich zum als authentisch empfundenen urbanen R’n’B und seinem Lied der Widersprüche („wrong impression“) seit den frühen Sechzigern gesellten. Weder – wie von ihrem kritischen Verstand allzu eingenommene, weiße Blues- und R’n’B-Anhänger meinen – um diese „authentischen“ Feelings als richtige Zeugnisse falscher neuer urbaner Erfahrung zu domestizieren, noch um im Sinne des Cool Jazz die Authentizität des Gefühls durch seine verbergende Negation zu retten. So wie die frühe Motown-Produktion beides war, Klitsche und Community, Club und Fließband, neue Musik und Massenproduktion, schwarze Würde und schales Versprechen einer vergeblich erhofften Mobilität, wurde es möglich, unter Aufgreifung des alten europäischen Kitsch-Motivs vom traurigen Clown zu denken, daß in einem Song beides gesagt werden kann: Ich habe den Blues und ich verkaufe ein falsches Glück, das aber wirklich folgenreich wirkt, wie authentisches Glück. Ich bin frei, weil ich meine Unfreiheit benennen kann. Aber ich bin hoffnungslos unglücklich, weil ich nur das Glück aussprechen darf, das Unglück nicht. Das entsprach in etwa auch der Situation des Minstrels und Harlequins, also einer traditionellen Figur des schwarzen Entertainments (für Weiße). Doch dieser Song sprach nun auch noch aus, was nicht ausgesprochen werden durfte, und machte es zum Gegenstand, ja zur Voraussetzung seiner Klage. Das markiert das endgültige Ende der Minstrels und Harlequins und den Beginn von Massenmedien und Unterhaltungsindustrie. Integration zu der Kondition, daß das frisch Integrierte auf seiner Nichtintegrierbarkeit besteht, die allerdings erst in der Integration wirksam wird (Keimzelle dessen, was im Hip-Hop „explicit“ wurde). Mit einer Musik, die tatsächlich offenläßt – was die Stärke mancher Motown-Songs ist –, ob sie zu Tränen rühren oder euphorisierend zum Dancefloor führen will. Die harmony vocals sagen etwas anderes als das unglücklich hoppelnde Baritonsaxophon. Erst später teilen sich dann die zunehmend spezialisierteren Plattenfirmen und ihre spezialisierten Künstler Körper und Seele der schwarzen Musik der Sechziger untereinander auf.9

    „Respect“10, mein zweiter alternativer Titelvorschlag für Gerri Hirsheys Buch, war nicht nur das Ziel der Bürgerrechtsbewegung. Ursprünglich bei Otis Redding, war es eh nur um den Respekt gegangen, den der Ehemann von seiner Frau verlangt, wenn er nach einem harten Tag heimkommt. Während sich der „weiße“ Protestsong der Sechziger immer an den Staat, das Establishment, die da oben oder die ältere Generation richtete, jedenfalls stets in einem Ton sprach, der eine ältere väterliche Autorität voraussetzt11, wendet sich ein später zum symbolischen Protest eingesetzter Song wie „Respect“ an den Ehepartner. Soul-Protest nimmt nicht nur in diesem Fall eher die Position einer an einen erwachsenen Partner gerichteten Beschwerde ein. Während der (weiße) Protest(song) immer nur im Konjunktiv oder Futur von einer Situation phantasiert, in der es zum Machtkampf kommen könnte/wird, in den imaginären Welten von Moral und Utopie spielt, sind die Machtkämpfe im schwarzen Song immer schon da. Fragt sich nur, welches Personal sie gerade austrägt: Mann und Frau, Mann und Gott, Pimp und Bitch oder – seltener – Black Nation und Unterdrücker. Aber bevor „Respect“ und sein wenig utopischer, realistischer Vorschlag zur Hymne werden konnte, mußte Aretha Franklin12 den Song covern. Daß hier eine Frau sang, machte zwar die Ausgangslage – arbeitender Ehepartner beschwert sich über den zu Hause Faulenzenden – nicht unrealistischer, entscheidend aber war, daß in ihrem Arrangement das Einzelschicksal in einem gospelartigen Chor eingebettet wird. In dem im Kollektiv eingepaßten Gesang wird das praktisch-persönliche Problem zum allgemeinen einer größeren Community wie etwa der Black Nation.13 Während also der „weiße Protestsong“ aus einer unerträglich gewordenen Familie hinauswill und damit auch die infantile Position festschreibt und zum Genrebaustein werden läßt, nimmt der Soul-Song die erwachsene Position der Verantwortung (für eine Ehe, Community etc.) ein. Da es sich allerdings um Verantwortung für ein noch zu gründendes oder noch bedrohtes Staatswesen handelt, die Verantwortung an Durchsetzung gekoppelt ist, die erst die Gesetze schafft, identifiziert sich der Jugendliche mit schwarzer Kultur, so wie er sich mit den Gründer- und Pionier-Mythen des Westens identifiziert. Der soziale/sprachliche Zusammenhang zwischen weltlich-individuell (Blues) und kollektiv-transzendental (Gospel) geht in den Sechzigern von Kirche/Kneipe über auf die Spezialisierung von Branchen, also zu verschiedenen Stilen, Labels, Produktionsweisen und wohl auch dahin, wo man jenseits von sozialen Funktionen von „gelungenen“ und schwachen Songs zu reden anfängt, zur „Kunst“. Der Übergang der individuellen bluesmäßigen Klage „Respect“ bei ihrem Verfasser Otis Redding zur schwarzen Nationalhymne bei Aretha Franklin markiert einerseits, wie die beiden genuinen schwarzamerikanischen Volks-Kulturformen zu kulturindustriellen Branchen werden, um andererseits inmitten dieses noch nicht ganz vollzogenen Übergangs zu beschreiben, wie die Koppelung dieser Formen mit der Sozialdynamik der Sechziger und der Kapitaldynamik der sich in neuen Größenverhältnissen einrichtenden Plattenindustrie Pop-Songs so übercodiert, daß sie als Hymnen funktionieren. Die Erinnerung daran wird allerdings ästhetisch nicht der vom Gesang geschützte Raum des Gospels bewahren14, sondern der Groove, mit dem der Gesang zu diesem Zeitpunkt eine Liaison eingeht, um ihn später – in der Funk-Epoche der Siebziger – als Aufbewahrungsort der Erinnerungen an Kollektivität und Transzendenz abzulösen.

    Mein dritter Vorschlag war „Heatwave“15. Während andere Motown-Hits der frühen Sechziger in Europa rezipiert wurden als Hits wie andere Hits, freilich in enger Beziehung zum beginnenden Welterfolg des Beat, der Jugendkultur, der Beatles (die wie viele andere Beat-Bands mit „Please Mr. Postman“ auch einen Hit mit einem Motown-Song hatten), war „Heatwave“ weit über die kurzfristige Hitfunktion hinaus bedeutsam. Zum ersten Mal hatte ein europäischer Jugendkult, die britischen Mods, sich nicht auf eine weiß vorbehandelte Version schwarzer Musik gestürzt, sondern auf ganz bestimmte Originale. Was durch die eher studentisch-bohemistische, nicht direkt jugendkulturelle britische R’n’B-Begeisterung der ganz frühen Sechziger vorbereitet gewesen sein mag, bekam eine neue Qualität, als „Heatwave“ von Martha & The Vandellas zur Hymne der Mod-Bewegung wurde, neben anderen Motown-Hymnen, aber in einem besonderen Sinne. Die Begeisterung für „Heatwave“ war in manchem Sinne heißer als die erste Blues-Welle und deren Einfluß auf den beginnenden Beat: Es ging nicht mehr um rekonstruierbare, imitierbare Spielweisen, sondern um den reinen Effekt, der als überwältigender empfunden wurde als jeder Versuch, ihn sich – etwa über Nachspielen – aneignen zu können. Mit „Heatwave“ wurde zum ersten Mal das Andere schwarzer amerikanischer Musik (z. B. ihre Kollektivität) in seiner ursprünglichen, unbearbeiteten Form zum Totem eines weißen, britischen Jugendkultes und inaugurierte damit die Serie fruchtbarer Mißverständnisse, die die weiß-europäische Beziehung zum schwarzen Pop bestimmte. Die aller afroamerikanischer Kultur zugrunde liegende, distanzierte (und dadurch auch freiere, „künstlerischere“) Haltung zum Englischen, das Mißtrauen gegen eine Signifikation, die gar nicht so weit entfernten Vorvätern noch bei Androhung abgeschnittener Zungen beigebracht worden war, erreichte den jungen Rebell anderswo, der seine eigene Distanz zur vorgefundenen Sprache erlebte, ob er nun noch keine Sprache oder Stimme hatte oder sie auch ihm, von der Erwachsenenwelt, den Verhältnissen aufgezwungen vorkam: Sprache, als ein ungeklärtes Verhältnis, das seinem Stadium im Spracherwerb (nicht nur der Wörtersprache) entsprach. Gleichzeitig ist „Heatwave“ der Song, wo der vorgeschobene (oder nachgereichte) Inhalt am geringsten und zum ersten Mal erkennbar geringen Widerstand leistet gegen die Ebene der Anspielungen rund um das Wort „Heatwave“. Oder anders gesprochen: Wo „Heatwave“ von der Metapher zur Metonymie sich verschiebt, vom nur noch schwach miterzählten persönlichen Liebesdrama zu allen möglichen hedonistischen Hitzewellen, die Tanzen, Amphetamine und Sex jeder Romantik vorzogen. Die Übernahme von „Heatwave“ durch die Mods ähnelt der Übernahme „Respects“ durch die Bürgerrechtler, nur in entgegengesetzter Richtung.

    Schließlich „Money“16. Lustigerweise war es Motown-Chef Berry Gordy selber, der den Schlüsselsong der „pragmatischen“ neuen schwarzen Städter schrieb. Der Chef der ersten nationwide und über „Rassenschranken“ hinweg erfolgreichen schwarzen Plattenfirma hatte sein Programm formuliert: „The best things in life are free / but you don’t give them to the birds and bees / I want money / that’s what I want …“ Nicht die dubiosen Klitschen der traditionellen race-records-Firmen, die legendär viele Blues-Legenden um ihre Tantiemen gebracht haben, haben die geschützten Räume der schwarzen Kultur zerstört, die Kirche und den Blues. Sondern, wie konnte es anders sein, der erste schwarze Kulturindustrielle zog die Konsequenzen aus einem veränderten Klima. Der sprichwörtliche Ort der schwarzen Musik war die zugige Straßenecke Manhattans geworden, wo die DooWop-Gesangsgruppen entstanden. Gordy war der erste in einer Reihe von schwarzen und weißen Plattenfirmenbesitzern, der, anders als noch der Rock’n’Roll-Einzelhändler und Elvis-Entdecker Sam Phillips, in industriellen Dimensionen dachte und seine Stars nicht an die RCAs dieser Welt verkaufen mußte (wie Phillips). Er verwandelte nicht, wie allgemein angenommen, Stile, Inhalte etc. in Waren, sondern vorgegebene Architekturen sozialer Räume in Entertainment-Räume, womit sie nicht aufhörten, soziale zu sein, also auch Spuren ihres Gewachsenseins bewahrten. Im Gegenteil, das kam nicht nur ihrem Funktionieren als Entertainment zugute, es entsprach auch den säkularisierten Verhältnissen in der urbanen Community. Andererseits war die Funktion der alten Räume durch nichts ersetzt worden: Schwarzes Entertainment hat diese auch auf industriellem Level sofort mitübernommen.

    „But there was a problem. The very causes and energy that once pulled that world (die der schwarzen Musik – d. Verf.) together began to pull it apart, and here it is not just instructive but, to me, essential that we look at what it all meant for the music. I can’t shake off the feeling that in the enormous groundswell of change in the black community since World War II, something crucial has been lost (…) the very success of the movement spelled the end of the R&B world. One of the underlying assumptions of integration was that a solid education among whites would produce blacks qualified intellectually and socially to fit into middle-class, white-collar, corporate America (…) since white values were held up as primary role models, many blacks (…) lost contact with the uniqueness of their people, and with their own heritage (…). ‚Black is Beautiful‘ has been answered in the eighties with nose jobs and blue contact-lenses“, schreibt der moderate Nationalist Nelson George in seinem hervorragenden Buch The Death Of Rhythm & Blues.17 Seiner Diagnose von den Dilemmata des Integrationismus kann auch ich mich, als Nichtanhänger der üblichen europäischen Kulturpessimismen und ihrem Horror vor Kulturindustrie, mit Einschränkungen anschließen. Denn im Zuge der Zulassung immer mehr Schwarzer zum allgemeinen amerikanischen Konkurrenzkampf, gibt deren Massenkultur den Einwand gegen das Verständnis via kleinsten gemeinsamen Nenner durch das weiße Entertainment auf. Dem so Verstandenen bleibt schließlich keine andere Wahl als die Gesichtsoperation, das liegt in der Natur des Verstehens im Kommunikationskapitalismus. Auch hier trägt die schwarze Kultur Amerikas existentiell aus, was man als Luxus-Debatten aus der Independent-Szene kennt: klein, sauber und intensiv bleiben oder ausverkaufen? Im selben Zuge zieht sich die durch den sozial-verbindlichen Charakter der Räume Kirche, Blues etc. konstituierte Bedeutung zurück aus dem Signifikaten in den Signifikanten. Und die daraus sich ergebenden Entwicklungen übergeht George pessimistisch, wenn er den Niedergang am Unterschied zwischen Aretha Franklin und ihrer Verwurzeltheit in den alten und in den späten Sixties neu instrumentalisierten Schutzräumen und der austauschbaren Schönsingerei von Whitney Houston festmacht. Wo sind Queen Latifah und Monie Love? Das immer schon ausgeprägte Bewußtsein für die Seite des Signifikanten, sozusagen für die Architektur der Räume, die für die Verbindlichkeiten bürgten, verläßt diese Räume, um sich „unbehaust“ oder an anderen Orten niederzulassen. Der schwarze Literaturwissenschaftler Henry Louis Gates Jr. entdeckt eine Kontinuität dieses ausgeprägten Bewußtseins im afroamerikanischen Schrifttum der letzten 200 Jahre und in einer ebenso alten schwarzen Folklore-Figur: dem „Signifying Monkey“.

    „The black rhetorical tropes, subsumed under signifying, would include marking, loud-talking, testifying, calling out (of one’s name), sounding, rapping, playing the dozens, and so on.“18 Signifyin(g) bezeichnet also nicht nur eine aus der Fremdheit gegenüber der Sklavenhalter-Sprache geborene, mißtrauisch-parodistisch deren Effekte nachahmende Redeweise unter Schwarzen, die sich aber eigentlich gegen das aufgezwungene Verständigungssystem (Sprache des Unterdrückers) richtet, sondern hat auch, als „testifying“ mit jenem heiligen Moment im Gottesdienst zu tun, wo – speaking in tongues – der losgelassene Signifikant die (verborgene) Wahrheit von Gottes Wort hervorbringt. Gates bezeichnet als „Signifyin(g)“ sowohl das Ganze schwarzer Rhetorik, als auch einen speziellen, der Ironie verwandten Fall, den er von den anderen wie „calling out“ unterscheidet und von dem im Folgenden vor allem die Rede sein soll. Schlagfertiges Beschimpfen, Parodieren im Straßentalk ebenso wie gegenüber dem Offiziellen der weißen Kultur, oft in Reimen. Dabei werden Buchstaben und Silben ausgetauscht, über Reimwörter argumentiert, Floskeln durch Wiederholung und Verschiebung ausgehöhlt, Sinn und Intention der Lächerlichkeit preisgegeben, Metaphern zu Metonymien, Zufälle und Buchstäblichkeit durch Insistieren und Wiederholungen bedeutsam. Gates wundert sich mit uns, wie ähnlich das Konzept des „Signifyin(g)“ in beiden Verwendungsformen dem ist, was seit Saussure über Lacan wie Barthes, von Kristeva, Bloom, Derrida, de Man und den anderen sogenannten poststrukturalistischen oder dekonstruktivistischen Sprach- und Literaturtheorien, sozusagen nachträglich als Produktionsweise längst geschriebener Literatur erkannt worden ist, obwohl der Begriff „Signifyin(g)“ seit 200 Jahren im schwarzamerikanischen Schrifttum around und nachweisbar ist – „Signification is the nigger’s occupation“, zitiert er ein altes Sprichwort.

    Man mag einwenden, daß die literarische Moderne schon wußte, was sie diesbezüglich tat, bevor es ihr der Poststrukturalismus erklärte, etwa Ezra Pound, wenn er„Logopoeia“ erklärt: „‚The dance of the intellect among words‘, that is to say, it employs words not only for their direct meaning, but it takes count in a special way of habits of usage, of the context we expect to find with the word, its usual concomitants, of its known acceptances, and of ironical play …“19 Daß eine sprachliche Alltagskultur und Folklore-Praxis ein ähnliches Verständnis entwickelt, ist nicht nur bemerkenswert im Hinblick auf die immer wieder entstandenen Berührungspunkte zwischen Moderne wie Postmoderne und Black Culture (neben zahllosen anderen ausgegrenzten, marginalisierten oder revoltierenden Kulturen zwar, aber nicht erst in den Nachkriegsjahren auf besondere Weise20, wichtiger ist der Unterschied, daß es beim „Signifyin(g)“ seinem Wesen nach nicht um die „Kommunikation von Einzigartigkeit“21 geht, wie bei der Modernen Lyrik, sondern um die Kommunikation/Nichtkommunikation der „Einzigartigkeit“ eines (unterdrückten) Kollektivs, um die Konstituierung einer Differenz, die bis heute die „tiefste“ Wurzel ihres Separatismus darstellt. Dessen Anziehungskraft auf sich als „Boheme“ organisierende „einzigartige“ Prototypen der Moderne (Lyriker, Künstler, Individuen, Beatniks etc.) uns noch beschäftigen wird.

    „Nowhere To Run“22 ist ein Song über einen weggelaufenen Mann, dessen Gesicht Martha Reeves überall wieder begegnet, wo immer sie auch hinrennt: „When I look in the mirror to comb my hair / I see your face just a smiling there / NO! Nowhere To Run“. Die Wahrheit im Gospel-Ritual, das Verstandenwerden im Blues-Bekenntnis, stellen sich nicht mehr ein. Es gibt kein Entkommen mehr, in der „Freiheit“ der Mobilität lauert die totale Abhängigkeit von einem Mann, einem Signifikanten, der von keiner konventionellen oder geschützten Signification mehr kontrolliert wird, von keinem Ritual: negatives testifying. Diese Konstellation faßt alle anderen zusammen. Der auseinandergebrochene Ausdruck in der Selbsterfahrung als Clown, das fremd-vertraute Gesicht im Spiegel, die ökonomische Abhängigkeit, die keine Community, keine Familie mehr regelt, der verlorene soziale Raum, der Bedeutung, Bezahlung, Wert und Selbstgefühl regelt: Das Signifikat der schwarzen Erfahrung, ihre besondere Form des Sozialen, landete auf der Flucht schließlich bei einem nun ganz fremden, negativen Signifikanten, verlor sich in Schizo-City. Zwar fangen der überpersönliche, immer stärker betonte Groove in den späteren Sechzigern beim Versuch der Rekonstruktion von Community und die vom Gospel abgeleiteten Singtechniken den irre gewordenen Song noch ab, die Fülle der Stimme hebt die alte, rituelle Hervorbringung von Wahrheit noch auf, aber schließlich erhebt der Signifyin(g) Monkey, nun in jedem Sinne frei geworden – frei von den Schutzräumen, die seinem Schutz ebenso dienten, wie sie von ihm gestützt wurden –, unbeeindruckt-lakonisch seine alte, neue Stimme. Die mythische Figur wird zum nachäffenden Gott des Rap. Er kann sich amüsieren über die Tragik der Mobilitätsopfer, denn er kennt ihr Spiel, die eigene Imitation des aufgezwungenen Fremden. Er weiß von der Notwendigkeit der Distanz zum aufgestülpten Universum der Sklavenhalter und seiner Regeln. Er hat weder für Integration noch für einsame Verzweiflung etwas übrig. Doch kommt seine Stunde 1965 noch nicht, in der er explizit verkünden können wird, daß die Identität des Afro-Amerikaners eben gerade in seiner zerrissenen Nicht-Identität bestehe, die sich nur noch in der Diskontinuität der Loops und Samples darstellen lasse, und von der sich reimenden Doublette „African-American“ benennen, die heute gekommen ist, wo Rap, also Signifyin(g), selbst zum Genre wird, aus seiner Rolle als Rhetorik in Rahmen und Räumen heraustritt und auf Platten veröffentlicht wird, die mit dem Etikett „Explicit Lyrics – Parental Advisory“ nur noch verkauft werden dürfen. Das Schein-Paradox des explicit Signifyin(g).

    Zuvor hatten aber Millionen mit ihrer Existenz gewettet, die jetzt, d. h. in den Siebzigern, in jeder Beziehung „homeless“ wurden. „Nowhere To Run“ war ein dauerhafter Zustand zwischen der nicht aufgegebenen, zeitgenössischen Utopie des „Move On Up“ und dem verklärten „People Get Ready“.23 Die meisten blieben dazwischen: kein schöner Ort zum Leben, dort herrschen Zug, Bewegung, Fallwinde, Stress. Nowhere: was für ein Ort zum Leben, was für eine soulful Hütte! Nowhere to run, nowhere to hide … Nämlich ein Ort ohne Raum, eher eine Eisbahn, auf der das Rennen kein Ende nimmt und in deren polierter Fläche das Bild des Mannes, Geldgebers, Weißen sich spiegelt, wenn immer du hinsiehst. Wie Sophia Loren auf einer italienischen Landstraße in einer endlosen Ebene, gejagt von Tieffliegern, im Arm das herzkranke Kind.

    Im selben Maße, in dem in den sechziger Jahren schwarze Songs auf keine transzendente Kollektivität mehr hoffen, sondern in einem ewig scheinenden Kampf angekommen sind, verleihen sie diesem Horror der Dialektik von Freiheit (Homelessness) und Abhängigkeit (Einsamkeit) Ausdruck. Was Berry Gordy in „Money“ noch optimistisch auseinanderhalten konnte – „your love gives me such a thrill / but your love won’t pay my bill“ – und was Gwen Guthrie in „Ain’t Nothin’ Goin’ On But The Rent“24 stellvertretend für die neue schwarze Mittelklasse der Achtziger wieder auseinanderhalten können wird, verschmilzt in „Nowhere To Run“ zu einer abschüssigen Perspektive. Wer am Fluchtpunkt ankommt, singt dann, wie James Carr, Clarence Carter, Aretha Franklin oder Percy Sledge „The Dark End of the Street“25, die Ballade vom sozialen Tod nach der erzwungenen Identifikation von Glück und Geld, man begegnet sich wieder an diesem dunklen Ort: „At the dark end of the street, that’s where we gonna meet, living in shadows where we don’t belong, hiding in darkness to hide ourselves / You and me / at the dark end of the street …“ Und hofft bzw. befürchtet: „They gonna find us, they gonna find us someday …“ Am dunklen Ende der Straße hat das Rennen sein Somewhere gefunden. Es ist der Ort eines Blues zweiter Ordnung, eines Blues nach der Großstadt-Erfahrung, der sich mit der „heil“ gebliebenen Tradition des Südstaaten-Soul und dessen Nähe zum klassischen R’n’B vermischt. Danach verschwindet nach und nach die Stimme als Träger kollektiver (Gospel-)Erinnerung und Erfahrung („testifying“), an ihre Stelle tritt der Groove. In den souligen Varianten des House-Sound von heute treten die (gospelorientierten, „traditionellen“) voluminösen Soul-Stimmen nur noch als Ornamente und Zierat auf. An die Stelle der individuellen Blues-Stimme aber tritt der Sprechgesang, Rap, das pure Signifyin(g).

    Kurz nachdem ich „Respect“ von Aretha Franklin und von Otis Redding auf dem Soul-Kanal des Lufthansa-Inflight-Entertainment-Kanals auf einem Flug nach – natürlich – Amerika neulich wieder gehört habe, schalte ich auf den von Frank Laufenberg moderierten Oldie-Kanal, wo „You Never Give Me Your Money“ von den Beatles26 läuft. Darin heißt es irgendwann: „… but, oh, that magic feeling nowhere to go …“ Sein Geld nicht zu bekommen und nirgendwo hingehen zu können – was als bedrückendes Dilemma in der schwarzen Erfahrung des Kampfes zwischen Mobilität oder Emanzipation einerseits und Ausweglosigkeit, Heimatlosigkeit andererseits erlebt wird –, kommt in Europa an oder wird hier zu: Freiheit und Abenteuer. Das durch Verlust der sozialen und sprachlichen Sicherheit des alten Gospel-Kollektivs oder der Blues-Redeweise entstandene Gefühl wird hier willkommen geheißen als Name für die erwünschte Befreiung von Familie, Vater, Vater Staat. Das erzwungene Vagabundentum der in welchem Sinne auch immer Homeless ist hier, in fast denselben Worten, die Wohnung, über die die Eltern keine Kontrolle mehr ausüben. Wer auf der Straße schlafen muß, muß mitansehen, wie seine Not plötzlich zur Verheißung für all diejenigen wird, denen es zu Hause zu warm ist. „But, oh, that magic feeling nowhere to go …“ Die über die inneren Spaltungen der sekundären Sozialisation sich konstituierende, frische, pubertäre Subjektivität findet sich psychisch wieder im aus der Community vertriebenen oder aus dem Süden, der Sklaverei entkommenen Schwarzen. Doch was jenem Problem ist (Vertreibung), ist diesem Chance, was jenem als Chance (soziale Mobilität, Konkurrenzkampf) erscheint, ist diesem Riß, Vertreibung aus der Kindheit. Sich über Kreuz mißverstehend, schließen sie einen (einseitigen) Pakt.

    Einige Jahre zuvor, 1966, entdeckten die Hippies von der West Coast Blues und R’n’B-Traditionals für sich. Anders als die rekonstruierende Haltung der britischen Blues-Sechziger, konnte die teilweise direkt aus der Beatnik- und Hipster-Tradition hervorgegangene San-Francisco-Szene sich noch auf einen Anteil gemeinsamer schwarzer und weißer Beatnik-Erfahrung berufen. Norman Mailer hält das 1957 in seinem Essay „The White Negro“27 für freiwilliges Erfahren schwarzer Lebensbedingungen bei weißen Hipstern im Interesse existentialistischer Erkenntnis: „So it is no accident that the source of Hip is the Negro for he has been living on the margin (…) for two centuries (…). So there was a new breed of adventurers, urban adventurers who drifted out at night looking for action with a black man’s code to fit their facts. The hipster had absorbed the existentialist synapses of the Negro, and for practical purposes could be considered a white Negro. (…) To be an existentialist, one must be able to feel oneself – one must know one’s desires, one’s rages, one’s anguish …“ Diese Idee von einer Kongruenz zwischen den Wahrheiten des Hip-Existentialismus, wie er sich von der Prosa Kerouacs bis zu Dylans gefälschtem Ausreißer-Lebenslauf zieht, mit schwarzer Alltags- und Lebenserfahrung erweist sich als gigantisches Mißverständnis, wenn man sich anhört, wie etwa die frühen Grateful Dead den alten Blues „I Know Your Rider“ singen.28 Selten sind die Worte „I drink muddy water, sleep in a hollow log“ mit mehr Euphorie und Begeisterung vorgetragen worden. Wer die Wahl hat, schlammiges Wasser statt Coca-Cola oder kalifornischen Wein zu trinken, empfindet anders als der, der es trinken muß. Doch beruht auf diesem Mißverständnis nicht nur bis heute jede Kommunikation zwischen „schwarzer“ und „weißer“ Pop-Musik (wie zwischen proletarischer Kultur und ihren bürgerlich-jugendlichen Freunden): die Umdeutung von Elend in „Freiheit“, von Fremdheit in „Wahrheit“ spiegelt sich natürlich auf die schwarze Kultur zurück. Der schwarze britische Theoretiker Stuart Hall wiederholte vor kurzem die unter schwarzen Intellektuellen verbreitete Idee, daß die postmoderne conditio humana schon immer die schwarze in Europa oder Amerika gewesen sei, und fügte hinzu, daß aber nun, „wo ihr euch alle so dezentriert fühlt, ich mir ausgesprochen zentriert vorkomme“.29

    II
    Black Differences

    Greil Marcus vertrat neulich bei einem Vortrag in Graz30 über den mythischen Blues-Gitarristen Robert Johnson die Auffassung, dessen zentrale künstlerische Aussage sei, daß diese Welt kein Platz für Menschen sei, for no man and no woman. Bei den kleineren Blues-Größen sei diese Wahrheit noch immer in einer nachvollziehbaren Weise von sekundären, historischen und sozialen Bedingungen bestimmt, bei Johnson hingegen in einem überzeitlichen, existentiellen Sinne. There ain’t no home in this world als die Unbehaustheit von Blind Lemon Heidegger, dem plantationyodeler des Black Forest. Er ist nicht der erste, der darauf hinweist, daß die Entwicklung von Blues als der Musik Einzelner – im Gegensatz zur Community des Gospel – in jedem Sinne eine Musik der Freiheit war. Nicht nur ist ihre Entstehungszeit die der nominellen Emanzipation der Schwarzen, die, wie jeder weiß, keine war, es ist damit auch die Zeit des Aufbruchs Einzelner in den Norden. Freiheit heißt also in der Blues-Genese nicht nur Abwerfen eines Jochs, Abwesenheit des Jochs und sich nun mal umtun, was die Welt zu bieten hat, sondern Eintauschen des Jochs gegen eine unbestimmte, sozial ungesicherte, gefährliche, bedrohliche Freiheit. Daß Blues daher immer wieder davon handelt, als migration worker kein home in this world zu haben, ist für Marcus kein Grund, seine Analyse darin aufgehen zu lassen, daß die existentialistische Seite Johnsons mit den sozialen und historischen Bedingungen des Lebens der Blues-Sänger restlos zu erklären sei. Er hört aus Johnson eine überzeitliche, überhistorische Stimme der Geworfenheit, die er aus den sekundären Bedingungen herauslöst und zum Allgemein-Menschlichen rechnet: „Carlos Fuentes sprach einmal von dem Unterschied zwischen einer Literatur, die innerhalb der Grenzen der Soziologie und Ethnographie erfaßt werden kann, und einer, für die das nicht gilt. ‚Vielleicht hätten Babbit und Main Street nur von einem vollkommen determinierten, 1885 in Sauk Center, Minnesota, geborenen, nordamerikanischen Schriftsteller geschrieben werden können‘, sagt Fuentes über Sinclair Lewis. ‚Aber Absalom! Absalom!, Light In August und The Sound And The Fury hätten ihrem mythischen Wesen nach von einem weisen Wilden in Zentralafrika erzählt worden sein können, einem ehrwürdigen Wächter der Tradition im Himalaya, einem vergeßlichen Dämon oder einem reuevollen Gott.‘ Sam Charters (…) schrieb einmal, daß nur ein im Mississippidelta lebender Schwarzer der ersten Jahrhunderthälfte auch nur ansatzweise verstehen könnte, was Son House ausdrückte, als er ‚My black mamma’s face shines like the sun‘ sang. (…) Nichts Vergleichbares könnte je über Robert Johnson gesagt werden.“31

    Marcus möchte Johnson ersparen, von einer soziologischen Konstruktion entpersonalisiert zu werden, ihm statt dessen eine Würdigung angedeihen lassen, die für jeden weißen Künstler selbstverständlich ist. Das kann ich gut verstehen. Es ist das alte Problem der Rockschreiber, daß sie sich in Forschung und Feuilleton mit einer Übermacht von entmündigenden Soziologismen konfrontiert sehen, das gilt doppelt, wenn es sich um schwarze Musik handelt, und dreifach, wenn es um Musik geht, die sich in irgendeiner Weise dem ästhetischen Transport dissidenter Konterbande zu widmen meint. Dabei vergißt Marcus, daß durch die Eingliederung ins Mythische all die Eigenschaften, die eine Individualität ausmachen, sich nach dergleichen Logik verflüchtigen, mit der die Soziologie schon immer die Revolten mit vorher schon gewußten Begriffen wegerklärte. LeRoi Jones, der heute Amiri Baraka heißt, erklärt die mythische Entstehung des Blues zu einem durchaus „historischen“ Datum, von wo an der Schwarze in Amerika nämlich ein schwarzer Amerikaner geworden sei. Im Blues löse sich der primäre Bezug auf das Verschlepptsein des Sklaven und der Blick richte sich auf den Ort, wohin er verschleppt worden ist: „Und spätestens dann, als jemand zum Himmel aufschaute und die Worte ausstieß: ‚Oh Lord ahm tired a dis mess‘, können wir ganz sicher sein, daß dieser Mensch Amerikaner geworden ist.“32 Ins „Black Self“ (Gates) wird also zunächst mal die prinzipielle Fremdheit gegenüber seiner Umgebung (mess) eingeschrieben. Das geht aber nur, wenn er Amerika etwas entgegenzusetzen hat, das eine solche Fremdheit begründet, also selber, statt sich zu unterwerfen, seine Differenz denkt und ausfüllt. „The single most pervasive and consistent assumption of all black writing since the eighteenth century has been that there exists an unassailable, integral, black self, as compelling and as whole in Africa as in the New World, within slavery as without slavery. What’s more, this self was knowable, retrievable, recuperable, if only enough attention to detail were displayed.33 Er wird also Amerikaner, indem er Nichtamerikaner wird. Seine Differenz findet sich im Detail: Er spricht eine andere Sprache. Von dieser anderen Sprache handelt die Mythologie vom Signifyin(g) Monkey, dem nachäffenden Affen, der durch Wiederholungen, Verdrehungen, Wortspiele nicht die Bedeutung, die sein Gegenüber ausdrücken will, beachtet, sondern die Signifikanten. Seine Vorfahren finden sich bei einer Gottheit der Yoruba. Sein Spott ist besagtes, aus unzähligen Songs, Gedichten und Texten schwarzer Kultur bekanntes „Signifyin“. Der Blues, hierzulande Master-Fetisch des Authentizismus der Rock-Kultur, beruht also in Wahrheit auf einer Rede der Fremdheit, Gespaltenheit und Zerrissenheit, deren Subjekte gerade nicht „genau das meinen, was sie sagen“. Im Nichtmeinen aber, durch den Schutz der Community, „authentisch“ sein können. Oder wie es mir einmal Grace Jones unter lautem Gelächter erklärte: „Bad means good in my language.“ Daß jemand nicht genau das meint, was er sagt, heißt andererseits nicht, daß er nichts meint. Nur liegt vor dieser Bedeutung das (bewußte oder unbewußte, industriell-kalkulierte oder traditionell eingeschliffene) Angebot der Bedeutungsoberfläche. Und diese ziert fast immer ein Angebot zu einem Miß- oder Teilverständnis. Diese Mißverständnisse nehmen die Form von Interpretationen an, die etwa in einem hochcodierten Minnetext nur ein Narrativ wahrnehmen.

    Die Attraktivität des afro-amerikanischen Umgangs mit Sprache und anderen vorgefundenen Ausdrucksmitteln lag darin, daß sie sich mit urbohemistischen Strategien gut vertrug. Guy Debord kennt die Erfahrung, wenn er in Panegyric berichtet: „The Gypsies rightly contend that one is never compelled to speak the truth except in one’s own language, the lie must reign.“34 Was die „eigene Sprache“ der Afro-Amerikaner im Sinne Debords sei, ist Gegenstand von nationalistischer Mystik und Spekulation. Über Jahrhunderte wurde das Englische verwendet, aber so unterschieden vom normalen Sprachgebrauch, das der Begriff Dialekt nicht zur Beschreibung ausreicht. Der Unterschied wäre ja nicht ein regionaler, sondern ein funktionaler. War den Schwarzen in den USA der Gebrauch der Schrift bis vor gut hundert Jahren verboten, tauchten bald Schriftsteller auf, die auf der Höhe der Modernen waren. Sehr oft traf sich da der „verlorene“, anomische Zustand moderner Helden mit der Fremdheit, dem Zwischenzustand des Afrikaners in Amerika. Man muß kein Essentialist oder Nationalist sein, um die Eigentümlichkeiten beim Entstehen der schwarzen Kultur anzuerkennen. Keine politische oder kulturelle Bewegung, die diese im Namen allzu naiver Universalismen ignorieren wollte, hatte je eine Chance. Aber jede Bewegung, die sich auf die „Besonderheiten“ schwarzer Kultur einließ, landete bei religiösen oder anderen unbestimmten oder utopischen Zielen (auch wenn das in den sechziger Jahren noch half, wenigstens ein bißchen davon zu realisieren). Es scheint, daß ein Sicheinrichten im Zwischenzustand, in der Anomie des X, seinerseits die Stabilität erreicht hat, die einem Beobachter als „eigenständige Kultur“ erscheint. Norman Mailer war es 1957 zumindest zum ersten Mal möglich, die Vorstellung (den Irrtum) zu benennen, die weiße (und schwarze Mittelklasse-) Bohemiens so dauerhaft an schwarzer Volks- und Massenkultur fasziniert, als er „The White Negro“ schrieb. Der Free-Jazz-Pianist Cecil Taylor beschreibt das Verhältnis von der anderen Seite. In den fünfziger Jahren studiert er die europäische Avantgarde und ihre amerikanischen Verbündeten, von Stockhausen bis Cage: „(Cage) doesn’t have the right to make any comment about jazz, nor would Stravinsky have any right to make any evaluations about jazz, because they don’t know the traditions that jazz came out of. I’ve spent years in school learning about European music and its traditions, but these cats don’t know a thing about Harlem …“ und: „David Tudor is supposed to be the great pianist of modern Western music because he’s so detached. You’re damned right he’s detached. He’s so detached, he ain’t even there. Like, he would never get emotionally involved in it; and dig, that’s the word, they don’t want to get emotionally involved with music. (…) For them the ultimate in kicks is to be a machine.“35 Nur im Zwischenzustand, nur im X zwischen Europa und Afrika, zwischen Anglo- und Afro-American, ist Emotionalität noch möglich. Hierhin folgen ihm die Beatniks, dig? Aber sie kommen woanders her und wollen woanders hin.

    In seinem Grazer Vortrag erklärte Greil Marcus auch, wie er überhaupt dazu kam, sich für Johnson zu interessieren. Als Aktivist der Studentenbewegung von Berkeley und faszinierter Beobachter der allgemeinen Jugendkulturrevolution der späten Sechziger, von tiefer Trauer über ihr Scheitern ergriffen, besann er sich, gerade im Begriff, zum professionellen Rockkritiker zu werden, der er noch heute ist, auf die Wurzeln der Musik, die er liebte: Wovon handelte sie eigentlich wirklich? Wovon sprachen die Bluessänger, deren Songs Cream und Rolling Stones gecovert hatten? Eine Woche, nachdem er in Altamont erlebt hatte, wie der Authentizismus der Hippie-Kultur sich, komplementär zum echten Regen und echten Sex von Woodstock, mit authentischem Blut getauft hatte, ging er in einen Plattenladen und kaufte sich Robert Johnson – The King Of The Delta Blues. Dies erzählt er uns wiederum als Antwort auf die Frage „Was ist Social History?“, die ihm die Veranstalter des Grazer Symposions gestellt hatten. Dazu hatten sie ihn gebeten, zwei Texte zu lesen, deren einer T.J. Clarks „On Social History“ war. Dieser Text, der im Laufe der Zeit zur Grundlegung einer kunstgeschichtlichen Richtung geworden ist, war das erste Kapitel von Image of the People.36 Geschrieben hat Clark dieses Buch über Gustave Courbet, von tiefer Trauer ergriffen, unmittelbar nachdem er sein Scheitern bzw. das Scheitern der in seiner Umgebung aktiven Stundenten- und Jugendbewegungen von ’68 erlebt hatte, dem King Mob und der Situationistischen Internationale in London, deren Mitglied er gewesen war. Auch er fragte sich, auf seinen Fall bezogen: Was meint das eigentlich, daß wir uns als wildgewordene Bohemiens für eine politische Kraft halten, worin hat dieses Modell eines revolutionären Künstlers seine Wurzeln, was bedeutet es eigentlich? Und er schreibt die Geschichte Courbets und der Pariser Boheme rund um die 48er-Revolution. Dabei entdeckt er, daß das Modell der Boheme in erster Linie eine gelebte, soziale Karikatur war, in ihm fanden sich wie und warum auch immer von der Dynamik des Paris des 19. Jahrhunderts entwurzelte oder beflügelte Gesellen, die ihre Fremdheit als Parodie oder nur Imitation neuer sozialer Rollen der wirklichen Welt codierten. Jeder neue soziale Typus habe in Bohemia sein Pendant gehabt, seine Verzerrung, Übertreibung, sein Spiegelbild. Seinen Signifying Monkey. „The effectiveness of the Bohemian style was this: in a city which still half believed in the first dreams and ideals of capitalism, in the fairy world of arcades, exhibitions, the bazaar, the entrepreneur and the vote for everyone, the Bohemian caricatured the claims of bourgeois society. He took the slogans at facevalue; if the city was a playground he would play; if individual freedom was sacrosanct then he would celebrate the cult twentyfour hours a day; laissez faire meant what it said. The Bohemian was the dandy stood on his head: where the dandy was the bourgeois playing at being an aristocrat (hence his pathos), the Bohemian was the bourgeois playing at being a bourgeois – the heroic, absurd, mythical bourgeois of 1789 (One could say that the Bohemian style only works in a capitalism with a myth of itself, a belief in its future. Hence the failure of its British variants; hence its reappearance in California.)“37

    Das Scheitern des Versuchs, die Welt zu verändern, beflügelte offenbar die Lust Greil Marcus’ und T.J. Clarks, sich der Geschichte zuzuwenden (also anderer Leute Scheitern zu beobachten). Und etwas verdächtigender: Die historische Analyse der Wurzeln dessen, das die „weiße“ Jugend/Mittelklasse-Rebellion sich als fremde Träger, Codes ihrer eigenen, unanalysierten Unzufriedenheit ausgesucht hatte, relativiert diese entweder zur Episode von Sozialgeschichte oder sucht eine Beziehung über überzeitliche, existentielle Wahrheiten herzustellen (in den Fällen Clarks und Marcus’ jeweils mit den schönsten Ergebnissen, die uns enormen Gewinn bringen, aber das sei erst mal egal). Das wäre sozusagen der Zugang zweiter Ordnung. Nachdem das affektive Besetzen in der Jugendrevolte durch deren Zerschlagung (oder vielleicht auch durch das Eintreten in ein Alter, das das Mitmachen bei nur durch Jugendlichkeit bedingten Revolten nicht mehr zuläßt) gestört wurde, setzt eine historische Reflexion ein, die die primäre Besetzung einer „fremden“ Musik/Ästhetik/Lebensform entweder in eine historische und sozial bedingte Kontinuiät integriert (und durch das Erkennen dieser Bedingtheit entschärft) oder sie als sympathisierendes Einverständnis mit einer ewigen menschlichen Wahrheit kennzeichnet. Solches Vorgehen gibt die Hoffnung auf, den jeweils nächsten Schritt verstehen zu können, den der soeben noch affektiv besetzte Gegenstand macht. Clark wie Marcus versäumen den affektiven Zugang zu den Nachfolgern des Situationismus (Punk) ebenso wie zur nächsten Stufe schwarzer Musik (Hip-Hop). Bei aller Begeisterung für die Musik von Public Enemy lehnt Marcus ihre Militanz ab, weil sie nicht die „richtige“ Militanz ist (bei allem Verständnis für seinen Ekel vor der Beziehung Public Enemys zu Louis B. Farrakhans schwarzem Antisemitismus, die ein enormes Problem darstellt: Ihre Militanz erschöpft sich nicht in diesem Antisemitismus). Es gab noch nie die richtige Militanz aus der Perspektive des Historikers, aber in jedem neuen produktiven Mißverständnis von Militanz ist das alte enthalten. Die Verweigerung der (wie die Spiegelung in den) letzten weißen Zuschreibungen gehen – positiv, negativ – ein ins Signifyin(g). Einerseits erkennbar in der Präferenz der Hip-Hop-Militanz für staatengründende Modelle von Dissidenz (Black Nation, Nation of Islam, „Let’s build a nation!“, „How we gonna make the Black Nation rise?“), gegen die die linksradikale, „revolutionäre“ Rhetorik eines Hip-Hop-Radikalen wie KRS-One die Ausnahme bildet: „We got to stop the violence and start the revolution. By any means necessary. Some people wanna stop the violence with a flower. We’re not living like that. Some people wanna stop the violence with a banner. We’re not living like that either. If negativity comes with a 22, positivity comes with a 45.“38 Beiden gemeinsam ist, daß die schwarzen militanten Sixties – im Gegensatz zu den weißen Sixties – weder für ein Revival noch als Kontinuität zur Verfügung stehen. Die Liquidierung der Black Panther durch das FBI war ziemlich erfolgreich. Trotz der Popularität des durch den Einfluß und Kontakt mit afrikanischen Befreiungsbewegungen vom Muslim-Separatisten zum linken Pan-Afrikanisten gewandelten Malcolm X bleibt die Orientierung an dem konservativen – und zumindest der Anstiftung des Mordes an Malcolm X verdächtigen – Elijah Muhammad dominant. Schließlich hat Louis Farrakhan die ursprünglichen Prinzipien Muhammads in der heutigen Version der Nation of Islam wieder stark gemacht (nachdem Muhammads Söhne sie aufgegeben hatten): Separatismus, Unterordnung der Frau, Homophobie, mythologische Erklärungen zur Entstehung der weißen Rasse als gezüchtete Teufel. Ice Cube bekennt sich offen zur Nation of Islam (N.O.I.), zum islamischen Recht, zum Auge-um-Auge-Prinzip, Daddy-O warnt vor schwachen Auslegungen der Religion und nennt als starke männliche Führer auch Muhammad und Farrakhan, Public Enemy bekennen sich zu Farrakhan (auch wenn sie öfters abweichend vom Muslim-Dogma mit Weißen kollaborieren). Die erst zurückhaltende N.O.I. hat ihrerseits angefangen, Hip-Hop-Bands und -Managements zu infiltrieren und in einem Buch, Nation Conscious Rap39, die Bewegung für sich reklamiert. Besonders populär sind die sogenannten 5%er, eine weitere N.O.I.-Abspaltung, die sich auf die Lehren von Clarence 13X beruft und der Bands wie Leaders Of The New School, Brand Nubian, Poor Righteous Teachers, Just Ice u. v. m. angehören. Beide Seiten sind also Historiker geworden. Denen, die die Geschichte der Dissidenz schreiben, stehen die gegenüber, die die Geschichte der Black Nation – man muß schon sagen – erfinden.40

    Unter Adornos zahlreichen Ausfällen gegen Jazz fällt immer wieder auf, daß er sinngemäß der schwarzen Musik vorhält41, in ihrer Monotonie, die nichts anderes als ein Ausdruck von Entfremdung etc. sein könne, sei sie auch noch fröhlich, genieße ihre eigene Entfremdung. (Worin natürlich auch Hegels „Die Neger |…] sind als eine aus ihrer uninteressierten oder interesselosen Unbefangenheit nicht heraustretende Kindernation zu fassen“ nachklingt). Diese Rede setzt sich fort bis in die Spalten der Frankfurter Rundschau des Jahres 1991: „Wer bei Befreiung auf Monotonie setzt statt auf Phantasie, wer die Muster der Gesellschaft, von der man sich unterdrückt fühlt, steigert, anstatt sie zu verändern, wird entweder überhaupt nichts erreichen oder auf neue Formen der Unterdrückung hinarbeiten.“ Schreibt ein Michael Rieth42 über einen Hip-Hop-Abend. Man lasse sich nur das „anstatt sie zu verändern“ oder auch „neue Formen der Unterdrückung“ auf der Zunge zergehen. Wir finden lustigerweise hier genau die Beschreibung dessen, was Clark als die zentralen Elemente der sozialen Organisation ästhetischer Dissidenz beschreibt: „Steigerung der Muster der Gesellschaft“. Wir alle wissen hingegen aus eigener Anschauung, was passiert, wenn Leute sich auf die Phantasie und ihre gesellschaftsverändernde Macht berufen, vom Festival of Fools bis zur Totenkunst der Heller und Syberbergs. Umso interessanter, daß „die Steigerung der Muster der Gesellschaft“, die natürlich keine Steigerung ist, sondern eben jene Imitation, Parodie, „dance of the intellect among words“, vertikale „ signification“ über die Muster der Gesellschaft, mit denen man sein eigenes Gespaltensein auszumachen hat, eine Kontinuität kennt, die Courbets Kreis mit Greg Tates Beobachtung von der Gespaltenheit des schwarzen Intellektuellen wie mit dem „Signifyin(g)“ verbindet: „Du Bois talked about black folks and double consciousness. I think if you’re a black intellectual you got quadruple, sextuple, octagonal consciousness beaming around your brain. You’re always trying to square things that have no loners and hard edges. Like where Africa ends and Europe begins.“43 Jazz hat europäische Musiken bearbeitet oder verarbeitet wie heute Hip-Hop neue Technologien, als eine schon fertige Maschine, mit der man etwas macht, was nicht vorgesehen ist.44 Statt also, wie von Cecil Taylor der Moderne attestiert, die „Kreativität“ bis zum Maschinellen zu formalisieren, könnte man das Maschinelle als gegeben nehmen und sich in einer faszinierten Differenz zur Maschine erfinden (die aber nie hinter die Maschine zurückgehen kann). Demgegenüber wäre das eigene Eigene, das man aus dem Nichts, phantasievoll gesellschaftsverändernd, der falschen Sklavenhalterwelt gegenüberstellt, ebenso eine bürgerliche Illusion von FR-Schreibern, wie es machtlos wäre, Folklore. Das „black self“ findet seine Differenz erst im Umgang mit dem schon Fertigen, Abgeschlossenen der „weißen Kultur“. Das Besondere an der Musik der schwarzen Amerikaner war schon immer gerade, daß sie Bestehendes aufgriffen, formal ziemlich intakt ließen und über kontextuelle Verschiebungen und Verzerrungen verwandelten. Oder über andere Mittel, die sich weder „inhaltlich“ noch „formal“, eher mit Begriffen aus dem Spektrum der „attitudes“ (wie z. B. „cool“) beschreiben lassen; sie gewannen Form in Groove, im Beat, im Gospel-Ritual und seinen säkularisierten Verwandten und in deren Gemeinsamem: Signifyin(g). Gegenüber emotional codierten Aspekten der Melodie wird die von europäischen Ohren als Gleichgültigkeit, Gedudel empfundene Coolness bewahrt, in winzige rhythmische Verschiebungen wird der ganze Einsatz investiert. Von der Polka oder Blaskapelle bis zum wohltemperierten Klavier, von Hindemith bis zum Sampling-Computer sind die Erzeugnisse europäischer „Phantasie“ für die schwarze Musik große gesellschafts- oder staatsanaloge Maschinen, mit denen man am besten umgeht, wenn man ihre Wichtigkeitsindikatoren und ihre hierarchische Bauweise oder Bedienungsanleitung unbeachtet, aber (und also) ganz läßt, und stattdessen eine Steckdose findet, mit der man sie an den Groove ankoppeln kann. Natürlich gibt es diesen Zwischenzustand nicht als permanenten, er besteht aus lauter Momenten der Identifikation und (freiwilliger oder unfreiwilliger) Zurückweisung, was mit den Gespaltenheitszuständen korrespondiert, die der „Black Bohemian Nationalist“ Greg Tate beschreibt und das der Boheme-Idee so nahe steht, daß man das alles nicht ernstnehmen kann, aber dann doch wieder ganz entsetzlich ernst nehmen muß. Wie das Verhältnis von Jazz zu europäischer Musik der des Signifyin(g) zum Signifikaten der „weißen Kultur“ entspricht, hat Gates anhand von Coltranes „My Favourite Things“ gezeigt.“45 An diesem Beispiel, Coltranes Improvisation über einen im Original von Julie Andrews gesungenen Musical-Song46, läßt sich auch zeigen, wie der Aspekt der Relativierung, des schmunzelnden Einverständnis, ja des Humorigen überhaupt, das für uns zu Nachäffen, Parodie und Ironie gehört, mit Signifyin(g) nichts zu tun haben muß. Eher hat es mit der der Jazz-Improvisation eigenen „propensity to talk around a subject, never coming to the point“ zu tun, wie Gates Roger D. Abrahams, den ersten Wissenschaftler, der über Signifyin(g) gearbeitet hat, zitiert.47 Gerade bei Coltrane, der häufig besonders abgeschmackte Melodien aufgriff, liegt es den meisten Zuhörern fern, belustigt zu sein oder Humor zu entdecken. Noch verwirrender sind für viele die Kinderlied- und Zirkusmelodien, die ein radikalerer und brutalerer Saxophonist, Albert Ayler, um dieselbe Zeit aufgriff, ohne jede denunziatorische Absicht. „ Improvisation is the play of black differences“, zitiert wiederum Gates Kimberly W. Benston.48 Black differences unterscheiden sich von den weißen dadurch, daß sie sich nicht auflösen wollen, nicht in etwas Neuem aufgehoben werden wollen, sie finden sich eben in der Differenz zum schon Vorhandenen, im Dehnen und Zusammenschnurren dieser Differenzen. Daher kann ein Ergebnis der Parodie, Imitation oder Coverversion, gegen oder für die Vorlage, nie – wie aus Europa gewohnt – das letzte Wort haben. Signifyin(g) ist, wie Improvisation, prozessual und kann kein Resultat erzielen.

    III
    Signifyin(g) Noise

    Es liegt eine neue Situation vor, wenn heute 1.) Signifyin(g) nicht mehr sozusagen zwischen den Zeilen des Textes stattfindet oder nur im musikalischen Umgang (Improvisation z. B.) mit vorgegebenen Formen, sondern im Mittelpunkt der aktuellen schwarzen Kultur steht, nämlich beim Hip-Hop; 2.) der Sampling-Computer nicht nur erlaubt, die gesamte vorhandene Musik kalt abzurufen und umzubauen, was ein Zu-sich-selbst-Kommen der schwarzen Musik und ihrer Methoden in einer neuen Maschine entspräche; und 3.) die aus dem Signifyin(g) hervorgegangenen rhetorischen Figuren in der Rede zeitgenössischer Militanz den Status von Argumenten erhalten.

    Louis B. Farrakhan pflegte seine Zuhörer, nachdem er sie mit dem Muslim-Gruß „As Salaam-Alaikum“ begrüßte, darüber aufzuklären, warum die geläufigen Grüße in den USA für African-Americans nichts taugen können.49 „Hello?“, nun die Hölle (Hell) sei immer schon low gewesen, „Hi?“, African-Americans seien lange genug auf die falsche Weise „high“ gewesen, etc. Jalal Nuriddin, Dichter und mit den Last Poets Vorläufer der heutigen Rap-Künstler, interpretiert die Inschriften der amerikanischen Geldscheine, indem er aus den lateinischen Wörtern neue Bedeutungen herauslöst50, beurteilt die Kraft der Kunst, indem er herausfindet, daß „art is the rootword of heart. He Art.“ Und: „Wenn ich sage: Costa Rica – bedeutet das: Küste der Reichen. Wenn ich sage: Puerto Rico – bedeutet das: Hafen der Reichen. Wenn ich sage: Ame Rica – bedeutet das: Die Herrschenden Reichen.“51 Professor Griff, gefeuerter Public-Enemy-Informationsminister, spricht von der library als dem Platz, where they bury the lies, und fand es klar, daß die „Juden den Juwelenhandel kontrollieren“, schließlich komme jewelry von jew.52

    So hört es sich an, wenn Signifyin(g) aus seiner Funktion in Alltagstalk, Poetry, Musik herausgenommen wird, wenn es statt eine Differenz zu konstituieren, vereinigen und zusammenschließen soll (wenn auch im Namen eines Separatismus), wenn es in die US-Medien-Demokratie fällt, seine „kritische“ oder distanzierende Funktion aufgibt und plötzlich sich mit einem argumentativen Diskurs mischt: wenn auf Signifyin(g) Staaten gegründet werden sollen. Von Jalal Nuriddin gibt es mittlerweile Manifeste, die komplizierte Argumentationsketten auf der Logik von Signifyin-Witzen aufbauen. Er nennt seine Methode Spok-eo-Graphics (und spricht damit auch einen anderen gerne betonten Aspekt des signs im Signifyin|g] an: den visuellen. Die Schwärze des Buchstabens auf dem weißen Papier, seine Positivität). Noch Farrakhan benutzte vor allem als schmückendes Beiwerk, Rhetorik eben, was bei militanten oder Consciousness-Rappern wie Professor X oder Pure Righteous Teachers53, erst recht bei ihrem Publikum, bereits die Argumentation regelt. Gleichzeitig benutzen Hip-Hop-Musiker, die die begleitende Musik zu solchen Argumenten herstellen, eine Maschine, die nicht nur über alle Töne so gebietet wie die Sprache über ihre Zeichen: Seit Sampling wird Musik nicht mehr gespielt, sondern abgerufen. Doch Hip-Hop-Sampling legt, im Gegensatz zum sauberen Drum-Sampling in immer mehr Mainstream-Rock-Produktionen, besonderen Wert auf Nebengeräusche, auf Noise, sowohl im fast futuristischen/avantgardistischen Sinne von Public Enemy („Bring Da Noise!“), vor allem aber auch als Zeichen von Geschichte (das Rauschen gesampelter, alter Platten, Reden schwarzer Führer, Filmdialoge aus Blaxploitation-Filmen, natürlich Scratchen und Tape-Rewinds) oder einfach als klassische Grooves: Geschichte schwarzer Musik. Aus der schwarzen Musikgeschichte wählt das Sampling – auch technisch bedingt – allerdings mit Vorliebe die Breaks und Intros, nie die Teile, die Melodien, Themen und Motive konstituiert haben (die Speicherkapazität bei den geläufigen Modellen ist dafür auch noch nicht groß genug). Statt sich also zu beziehen auf die schwarze Verfahrensweise, mit Genres als fertigen Modellen und Maschinen umzugehen, bezieht sich der Sampler auf die dabei abgefallenen Nebengeräusche als auf das sozusagen endlich entdeckte, ansteuerbare immer schon „Eigene“am Signifyin(g), das parallel dazu den Status erhält, selbständig Argumente zu tragen.

    Ein ähnlicher Vorgang ist ja in den Strategien der Boheme zu beobachten. In dem Maße, in dem der Anteil der Imitation und Parodie an dissidenten ästhetischen Praktiken aufgewertet wird, zuungunsten der Erfindungen und des Fortschritts, in dem Maße, in dem postmoderne Künstler T. J. Clark nachträglich recht geben (oder einfach aus derselben Situation heraus arbeiten, von der aus er Geschichte geschrieben hat), kehrt das Eigene zurück als die Nebengeräusche, die während der Imitation entstanden sind – mehr und mehr isoliert vom Vorgang der Imitation. Der Genuß konstituiert sich im Anerkennen der eigenen Differenz zum bearbeiteten oder affektiv besetzten Material. Weiße Hip-Hop-Fans sind vielleicht die erste Jugendkultur, die die Geschichte der Mods mit „Heatwave“ – auch den Hang zu Style-Masken in der ganzen folgenden, immer eng an schwarzer signification orientierten britischen Jugendkultur – weiterführen, sich nicht identifizieren, sondern sich damit identifizieren, sich nicht zu identifizieren.54 Bleiben Fragen: Inwieweit hilft ein solches Denken der Differenz auch einem Denken der Segregation? Und inwieweit reicht es hier, darauf hinzuweisen, daß das genau das ist, was weiße Jugendkultur und Boheme von schwarzer Kultur immer wieder lernen konnte und gelernt hat, Strategien der Separation? Wie weit gilt das noch, wenn der Separatismus55 das Gesicht einer rigiden, frauenfeindlichen, teilweise faschistoiden, teilweise antisemitischen Organisation wie der Nation of Islam erhält? Und wenn der adaptierte Separatismus weißer Jugendkultur sich zuweilen wie eine Parodie anfühlt – aber keine coole, kontrollierte, wie die des Signifyin(g) –, auf das, was die Kräfte, die die Weltwirtschaftsordnung tragen, ohnehin global durchsetzen: Segregation, Entsolidarisierung und Unübersichtlichkeit von Zusammenhängen, die nicht mehr als verbrecherisch erkennbar sein sollen? Sind insofern nicht die Pakte des Mißverständnisses möglicherweise wertvoller?

    Denn jede Ambivalenz, jeder Zwischenzustand, der umkippt in eine Eindeutigkeit, die ihm ein falscher, usurpatorischer Kontext zuweist, wird terroristisch. In der Differenz der Sprachverwendung des Jazz, der Gespaltenheit des Signifyin(g), ja noch im Paradox der Erfindung des Archivs bleibt die Ambivalenz erhalten und stiftet einen Ort, von wo aus Dissidenz handlungsfähig bleibt. Essentialisierung verhindert das. Der „ewige“ Verzicht auf Essenz, das dauerhafte X wird aber auch nur eine neue Essenz (die es jemandem wie mir dann ermöglicht, den Begriff „Black differences“ zu zitieren). Dem wird der strategische, kontrollierte Essentialismus gerne als Strategie entgegengehalten bzw. als der bessere verkauft. Auf der anderen Seite ist vom Standpunkt des Machtlosen aus jeder Essentialismus, nicht nur der bewußt vorübergehend eingenommene, strategisch: Wer nicht die (definitorische) Macht hat, kann auch nicht essentialisieren, er kann aber zum Opfer der Essentialisierungen durch die Macht werden, denen er nicht entgeht, wenn er sich nur gegenläufig essentialisiert oder meint, dem Spiel der essentialistischen Zuweisungen zu entkommen. Greg Tate nennt sich Anti-Anti-Essentialist und bleibt damit zumindest dem Programm seines Black Bohemian Nationalism treu. Stärker als alle Programme ist unter chaotisch kapitalistischen Bedingungen das Produkt der Kulturindustrie und seine Verführung. Ice-T sah das richtig, als er sagte: „The problem is a white kid listening to a black man’s lyrics, but the real problem is a white girl falling in love with a black man.“56 In dieser Verführung liegt die Chance, die Mißverständnisse in der Schwebe zu halten, die Essenzen zu dekonstruieren, aber eben auch die Möglichkeit einer Fütterung noch jeder Barbarei auf diesem Globus mit der Energie schwarzer Musik.

    1. Besonders gut dargestellt bei Amiri Baraka, „Malcolm As Ideology“, in: Joe Wood, Malcolm X In Our Own Image, New York 1992. ↩︎
    2. Zwei Texte: Mit dem Phantasma der „Rasse“ räumt am eindrucksvollsten auf: Anthony Appiah, „The Uncompleted Argument: Du Bois And The Illusion Of Race“, in Henry Louis Gates Jr.: „Race“, Writing, And Difference, Chicago 1986. Die legalen Definitionen von „Rasse“ und „black“ in den USA stellt dar: F. James Davis: Who Is Black? – One Nation’s Definition, University Park, Pennsylvania 1991. ↩︎
    3. Gerri Hirshey, Nowhere To Run – The Story of Soul Music, London 1984. ↩︎
    4. Smokey Robinson & The Miracles, „The Tears Of A Clown“, u. a. auf: Smokey Robinson & The Miracles, Anthology, Doppel-LP, 1974. ↩︎
    5. „Speaking in tongues“ bezeichnet das in – nicht nur den schwarzen – Gottesdiensten des Südens bekannte Phänomen der Glossolalie oder Zungenredens, dessen Imitation mit Saxophon und Stimme man etwa von Albert-Ayler-Platten kennt. Dieses singende Lallen des Gläubigen in Ekstase wird als Sprechen in fremden Sprachen, die er nicht kennen kann, aramäisch, hebräisch etc., gedeutet und gilt als Beweis dafür, daß der Heilige Geist über den Betreffenden gekommen ist. Viele Rock’n’Roller der ersten Stunde haben davon gesprochen, besonders Jerry Lee Lewis, vgl. auch Dan Graham, „Rock My Religion“, in: Fareed Armaly (Hrsg.), Terminal Zone, New York 1988; bzw. in Brian Wallis (ed.), Dan Graham – Rock My Religion: writings and art projects, 1965-1990, Boston, MA., 1993, S. 80–95. ↩︎
    6. Fast alle Versuche, die Besonderheiten des schwarzen Englisch zu beschreiben, benutzen dafür die Begriffe der Rhetorik. ↩︎
    7. Die leidige, immer wieder gern mit viel Getöse abgeschaffte Unterscheidung zwischen E und U, high und low, Kunst- und Popularmusik schlage ich vor, folgendermaßen zu retten: Kunstmusik ist solche, die von ihrem Publikum Spezialisierung verlangt, Popularmusik solche, die das nicht tut. Da die meiste Popularmusik heutzutage auch, zusätzlich vom breiten Publikum, von Spezialisten rezipiert wird und darauf auch schon lange reagiert, ohne deswegen ihre populäre Funktion aufzugeben, kann es Musik geben, die beides ist. Cool Jazz war aber, mehr noch als Free Jazz, eine Musik, die nur von Spezialisten gehört wurde. ↩︎
    8. Der andere entscheidende Interessens-Unterschied zwischen den Jazzern der Fünfziger und der neuen schwarzen City-Arbeiterklasse war natürlich der, daß Jazz-Musiker, spätestens seit Charlie Parker oder Duke Ellington, den Kampf um Anerkennung als Künstler-Individuen unter großen Opfern gekämpft und gewonnen haben. Ein auch von mir verwendeter Oberbegriff „Schwarze Musik“ stellt in seiner soziologisierenden, Individuen weniger als Gattungen und ihre Bedingungen berücksichtigenden Tendenz angesichts dieses Kampfes auch einen partiell entmündigenden Rassismus dar. In dem Maße, in dem Jazz aber an dieser Front kämpfte, stand er für schwarze Massenkultur nicht mehr zur Verfügung. ↩︎
    9. Motown übernahm dabei zunehmend die Rolle der „Traumfabrik“, Stax oder kleinere Südstaaten-Label wie Hi standen für das, was der weiße Connaisseur gerne als Authentizität lobt, in Wahrheit wohl eher für die unterschiedlichen Bedürfnisse städtischer und ländlicher, bzw. mehr oder weniger industrialisierter Communities. ↩︎
    10. Otis Redding, „Respect“, 7″, 1965, u. a. auf: The Best of Otis Redding, 1972, oder Otis Redding / Jimi Hendrix Experience, Live At Monterrey, 1970. ↩︎
    11. „Come mothers and fathers throughout the land …“ Bob Dylan in dem Ur-Protest-Song, „The Times They Are A-Changing“. Der Vorwurf an die Eltern ist bezeichnenderweise mangelndes „Verstehen“ („Don’t criticize what you can’t understand …“), während es bei „Respect“ gerade um das Einhalten gewisser Grenzen geht („Just a little bit …“), bei schwarzem Protest im allgemeinen tendenziell immer eher um Selbstbestimmung, In-Ruhegelassen-Werden, bis zum Separatismus, wie es beim weißen um Revolution/Karriere, das Ganze geht. Aretha Franklin: „When I’m with my man, I don’t want no company“ („Dr. Feelgood“). ↩︎
    12. Aretha Franklin, „Respect“, 7″, 1967, auf unzähligen Samplern. ↩︎
    13. Dies ist nicht nur durch Anwendungen bei Veranstaltungen, Demonstrationen etc. belegt. Das Wort „Respect“ hat seitdem einen besonderen Sinn in der schwarzen Rede bekommen. Nicht nur etwa bei der das obligatorische „Special Thanks“ auf Hip-Hop-Platten ersetzenden Floskel „Respect is due to …“. Versucht man, Hip-Hop-Künstler auf offensichtliche inhaltliche Differenzen zu Kollegen und Brüdern festzulegen, kommentieren sie die widersprechende Äußerung des betreffenden Kollegen oft stereotyp mit „I respect him for that …“. ↩︎
    14. „Der Geist wird nicht ohne Gesang herabsteigen“, schreibt LeRoi Jones (alias Amiri Baraka) in Blues People und weist darauf hin, daß der Schutzraum Kirche, von dem auch hier die Rede ist, natürlich nur die mehr oder weniger ländlichen Gemeinden des Südens meint: „Die Kirchen der Mittelklasse propagierten stets die völlige Anpassung des Negers ans weiße Amerika. Die baptistischen und methodistischen Kirchen der Mittelklasse kämpften mit aller Kraft gegen jene Formen des Christentums, die sich die Schwarzen im ländlichen Süden angeeignet hatten. (…) Sie wollten sich von ihrem eigenen Volk trennen, um in Amerika aufgenommen zu werden.“ LeRoi Jones, Blues People, dt. Ausgabe, Wiesbaden o.J.,S. 169ff. ↩︎
    15. Martha & The Vandellas, „Heatwave“, 7″ und gleichnamige LP, 1963. ↩︎
    16. „Money“ wurde Ende der Fünfziger zuerst von Barrett Strong aufgenommen. Später haben den Song, mit dem sein Autor Berry Gordy sich das Startkapital für seine Firma Tamla Motown verdiente, unzählige Künstler gecovert, darunter viele wichtige Motown-Acts. ↩︎
    17. Nelson George, The Death Of Rhythm’n’Blues, New York 1988, S. xi f. ↩︎
    18. Henry Louis Gates Jr., Figures In Black – Words, Signs and the „Racial“ Self, New York 1987, S. 235ff. ↩︎
    19. Ezra Pound, Literary Essays, hrsg. von T.S. Eliot, London 1968, S. 25; zitiert nach Peter Fuchs, „Vom schweigenden Ausflug ins Abstrakte. Zur Ausdifferenzierung der modernen Lyrik“, in: Fuchs/Luhmann, Reden und Schweigen, Frankfurt am Main 1989. Auch Henry Louis Gates Jr. zitiert Pound mehrfach, z. B. mit diesen Gedichtzeilen: „Singing a different stave, or closely hidden / Oh there is precedent, legal tradition, To sing one thing when your song means another“ (aus: „Near Perigord“), Gates, Figures, a.a.O., S. 167. ↩︎
    20. Generell und weitschweifig dazu: Diedrich Diederichsen, 1.500 Schallplatten, Köln 1989, S. 11-19; und ders., Popocatepetl, Graz und Madrid, 1989, S. 110-174. Kürzer und prägnanter Nelson George: „Indeed, at a time when lynching in the South reached this century’s peak, F. Scott Fitzgerald used ‚the Jazz Age‘, to describe a period of white indulgence – an indulgence that led them to explore, more for amusement than edification, the ‚primitive‘ artistic expression of blacks.“ George, Death Of R’n’B, a.a.O., S. 9. ↩︎
    21. Fuchs/Luhmann, Reden, a.a.O., S. 146f. ↩︎
    22. Martha And The Vandellas, „Nowhere To Run“, 7″, 1965, auf LP u. a.: Greatest Hits, 1966. ↩︎
    23. Beide Songs interpretierte am prominentesten Curtis Mayfield, den Gospel-Traditional „People Get Ready“ mit den Impressions, LP und 7″, 1965, sein eigenes „Move On Up“ auf der LP Curtis, 1970. ↩︎
    24. Gwen Guthrie, „Nothing’s Going On But The Rent“, 12″, 1987. ↩︎
    25. Der von den oben genannten und diversen anderen Interpreten, darunter auch besonders schön von den Flying Burrito Brothers (auf: The Gilded Palace Of Sin, 1967) aufgenommene Song stammt von den Memphis-Songwritern und Produzenten Chips Moman und Dan Penn. James Carr, „The Dark End of the Street“, 7″, 1967; Clarence Carter, dto. auf: The Best Of Clarence Carter, 1971 – vgl. auch sein Album Testifying, 1971. ↩︎
    26. The Beatles, „You Never Give Me Your Money“, auf: Abbey Road, 1969. ↩︎
    27. Norman Mailer, „The White Negro“, in: Advertisements For Myself, New York 1959, S. 340f. ↩︎
    28. Grateful Dead, „I Know Your Rider“, besonders euphorisch auf: Vintage Dead, 1966, erschienen 1970; aber auch auf Europe 72, 1972, und späteren Live-Alben. ↩︎
    29. Zitiert aus dem Gedächtnis, nach einer Nummer von Artforum der zweiten Jahreshälfte 1990. ↩︎
    30. Greil Marcus, Social History als Schatten, in: Texte zur Kunst, 2/91, S. 55–63 (deutsche Fassung des Grazer Vortrags). ↩︎
    31. Marcus, Social History, a.a.O., S. 62f. ↩︎
    32. Jones, Blues People, a.a.O., S. 11. ↩︎
    33. Gates, Figures, a.a.O., S. 115. ↩︎
    34. Guy Debord, Panegyric, London und New York 1991 (Orig.: Paris 1989), S. 10. ↩︎
    35. In: A.B. Spellman, Four Lives In The Bebop Business, New York 1985, S. 34ff. ↩︎
    36. Timothy J. Clark, Images of the People – Gustave Courbet and the 1848 Revolution, London 1973, S. 9–20; sowie ders., „On the Social History of Art“ wiedergelesen, in: Texte zur Kunst, 2/91. Darin auch die deutsche Fassung des ersten Kapitels von Images …: „Zur Sozialgeschichte der Kunst“. ↩︎
    37. Clark, Images, a.a.O., S. 34. ↩︎
    38. Boogie Down Productions, „Kenny Parker Intro“, auf: Live Hardcore Worldwide, 1991. ↩︎
    39. Joseph D. Eure / James G. Spady, Nation Conscious Rap, New York und Philadelphia o. J., darin finden sich u. a. die Außerungen von Daddy-O und eine Menge mehr hanebüchenes Zeug. ↩︎
    40. Vgl.dazu: Malcolm X, The Last Speeches, New York 1990 (hrsg. v. Betty Shabazz). Aber auch: Greil Marcus, Lipstick Traces On A Cigarette – A Secret History Of The 20th Century, Cambridge 1989. Marcus hat die Problematik, von der ich rede, durchaus erkannt und in diesem Buch berücksichtigt, indem er vermieden hat, eine Geschichte des Scheiterns (von Dissidenzbewegungen) zu schreiben, sondern die Perspektive des Wiederauftauchens bestimmter Motive in den Vordergrund stellt, mit der Gefahr der Mythologisierung (vgl. auch meine Rezension seines Buches in Artforum, 11/ 89). Die Orientierung vieler Hip-Hop-Musiker an der N.O.I. und den 5%ers hat unterschiedliche Ausmaße: von Glaube bis Orientierung („I’m interested in the situation, that’s why I’m down with the Nation“, Gang Starr). Lakim Shabazz z. B., noch vor wenigen Jahren dogmatisch-strenger 5%er, hat nach diversen Reisen eine ähnliche Wandlung durchgemacht wie Malcolm X. Die Differenzen werden aber nicht ausgetragen, sondern interessanterweise als Differenzen bejaht und respektiert (vgl. „Respect“). Die Bezeichnung 5%er verdankt sich der Einschätzung, 85 % wissen nichts, 10 % wissen, aber handeln nicht oder im Dienste der Herrschenden, 5 % wissen und handeln im richtigen Sinne. ↩︎
    41. Anregend kommentiert in: Robert Schurz, Ethik nach Adorno, Frankfurt am Main 1985, oder in: Jacques Attali, Noise, New York 1987 (frz. Fassung: Paris 1976). ↩︎
    42. Michael Rieth, „‚Ambitious Lovers‘ und sehr viel Unambitioniertes“, Frankfurter Rundschau v. 16.3.1991. ↩︎
    43. Greg Tate, „Can This Be The End For Cyclops And Professor X“, in: Wood, Malcolm X, a.a.O., S. 183–190. ↩︎
    44. Vgl. Diedrich Diederichsen, „Jazz – Die instinktiven Reisen der Leute und die Pfade des Rhythmus“, in: Spex, 1/91. ↩︎
    45. Gates, Figures, a.a.O., S. 243. ↩︎
    46. John Coltrane, „My Favorite Things“, u. a. auf der gleichnamigen LP 1960, auf: Live At The Village Vanguard Again, 1965, auf: Coltrane & Dolphy (auch unter anderen Namen erschienen), 1962. ↩︎
    47. Gates, Figures, a.a.O., S. 239. ↩︎
    48. Henry Louis Gates Jr., The Signifying Monkey – A Theory Of African-American Literary Criticism, New York 1988. ↩︎
    49. „7 Speeches by Minister Louis Farrakhan, national representative of The Honourable Elijah Muhammad“, Newport News, Va. o. J., S. 109ff. ↩︎
    50. Jalal Nuriddin, „E Pluribus Unum“, in: The Last Poets, Vibes From The Scribes, London 1985. ↩︎
    51. Dirk Scheuring, Interview mit Jalal/Last Poets, in: Spex, 7/89. ↩︎
    52. Zur Public-Enemy-Antisemitismus-Professor-Griff-Problematik: Günther Jacob, „Der Marsch der Millionen auf die Metropolen“, in: Spex, 6/90. ↩︎
    53. Professor X, „Years Of The 9“, 1991; X-Clan, To The East Blackwards, 1990; Pure Righteous Teachers, Holy Intellect, 1990. ↩︎
    54. Das hat die andere Seite, die Nam June Paik schon früh ansprach, wenn er bemerkte, daß die USA die Welt nicht mittels ihrer Raketen, sondern über imperialistischen Export der Rhythmen ihrer daheim nicht zur Macht zugelassenen Schwarzen beherrschen. Und die sich heute zeigt, wenn ein kompletter Kino-Werbeblock, von Langnese über Nike bis Wertkauf, sich ausschließlich schwarzer Grooves, schwarzer Mode und schwarzen Lebensstils bis hin zu romantisierten Ghetto- und Gangster-Szenen bedient. Solch Zynismus hat natürlich auch zur Voraussetzung, daß man das Andere nicht einmal mißversteht. ↩︎
    55. Zum Konflikt zwischen Separatismus und Integrationismus, Marcus Garvey versus NAACB, Malcolm X/Black Muslim versus Martin Luther King, Farrakhan versus Jesse Jackson, vgl. Nelson Georges Darstellung des Ur-Konflikts zwischen Booker T. Washington und W.E.B. Du Bois und seine Auswirkung auf Schwarze Musik und Entertainment-Branche, in: George, Death Of R’n’B, a.a.O. S. 3–11. ↩︎
    56. Bodycount, „The Real Problem“, auf: Bodycount, Bodycount, 1992. ↩︎
  • Subversion – Kalte Strategie und heiße Differenz

    In den achtziger Jahren haben sich Künstler aller Disziplinen endgültig auf einen Begriff geeinigt (oder sich mit ihm abgefunden), den inzwischen zwar keiner mehr ohne Anführungszeichen ausspricht, dessen strategische und taktische Implikation aber immer noch Perspektive und Selbstverständnis derjenigen Künstler bestimmen, die den Bezug auf die Welt, das Reale oder die Geschichte noch nicht aufgegeben haben: Subversion. Man darf sich vom Seltenerwerden des einstigen Modeworts nicht irritieren lassen. Seine wesentlichen Behauptungen und davon hervorgerufenen Praxen tauchen – und das ist schließlich auch eine Notwendigkeit des subversiven Projekts – unter immer wieder anderen Bezeichnungen auf, an den Schnittstellen, die das, was konventionell Kunst, Politik oder Wissenschaft heißt, gesellschaftlich miteinander vereinbart haben. Diese anderen Namen können „Mikropolitik“, „Autonomie“, „ Operaismo“, neuerdings „Bewegungslehre“1 heißen, ihre Ähnlichkeit mit den Subversions-Konzepten etwa von Dadaisten, Surrealisten, Beatniks, Situationisten oder gewissen Pop-Musikern etwa von Negativland, Culturcide oder KLF oder Künstlern wie dem Survival Research Laboratory oder Minus Delta t oder mit der Affirmationsstrategie seit Warhol bis Madonna ist kein Indiz für einen Gehorsam gegenüber dem marktwirtschaftlichen Zwang zu Relaunch und Neubenennung gut eingeführter Markennamen, sondern offenbart eine Gesetzmäßigkeit, die man auch bei anderen Strategemen in der Geschichte der Dissidenz beobachten kann: Dissidente Elemente in geschichtlichen Prozessen entfalten sich nicht in der diachronen Linearität dieser geschichtlichen Prozesse, sondern durch ihr unverändertes Immer-wieder-Auftauchen in den unterschiedlichsten Kontexten. Zwar halte ich die Vergleichbarkeit und Parallelisierbarkeit von Dadaismus und Punk-Rock für weit geringer als normalerweise angenommen; und es gilt gerade bei dieser gerne gesehenen Analogie, noch ein paar weitere Unterschiede herauszuarbeiten: Ich denke aber, daß die in immer anderen Kontexten unbeschadet von scheinbarer historischer Widerlegung wiederauftauchenden Figuren – eine davon ist die hier mit Subversion notdürftig beschriebene – auch mal einen von den Kontexten relativ unabhängigen Blick verdienen. Dies auch im Sinne eines Projektes, das sich vornimmt, solche Kontinuitäten und Diskontinuitäten künstlerischer Praxis herauszuarbeiten, die sich nicht aus deren klassischen Materialien, Situationen und Determinanten herleiten lassen.

    Noch ein Wort zu dem hier auch schon gebrauchten Begriff der Dissidenz: Subversion – wie hier noch zu definieren – wäre ein Unterbegriff, ein Fall oder ein Element von Dissidenz, nicht identisch mit dem Ganzen. Dissidenz nenne ich alle symbolischen und praktischen nichteinverstandenen Handlungsformen, deren Opposition nicht allein als defensive Reaktion auf primäre rassistische, soziale, sexuelle oder politische Benachteiligungen erklärt werden kann, also den Komplex der Überzeugungen streift. Da ich vom Begriff der Subversion besonders den taktisch-strategischen Komplex der Dissidenz angesprochen sehe, wären also prozessuale, experimentelle, vor allem aber die sich selbst unklaren Aspekte von Dissidenz hier auszuschließen. Auch wenn nicht auszuschließen ist, daß das Sich-selbst-Unklare oder Unbestimmt-Experimentelle seinerseits einem Strategem untergeordnet sein kann, nur ginge es dann jetzt eben um den bewußt strategischen, nicht den unklaren Anteil.

    Folgende Motive sind in Subversion reklamierender (künstlerischer) Praxis durchgängig: 1.) der Begriff der Auflösung oder Zersetzung; 2.) die Abweisung der stets dialogischen Struktur der Kritik oder des Protestes zugunsten von Scheinaffirmation oder Affirmation als Versuch von Überlagerung; oder zugunsten von 3.) Kommunikationsverweigerung; 4.) das Zerreißen von vorgegebenen Formen, wobei diese erkennbar bleiben/bleiben sollen (Collage, De-Collage, Eklektizismus, Sample, Zitat); 5.) eine Geheimdienstmetaphorik und 6.) eine Metaphorik der B-Ebene, also das freiwillige Beziehen eines Unten in einer hierarchischen Macht-Topik (auch wenn dafür meist keine hinreichenden soziologischen Gründe beizubringen sind); 7.) schließlich die Komplizierung als nicht nur im strengen Sinne strategisches Element wie Kommunikationsverweigerung oder affirmative Übercodierung, sondern auch als Versöhnung der Subversion mit sich selbst, als Aufhebung der ihr innewohnenden Differenz von Absicht und Weg. Die bewußt gesteigerte Komplizierung (also Verweigerung von Rolle, Identität und schließlich auch Strategie) rekonstruiert schließlich ein nun nicht mehr subversiv-strategisch gebrochenes Subjekt. Dessen Komplizierter-Sein wird (übercodiert, überbestimmt) – auf allen möglichen Ebenen: einst ein Grund seiner Ausgeschlossenheit – schließlich entweder im ungünstigen Falle zum beherrschten kulturellen Kapital im Kultur-Konkurrenzkampf oder führt im günstigen zur politischen Subjektivität in einem neuen Klassenkampf, wie ihn sich etwa Toni Negri in seinem Buch The Politics Of Subversion für das 21. Jahrhundert vorstellt: die informierten, gebildeten, jungen intellektuellen Arbeiter, die „by the means of the multitude of determinations“ da zu neuen politischen „Protagonisten“ werden.2

    ad 1.) Das erste Element – Auflösung, Zersetzung – verdankt sich der Tradition des Begriffs Subversion in der Sprache der Machthaber und Staatsvertreter, vor allem aber der Militärs. Die ursprüngliche lateinische Bedeutung, umdrehen und umstürzen, bei Tacitus werden Berge, bei Sallust Bilder subvertiert, wird hier und als deutsche Bedeutung des subvertere auf den Fall der inneren Zersetzung eingeengt. Neben schönen Vokabeln wie „Insubordination“ bildet die Vorstellung einer Unterwanderung der kämpfenden Truppe durch getarnte Feinde oder zum Feind übergelaufene eigene Soldaten einen unverzichtbaren Baustein militärischer Paranoia und Propaganda. Daß sich Künstler und Revolutionäre diese Paranoia umwertend zu eigen machten, ist insofern interessant, weil es den Leitideen der Moderne – Aufklärung, Erziehung, Veröffentlichung, Diskussion – widerspricht, vor allem aber dem Begriff der Avantgarde, die in einem gemeinsamen Kampf aller die vordersten Reihen hält und ausbaut. In der Adaption des Begriffskreises Subversion: Unterwanderung, Zerrüttung, Untergrabung drückt sich also zunächst ein Mißtrauen gegen die moderne Teleologie einer gemeinsamen geschichtlichen Sache aus, wie auch gegen deren strategische Idee einer Durchsetzung dieser Sache, der Aufklärung via Kommunikation. Dabei sind Unterwanderungsängste so alt wie die Kriegsführung selbst. Entscheidend ist, wann und unter welchen Umständen es möglich wurde, sie als Metaphorik für ein künstlerisch-politisches Handeln zu gebrauchen. Die Antwortist: an dem Punkt, als sich zum ersten Mal herabgesunkene Adlige, die in der bürgerlichen Aufklärung nur den Ruin schon erlebter oder besessener Feinheiten ausmachen konnten, und von unten nicht zur bürgerlichen Kommunikationswelt zugelassene Schonnichtmehrproletarier in den gleichen Lokalen trafen, also in Paris um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. In diesen Lokalen fiel nämlich der ästhetische und der politische Abstand zur sich instituierenden Kommunikationsidee zusammen. Die ästhetische Differenz zum bürgerlichen Geschmack, seiner Warenförmigkeit, empfand sich als politisch und, umgekehrt, die politische als ästhetisch. Von dieser Lage aus, wo die Negation der bürgerlichen Theorie und Ästhetik (Kommunikation, Tausch, Transparenz, Aufklärung, Äquivalenzen) und bürgerlicher Praxis und Politik (Modernisierung, Industrialisierung, Anonymisierung) sich aus unterschiedlichen Motiven trafen und als eins empfunden wurde, war die Umwertung der Idee der Subversion – die lustigerweise natürlich auch die Kriegsführung im gleichen Maße zunehmend beschäftigte, in dem das sogenannte Projekt der Moderne voranschritt – möglich geworden. Gegenmaßnahmen heißen ja auch im militärischen Slang „Aufklärung“.

    ad 2.) Dennoch nahm die frühe Boheme die Position der Subversion schon allein deswegen noch nicht bewußt ein, weil ihrer Distanz zu den beschriebenen Aspekten der sich etablierenden bürgerlichen Kultur noch unfreiwillige, aus ihrer sozialen Herkunft zwingend sich ergebende, als natürlich empfundene Differenzen zugrundelagen: Machtverlust des Adels, Anpassungsschwierigkeiten diverser Stände an die neue Entwicklung, das Entstehen städtischer Nischen. Ihre anarchistischen, frühsozialistischen oder ästhetizistischen Reaktionen, die im Gegensatz zu späteren Subversionsideen noch nicht verschlüsselt waren und sich noch an die ganze Gesellschaft richteten, kannten noch keine separate Taktik oder Strategie, kein Als-Ob, schufen aber schon die Voraussetzung zur Dialogverweigerung. Das immer schon parallel laufende Genre des Protests unterscheidet sich von der Subversion entscheidend dadurch, daß es noch soviel Vertrauen in den Staat und die Öffentlichkeit hat, daß es mit ihm oder ihr spricht. Ein „J’accuse“ ist für die Subversion aber nicht möglich, weil sie sich nicht auf dieselben moralischen und kommunikativen Grundlagen festlegen kann, die der Macht zugrunde liegen. Daher ist ihr „Je“ immer schon gespalten, in das, was ideal zu tun wäre, und das, was in Anbetracht der Lage möglich und radikal ist, gipfelnd in Ideen wie denen des Sozialistischen Patienten Kollektivs im Heidelberg der Siebziger, im Kapitalismus sei Krankheit die einzige mögliche Lebensform. Eher als sich als kritisierendes „Ich/Je“ in die Meinungsbildungsprozesse bürgerlicher Öffentlichkeit zu integrieren, wäre es also der subversiven Position angelegen, grenzenloses Einverständnis mit der Machtausübung zu verkünden, denn daß die Scheiße mit sich selbst identisch bleibt, ist ihr mehr Grund zur Freude als wenn sie durch den Dialog mit Oppositionellen die Gelegenheit bekommt, sich selbst als reformfreudig zu inszenieren. Der Fehler der Kritik und des Protestes in den Augen der Subversion ist, daß sie der Herrschaft immerzu vorwerfen, Fehler zu machen, dabei sei doch eine gelungene Herrschaft noch schlimmer als die armselige, mißlingende, vertrottelte. Subversive machen keine Kohl-Witze, der Subversion ist ein Kohl oder Louis Philippe immer lieber als ein Schmidt oder Napoleon. Solch Affirmation hat aber nicht nur eine inhaltliche Seite: Ich affirmiere die erbärmliche Herrschaft lieber als sie zu kritisieren, weil sie mir erbärmlich lieber ist und meine Kritik sie nur aufwertet; sie forciert auch die grundsätzliche subversive Tendenz zur Komplizierung. Da die subversive Differenz zu ihrer Umgebung aus dem hysterischen Überlegenheitsgefühl von deklassierten Intellektuellen und ästhetizistischen Adeligen herrührt, legitimiert sie sich traditionell vor sich selbst immer auch durch die Fähigkeit, kompliziertere Lagen als der entweder „dumme Bürger“ oder das „blinde, gesetzmäßige Kapital“ oder die „schwerfällige Verwaltung“ zu durchschauen: „When the Parisian students gathered in the squares, their only common element – their only medium of selfidentification – was their intellectual style, their ability to express themselves with eloquence and irony in challenging authority – above all in the form of paradox.“3

    ad 3.) Der nächste Schritt ist logischerweise die Kommunikationsverweigerung. Dieser gewinnt an Bedeutung mit der Technologisierung von Kommunikation und Transparenz, durch die fortschreitend besser gelingende Zusammenarbeit von Soziologie und Polizeiwissenschaften und der Verbreitung der Erkenntnisse beider Disziplinen durch die Medienmacht. Von Brechts Ratschlägen an Städtebewohner4 bis zu Art & Languages „Don’t Talk To Sociologists“5 und den vielfältigen Versuchen „subversiver Bewegungen“, sich zu verschanzen und unkenntlich zu machen, gibt es vor allem in diesem Jahrhundert eine Tradition der künstlerischen Kommunikationsverweigerung – das Schweigen des Marcel Duchamp gehört übrigens nicht unbedingt dazu, fällt eher unter die individuellen künstlerischen Strategien, denen es eher um den Schutz eines individuellen Beitrags als um den eines prinzipiellen Einwands und dessen Milieu geht. Das Problem der Kommunikationsverweigerung ist, daß diese in der Regel veröffentlicht wird; daß sie in der Regel dem Schutz eines besonders privilegierten Kommunizierens innerhalb einer Subkultur, Bewegung etc. gilt und daher dieses Gelingen in der Geste der sauberen Kommunikationsverweigerung als Sauberkeit, Makellosigkeit mit abstrahlt, ja oft auch verkauft. In ihrer Einfachheit hat sie nicht nur eine spezifische Attraktivität auf das sie umgebende System, sie widerstrebt auch der ursprünglich essentiell subversiven Taktik der Komplizierung von Verhältnissen und ist entsprechend leicht zu knacken. Eine Variante, die sich dieses Dilemmas bewußt ist, findet man etwa in den Vorbemerkungen Guy Debords zu seiner vorletzten Publikation: „These comments are sure to be welcomed by fifty or sixty people; a large number given the times in which we live and the gravity of the matters under discussion. But then, of course, in some circles I am considered to be an authority. It must also be borne in mind that a good half of this interested elite will consist of people who devote themselves to maintaining the spectacular system of domination, and the other half of people who persist in doing quite the opposite. Having then to take account of readers who are both attentive and diversely influential, I obviously cannot speak with complete freedom. Above all I must take care not to give too much information to just anybody.“6 Er fährt dann fort, daß er seine Informationen nur geben könne in der Form chemischer Substanzen, die für sich genommen unnütz seien, sondern erst in Verbindungen mit anderen zur Wirkung kämen. Die Eliten, die so aus subversiven Zirkeln und Aktionen entstanden sind, kann man natürlich auch als Opfer ihrer kommunikationsverweigernden Strategie betrachten: Wer sich immer die Notwendigkeit der Verschlüsselung klar macht und im Zuge der Kommunikationsverweigerungspolitik den Kontakt zum auf diese Weise zu schützenden jeweiligen sozialen Raum verliert, bleibt am Schluß mit diesen strukturellen Aspekten der Verschlüsselung allein, einer Struktur, die dann nur noch taugt, Geheimgesellschaften, Logen und Eliten alter bürgerlicher Tradition zu betreiben.7

    ad 4.) Das Motiv des Zerreißens und Zusammenfügens von Zerrissenem. Dies ist eine Variante der Kommunikationsverweigerung und des Anti-Dialogischen der Subversion. Statt mit der Welt der Kommunikation zu sprechen, wird diese durch ihre eigenen Hervorbringungen zum Sprechen gebracht, zu einer „wahren“ Aussage gezwungen. Diese Form, die das Spektakel oder die Kulturindustrie – um nur zwei Namen, die die Subversion ihren Gegnern zu geben pflegt, zu nennen – zwingen soll, die Wahrheit seiner Verblendungs- und Unsinnszusammenhänge auszusprechen, ist vielleicht auch diejenige, die am deutlichsten zeigt, wie subversive Strategien längst nur noch etwas einfordern, was der Macht schon lange kein Problem mehr ist: Was ist eine Collage im Zeitalter des Zapping noch wert? In den letzten zehn Jahren hat sich die Anzahl der Menschen, die glauben, was sie im Fernsehen sehen, von 54 % auf 27 % halbiert: Auch hier hat Subversion also schon erfolgreich gearbeitet. Andererseits dient das Collagenhafte des Sampling auf Hip-Hop- und House-Platten „konstruktiven“ Zielen: neue Zusammenhänge, Archive, Stimmungen – keine Kritik des Zusammenhangs, sondern das interessierte Sichten seiner Trümmer, durchaus auch, um neue Zusammenhänge zu stiften.

    ad 5.) Dazu paßt die Geheimdienstmetaphorik, in der sich die Subversion gefällt, die Klandestinität, die sie herbeiredet: Zum einen reagieren Subversive aller Epochen damit ganz naheliegend darauf, daß nicht nur ihre Kommunikation untereinander durch die Kontrolle der Kommunikationsgesellschaft permanent gefährdet ist, sondern auch darauf, daß die entscheidenden Informationen nicht verfügbar sind und nach der Art von Geheimdiensten beschafft werden müssen. Beim Golfkrieg ist das ja selbst noch den der Subversion unverdächtigsten Journalisten aufgefallen, heute kann dieses Problem auch gerne wiederum öffentlich gemacht werden, weil es gar nicht mehr so sehr um die Verfügbarkeit von Informationen für eine Gegenmacht geht, sondern um die Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung – und da ist der technologische Vorsprung des Pentagons ungefährdet. Interessierten empfehle ich die zweite Nummer der mit subversiven und situationistischen Traditionen eng verbundenen Zeitschrift Warten, die in Berlin erscheint und dort im Anhang eine umfangreiche Liste von aktiven unabhängigen Geheimdiensten anbietet. Vor solchen Aktivitäten liegt die Metaphorik des Geheimdienstlichen als subversive Tradition. Meine Vermutung ist, daß deren Funktion sich nicht allein in der Ähnlichkeit subversiver Strategien mit geheimdienstlichen erschöpft, seit die Subversion, wie wir gesehen haben, von ihren Anfängen sich der Sprachregelungen bewaffneter Konflikte im selben Maße bedient wie die Militärs der Sprache der Philosophie. Nein, darüber hinaus bietet die geheimdienstliche Redeweise eine Möglichkeit, die heutzutage vielleicht allerschwersten Probleme der Subversion zu lösen: das Benennen eines Feindes und das Sichtbar-/Wahrnehmbarmachen seiner Verbrechen, die er durch permanente Kommunikation über sie erfolgreich verdunkelt. Denn da Informationen ja schon die „Poesie der Macht“ bilden, versuchen sich die Poeten der Subversion hilflos, über den Mangel an Informationen zu definieren. Es käme aber darauf an, die Sprache zu finden, die die Verbrechen, die sich nur noch in globalem Maßstab und gegen alle Trennung und Segregationen, die die informierenden Bilder und deren Ausstrahlung errichten, benennen kann. Das ist die drängendste ästhetische Aufgabe der Gegenwart.

    ad 6.) Ein Problem der Subversion besteht immer darin, ihre Heerscharen zu benennen und zu kennzeichnen, ohne sie zu denunzieren oder soziologischer Analysierbarkeit zuzuführen. Punk-Rocker mußten sich seinerzeit Hakenkreuzbinden um die Arme streifen, um den von den Medien bereits ausgemachten einfachen soziologischen Erklärungen von Punk zu widersprechen (typisch subversives Pech, daß dabei andere Leute zugeguckt haben, die die Hakenkreuze auf der ersten Ebene ernst genommen haben). Selbstdefinition auf der operationalen Ebene kann die oben erwähnte Geheimdienstmetaphorik leisten: Wir sind die, die die Parole kennen. Häufiger haben wir es mit topographischen Redeweisen zu tun, in denen alte hierarchische Gesellschaftsmodelle nachklingen: Die Subversion siedelt sich unten an, im Untergrund, der Kanalisation, sie versteht sich als die Bewegung von Wühlmäusen und Maulwürfen. Die traditionsreiche spanische Anarchistenzeitschrift, El Viejo Topo, bringt das durch ihren Namen auf den Punkt: der alte Maulwurf und der alte Ort. Der Untergrund, die B-Ebene, hat nicht nur mit einer lumpenproletarischen Legitimation der Subversion zu tun, sondern auch mit dem Mythos der anderen, aber ebenso vernetzten Kommunikationsgänge, die man in der Kanalisation, in den Katakomben vermutet: Diese versprechen uneinsehbare, aber reibungslose Verständigung. Das lichtscheue Gesindel – wie die komplementäre Bezeichnung von oben lautet –, das sich da unten herumtreibt, ist also geschützt, es überlebt, wie man der in diversen Filmen wie der Klapperschlange von Carpenter zu Wort gekommenen kollektiven Phantasie entnehmen kann, diverse Katastrophen, die sich oben zutragen. Wird es auch die Katastrophe der staatlichen Underground-Förderung überleben? Jedenfalls hat die Untergrund-Metaphorik für sich, daß sie der Subversion durch die Vorstellung, in Höhlen Katastrophen zu überleben, sowas wie Geschichte ermöglicht, die ausharrende Dimension der Radikalität, die sich in allen kriegsbezogenen, situativen Selbstbildern nicht einzustellen vermag.

    ad 7.) Hier haben wir es nun mit dem schwierigsten Problem der Subversion zu tun, dem der Komplizierung: Es beruht auf einer richtigen Einschätzung, daß letztlich nichts der Kommunikationsgesellschaft so schwer im Magen liegt, ja meist nicht einmal den Weg durch den Rachen findet, wie solche Komplexitäten, die nicht funktionell in die Naturwissenschaften und andere nützliche Tätigkeiten eingebunden sind. Subversive tendieren daher dazu, durch Wechseln der Bezugsrahmen, Abstraktionsebenen etc. transparent gehaltene Diskurse zu komplizieren, ohne in die Ebene der Sinnlosigkeit einzutreten, der Kommunikationsverweigerung: Andere Ebenen, Bezugsgrößen haben ja eine Berechtigung, auch nach der Logik der Kommunikationsgesellschaft und der Informationsdealer; nur ist deren oberste Maxime, eine Datenmenge so klein wie möglich, eine Struktur so einfach wie möglich zu halten, um die schnelle Verarbeitung und Zirkulation zu gewährleisten, die die Nachfrage stabil hält. Soweit scheint subversive Komplikation daher strategisch vernünftig. Das führt uns aber zu drei Unterproblemen, von denen das dritte das schwerwiegendste ist: Wie hältst du’s mit der Vernunft? Davor steht die Frage der eigenen Handlungsfähigkeit, und davor das bereits angeschnittene Problem, daß im Zuge von Komplizierungsmaßnahmen die subversive mit der avantgardistischen Strategie zusammenhängt. Letztere ist aber keine Strategie. Die Avantgarde-Kompliziertheit glaubt an die wahre Kompliziertheit des Menschen, die nur noch gegen die Dummheit und Ungebildetheit durchzusetzen sei, verfolgt also ein aufklärerisch-modernes Projekt und dezimiert schließlich auch in der subversiven Praxis deren vorausgesetzte Distanz zwischen Praxis und persönlichem Genuß, eliminiert jedes „Als ob“. Natürlich gibt es Zwischenformen – ein limitiertes Arbeiten mit Komplizierungen –, aber grundsätzlich führt es zu einem weiteren Problem: Ist tatsächlich Komplexität sozusagen ein wahrerer oder richtigerer Zustand? Komplexität führt heraus aus überkommenen Ordnungen, den Desideraten sogenannter zivilisatorischer Prozesse, an die sich die subversive Geschichtsschreibung nicht unfalsch als gewaltsame Prozesse erinnert. Aber die Reduktion von Komplexität, die Dressur der vielfältigen Glaubens- und Aberglaubensgemeinschaften Europas unter Kreuz und später Vernunft, ist natürlich nicht nur ein einseitiger Prozeß gewesen, infolgedessen die Macht etwas gegen ihre Untertanen durchgesetzt hat, wie die Vernunftkritiker seit zwanzig Jahren predigen, sondern ebenso oft eine Technik der Emanzipation und der Rebellion. Erste Stufe der Handlungsfähigkeit ist die Identität. Ich oder meine Nation, Rasse, Volk können nur handeln, wenn wir eine Identität haben. Wir können andererseits auch dann nur belangt werden, wenn wir eine Identität haben. Aus letzterer Überlegung, die die Grundlage jedes europäischen Rechtssystems ist – der, der gestern diese Fensterscheibe eingeschlagen hat, ist auch in drei Wochen noch dieselbe Person und kann daher zur Verantwortung gezogen werden –, rührt die subversive Ablehnung von Identität, die – man könnte sagen – pragmatisch-revolutionäre Feigheit. Wenn nun aber – und darauf werden wir gleich kommen – ein Hauptproblem von Subversion ist, daß alle ihre Strategien (als wären sie Ziele) längst durchgesetzt sind – wenn auch in anderer Form –, dann wird man finden, daß die zunehmende Bereitschaft unserer westlichen Systeme, weite Teile der Bevölkerung unbeaufsichtigt und von einem ausbeutungsunfähig gewordenen Kapitalismus nicht einmal mehr ausgebeutet, bezeichnungs-, namen- und verantwortungslos verrotten zu lassen, auch eine Bereitschaft ist, diese Bevölkerungsteile der Kompliziertheit auszusetzen, der namenlosen, kontingenten Komplexität des täglichen Überlebenskampfes. Der noch komplizierter dadurch wird, daß die Logik des Rassismus das Leben dieser Nichteinmalmehrausgebeuteten bestimmt, der den Anteil des Willkürlichen und Unerwarteten noch steigert. Rassismus ist ja ein System, das nach willkürlichen Gesichtspunkten, nicht aus der Logik einer Sache Ausschluß- und Einschluß-Entscheidungen trifft. Deleuze hat mit seiner Vision vom „elektronischen Halsband“8 gezeigt, daß die Methode des Rassismus noch gesteigert werden und noch mehr Unsicherheit und Komplexität für die Opfer hervorbringen kann, gleichzeitig effizienter wird für das Ausschließungssystem: Nicht mehr noch beschreibbare und traditionelle Rassismen (Hautfarbe, Religion, Kultur etc.) bestimmen, wer rein darf und wer nicht, sondern ein Zufallssystem antwortet auf den hoffnungsvoll seine Codekarte in die Eintrittspforte Einführenden mit Ja oder Nein, das nach Kriterien oder Algorithmen vorgeht, die der Untertan nicht verstehen kann.

    Als Individuen nur noch als Repräsentant einer Rasse oder Lage zugelassen, als Gruppe/Nation nur durch die Abwesenheit von materiellem wie immateriellem Reichtum gekennzeichnet, ohne einheitliche, reduktionistische Idee von sich selbst, sind die heutigen Rassismus-Opfer in einer Lage, die wie die Karikatur des subversiven Paradieses aussieht. Nicht nur die Aporien ihrer eigenen, in 150 Jahren in Europa entstandenen Begriffe, sondern auch die historische Entwicklung des kapitalistischen Systems in globale Krisenhaftigkeit und Integrationsunfähigkeit stellen den Subversiven heute die Gretchenfrage – wie sie es mit ihrer eigenen Handlungsfähigkeit halten, mit der Reduktion oder Unterwerfung ihres strategisch-taktischen Denkens unter das Kuratel einer operationalen Vernunft-Pragmatik, die nun selber setzen muß und sich nicht mehr darauf verlassen kann, Ausflüchte und Risse in einem totalisierenden System zu finden oder zu produzieren.

    Dazu zunächst die Frage, ob wirklich der Kapitalismus oder das kapitalistische System der Feind der Subversion ist. Wir haben zwar als Geburtssituation der Subversion die Allianz aus deklassierten, ästhetizistischen Adeligen und kleinbürgerlichen oder geradenichtmehrproletarischen Anpassungsbehinderten erwähnt und damit als Produkte des Hochkapitalismus, aber das klassisch antikapitalistische Subjekt, die Arbeiterklasse und ihre Organisation, sind in subversiven Ideen allenfalls als ideale nichtpräsente Bündnispartner vorgekommen oder wegen ihrer Institutionalisiertheit verworfen worden. Der Feind der Subversion ergibt sich zunächst aus ihrer eigenen Geheimdienstmetaphorik: Ein Geheimdienst wird nötig, wo nicht alle Fakten zugänglich sind. Wenn die Macht Fakten verbirgt, spricht man von Verschwörung. Wenn eine auf Kommunikation und Transparenz und Informationshandel gegründete Macht sich verschwört, braucht sie eine höhere hermetische Sprache, ihr Gegner muß also nicht verschwiegene Fakten hervorbringen, wie die konventionelle Journaille in ihrem Recherche-Begriff immer noch andeutet, sondern er muß vorhandene Fakten lesen. Harry Allen, der Presse-Sprecher von Public Enemy, erklärte neulich, anläßlich des vielverwendeten Begriffs der „Conspiracy against the black male“, daß man sich unter einer Verschwörung nicht irre lachende verrückte Wissenschaftler in einer Katakombe vorzustellen habe, sondern nichts weiter als die Synergie verschiedener Entwicklungen im Hinblick auf ein Ziel. Damit hat er etwa beschrieben, wie sich Subversive in einer alternativen Lektüre gegebener Fakten und Tendenzen ihre Verschwörungstheorien basteln; und ich wäre der Letzte, der deren Evidenzen automatisch einen geringeren Rang als den offiziellen oder wissenschaftlichen Erklärungen zubilligt. Nun ist die aktuelle Lage aber die, daß nicht nur alle Zersetzungs- und Auflösungsideen der großen subversiven Bewegungen sich durchgesetzt haben, tatsächlich glaubt aber eben auch kein Mensch mehr an irgendeinen im Fernsehen gesprochenen Satz, kein Mensch, daß irgendwas echter wäre als irgendwas anderes, und entsprechend nimmt die Anzahl kleiner subversiver Praktiken zu, die nichts anderes zu sein scheinen als individuelle Paranoia, in Wahrheit genau nach der von der Subversion vorgeführten Lesart bereitstehender Fakten vorgehen und dann einen Kanzlerkandidaten nicht wegen Verwicklungen in Ausbeutungs-Verbrechen an der Dritten Welt mit Messern erstechen – nicht zuletzt aufgrund der Erkenntnis, daß das Problem der Dritten Welt nicht mehr ist, ausgebeutet zu werden, sondern immer mehr vom Welthandel ausgeschlossen zu werden –, sondern wegen zusammengereimter, fixer Ideen von unterirdischen Menschenfabriken. Was für eine ideale Metapher für die Grundstruktur aller hippiebewegter Verschwörungstheorien. Identität, nicht zuletzt aufgrund polizeiwissenschaftlicher Evidenzen, die keine philosophischen Konstrukte mehr brauchen, um Straftäter als Individuen zu konstruieren, Identität als das Unversehrte gegenüber einer in Verschwörungen zerfallenen Welt, kommt so zurück als die Bitte der überflüssig Gewordenen, wenigstens über Bestrafung noch teilzunehmen an einem privat ausgedachten Rechtsuniversum, oder umgekehrt sich über Bestrafung wenigstens noch konstruieren zu können. Der zu Ende geführte, popularisierte Prozeß der Subversion befand sich in Übereinstimmung mit der realen Entwicklung des Überflüssigwerdens menschlicher Arbeitskraft: Seine Parole „Nie wieder Arbeiten!“ ist real falsch erfüllt worden. Die Opfer dieses Prozesses, die erzwungen subversiven Figuren Marke Lafontaine- oder Schäuble-Attentäter, die im Gegensatz zu Guy Debord keine Wahl gehabt zu haben scheinen, verwirklichen, wie die vielen neuen Nationalismen ebenso falsch: Identität.

    Diese Lage zu Ende gedacht kann nur zu dem Schluß führen, die alte Tätigkeit, Lesen und Schreiben von Verschwörungen, mit einem neuen Konzept von Identität und Handlungsfähigkeit zu verbinden. Diese kann sich nur konstituieren durch eine andere globale Kommunikation. Diese gibt es bereits als produktive Mißverständnisse in der Welt der falschen Internationalität von Kunst, Kultur und Unterhaltungsindustrie. Bei dem total unprofessionellen Lesen von Signalen des einen Ghettos in dem anderen Ghetto entstehen kommunikative Monster. Dennoch weht der heiße Atem der Intervention oder ihrer Möglichkeit durch Straßen, Warehouse-Parties, Campusse und Jams. Schon kommen wieder Leute wie ich und suchen und finden „Strategien“. Dabei ist das vielleicht das Problem: Der kalte Begriff der Strategie, von jeher die Letztbegründung rechten, militärischen und Obrigkeitsdenkens9, der immer eine Distanz, einen Bruch, eine Verschiebung zwischen einen politischen oder symbolischen Akt und seine Verursacher treibt, muß aufgegeben werden. Neben altem kapitalistischen Identitätsterror (dem man Komplexität entgegensetzt) und neuem postindustriellen Komplexitätsterror (dem man Stammes- und erfundene Nationsidentitäten entgegensetzt), die weiter existieren, wird man lernen müssen, Geheimnisse (auch des Herzens) zu bewahren, ohne gleich Geheimgesellschaften zu gründen. Oder Wissen zu verbreiten, ohne auszubilden. Entscheidend wird das Ziel, das man nur im Alltag setzen kann, wenn es sich nicht in der Strategie verflüchtigen soll. Auch darum war das Entstehen von p. c., gegen alle Gesetze der politischen Eleganz, unumgänglich.

    1. Agentur Bilwet, Bewegungslehre, Amsterdam und Berlin 1991. ↩︎
    2. Toni Negri, The Politics of Subversion – A Manifesto For The Twentyfirst Century, Cambridge 1989, S. 51. ↩︎
    3. Negri, Politics, a. a. O., S. 50. Die Pariser Studenten, von denen die Rede ist, sind notabene nicht die 68er, sondern die 87er. ↩︎
    4. Nämlich „Verwisch die Spuren“, aus: Aus einem Lesebuch für Städtebewohner:

      Trenne dich von deinen Kameraden auf dem Bahnhof
      Gehe am Morgen in die Stadt mit zugeknöpfter Jacke
      Suche dir Quartier, und wenn dein Kamerad anklopft:
      Öffne, oh, öffne die Tür nicht
      Sondern
      Verwisch die Spuren!

      Wenn du deinen Eltern begegnest in der Stadt Hamburg oder sonstwo
      Gehe an ihnen fremd vorbei, biege um die Ecke, erkenne sie nicht
      Zieh den Hut ins Gesicht, den sie dir schenkten
      Zeige, oh, zeige dein Gesicht nicht
      Sondern
      Verwisch die Spuren!

      Iß das Fleisch, das da ist! Spare nicht!
      Gehe in jedes Haus, wenn es regnet, und setze dich auf jeden Stuhl, der da ist
      Aber bleibe nicht sitzen! Und vergiß deinen Hut nicht!
      Ich sage dir: Verwisch die Spuren!

      Was immer du sagst, sag es nicht zweimal
      Findest du deinen Gedanken bei einem andern: verleugne ihn.
      Wer seine Unterschrift nicht gegeben hat, wer kein Bild hinterließ
      Wer nicht dabei war, wer nichts gesagt hat
      Wie soll der zu fassen sein!
      Verwisch die Spuren!

      Sorge, wenn du zu sterben gedenkst
      Daß kein Grabmal steht und verrät, wo du liegst
      Mit einer deutlichen Schrift, die dich anzeigt
      Und dem Jahr deines Todes, das dich überführt!
      Noch einmal:
      Verwisch die Spuren!

      (Das wurde mir gelehrt)

      Das liest sich heute genau wie ein Fehlfarben-Text und erinnert daran, daß man zu Recht die aufgezwungenen Lebens- und Kampfformen immer nur romantisieren kann. Romantiker im Maße seines Scheiterns zu sein, wie Guy Debord sagt, ist nicht unbedingt Versagen, sondern möglicherweise in Bezug auf die Durchführbarkeit aufreibender, verschwenderischer Lebensstile vernünftig. ↩︎
    5. Auf der LP Corrected Slogans von 1976, Privatpressung. ↩︎
    6. Guy Debord, Commentaires sur la société du spectacle, Paris 1988, von mir englisch gelesen als: Comments On The Society Of The Spectacle, London und New York 1990. ↩︎
    7. Ein ähnliches Mißverständnis konnte man in der frühen enthusiastischen deutschen Anti-Ödipus-Rezeption beobachten, wo der Terminus „minoritär“, „Minoritäten“ auf die wenigen Auserlesenen übertragen wurde, für die sich die akademischen Outlaws, die damals Deleuze/Guattari lasen, seinerzeit hielten. ↩︎
    8. Gilles Deleuze, „Postscripts On The Societies Of Control“, in: October, 59/92. ↩︎
    9. Diesen Hinweis verdanke ich Mark Terkessidis. ↩︎