Kategorie: Archiv

  • Sans Titre – Yearbook 1980 / Die 80er Jahre

    Martin Heidegger, Holger Poscick, Throbbing Gristle, Pyrolator, Max Rip Off, John Cage, Crass, Sabine Schwabroh, Cabaret Voltaire, Mania D., Mittagspause, Kraft durch Freude, usw., usw. Die kreisförmige Liste auf der ersten Seite dieses Jahrbuchs von Künstler/Fanzine-Macher und Ex(?)-Musiker Jürgen Kramer aus Gelsenkirchen deutet eine beeindruckende Vielfalt an. Oder Beliebigkeit?

    „Für einige Teile dieser Ausgabe ist es vorteilhaft, eine Lupe zu benutzen“, fordert der Herausgeber im Impressum und drückt damit den hohen Anspruch aus, den er den Rezipienten abverlangt. In durch verschiedenfarbiges Papier kenntlich gemachten Sektionen werden verschiedene visuelle und inhaltliche Konzepte verwirklicht. Da gibt’s ein paar Seiten Zeugnisse alter indianischer Kulturen, dann Äußerungen Heideggers, Sartres, Camus’, und unter vielem anderen ein fortlaufendes dokumentierendes Tagebuch, wo in verschiedenen Sprachen und manchmal kokett-nachlässiger Schreibweise neue Platten, Kunstwerke, Zeitschriften aufgelistet werden – kurz alles, was Kramer an aktuellen kulturellen Ereignissen wahrgenommen hat, oft mit Bezugsquellen. Und nur hin und wieder wird gewertet. Dazwischen lange Zitate, z. B. ein interessantes Throbbing-Gristle-Interview und andere unbekannte oder schwer zugängliche Materialien aus der weltweiten – und nun kann man bei der erwähnten Vielfältigkeit nur einen Begriff wählen – Avantgarde in jedem Medium.

    Bei den durchgeführten visuellen Konzepten fällt es mir schwer, ein Konzept, eine Haltung zu entdecken. Da scheinen mir private Obsessionen oft direkt neben modischen, aber flachen Designs zu stehen. Oft ist auch nicht zu erkennen, ob die Brechungen, die in der Wahrnehmung eines Objekts entstehen, wenn es in bestimmten Zusammenhängen reproduziert wird, in diesem Buch beabsichtigt eingesetzt werden oder eben einem Zufall überlassen werden.

    Aus anderen Produkten und Äußerungen Kramers ist sein aggressiver Pessimismus bekannt, seine in diesem Jahrbuch immer wieder auftauchenden Vorlieben u. a. für Throbbing Gristle und T.G.-Verwandtes grenzen seine Haltung ein und machen vieles eindeutiger. Trotzdem finde ich es manchmal unangenehm, wie Leute, die ihre Emanzipation von einem rigiden Marxismus geschafft haben, plötzlich bei Heidegger und tiefgründigem Raunen landen. Inwieweit diese Gefahr bei Kramer und bei diesem Buch gegeben ist, ist schwer zu veranschlagen.

    Interessant und lohnend ist Sans Titre in jedem Fall. Möglicherweise sogar unterhaltsam, wenn man sich auf den faszinierenden Kontrast von Klarheit und Verzettelungen, Vagheit und Präzision einlassen mag und eine Lupe zur Hand hat.

    Erhältlich bei: Jürgen Kramer, Postfach 1142, 4650 Gelsenkirchen, 176 Seiten, DM 14,80

  • 7. Hamburger Kinotage

    Diesmal vom Herbst in den Sommer verlegt, boten diese Hamburger Kinotage eine eindrucksvolle Demonstration von der Konsolidierung des studentischen Kinogeschmacks. Die „AG Kino“ und ähnliche Organisationen brauchen nicht mehr mit Unbekanntem zu rechnen. Das zeigte ein Programm, das, ähnlich wie im Vorjahr, offensichtlich genau für ein bestimmtes, kohärentes Filmverhalten kalkuliert zu sein scheint und Experimente und Überraschungen nur zuläßt, wo das nötige Etikett vorhanden ist: etwa bei dem armseligen, dümmlichen Zoo Zero, der als „Nach Eraserhead ein neuer Animal Horror“ angekündigt war. Da hatte wohl wirklich jemand Radiergummi im Kopf.

    Eine auffallende Tendenz war die „Neue Niedlichkeit“. Filme der „Neuen Niedlichkeit“ spielen in soziologischen Freiräumen, wo niedliche oder verschrobene oder schrullige Originale so richtig ihren niedlichen kleinen Neigungen nachgehen können. Man könnte auch von der neuen Harmlosigkeit sprechen oder der neuen Belanglosigkeit. Herkunftsland dieser Bewegung: Frankreich. Schlimmstes Beispiel: Ma Chérie.

    Es gab einige Dokumentationen zu sehen: Obwohl ich die Frau nicht ausstehen kann, war Anaïs Nin ein interessanter Film, während Erich von Stroheim nicht hielt, was sein Objekt versprach. Sehr gut: Simone de Beauvoir, im Gespräch unter anderem mit Sartre und Alice Schwarzer. Die besten Filme waren zweifellos zwei schwelgerische, barocke, aber ungemein präzise Tashlin-Komödien mit Jayne Mansfield: Will Success Spoil Rock Hunter? und The Girl Can’t Help It, letztere gehört zu den fünf besten Musikfilmen überhaupt.

    Aber die waren halt auch schon über zwanzig Jahre alt, und was an Zeitgenössischem geboten wurde, war oft mehr als dürftig. Leidlich interessant, wenn auch von einer ziemlich verblasenen Ästhetik, war Derek Jarmans (Jubilee) Shakespeare-Version Tempest, u. a. mit Toyah Wilcox. Das beste am Film war die Musik (vgl. Singles). Nicholas Roegs Frühwerk Walkabout hatte durchaus interessante Momente. Für Leute, die sich mit Roegs manieristischer Filmauffassung anfreunden können (konnten), ist es wahrscheinlich ein Meisterwerk. Selten hat Roeg seine schrägen Bilder so unvermittelt gefilmt wie hier.

    Was bleibt, wenn man prinzipiell nicht in ungarische, bulgarische (nach langem Nachdenken und gutem Zureden nehme ich dieses Vorurteil zurück – D.D.) und neu-niedliche-französische Filme geht, waren zwei Überraschungen: Paradiso von Christian Bricout und Out Of The Blue von Dennis Hopper. Paradiso spielt in einer Joy-Division-Gegend im Norden Frankreichs. Er erzählt in mehreren Akten die Versuche eines jungen Kunststudenten aus Arbeiterfamilie, im Laufe einer Nacht menschliche, erotische Kontakte zu knüpfen. Paradiso zeigt in kühler, präziser Manier das Elend der Provinz. Dumpfe Niedergeschlagenheit auf Rummelplätzen, fiese tumbe Männer, wehrlose Frauen, mechanischer Sex, Zurückweisungen für den, der außerhalb der Rituale steht oder sie nicht beherrscht.

    Out Of The Blue ist Dennis Hoppers Verfilmung einiger Strophen aus Neil Youngs gleichnamigen Song („Hey Hey, My My“). Er selbst spielt einen halb gescheiterten, halb noch von seiner Umgebung akzeptierten Semi-Outlaw und Proletarier, der auf dem Müllplatz arbeitet und dessen Frau süchtig ist, aber trotz aller Demütigungen etwas Würde bewahrt hat. Seine Tochter, die fantastische Linda Manz, reagiert auf die desperaten Zustände. Sie wird Punk und inszeniert einen nihilistischen Aufstand: „Into The Black“. Linda Manz’ authentisches Spiel macht einen großen Teil der Faszination aus, unterstützt von der quasi-dokumentarischen Kameraarbeit, den langen genauen Einstellungen und von Hoppers stets präsenter guter Einschätzung von der Situation einer Jugend, die nicht nur gegen Zustände rebelliert, sondern auch gegen die gescheiterte Rebellion ihrer Eltern, gegen dieselben Zustände, die mittlerweile ein Teil der Zustände sind.

  • Christopher Petit: Radio On

    Der beste Wim Wenders-Film ist für mich immer noch der uralte Summer In The City, in dem Hanns Zischler, damals noch ohne die maskuline Penetranz, die sein Spiel in Im Laufe der Zeit manchmal ungenießbar machte, zwei Stunden durch schwarz/weiße BRD-Architektur irrte und seine einzige Orientierung in der Rock-Musik fand: den Platten, die er bei einer flüchtig besuchten Freundin auflegt, Musikboxen in Billard-Kneipen, ein Fernseher in einem Schaufenster, der den Beat Club mit den Kinks ausstrahlt.

    Ungefähr zehn Jahre später macht Christopher Petit einen (übrigens von Wenders koproduzierten) Debüt-Film über die zerfledderte, zerrissene Industrielandschaft Großbritanniens. Wieder sucht ein einsamer Mann Spuren und Zeichen einer Vergangenheit (Ursachen und Zusammenhänge um den Tod seines Bruders), und wieder werden auf dieser Fahrt von London nach Bristol die einzigen Wegweiser und Sinnstiftungen die leicht veralteten Musikstücke (der Abstand von Erscheinungsdatum der Musik und dem Drehjahr des Films schwankt wie bei Summer In The City zwischen zwei und fünf Jahren): Während die Kamera die Wohnung des toten Bruders absucht, läuft im Radio Bowies „Heroes“. Sein letztes Lebenszeichen waren drei Kraftwerk-Cassetten, die er seinem Bruder zum Geburtstag geschenkt hatte. Der Held verläßt London, fährt an einem „Free Astrid Proll“-Graffiti vorbei und hört „Always Crashing In The Same Car“.

    Radio On ist auch ein Film über Architektur. „Wir sind die Kinder von Fritz Lang und Wernher von Braun“, heißt es auf einem Papier in der Wohnung des toten Bruders. Wie bei Lang wird die Umgebung nicht zur Kulisse reduziert, sondern Landschaftsreste und -perversionen, Straßen, Baggerlöcher und Großstadtschluchten treten als Handlungs- und Bedeutungsträger auf. Die Menschen treten aus einem geschichtslosen Nichts, einem soziologischen Vakuum in eine Welt, die so aussieht, als hätten die Häuser und Autos die Geschichte gemacht und erlitten. Und über allem babbeln die unwirklichen englischen Nachrichten, zischt die Unterhaltungselektronik, und nur einen Song bekommt man bis zu seinem Ende zu hören: „Heroes“. Und das klingt in diesem Film pessimistischer als „No Future“.

    Mir ist nicht bekannt, ob der Film in der BRD synchronisiert gezeigt werden soll. Das wäre in jedem Fall eine Katastrophe. Vor allem wegen des faszinierend/peinlichen, peinlich/faszinierenden Auftritts zweier bayerischer Mädchen in der Nacht in Bristol (die eine ist Lisa Kreuzer), der das Anliegen des Films, seinen Blick auf Menschen fast schon selbst parodiert: Wie im stillen, menschenleeren und menschenfeindlichen dumpfen Nichts plötzlich Bayrisch zu hören ist. Und wie sich dann das Englisch des Helden anhört.

  • Young Marble Giants – Die Welt in den Griff kriegen

    „Was findest du eigentlich an den Young Marble Giants so gut??“, fragt mich ein bekannter neue-deutsche-Welle-Musiker, und ich muß drucksen, stockend kommt die Antwort: „Es ist ein alter Hang zu einer bestimmten Art von Melancholie, meine John-Cale-Verehrung … es ist …“ „Es ist die erste Rough Trade Platte, die ich gut finde“, meint dagegen Folkie Kröher, während der Avantgarde-Disco-Braunsteiner auch nicht so recht weiß: „Jaja, hübsch, aber deine Euphorie …“

    Soweit die klassische Einleitung. Frische der Eindrücke, die Ratlosigkeit. Und Kid P. erinnern die Marble Giants an Pentangle. Und nun kommt die Geschichte. Der Reporter reist nach Berlin, interviewt die Bande und kommt mit einem Slogan zurück. Nun ist alles klar, und wir haben einen Begriff und eine Erwartungshaltung für die zweite LP. Zum Glück sind die Marble Giants aber auf Rough Trade und wollen auch da bleiben, also besteht keine Gefahr, der Slogan könne in einer Anzeige wieder auftauchen. Außerdem gibt es auch keinen Slogan, keine sinnfällige Geschichte, keine eindeutige Aussage und keinen Stilbegriff für die Young Marble Giants. Und wenn mir einer einfiele, würde ich ihn diesmal für mich behalten.

    Jemand holt mich vom Bahnhof ab und schiebt – klick! – eine Kassette in den Auto-Recorder: pluckpluckpluckpluck-Gitarre, düüühht-Orgel, pochpochpoch-Rhythmusmaschinen – es sind die Giants. Ich rufe einen Freund an. Im Hintergrund: „Seahhching for Mistuh Right“ – wieder die Giants. Ebenso beim Zensor im Laden und überhaupt überall, außer beim Kebabtürken in der Mauerstadt, der beim Träumen hinter Stacheldraht moslem-psychedelische Musik hört, die aber den Giants auch nicht fern ist.

    Beim Soundcheck im SO36 improvisieren sie über schweinische, abgedudelte Elmore-James-Riffs, aber auch das überrascht mich nicht. Von der Zeilenzahl her gesehen kommen wir nun zu der Phase, in der steht: Die Young Marble Giants sind Allison Statton Gesang, Phil Moxham Baß und Stuart Moxham Gitarre und Orgel. Stuart ist 25, die anderen beiden 20. Stuart und Phil sind Brüder, alle drei sind aus Cardiff, Wales. Von meiner Faszination, die mich beim Anhören ihrer ersten LP packte, habe ich ja schon in meiner Plattenrezension (Sounds 5/80) in mir selber seltsam fremden pathetischen Worten geschwelgt.

    Und auch zwei Monate später fand ich es noch so kolossal, daß ich den ganzen Soundcheck aufgenommen habe. Denn die Einzelteile der YMG-Musik sind auch für sich genommen faszinierend: die hingehauchte Orgel, die schüchterne Rhythmusmaschine, die präzise Uhrwerkgitarre, der elegante melodische Baß, Allisons unschuldige, aber bestimmte Stimme – das alles fasziniert einen, auch wenn es nicht zu Song-Gebilden zusammengefaßt wird. Was zuerst immer wieder Überraschung war, ist zum beständigen Eindruck geworden: Daß man es nicht glauben kann, wie dieser Sound, diese Musik so plötzlich entstehen konnte, ohne erkennbare Vorbilder. Die Elmore-James-Riffs machen wenigstens klar, daß die YMG doch von dieser Welt sind.

    Reputation

    Bei Wales fallen mir ganz stereotyp immer zwei Assoziationen ein: John Cale, der aus Swansea stammt, und der große Dichter Dylan Thomas. Mit diesen beiden, für mich auch untereinander zusammenhängenden Welten und Geisteshaltungen versuche ich die Young Marble Giants einzuordnen und werde beim ersten Versuch sogar bestätigt. Stuart, der beim Interview die meiste Zeit redet, nennt zuerst Dylan Thomas, nachdem ich ihn vage fragte, ob es irgendwelche Dichter gebe, die seine Songtexte beeinflussen.

    Bei den Lieblingsgruppen reden sie durcheinander, die Brüder: „Velvet Underground“, wie aus einem Mund, Allison: „Kraftwerk, Eno, Residents“, Stuart: „Disco, Folk“ – jaja, schon gut, die Zeit der freiwilligen Selbstbeschränkung ist vorbei, aber ich bin ja auf der Suche nach dem spezifischen Marble-Geist und seiner Quelle. Stuart: „Seit drei Jahren spielen wir als Band zusammen, aber Phil und ich sind Brüder, und unsere Musikkonzeption ist schon sehr lange gereift, bevor wir diese Band gegründet haben. Uns ist dieser Sound völlig selbstverständlich.“

    Wie ist der Kontakt zu Rough Trade zustande gekommen? „In Cardiff gibt es eigentlich keine Musikszene, und irgendwann hat eine Band diesen Cardiff-Sampler arrangiert, und wir haben auch was beigesteuert. Eigentlich wußten wir bis dahin wenig über die neue Musik, über unabhängige Labels und all das. Und auf den Cardiff-Sampler (Is The War Over) hin hat uns Rough Trade einen Vertrag angeboten.“

    Habt ihr aus ideellen Gründen bei Rough Trade unterzeichnet oder weil der Vertrag gut war? „Der Vertrag war gut. Wir kriegen fünfzig Prozent des Profits. Die politische Bedeutung von Rough Trade beginnen wir erst jetzt langsam zu begreifen. Wir sind erst so neu in der ganzen Szene. Aber jetzt würden wir uns wohl auch aus solchen Gründen für Rough Trade oder ein anderes unabhängiges Label entscheiden.“

    Ist es eigentlich wirklich so, daß bei Rough Trade alle mitanpacken, die Musiker mit im Versand arbeiten, und so? „Ja. Das sind nur fünfzehn Mann, um die Personalkosten niedrig zu halten und so größere Profite für die Musiker zu ermöglichen. Dafür müssen die Musiker auch mitarbeiten. Rough Trade ist ein Kollektiv. Es gibt keine Hierarchien, und alle haben gleiches Stimmrecht.“

    Lebt ihr immer noch in Cardiff? Stuart: „Nein, ich bin nach London gezogen. Ich wollte das schon immer, aber ich hatte nie das Geld.“ Ist das nicht schade? Ist nicht viel von den Neuerungen der letzten Zeit dadurch entstanden, daß Gruppen außerhalb der Musikmetropolen den Mut hatten, eigene Sachen zu machen? „Wir sind ja keine Band, sondern drei Individuen, und ich hatte schon immer den Wunsch, in London zu leben, die beiden anderen leben noch immer in Wales.“ Seid ihr in Cardiff von der politischen Dimension der Punk-Bewegung berührt worden? „Das war eben dieser Trivial-Anarchismus. Wir haben uns schon immer vage als links eingeschätzt, ohne mit herkömmlichen politischen Betätigungen was zu tun gehabt zu haben. Wir haben sogar einen politischen Song gemacht: ‚Credit In The Straight World‘.“

    Was werdet ihr heute abend spielen? „Nur das Material vom Album und der Single. Niemand hatte Zeit, noch irgendwas anderes zu schreiben. Unser Problem ist, daß wir live klingen wie auf Platte. Aber das liegt wiederum daran, daß wir die LP ganz simpel auf einem Vierspur-Gerät aufgenommen haben. Die LP klingt umgekehrt so, wie wir live klingen; und nun haben wir das Dilemma, daß wir live klingen wie auf Platte.“

    Was die Leute fasziniert hat, war wohl das Ganze, die Atmosphäre, der Sound, die Stimmung – das war alles völlig überraschend. Aber wie wollt ihr nun eine zweite Platte machen? Werdet ihr andere Instrumente einsetzen oder sonstwie den Sound verändern? „Nein, wir machen unsere Erfahrungen. Ich habe die Songs für die Single geschrieben, einfach um zu sehen, ob ich noch Songs schreiben kann. Und ich bin zufrieden.“ Also „Final Day“ ist ein Supersong, aber das klingt doch alles genau wie die LP, die gleiche Dichte, der Minimalismus, das leicht resignierte, melancholische Gefühl … „Ja, aber ‚Final Day‘ ist doch viel aggressiver, entschiedener. Weißt du, wir verändern uns menschlich sehr stark. Was uns passiert, ist sehr schwierig. Es ist schwierig, damit umzugehen. Wir sind jetzt eine Band mit einer Reputation, eine Band mit einer LP. Diese Situation haben wir noch nicht im Griff.“

    Zarte Geschöpfe

    Schluß jetzt. Cassetten-Recorder aus. Kapitel: „Was sind das eigentlich für Menschen?“ Seht euch das Foto an. Sehr individuell. Zurückhaltend. Intelligent. Leute, die geübt sind zu kompensieren. Leute, die Schwierigkeiten begegnen, indem sie Innenwelt aufbauen. Und jetzt sind sie plötzlich da angelangt, wo das, was zum Aufbau und zur Verteidigung der Persönlichkeit benötigt wurde, zu einer Ware geworden ist, die verkauft werden muß, auch wenn der Vertrieb noch so alternativ ist. Die Marble Giants haben sich vorgenommen, die nächsten Jahre als Profimusiker zu leben. Im Moment hat jeder von ihnen 25 Pfund Wochenverdienst. „Wir merken, wie wir uns prostituieren, wie wir uns verkaufen, wir haben das noch nicht im Griff, wir haben alles noch nicht im Griff.“

    Bands, die irgendwas im Griff haben, sind langweilig. Die Young Marble Giants haben ein Konzert gegeben, das nicht langweilig war, obwohl kein Ton improvisiert oder direkt von der Bühnensituation ausgelöst worden ist. Sie haben alle Titel gespielt, die sie im Repertoire haben, genau wie auf der LP, und dennoch war es ganz anders. Der Versuch, live Songs in den Griff zu bekommen, die in vielen Jahren entstanden sind, um die Welt in den Griff zu bekommen.

    Am nächsten Tag spielen Frieder Butzmann sowie Gudrun und Bettina von Mania D. improvisierte, freie Musik (zwei Saxofone/Schlagzeug) in einer Galerie. Die Giants sind auch da. Ich will wissen, wie sie das finden. „Ja irgendwie gut, aber sehr seltsam.“ Man hat wirklich den Eindruck, als würde es zu viel für sie. Man kann wirklich Angst um sie bekommen, um diese zarten Geschöpfe. Oder eine interessante Entwicklung erwarten, wenn es ihnen gelingt, mit der Sensibilität ihrer Songs auf das zu reagieren, was jetzt um sie herum passiert.