Kategorie: Archiv

  • Jonathan Kaplan: Wut im Bauch

    Gerade recht für die neue unruhige Jugend kommt ein sehr schöner Film aus Amerika, der im besten Sinne Corman’schen Stil der 60er verarbeitet (Die wilden Engel, The Trip) und zugleich neues und zeitgenössisches Kino reflektiert.

    Ein wider alle Humanität, Schönheit und Vernunft gebautes Suburb-Ghetto ist Schauplatz für ein politisches Teenage-Drama. In der toten Gegend können sich die Jugendlichen nirgendwo amüsieren. Das einzige Jugendzentrum wird geschlossen, vorgeblich wegen Drogenmißbrauchs, die progressive Erzieherin gefeuert. Im Hintergrund stehen Interessen ortsfremder Kapitalisten, die die Siedlung kontrollieren. Exekutive im Ort ist ein richtig ekliger „Bulle“ von der Sorte, die in Amerika „Pig“ genannt wird. Ihm ist es über seinen Befehl hinaus noch persönlich ein Bedürfnis, mit allen Mitteln für Ordnung zu sorgen.

    Nebenher laufen Erste-Liebe-Teenage-Depressions-von-zu-Hause-Abhauen-der-Wilde-der-Rebell-Nebenhandlungen. Der Held schnallt sich nach einem Streit mit den Eltern die Kopfhörer über. Dumpf-rebellische Rockmusik dröhnt ihn an, und es gelüstet ihn nach Rache. Eine klassisch-unpeinliche amerikanische Sentimentalität wechselt mit intensiven kollektiven Action-Szenen.

    Nachdem der/das „Pig“ einen der Jungen, in einer Situation, die nur sehr wohl-/übelwollende Richter als Notwehr auslegen würden, abknallt, kommt es zur Revolte. Als die Erwachsenen (Eltern, Polizisten, Politiker etc.) in der Schule über das Jugendproblem beraten, schließen die Jugendlichen die Alten ein und ruinieren ihre parkenden Autos, machen Feuer, zerdeppern alles, was ihnen im Wege steht.

    Das Ende (Details werden nicht verraten!) ist wunderbar heroisch, aber nicht – wie in Terence Malicks Cineasten-Film Badlands – überzogen und literarisch, sondern der sparsam klaren Ästhetik dieses Films angemessen.

  • Clash! Hamburg brennt nicht, aber es ruft

    „Bei schlechtem Wetter findet der Aufstand im Studio statt“, schrieb Tony Parsons in Sounds 3+4/79.

    Als die Clash nach Hamburg kamen, schien die Sonne, und Aufstände (oder wie Bild es nennt: „Krawalle“) gab es schon seit Wochen. Die Punks und andere unzufriedene Jugendliche waren seit Anfang Mai fast täglich mit einer oft rigoros und skrupellos operierenden Polizei aneinandergeraten. Mitte Mai gaben dann die Helden und Anführer des „White Riot“ von vor drei Jahren ein Konzert.

    Begonnen hatte alles, als die Polizei an einem Freitag Anfang Mai in ein Punk-/Subkultur-Lokal eindrang, um einen angeblichen Dieb festzunehmen:

    Als sich dann jemand nach dem Grund der Festnahme zu erkundigen wagte, gingen gleich zwei Roboter auf ihn los. Einem anderen Uniformierten flog von irgendwoher eine Flasche an die Birne, einigen Leuten wurde chemische Keule direkt in die Augen gesprüht. (…) Man sah deutlich, daß die Roboter Angst hatten: jedesmal, wenn sie jemanden anfaßten, waren sie sofort von einer Horde wütender Leute umringt, von denen sie schließlich bis zur Glashüttenstraße getrieben wurden. (…) Gegen 3:45 begann der Vergeltungsschlag. Ungefähr doppelt so viele Roboter wie Gäste, diesmal auch noch mit Helmen, stürmten ins Lokal. (…) Leute ohne Ausweis oder Minderjährige wurden ziemlich brutal abgeführt, einer, der schon am Boden lag, wurde zusammengetreten.

    Soweit ein anonymes Flugblatt. Bild erklärte dann in der Montags-Ausgabe Polizei und Bevölkerung, was sie erlebt hatten, nachdem am Samstag einige Leute im Reichenviertel Pöseldorf Unruhe stifteten und auch hie und da Sachen beschädigten. Es waren übrigens keineswegs nur Punks, aber Bild weiß, was zu tun ist, wenn es gilt, dem Kleinfaschisten von nebenan ein klares Feindbild zu präsentieren: „Die große Schlacht der Punker“ lautete die Schlagzeile, darunter: „Polizisten verletzt, Autos umgeworfen, Scheiben zertrümmert“, und: „200 wilde Punk-Rocker haben deshalb am Wochenende Krawall gemacht“, und weshalb? „Dumpfer Haß auf Alles“.

    Dazu die Aussage einer Schülerin, die völlig unbeteiligt bei den Pöseldorf-Kämpfen festgenommen wurde, zitiert nach einem Flugblatt von „Schüler gegen Rechts“

    Da nahm mich der Bulle und schlug mit seinem Knüppel auf mich ein. Er zog mich am Halstuch, so daß ich Angst bekam, er wolle mich erwürgen. Er legte mir Handschellen an und brachte mich ins Auto. (…) In der Wache zog er mich an den Haaren in die Zelle, wo er mich fragte, ob ich schon einmal Handschellen in der Fresse gehabt hätte.

    Danach verschärfte sich die Situation fast täglich: In der Innenstadt, wo Punks, Teds, Freaks (mittlerweile nicht mehr verfeindet) die ersten schönen Tage des Hamburger Frühlings in der Sonne verbrachten, gab es fast täglich neue Festnahmen, oft unter fadenscheinigen Vorwänden. Auch Hamburgs Subkultur-Region, das Karolinenviertel, blieb von Schikanen nicht verschont, so daß das vorhin zitierte anonyme Flugblatt mit der Forderung schloß: „Sofortiger Abzug der Besatzungstruppen aus dem Freistaat Karolinenviertel!“

    Aber auch Bild blieb am Ball. Ein gewisser Thomas Wieczorek hatte vor Ort „recherchiert“. Er war in einem Punk-Lokal: „Da lümmeln sie (…). Sie prusten sich gegenseitig mit Bier an, ein Mädchen in Leder tritt auf einem Betrunkenen herum.“ Bei Bild ist die Phantasie an der Macht. Fünf Tage später war das Clash-Konzert.

    Für viele der Punks, die sich als Anarchisten verstehen, gelten die Clash als Verräter, seit sie bei CBS unterschrieben haben und ihr politisches Engagement posenhaft zu werden begann. Für andere, unpolitische Punks gelten die Clash als Verräter an der harten Musik. Die zweite und die dritte Platte seien zu weich und zu langsam. Viele mögen die Clash noch immer, weil sie halt eine gute Band seien, genauso wie 68er Linke die Stones immer noch mögen, obwohl der „Street Fighting Man“-Anspruch nie eingelöst wurde. Ich halte die Clash für eine der besten politischen Bands, aber mit dem Verfall ihrer Glaubwürdigkeit als Politicos glitten auch Text und Musik ins Phrasenhafte ab. „London Calling“ ist ein tolles Stück, aber „Spanish Bombs“ ist eine der ekelhaftesten Anhäufungen angelesener Revoluzzer-Sprüche, die ich kenne.

    Im Polizeipräsidium schien man aber „White Riot“ immer noch ernst zu nehmen. Mehrere Mannschaftswagen waren bereitgestellt. Die demonstrative Anwesenheit der Bewaffneten heizte die Atmosphäre noch mehr auf. Die Luft der vollen „Markthalle“ war stickig und dick.

    Zunächst wurden die Clash zwar feindselig, aber ruhig begrüßt. Nach dem zweiten Song ging es los: „Safe European Home“ – ein fantastischer Song, eines der besten politischen Lieder, die ich kenne. Wie alle guten politschen Lieder ein aufwiegelndes Lied. Es zeigte Wirkung. Die Clash bekamen ihren „White Riot“. Nur daß sie unversehens auf der anderen Seite der Barrikaden gelandet waren. Kleine und große Kämpfe, Schlagabtausch, Versuche, die Bühne zu stürmen; kurze Statements und/oder Beschimpfungen, wenn kurz das Mikro erobert wurde. Versuche, zwischen Clash und Publikum zu vermitteln, zu sagen, worum es geht, gab es auch, scheiterten aber an der geladenen Stimmung. Die Clash versuchten, cool zu bleiben, weiterzuspielen. Und sie spielten toll an diesem Abend. Hinten war das Publikum zeitweise begeistert, während vorne die Leute vor Wut schrien. Irgendwann verschwand Strummer mit seiner Gitarre im Publikum, und kurz darauf wurde ein Junge mit schwer blutendem Kopf auf einer Bahre weggetragen. Wenige sahen, was wirklich passiert war, und Gerüchte breiteten sich aus, der Junge sei tödlich oder lebensgefährlich von Strummer verletzt worden. (Er wurde noch am selben Abend aus dem Krankenhaus entlassen.)

    Das Hin und Her zwischen Clash-Musik, die besser und härter war als je, und den kollektiven Wutentladungen derer, für die die Songs bestimmt waren, verschärfte sich: „Wenn ihr kämpfen wollt, kämpft doch mit der Polizei“, rief Strummer, was die Angesprochenen nur als üblen Zynismus verstehen konnten, nach all dem, was sich in den letzten Wochen in Hamburg ereignet hatte.

    Die Paradoxie war komplett, als die Polizei Strummer nach dem Konzert wegen Körperverletzung verhaften wollte und zunächst mal für eine Blutprobe mitnahm.

    Die politische Einschätzung dieser Vorgänge ist ebenso schwer wie eine politische Einschätzung von Punk überhaupt bzw. wie überhaupt von neuen emanzipatorischen Bewegungen, die sich erst in einer Phase der Konstituierung befinden. Nicht schwer dagegen ist zu erkennen, was die täglichen Demagogien gegen die „Punk-Rocker“ zu bedeuten haben, der ständige Versuch, Rivalitäten unter Jugendlichen zu schaffen, Gruppen wegen ihres Äußeren zu isolieren: Hier soll abweichendes Verhalten kriminalisiert, jede Rebellion im Keim erstickt werden. Welche Funktion die Wortkombination „Punk-Rocker“ haben soll, wissen viele noch, die die Wortschöpfung „Polit-Rocker“ und ihre Verwendungsweise als Diffamierung gegen alles, was links von Helmut Schmidt steht, kennen.

    In der Innenstadt wurde am Tag nach dem Konzert wieder ein harmloser Kinderpunk abgeführt, der auf ein Kunstwerk geklettert war, in den anliegenden Schallplattenläden rissen sich die Leute um eine japanische Pressung der ersten Clash-LP mit Bonus-Single. Am Abend veranstaltete Madness harmlose Tanzerei für alle (John Cale sagte 1975: „Rock’n’Roll ist auch nur so ein Trick, der der Regierung hilft, den Mob von der Straße zu holen.“). Im Karolinenviertel patrouillierte die Polizei.

    Am Tag drauf sagte Strummer zu mir am Telefon, von Oslo aus:

    Die Hamburger Kids haben eine Kraft und Energie wie niemand sonst in der Welt, außer vielleicht in Glasgow und London. Sie könnten viel erreichen, wenn sie sie gegen ihre wirklichen Feinde einsetzen würden, gegen die Bullen. Wir betrachten uns nicht als Führer, wir sind nicht für sie verantwortlich, wir machen Musik. „Don’t follow leaders, just watch the parking meters“, sang Dylan schon in den Sechzigern. (…) Ich habe den Jungen nicht mit meiner Gitarre verletzt. Als ich die Bühne verließ, hatte ich sofort die Gitarre verloren.

    Wie dem auch sei: Die Clash haben es mal wieder geschafft, politische Konflikte an die Oberfläche der glatten Konzert-Medien-Maschinerie zu bringen. Die Clash waren da – es hat gekracht.

    In der Innenstadt beobachtet eine Bild-Verhetzte mit ihrer Freundin mit stumpfem Blick ein paar Punks, sie sagt: „Einen ganz stumpfen Blick haben die.“ Am 1. Juni ruft Bild am Sonntag zur Solidarität mit der Polizei gegen „Krawallmacher“ auf und zitiert dabei einen anonymen Hamburger Polizisten: „Früher hab’ ich, streng nach Vorschrift, auf die Beine gezielt, wenn ich von der Schußwaffe Gebrauch machen mußte. Heute würde ich das nicht mehr tun. Wer nach meinem Leben trachtet, muß jetzt damit rechnen, daß ich höher ziele“ – Darunter ist zu lesen, daß sich der Mann mit der Waffe „gegen brutale Rocker wehren mußte“. Nach der Logik der Bild-Demagogie (Punk = Rocker) könnte das heißen, daß die Bevölkerung auf den ersten Punk-Toten vorbereitet werden soll – einen Tag später war Benno Ohnesorgs dreizehnter Todestag.

  • Paul Schrader: Ein Mann für gewisse Stunden

    „Call Me“ habt ihr vielleicht schon im Radio gehört. Das ist ein Song, der vorgibt, von der Band Blondie zu stammen, in Wirklichkeit aber eine neue Giorgio-Moroder-Produktion ist, mit dem jungen Luxus-Disco-Starlet Deborah Harry. Mechanisch, maschinell, brillant, aber seelenlos, so wie dieser Song, beginnt der Film, wenn der American Gigolo (Originaltitel) Richard Gere, auf superedlem Filmmaterial, mit seinem Mercedes durch Hollywood gleitet. Richard Gere ist dabei ebenso hübsch wie charakterlos, eine Luxus-Maske. Der Film sagt nicht, woher er kommt, wer er ist. Ein Gigolo ist eine Ware. Wie sein Auto, wie sein Appartment.

    Paul Schrader sagt über diesen, seinen dritten Film, er habe einen reinen „Kopf-Film“ gemacht, einen „intellektuellen Film über die Akzeptanz der Gnade“. Schrader kommt aus einer streng calvinistischen Familie. Wie sein voriger Film Hardcore handelt auch American Gigolo von Schraders persönlichen Schwierigkeiten mit dieser Vergangenheit, in der nicht nur Kino als ein verbotener Genuß galt. Während in Hardcore die calvinistische Ethik dem Porno-Business begegnet, ist es hier allgemeiner, der Konflikt zwischen dem moralisch verwahrlosten Luxusleben der herrschenden Klasse und den moralischen Erkenntnisprozessen ihrer subtil ausgebeuteten Opfer.

    Der Gigolo lebt nicht schlecht. Er arbeitet für zwei konkurrierende Agenturen, die Chauffeure und Dolmetscher an reiche Ausländerinnen in Los Angeles vermitteln oder an einsame Industriellengattinnen. Der Gigolo denkt nicht viel nach, aber er glaubt, daß die Befriedigung älterer Frauen auch eine ehrenhafte Seite hat. Er versucht, sich eine Spitzenstellung in seinem Job aufzubauen, um sich seine Aufträge und Aufgaben auszusuchen. Er versucht, Karriere zu machen, sich den Marktgesetzen zu entziehen. Doch einen zu unabhängigen Angestellten kann sich kein Unternehmer leisten. Zwei Dinge geschehen dem Gigolo: Erstens, man verwickelt ihn in einen Mordfall (einer seiner Arbeitgeber steht dahinter), und alle Freunde lassen von ihm ab. Zweitens, er verliebt sich in die Gattin eines Politikers, die, ähnlich wie er, nur Objekt und Ware im Spiel der Mächtigen ist. Ihre Liebe ist ein innerer Befreiungsprozeß. Am Ende verschafft diese Frau (Lauren Hutton) dem Gigolo ein Alibi, ruiniert damit wahrscheinlich die Karriere ihres Mannes und befreit den Gigolo aus dem Gefängnis. Wie es ökonomisch mit den beiden weitergehen soll bleibt offen. Aber ihre Prostitution an die Interessen anderer ist gestoppt. Ihr Bewußtsein ist frei.

    Schrader ist ein linker Christ, mit einem gebrochenen Verhältnis sowohl zum Linkssein wie zum Christentum. Diese Haltung prägt seine Ästhetik des Kinos. In Taxi Driver, dessen Drehbuch er schrieb, wird genau das Leben, die Umgebung ästhetisiert, die den Helden zum Zusammenbruch treibt, von der er sich befreien will. In Blue Collar ist die Autofabrik, die das Leben dreier Männer ruiniert, blitzend und schön. American Gigolo ist in genau dem Licht-fällt-durch-Lamellen-Rollo-Stil fotografiert, der die Journale der porträtierten Bourgeoisie anfüllt.

    Doch die Widersprüche dieser Welten fallen nicht den Bildern zum Opfer, die Überzeugungskraft der Helden ist bei Schrader allemal stärker.

    Als Cineast und langjähriger Filmkritiker weiß er um die Verführbarkeit des Zuschauers: Er spielt damit, aber er macht dem Zuschauer auch sein eigenes Sehen bewußt.

  • To Act in 8551 Weißenohe, Mai 80

    „Mit dem Fahrrad und ’ner Mundharmonika“, kräht Ari Up, während sie hospitalistisch im Kreis läuft und die anderen beiden Slits, lächelnd, aber diszipliniert, sich an Gitarre und Baß auf den Beginn des nächsten Songs konzentrieren. „Die heilige Schrift sagt: ‚Am Anfang war das Wort‘, aber das stimmt nicht. Am Anfang war der Rhythmus!“. So kündigt Ari die deutsche Fassung der letzten Slits-Single „In The Beginning There Was Rhythm“ an. Ja, die Slits sind auch ein Teil der neuen deutschen Welle. Jedenfalls für einen Abend.

    Als ich die Tourneedaten für die erste BRD-Tour von zwei meiner Lieblingsgruppen, Slits und Pop Group, sah, mußte ich feststellen, daß kein Termin in Hamburg dabei war. Außer in Köln spielten die Bands nur in Weißenohe, also nahm ich die Gelegenheit wahr, mir das „To Act“ in Weißenohe anzusehen. Ein legendärer Club mitten auf dem Land, fast der einzige in Süddeutschland, in dem man neue Musik hören kann, und damit auch ein wichtiger Treffpunkt für alle Punks, Avantgardisten, Künstler und Selbstdarsteller aus Orten wie Nürnberg, Hof, Regensburg, Stuttgart, München, Bayreuth etc.

    Der Intercity huscht von Metropole zu Metropole, und das bißchen Grün dazwischen ist für die Reisenden nur eine unwirkliche Kulisse, wie die abstrakten Muster, die man vom Flugzeug aus wahrnimmt.

    Die Kleinbahn von Nürnberg-Nordost nach Weißenohe dagegen, die sich träge und alt durch die Landschaft quält, für die jeder Ast, der über die Gleise hängt, ein Hindernis zu sein scheint, macht mir erst klar, wo ich bin: in jenem Gebiet, bestehend aus Kirchen, Feldern, Bergen, Wäldern, Gehöften und Einfamilienhäusern, das man Land nennt, oder kulturgeografisch: Provinz.

    An der Endstation der Kleinbahn holen mich die Fotografin Sabine und ein Aufsichtsratsmitglied eines Hamburger Punkkonzerns ab, der hier als Veranstalter fungiert. Durch ein paar Kopfsteinpflastergäßchen fahren wir zum „To Act“. Mitten in einem Dorf ein unscheinbares Gebäude, an dem Graffitis wie „Tom Verlaine Superstar“ prangen. Eine kleine Schiefertafel, die wohl normalerweise benutzt wird, um Tagesgerichte anzukündigen, ist vollgeschrieben mit Namen wie Iggy Pop, Robert Fripp – die nächsten Konzerte im „To Act“.

    Der Veranstalter baut einen Tisch mit deutschen Platten auf und ich helfe ihm beim Verkaufen. Ari Up tanzt derweil einen Reggae-Schuhplattler mit „To Act“-Besitzer Robert Henfling. Die ersten Enthusiasten, die auf den obskursten Wegen in dieses abgelegene Dorf gefunden haben, treffen ein. Meistens bleibt man an unserem Tisch stehen und diskutiert die deutschen Neuerscheinungen. Fanzines werden uns auf den Tisch gelegt. Zwei Erlanger unterhalten sich mit Leuten aus Stuttgart. „Was machen die Geisterfahrer?“, „Ist die Abwärts-Single fertig?“, „Gibt es schon eine neue DAF-LP?“, „Wir wollen eine Single machen, könnt ihr uns helfen?“ – Jeder scheint hier in einer Band zu sein oder ein Fanzine zu machen. Was auffällt, ist, daß es hier noch nicht wie in den Großstädten die Konflikte zwischen Avantgardisten und Punks zu geben scheint, wer Geri Reig vom Plan kauft, fragt auch nach der Razors-LP usw.

    „Jetzt geht’s aber los, ich bin aus Bayern“, ruft Ari. Die Slits sind ganz großartig an diesem Abend. Mit deutschen Versionen von Reggae-Klassikern („Die wissen gar nicht, was sie da singen“, Ari über die anderen beiden Slits) und den größten Slits-Hits, unterstützt vom Pop-Schlagzeuger und einem Pop-Group-Multiinstrumentalisten, versetzen sie auch ohne Sechzehntel und durchgeschlagenen Beat alle in Bewegung, auch die mit den Angelic-Upstarts-U.K.-Subs-Stiff-Little-Fingers-Badges und Jacken.

    Bevor die Pop Group auftritt, legt sie, wie das die Slits mit einem Reggae-Band getan haben, ein Tonband mit der Musik auf, die sie mögen: Soul. Es geht los mit „We Are Family“ von Sister Sledge, dann kommen Motown-Sachen, Stevie Wonder, P-Funk – lauter rote Tücher für einen richtigen Punk. Dick O’Dell, der Manager beider Gruppen, erzählt, daß dieses Band immer eine Provokation, ein Risiko bedeutet. Nicht so in Weißenohe. Während des Pop-Group-Konzerts erleben wir die Geburt des Funk-Pogo. Sehr intensiv.

    Während wir mit Robert Henfling noch etwas essen, gehen die beiden Gruppen in den Wald, um zu sehen, wie „der Mond die Bäume küßt“. Im „To Act“ geht der Fanzine-Tausch weiter. Die Leute, die zu einem großen Teil auf gut Glück von weit hergekommen sind, versuchen irgendwelche Mitfahrgelegenheiten zu erwischen. Durch das „To Act“ quiekt der Plan: „Die Welt ist schlecht, schlecht / das Leben schön, schön, schön“. Wo sonst in der BRD kann man nachts um zwei diesen Song hören?

    Am nächsten Tag machen wir Ausflüge in die Umgebung: sehen uns Nachbardörfer an, fahren nach Bayreuth und nach Nürnberg. Es ist der 1. Mai, Feiertag. Auf einem Sportplatz spielen ein paar Leute Fußball, andere Tennis. Ein paar Jugendliche fahren mit Mofas durch die Gegend, aber das sind andere Leute als die vom Abend zuvor.

    Bayreuth ist eine sehr schöne Stadt, freundliche Menschen, imperial-feudale Architektur. Alles ist langsam, bedächtig, vorsichtig. Kultur: Jean Paul hat hier drei Jahre gelebt. Richard-Wagner-Festspiele. Subkultur? Klubs? Plattenläden?

    Hier ist jedenfalls auch keiner von denen, die gestern das Publikum ausgemacht haben.

    Nürnberg ist auch eine schöne Stadt. Genau das richtige für uns Touristen. Die Pop Group besichtigt das Reichsparteitaggelände, genau das richtige für einen neuen Song. Wo sind hier die Jugendlichen? Ein paar Altlinke in einer Studentenkneipe, ein paar tumbe Discos. Schließlich landen wir in einem Vorort Nürnbergs in einer „Alternativ“-Kneipe. Auch hier keine Zeichen von neuen Lebensformen, sondern genau „unsere Diaspora“, das kulturelle Hinterland, das sich Jörg in seinem Diskurs vorstellt, dessen „Seelen“ wir für neue Gedanken „gewinnen“ sollen. Scorpions-Graffiti an den Wänden, undefinierbarer Gitarren-Prediger-Rock aus den Lautsprechern. „Eine regelrechte Brutstätte des Heavy- Rock ist das hier“, ekelt sich der Aufsichtsrat.

    Wo sind sie also nun, die Leute von gestern Nacht, dieses Potential einer neuen „Kulturrevolution“, die so offen und interessiert neuer Musik und neuen Konzertformen gegenüberstehen, die beide Bands zu Höhepunkten getrieben haben? In Köln sollen sie viel schwächer gewesen sein.

    War alles nur ein Spuk, wie Ari Ups Erlebnisse im Wald oder in einer Kirche, wo sie mit einer alten Frau über den Teufel gesprochen hat?

    Sind sie buchstäblich im Untergrund verschwunden?

    Ist die Provinz die Provinz oder ist sie das Aufmarschgebiet für einen Aufstand gegen die Metropolen?

    Einen Tag später war in Hamburg die Straßenschlacht im Karolinenviertel, Mai ’80.