Kategorie: Archiv

  • „Schlau Sein, Dabei Sein“

    Eine neue Zeitschrift, die ein historisches Ereignis einzuleiten scheint. Die erste Begegnung von intellektueller Avantgarde mit ästhetischer Avantgarde seit es Punk gibt. Französische post-strukturalistische Texte (Baudrillard, Lyotard, Deleuze) neben Interviews und Artikeln von, mit und über Eno, Teenage Jesus, Residents. Das alles in einem ultra-hippen Layout, das die ohnehin z. T. schwer lesbaren Texte manchmal zu Bildern reduziert, deren Attraktivität dann nur noch in Signaturen wie Residents oder Foucault besteht. Der Residents-Artikel ist bei näherem Hinsehen ziemlich schwach, ein Philip-Glass-Interview dagegen nicht nur textlich interessant, sondern auch von einem Layout unterstützt, das wirklich an Philip Glass’ Musik erinnert. Ein Eno-Artikel bringt eine Kompilation aus sattsam bekannten Zitaten mit wirklich neuen Sätzen. Außerdem sind seine Zufallskarten (Oblique Strategies) reproduziert, die man nur selten zu sehen bekommt. Ein Höhepunkt ist das Gespräch, das Jim Sclavunos (Ex-Teenage Jesus) mit Adele Bertei (Ex-Contortions) führt.

    Eine Zeitschrift für die Hippsten der Hippen, „best of both worlds“, Avant-Avantgarde: Art-Punks und Post-Struktis, Paris/New York, Edel-Fanzine.

    Merve Verlag, Berlin DM 6,–

  • Jerzy Toeplitz: Geschichte des Films, Band 3, 1934–39

    Jerzy Toeplitz’ gigantisches Unternehmen hat die kritische historische Periode erreicht: Kaum eine Phase der Filmgeschichte ist so schwer einzuschätzen wie die Jahre vor dem zweiten Weltkrieg. In Deutschland, ehemals Land der ästhetischen Avantgarde, regieren die Nazis, in den USA gibt es die großen Jahre des Melodram, aber auch späte Gangsterfilme und Vorläufer des Film noir, in Frankreich das, was man poetischen Realismus nennt. Die Filmgeschichtsschreibung hat also, wie man sieht, ihre Vokabeln für einigermaßen diffuse und interdependente Erscheinungen, die auf ihre Berechtigung und Verwendbarkeit zu überprüfen eigentlich die Aufgabe eines so voluminösen Werks wie Toeplitz’ Filmgeschichte sein müßte.

    Auf vorbildliche Weise erfüllt das Buch zunächst mal eine Forderung, die jeder Seminarmarxist als erste aufstellt: es liefert den historischen background. Und das nicht nur in Begriffen der Weltpolitik, sondern auch was die direkten ökonomischen und ideologischen Einflüsse auf die Filmindustrie betrifft. Das ist sehr gut und fördert allerlei, auch Cineasten unbekannte, Fakten ans Licht: wer kennt sich schon in der Geschichte Japans aus, zumal gerade japanische Filme immer so zeitlos wirken, ist es nützlich sie historisch zu kategorisieren. Toeplitz begeht aber nun den Fehler, in klassisch deutscher Filmkritiker-Tradition in der Nachfolge Siegfried Kracauers und der Frankfurter Schule, die Einschätzung und Bewertung von Filmen auf deren angeblichen ideologischen Gehalt zu reduzieren. Und das macht einmal mehr deutlich, daß die ideologiekritische Methode weitgehend ästhetische Einflüsse auf das Vortragen eines Inhalts ignoriert oder negiert und damit das Wesentliche eines Films, seine Regie hinter das Drehbuch stellt. In Frankreich wäre sowas nie passiert.

    Andrerseits ist der Toeplitz auch kein filmtheoretisches Werk und verfolgt auch wenig Ambitionen in dieser Richtung. Seine große Bedeutung und Wichtigkeit liegt in der Fülle von Fakten, Zitaten, Fotos, bis hin zu Bibliografie und Register, die dieses Buch für jeden filmhistorisch Interessierten, der des Französischen und Englischen nicht ausreichend mächtig ist, unentbehrlich machen.

    Rogner + Bernhard, 462 S.

  • Robert Benton: Kramer gegen Kramer

    Die Sonne scheint im winterlichen New York. Geschäftig, aber ihrer selbst sicher laufen die Menschen durch den nachmittäglichen Central Park. Die Bürohäuser haben einen traumhaften Blick auf andere Bürohäuser. Die Sekretärinnen, Art-Direktorinnen, Art-Direktoren und Designer sind elegant und zeitgemäß gekleidet. Nichts ist ihnen fremd.

    Die Straße vor dem Kino, in dem man Kramer gegen Kramer gesehen hat, ist breit und großzügig. Die Ladenpassage gegenüber verbindet urbanen Charme mit neuer Sachlichkeit. Leicht und entspannt schlendert man zwischen den hübschen, aber ernsten Stenotypistinnen und Junior-Chefs auf das edle, alte Stadtcafé zu und trinkt ein Kännchen der Hausmarke. „Ein guter Film ist, wenn man sich hinterher eleganter fühlt“, so oder ähnlich sagte es Rudolf Thome.

    Kramer gegen Kramer ist ein guter Film, aber auch ein schwachsinniger. Der trottelige, aber liebe Dustin Hoffman wird von seiner Frau verlassen und muß sich nun selber um den rührenden kleinen Balg von Sohn kümmern, was er unter Opferung seiner Karriere in einem der schönsten Werbeagentur-Büros von New York auch tut; auch er rührend, so gut, so Mensch, so Trottel. Anschließend will die Frau, die inzwischen mittels irgendwelcher kalifornischer Psycho-Therapien „zu sich selbst gefunden hat“, den Balg zurück, darüber prozessiert man, am Ende wird er ihr zugesprochen, aber sie verzichtet. Zum Glück wird aber dieses leicht frauenfeindliche, lächerliche Mittelstands-Drama überdeckt von einem ganz einmaligen Regie-Stil im neueren amerikanischen Film. So wie es nur Douglas Sirk oder Frank Capra geglückt ist, wird hier ein blödes Melodram zum Vorwand genommen für ein ästhetisch-perfektes Bild von der Oberfläche amerikanischen Lebens.

    Die Menschen in Kramer gegen Kramer sind schöne, funktionsfähige, nagelneue Autos, schnell und sicher. Es macht Spaß sich in sie hineinzusetzen und eine Testfahrt zu machen. Ist das nicht realistisch?

    Wenn man sein eigenes Erlebnis mit dem Film (auch die evtl. auftretenden Tränen) durchschaut hat, hat man verstanden.

  • Gang Of Four – Hegels Milzbrand

    „Aus irgendwelchen Gründen hält sich die Idee, daß nur ungebildete Höhlenmenschen echten Rock’n’Roll machen können.“ (Lester Bangs)

    „Ein Rockmusiker kann doof wie ’ne Stulle sein – wenn es auf der Bühne funkt, ist die Sache geritzt.“ (Ronnie von Morgenrot)

    Trotzdem erscheinen immer wieder Leute auf der Bildfläche, wie die Gang Of Four, die das Volk für nicht so tümlich halten und darauf bestehen, daß auch Rock’n’Roll ohne Verluste reflektiert sein kann und muß.

    Ob das nun zu toten unkommunikablen Geschwüren und Konstrukten oder zu lebendiger, aktueller Rockmusik führt, ist nur eine Sache derer, die reflektieren. Was die Gang Of Four betrifft, brachte es das englische Sounds auf eine beeindruckende Formel: „Gabba Gabba Hegel!“

    Aber es ist noch viel mehr.

    Denn nicht nur das Verdikt gegen Intellektuelle auf dem Terrain traditioneller Gitarre/Baß/Schlagzeug/Gesang-Rock-Musik, sondern auch Vorurteile gegen die Interpretation der Rockmusik durch Marxisten stehen der Gang Of Four im Wege. Ohne mit dem ersten Schaum der Punkwelle an die Öffentlichkeit getreten zu sein, schafften sie es in den Jahren 78/79 durch diverse Auftritte vor allem bei Rock-Against-Racism/Sexism etc. und zwei Singles einen soliden Status beim englischen Publikum zu schaffen. Ihre erste LP Entertainment kam vor kurzem auch bei uns heraus und wurde zunächst mit einiger Skepsis aufgenommen. Wie kommt eine Band, die einen scharfen, präzisen R&B-beeinflußten Rock spielt, dazu, marxistische Theoreme wie „History is not made by great men“ als Texte zu singen. Einige fühlten sich an die unglücklichen Versuche von (ich glaube) Floh de Cologne erinnert, die Mehrwert-Theorie als Blues zu singen und dergleichen andere Stilblüten im Umgang der Linken mit Rock. Doch eigentlich waren die Gang Of Four nie in dieser Gefahr.

    Viele ihrer musikalischen Besonderheiten wurden jedoch nicht beachtet oder durch die ziemlich eintönige Produktion auch nicht besonders unterstrichen. 12-taktige Blues- oder andere Rockschemata gibt es bei der Gang Of Four nämlich nicht, obwohl sie nie völlig atonal sind, ebensowenig findet man ein dominierendes Instrument, die Gitarre übernimmt ebenso perkussive Funktionen, wie Baß und Schlagzeug oft im Vordergrund stehen. Das Wechselspiel von abstrakten und konkreten Momenten in den Texten, die scharfen Formulierungen zu scharfen Baßtönen, die unversöhnlichen Sätze zu unversöhnlichen Gitarrenakkorden und die unorthodoxen Gedankensprünge zu einem unorthodoxen Schlagzeug verhindern jede Auseinanderentwicklung von Text und Musik.

    Doch sichtbar, hörbar und erlebbar wird das alles erst richtig bei einem Live-Auftritt. Es gibt wenig Bands, denen ich heutzutage noch wünschen würde, Live-LPs aufzunehmen, eine davon ist die Gang Of Four. Ihr Gig in Hamburg war perfekt. Eine außergewöhnlich intelligente Lightshow mit Anleihen bei den Spätsechziger-Psychedelia-, wie neuestens Environment-Bands, die sich nie verselbstständigte, sondern nur die nackte, offene Transparenz der Musik unterstützte. Die Anlage war immens laut, duldete aber nicht die geringste Verzerrung, Verbreiung, Vermatschung: jedes der wichtigen Wörter im Text war zu verstehen. Auf der Bühne wurden die Rollen schnell und unübersichtlich gewechselt, das Identifizieren mit Frontleuten, evtl. charismatischen Sängern oder „tierisch-geilen“ Gitarristen schlau vermieden. Jon King sang, ständig mit einem wechselnden zweiten Sänger die Mikrophone tauschend, spielte Melodica und einmal Schlagzeug, als Hugo Burnham, der Schlagzeuger, ans Mikrophon trat. Andy Gill spielte Gitarre und sang, ebenso Bassist Dave Allen. Alle wechselten ständig ihre Standorte, ihre Beweglichkeit entsprach der Beweglichkeit der Gedanken, die sie vortrugen, ihre Kraft, ihr Engagement schien jugendlich und grenzenlos.

    Und Entertainment?

    Vorne war eine hüpfende, ineinander verkeilte Menge auszumachen, deren Bild sich von anderen Konzerten in der Markthalle nur dadurch unterschied, daß zwischendurch auch, mit den Körpern, geballte Fäuste nach oben schnellten. Hinten schnalzten die Genießer mit der Zunge und wischten sich den Schweiß von der Stirn. Nur ein paar HSV-Punks zogen enttäuscht ab; sie hatten eh schlechte Laune, der HSV hatte auf eigenem Platz gegen die Abstiegskandidaten aus Duisburg verloren.

    Materialismus im Schlafzimmer

    Die Texte der Gang Of Four verbindet ein Anliegen: die Aufhebung der Grenze von Öffentlichem und Privatem. Daß „Liebe“ („Love“) nicht immer noch unschuldig in Poptexten auftauchen soll – davon handelt „Love Like Anthrax“, wo zum Kehrreim: „Love will get you like a case of anthrax (Milzbrand) / and that is something I don’t wanna get“, ein anderer Sänger am zweiten Mikrophon über das spricht, was sich Popgruppen denken, wenn sie von „Love“ singen. In „Damaged Goods“ heißt es „Your kiss so sweet / your sweat so sour / sometimes I’m thinking that I love you / but then I know it’s only lust“. Und auch in „Not Great Man“, das ich eingangs erwähnte, wird die materialistische Geschichtsphilosophie, nicht nur auf die allgemeine Geschichte, sondern auf dein Zimmer angewendet: „No weak men in / the books at home / … history lives on in the books at home/ … it’s not made by great men / it’s not made by great men“. Ebenfalls in deiner Wohnung, jetzt aber im Schlafzimmer, spielt „Contract“: „These social dreams / put in practice in the bedroom / is this so private / our struggle in the bedroom“. Die Aufhebung der Trennung von Privatem und Öffentlichen erlebte ich auch bei der Präsentation der Band vor der Öffentlichkeit, repräsentiert in diesem Fall durch mich.

    Während ich mich gerade mit Jon King und Andy Gill über unabhängige Labels und deren Bedeutung unterhielt, fing Bassist Dave Allen plötzlich an zu weinen (aus Heimweh nach seinen Freunden und Freundinnen? zerstört von einer mörderischen, ersten Tour einer College-Band?). Sofort brachen die anderen das Gespräch ab und trösteten ihn, mit Umarmungen, Worten und Wodka, bis er seufzend, aber gefaßt zum Hotel zurückfuhr.

    Der Wodka war inzwischen fast alle und Jon und Andy wandten sich wieder mir zu: „Die meisten kleinen Labels sind nichts weiter als kleine Kapitalisten, sie zu idealisieren, heißt dem Irrtum zu verfallen, in einem Tante-Emma-Laden ginge es weniger kapitalistisch zu als in einer Supermarktkette. Ausnahme: Rough Trade!“

    Sie standen also trotz Wodka und Heimweh theoretisch wieder auf beiden Beinen. Wir waren zu diesem Thema gekommen, weil die Gang Of Four nach zwei Singles auf Fast zur EMI gegangen sind, was ihnen Mißtrauen von Teilen der „Bewegung“ eingetragen hatte. „Wir konnten von den Fast-Erlösen nicht leben und künstlerisch haben wir alle Freiheiten bei der EMI, wir gestalten unsere Cover, Anzeigen, Badges, wir produzieren, organisieren etc.“ Aber die neue Welle und auch ihr wäret ohne unabhängige Labels nicht denkbar, ist es nicht Verrat jetzt zu einem etablierten Konzern zu wechseln? „Vielleicht wären wir nicht möglich gewesen, ich glaube nicht, kannst du mir eine gute Band nennen, die für die großen Firmen untragbar wäre?“ Pop Group konnten nicht mit Radar, also WEA, die Slits haben Island verlassen … „Die Pop Group weigern sich aus Überzeugung, Verträge zu unterzeichnen, sie sind Anarchisten, die Slits haben deutlich bewiesen, daß sie zur Kooperation mit dem System bereit sind, sie haben sich aus anderen Gründen abgesetzt.“

    Nicht zufällige Ähnlichkeiten

    Es folgte eine längere Debatte darüber, ob Ari Up eine clevere Geschäftsfrau oder eine naiv-rastafarianische Utopistin ist, was das nackte Schlammcover wirklich sollte. Wodka fließt, die nächsten Fragen und Antworten denke man sich gelallt. Habt ihr wirklich Hegel gelesen? „Ja.“ Wie alt seid ihr: „Alle 23“. Was wart ihr vorher? „Zwei Kunstgeschichtsstudenten, ein Literaturwissenschaftler, ein Arbeiter.“

    Über Marxismus, Sozialismus, sozialistische Kultur heute bringt es Jon, selber Marxist wie die ganze Band, noch zu folgenden Statements: „Die meisten Marxisten leben hinter dem Mond, sind von gestern oder stieren unverwandt nach Moskau, sie haben von heute nichts begriffen, man sollte ihnen verbieten sich Sozialisten zu nennen!“ Er erklärt auch noch, wie toll er seine Melodica finde, die alle nur für ein Spielzeug halten, deren wahre Bedeutung nur er und Captain Beefheart kennen, die anderen wollten ja eh nur ihre Phalli haben auf der Bühne, ihre Gitarren-, Saxophon-, Mikro-Schwänze.

    Dann, während er darauf verweist, daß die Gang Of Four eine einzigartige Rock’n’Roll-Band sein werde, ohne Beispiel, gleitet er ganz langsam vom Stuhl und liegt platsch! – auf dem Fußboden, schließt die Augen und nimmt die Embryo-Stellung ein.

    Man verfrachtet ihn ins Hotel. Man verlädt das für Newcomer riesige Equipment in zwei LKWs. Andy kann sich gerade noch auf den Beinen halten, Hugo, der wenig gesagt und getrunken hat, ist noch nüchtern und wir fahren zur Marktstube, ich wollte der Band ihr Publikum zeigen. Vor einigen Tagen hatte ich dort erlebt, wie, als nach dem elendlangen „The low sparks of high-heeled boys“ mit seinen schönen, klebrigen Orgel-Piano-Dialogen, „Damaged Goods“ gespielt wurde, alle mitsangen und den Text kannten. Dort angekommen, scharte man sich um den redseligen Hugo. Andy war unansprechbar, bis ich gebeten wurde, ihn zu fragen, ob es Absicht oder Zufall sei, daß er aussehe und spiele wie Wilko Johnson? „Kein Zufall.“ Und Hugo: „Das Einzige, was Gang Of Four und Dr. Feelgood gemeinsam haben, ist, daß sie beide gern trinken, aber was ich dich fragen wollte: Was ist eigentlich mit Keegan?“

    Die Qualität der Gang Of Four ist nicht Strnen.