Kategorie: Archiv

  • Jerry Lewis: Alles in Handarbeit

    Ein Freund von mir sagte mal, Jerry Lewis könnten nur Kinder und Cineasten begreifen. Roland Barthes sagte mal, Kinder und Cineasten könne man im Kino daran erkennen, daß sie gegen alle Gepflogenheiten immer freiwillig in den ersten drei Reihen säßen und während des Films die absonderlichsten Posen einnähmen.

    Auf Jerry Lewis’ neuestem Film, dem ersten seit langer Zeit, trifft das mehr zu als auf alle vorangegangenen, weshalb er an der Kasse auch garantiert ein Flop werden wird. Das Eigenleben der Jerry-Lewis-Komik und ihrer Zutaten: des Dekors, der Landschaft, der Architektur, der Mikro- und Makrokatastrophen, der Mimik, der Inneneinrichtung, der Cornflakes, der Whiskeygläser, der Statisten-Mutanten, der Scheibenwischer und Zapfsäulen, alles in ewig-1962-Florida, hat sich dermaßen weit von jedweder für den deutschen Zuschauer als Realität erkennbaren Welt entfernt, daß tiefe Einsichten in die Zeichensysteme amerikanischer Populärkultur vonnöten sind, um Spaß zu haben.

    Jerry Lewis hat einen elitären Film gemacht.

  • Rose

    Obwohl nie ausgesprochen, ist ziemlich offensichtlich, daß The Rose die erste Verfilmung der Lebensgeschichte Janis Joplins sein soll.

    Eine kleine Vignette am Bauch des Tournee-Flugzeugs zeigt die Jahreszahl 1969. Das war zwei Jahre bevor Janis Joplin starb, aber es vergeht ja auch noch Zeit bis „The Rose“ (Bette Midler) im Film ihren theatralischen Tod auf der Bühne eines Stadions stirbt. Gestorben für die Sache des Rock’n’Roll.

    Der Charakter der Rose wird von vier, fünf breitgetretenen Janis-Mythen getragen, als da wären: „Get it while you can!“, der ständige Kampf gegen den bösen Manager, Alkohol und Pillen, häufiges „Den-Blues-Haben“, ohne daß ein Grund ersichtlich ist, häufiges Schmeißen und Zerbrechen von und mit Flaschen, eine eruptive Emotionalität, die sich darin äußert, daß Kommunikation für die Rose nur via Prügel und Umarmung möglich zu sein scheint.

    Kurz, alle Klischees und Trivialmythen, die die Vorstellung von Blues, Rock’n’Roll und intensivem Leben prägen und geprägt haben. Im Prinzip habe ich nichts gegen Trivialmythen, wenn sie als solche kenntlich gemacht werden. Dieser Film tritt allerdings mit der Attitüde auf, bedeutsam und wichtig zu sein, eine wirklich große, tragische Frau zu porträtieren – und das gerät ihm nur peinlich.

    Peinlich ist die Statistenregie bei Konzerten, peinlich die genormte Actors-School-Spielweise von Alan Bates (der böse Manager) und Fredric Forrest (der Geliebte), peinlich die Reduktion von Kapitalismus und Ausbeutung im Showgeschäft auf die Mimik eines bärtigen Widerlings, peinlich das sich fortschreitend abnutzende Brüllen, Stampfen, Weinen, Kreischen, Quieken, Röcheln, Hauchen, das für Intensität stehen soll.

    Nicht peinlich, aber auch nicht besonders aufregend, ist die Allerwelts-Rock’n’Roll-Musik.

    Mißlungen sind Schnitte und Inszenierung (Regie: Mark Rydell). Der Erzählstil des Films ist völlig konfus; angefangene Handlungstränge und Motive werden nicht zu Ende geführt, aufgeworfene Fragen nicht beantwortet. Handlungsbögen gibt es keine, nur mehr oder weniger wahllos aneinander geknüpfte pathetische Mini-Melodramen.

    Gut in The Rose ist einzig Bette Midler, die halt professionell genug ist, auch einem reduzierten Charakter ein wenig Farbe zu geben und die als Schauspielerin eben noch nicht in die Spielklischees mediokrer Fernsehserien verfällt.

  • Alexander Kluge: Die Patriotin

    Ich hätte es mir gern ganz einfach gemacht mit dem neuen Kluge. Etwa so: Ein Kultfilm für den Lila-Latzhosen-Untergrund. Im Kino neben dem Latzhosen-Laden seit Wochen ausverkauft. Trägst du auch eine Latzhose? Ja? Nichts wie rein!

    Aber die Zielgruppen-Rückschlüsse funktionieren nicht, der Film ist weder wie die Leute, die an der Kasse Schlange stehen, noch ist er so, wie die Kritiken, die Zeit und Spiegel drucken, noch ist er so wie andere Kluge-Filme, trotzdem ist er durch und durch ein Klugefilm, allein schon, weil man ständig seine Stimme hört: eine sanfte, leicht verschmitzte, manchmal zu sehr von der eigenen Originalität eingenommene Stimme.

    Ich sage jetzt nichts mehr über Handlung und Thema des Films, um die Verseuchung mit Interpretationen in den BRD-Medien nicht auf die Spitze zu treiben, nur so viel: Deutschland und seine Geschichte sowie deren Rezeption in der Jetztzeit.

    Ich sage aber: Der Film trägt sein Anliegen auf zweierlei Weise vor. Einmal über eine Hauptfigur, in Dialogszenen, gestellten und Zufallsszenen, die alle in einer belehrenden, kaum verhohlenen Absicht, Aussagen machen wollen, sinnfällige Anekdoten erzählen, grelle Charakterisierungen vornehmen. Für sich genommen wären diese Szenen um die Geschichtslehrerin Gabi Teichert einfach blöd, solidarische Lacher erheischend.

    Auf der anderen Seite versorgt der Film den Zuschauer mit Materialien: Bilder aller Art. Dokumentarfilme in schwarz/weiß und in Farbe und aus allen Epochen der Filmgeschichte: Postkarten, Stiche, Fotos, Illustrationen, Inserts, Zitate etc. Das alles unkommentiert und zur freien geistigen Verfügung für den Zuschauer, also anregend.

    Dieser zweite Film im Film nimmt dem ersten einerseits die Eindimensionalität des puren Sponti-Identifikationsmusters in den Gabi-Teichert-Sequenzen, verleitet andererseits dazu, durch seine Fülle und Inkongruenz (nicht Beliebigkeit) das gebotene Material nicht mehr zu sichten und verstehen zu wollen, sich rauschhaft hinzugeben (was sicher nicht unangenehm ist) statt hinzudenken.

    Als ich das Kino verließ, hatte ich den Eindruck, der Film behauptete: Im Zustand der Konfusion ist man der Wahrheit am nächsten. Heute weiß ich nicht mehr, ob der Film irgendwas behauptet, ob er vielleicht ein wenig akademisch-blöd-professoral ist oder ob er andererseits so toll ist, daß ich nicht nach einmal Zuschauen was darüber sagen darf.

    Die Patriotin ist mir nicht unsympathisch.

  • Rosa von Praunheim: Das Todesmagazin

    Die Nacht bevor ich den Film sah, träumte ich meine eigene Hinrichtung durch eine Guillotine. Lange mußte ich in der Todeszelle auf das Fallbeil warten, bekniete Wärter und Scharfrichter. Schweißgebadet wachte ich auf und entschloß mich, Das Todesmagazin zu sehen.

    Die massive Medienunterstützung, die der Film durch seine Nichtausstrahlung im ZDF sowie durch Zeit-Magazin, Tip und andere Kulturblätter erfahren hatte, machte mir zunächst wenig Lust. Rosa von Praunheim selber hatte in Interviews mit dem ihm eigenen Charme auf den Film aufmerksam gemacht und die Abnutzungserscheinungen, die diese Selbstdarstellungen der selbstbewußten homosexuellen Außenseiterkultur mit der Zeit erfahren haben, prägen auch Teile des Films. Rosa parliert lächelnd mit Peggy, eine verrückte Alte redet von Astralleibern, Wiedergeburt, schottischen Hexen, ein Institut, das unheilbar Kranke auf den Tod vorbereitet, wird vorgestellt und eine New Yorker Schulklasse, die Unterricht im Fach Tod hat. Die unvergleichlichen Contortions spielen drei Stücke („You’re useless / You’re designed to kill“ – Höhepunkt des Films), James Chance brüllt und springt ins Publikum wie in ein großes schwarzes, endloses Loch, und seine Freundin und Managerin, die stets ultra-hippe Anya Philipps, redet von den Wonnen, ein Vampir zu sein oder von Sid Vicious erstochen zu werden, dabei krabbelt sie über schmutzige New Yorker Straßen und liest Müll auf: Die herrlich-verrückte Welt des Rosa von Praunheim – der ultimative Kunstschulentraum, ein Freigehege voller Narren, sympathischer und unsympathischer Narren, interessanter und ermüdender Narren.

    Doch das Thema ist gewichtig: Zwischen alle Episoden montiert Praunheim, ziemlich beliebig, Bilder vom Sterben in aller Welt: natürliche Tode, Massaker, Hinrichtungen, Verhungern in der Sahel-Zone, Riten in Indien und Mexiko – bunte Welt des Sterbens.

    Die Attitüde des Films ist zweischneidig: Einerseits – Sterben ist gar nicht schlimm, habt keine Angst, Tod will be fun, die Mexikaner sehen das auch nicht so verbissen; andererseits – Sterben ist wichtig, verdrängt nicht, stellt euch darauf ein, Memento Mori, es ereilt alle, meditiert, seid ernst und bewußt, seht einer Leiche in die Augen!

    Das Bekenntnis einiger Mitwirkender, der Tod sei nichts Schlimmes, keine Strafe, rechtfertigt, zu Ende gedacht, die baumelnden Delinquenten auf dem Marktplatz von Damaskus. Aber dieser Film wird eh niemanden verändern, ist nur hip und harmlos, ich empfehle stattdessen Alpträume.