Kategorie: Archiv

  • Rod Stewart

    Rod Stewart ist ein struwwelköpfiges, uninteressantes Etwas, dessen Stimme immer noch darauf verweist, daß es eine Geschichte hat, ansonsten aber völlig auswechselbarer, gesichtsloser Rockpop-Scheiß. Angefangen hatte alles, als den Small Faces, einer schnellen, lustigen und einfallsreichen Mod-Pop-Band, Ende der Sechziger der Sänger und Leader verlustig ging, und diese Gruppe, bis dato so etwas wie XTC ohne Bewußtsein, als The Faces eine zweite Karriere beginnen wollte, die weniger schnell und witzig, sondern eher Rolling-Stones-haft und earthy werden sollte. Rod, bis dahin eine mindere Größe britischen Blues-Pops, wurde ihr Sänger, und ihre Alben waren für die Zeit okay. Rod war aber darüber hinaus mit einer Solo-Karriere beschäftigt, und die ersten drei Platten, besonders Gasoline Alley, die zweite, hatten einige unverwechselbare Charakteristika, mischten auf originelle Weise Mod-Speed mit veredelter Frühsiebziger Schlaffi-Country-Melancholie. Irgendwie gut, auch, wenn man das Zeug heute nicht mehr hören könnte, weil die Stimme zu sehr für seine spätere Karriere steht. Mit „Maggie Mae“ kam der große Erfolg, und dieses Lied zeigt auch, warum Rod nie wichtig werden konnte: Alles, was ihn ausmacht, gibt es auf der Welt in einer besseren Version. Denke ich heute an „Maggie Mae“, vergegenwärtige ich mir die Melodie, fällt mir sofort „Jeepster“ von T. Rex ein, und ich weiß, was die Zeit damals wirklich ausmachte. Man denke nur an die peinlich-vorsichtigen Anflüge von Glam-Rock und Androgynie, die Rod Stewart damals an sein Kneipen- und Sich-daneben-benehmen-Image heftete, wie er versuchte, Bodenständigkeit mit ein paar verbotenen Früchten zu garnieren. Ja, sogar etwas Schminke hatte er aufgetragen.

    Andererseits wurde diese Low-Budget-Version von Glamour populär, und ein Mann wie Kevin Keegan orientierte sich am Mittsiebziger-Rod-Stewart-Image und machte etwas Gutes daraus. Dennoch, was für „Maggie Mae“ gilt, gilt für alle anderen seiner Hits: Denkt man an den Song, fällt einem automatisch ein ähnlicher, besserer ein. „Do You Think I’m Sexy“ war von allen seinen Hits noch am erträglichsten. Die Verhältnisse hatten sich da umgekehrt, dies war nicht das Schlechte im Guten, sondern das Gute im Schlechten. „Sailin’“ ist ein Verbrechen, das mit Zuchthaus nicht unter zwei Jahren bestraft werden sollte und noch heute der ARD zur gefälligen Untermalung von Reportagen von der Kieler Woche dient. Alles andere ist so unerheblich, daß man es geflissentlich ignorieren kann.

    Was aber nichts daran ändert, daß hin und wieder ein neues Rod-Stewart-Album auf den Markt kommt und man nicht daran vorbeikommt, es hin und wieder, hier und dort zu hören. Dabei fällt auf, daß Rod Stewart inzwischen so oft gelesen haben muß, daß man seine Stimme eine „Reibeisenstimme“ oder „Röhre“ nennt, daß er inzwischen nicht nur so singt wie Rod Stewart, sondern auch noch wie Rod-Stewart-mit-der-Reibeisenstimme, und daß andere völlig geschichtslose Nullen wie Bonnie Tyler auch singen wie Rod-Stewart-mit-der-Reibeisenstimme und dieses Singen inzwischen ein allgemeinverständliches Populärsignal für Gehirn-weggesoffen-jada-kann-man-nichts-machen-Sentimentalität geworden ist.

    Wenn man Rod Stewart in der letzten Zeit wahrgenommen hat, dann weil er mit irgendwelchen Blondinen in irgendwelchen Pools in der Bild-Rubrik „Wer macht was?“ (macht denn wirklich niemand etwas?) aufgetaucht ist und man dann schmunzelte und dachte, der Kerl glaubt es wirklich, daß Blonde mehr Fun haben. Für mehr als das ist er nicht mehr zu gebrauchen.

  • Liebe Hamburgerinnen

    Liebe Hamburgerinnen,

    Ihr Kolumnist geruhte also, seine Ferien jenseits des großen Ozeans, im Lande unserer mächtigen Verbündeten zu verbringen, und was soll er sagen, jetzt, da er eine geschlagene Woche schon wieder unter den Hiesigen wandelt? Hamburg ist ja so viel besser als New York, inzwischen jedenfalls.

    Natürlich, natürlich, dieses leere, flache, zersiedelte, reiche, nordeuropäische, oftmals und aufdringlich oft aufs Widerwärtigste suburbane Gebilde, in dem wir leben, ist genau das, was man in New York durch das Nichtbesuchen des Stadtteils Queens zu umgehen versucht; das langweilige Gegenteil von Manhattan nämlich. Jedoch! Mit häufigem Aufsuchen fällt einem weniger mehr das Trennende denn das Verbindende auf. Ist nicht die Third Avenue, downtown, nichts anderes als Eimsbüttels Prachtavenue, die Osterstraße? Und zwar an einem ewigen, ewig leicht beschwingten verkaufsoffenen Samstag? Mit einem kleinen Rattenschwanz von Reeperbahn unten am St. Marks Place? Ist die Second Avenue noch von der Schanzenstraße zu unterscheiden?

    Gleichwie. Die Avantgarde der Hamburger Gastronomie beginnt jedenfalls jetzt, beste Sitten amerikanischer Bars zu übernehmen. Sekt mit Eis, Bier mit Eis in kleinen Gläsern, die für jedes Getränk gleich aussehen. In Amerika gibt es diese Hierarchie der Speisen nicht, noch die der Getränke, kein Unterschied zwischen Digestivum und Aperitif, noch zwischen Vorspeise, Hamburger, Hamburger, Nachspeise, Bier, Hamburger und Hamburger, alles gleichberechtigt demokratisch aufgereiht in diesem großen verkaufsoffenen Land. Und nun krieg’ ich endlich auch in Hamburg dieses angenehm verwässerte Eisbier.

    Und überhaupt: Ist schon mal jemandem aufgefallen, daß die Schöne-Mädchen-pro-Kopf-der-Bevölkerungsrate in Hamburg ungefähr den zehnfachen Wert von New York erreicht? Woran mag das liegen? Sollten nicht in Acht und Bann getane Vererbungslehren am Ende recht behalten haben? Ist es einfach ungesund für ein Gesicht, eine polnisch-puertoricanisch-schwedisch-libysche Mischung zu sein? Ist es gesund für den Teint, in der zehnten Generation aus Hamburg zu stammen? Macht das ewige Melting in dem ewigen Melting Pot häßlich?

    Gleichwie: New York ist wie Berlin vor allem Auffanglager Friedberg für gelangweilte Langweiler aus der amerikanischen Provinz. Hamburg erfreut sich dagegen einer allem Tun und Treiben, Handeln und Wandeln innewohnenden Kontinuität und Historizität.

    Mit diesen Worten hoffe ich, meiner patriotischen Pflicht genüge getan zu haben, und verbleibe hochachtungsvoll, Ihr

    Diedrich Diederichsen

  • Die Glücksritter

    Eddie Murphy ist wahrscheinlich der größte Komiker, den die USA in den letzten zehn Jahren hervorgebracht haben. Sein Partner in 48 Stunden, der knarzige Nick Nolte, konnte mit seinem Horst-Hrubesch-Charme gegen den flinken Spott des schwarzen Entertainers noch knapp bestehen. Dan Aykroyd, vor Jahren als einer der Blues Brothers gefeierte Kino-Entdeckung, muß sich diesmal verzweifelt anstrengen, von Eddie Murphy nicht vollends an die Wand gespielt zu werden.

    Eddie Murphy stammt aus dem Komödiantenstab der populären US-Show Saturday Night Live, aus dem auch Belushi und Aykroyd hervorgegangen sind. Seine Spezialität war die Parodie schwarzer Stars von Michael Jackson bis Stevie Wonder. Sein Spielfilm-Debüt in 48 Stunden machte ihn zu Recht zum gefeierten Darsteller, seine bösartigen Comedy-Soli waren selbst in den größten Showpalästen New Yorks ausverkauft. Eddie Murphy ist der schwarze Star, der Komödiant, maßgeschneidert zur Ära des Jesse Jackson und der vielen neuen schwarzen Bürgermeister in US-Großstädten. Er ist schwärzer als Sammy Davis Jr., lustiger als Bill Cosby, größer als Richard Roundtree und besser als Sidney Poitier.

    Dennoch mußte für seinen zweiten Film eine Story her, die auch das weiße Publikum der USA mit ansprechen und den Export nach Europa ermöglichen würde. Man fand sie in einer Variante der ewigen Erbe-Umwelt-Debatte. Zwei alte Kapitalisten-Knacker streiten sich, was denn nun den Menschen zum Winner werden lasse, Milieu oder Gene, und schließen eine Wette. Um den Beweis antreten zu können, manövrieren sie kurzerhand den in Harvard erzogenen Leiter ihres Unternehmens ins Elend und greifen einen Ghetto-Schwarzen auf, dem sie die Leitung der Firma anvertrauen. Natürlich gewinnt die Umwelt-Fraktion, allein schon, weil Eddie Murphy niemals versagen würde, weder als Penner noch als Großbankier. Es kommt aber noch besser: Eddie findet den inzwischen in den Slums gelandeten Harvard-Absolventen Dan Aykroyd, um den sich eine (von Jamie Lee Curtis hervorragend gespielte) Prostituierte kümmert, und tritt mit ihm gemeinsam zum Kampf gegen das Kapital an – auf private, amerikanische Weise allerdings, in Form einer Racheaktion, bei der die beiden Spielfiguren der Wette reich und die Spieler arm werden. Im Verlauf der Aktion kann man Eddie Murphy in der Verkleidung eines kamerunischen Austauschstudenten und Dan Aykroyd als Rastafari erleben und viele brillante Wortschlachten.

    Ob deren Geist genauso gut von der Synchronisation übertragen wurde, wie das bei 48 Stunden, einer Sternstunde der deutschen Synchronisationskunst, gelungen ist, kann ich nicht beurteilen. Ich sah den Film im Original. Der Titel Trading Places ist mit Die Glücksritter schon mal unglücklich übersetzt.

  • Die rassistische Spaßgesellschaft

    Ostdeutsche Jugendliche, heißt es, seien orientierungslos. Doch sie wissen genau, wo es langgeht: nach ganz rechts

    Vor sechs Jahren unternahmen Mitglieder des sogenannten „Wohlfahrtsausschusses“, eines lockeren Zusammenschlusses von alternativen Musikern, politischen Aktivisten und anderen (sub-)kulturellen Produzenten – darunter der Verfasser dieser Zeilen – eine Tour durch die Metropolen der neuen Bundesländer. Erklärtes Ziel war es, durch Unterstützung örtlicher Szenen und per öffentlicher Diskussionen, Konzerte und kultureller Veranstaltungen die Straßen und die Szene für so etwas wie die klassische, tendenziell eher linke, westlich geprägte Subkultur zurückzuerobern. Doch das Unternehmen fand geringe Resonanz. Nicht nur mißfiel den jungen Linken von Rostock, Leipzig und Dresden, was ihnen nicht zu Unrecht als westlicher Paternalismus vorkam: ein Blick auf die Probleme ostdeutscher Subkulturen mit Rechten und Neonazis, der ganz von westlichen Erfahrungen geprägt war. 

    Auch die Rechten, gegen deren vermutete subkulturelle und physische Straßen-Hegemonie man sich durch mitreisende Bands, Theoretiker und schlagkräftige Sympathisanten bewaffnet hatte, waren nirgendwo zu sehen.  Vielleicht war ja doch alles nicht so schlimm, wie man gehört hatte: Daß es im Osten keine nennenswerte Szene ohne Rechte gab, daß sich, wer wie ein Punk oder Linker aussah, in vielen Orten nicht mehr auf die Straße trauen könne und bestimmten Frisuren längst die gleiche Stigma-Funktion zugewachsen wäre wie der falschen Hautfarbe am falschen Ort. Heute, nachdem neben den überwiegend rassistisch ausgewählten Opfern auch schon Punks und Alternative dem rechten Terror in den „national befreiten Zonen“ – wie der sarkastisch übernommene Begriff aus der Neonazi-Propaganda lautet – zum Opfer gefallen sind, weiß man, daß die Einschätzung von damals durchaus richtig war. Unsere Strategie war freilich naiv. Schon damals waren viele Straßen und Szenetreffs verloren. 

    Ganz unabhängig von Wahlergebnissen sind die Jugendkultur wie die einzige größere Subkultur des Ostens rechtsradikal. Nicht nur aus jenem per Regionalexpress-Linien verbundenen Gürtel rund um Berlin häufen sich Schreckensmeldungen von physischem Terror, vermischt mit den dazu passenden alltäglichen Seufzern resignierter Lehrer und Sozialarbeiter. Den Zusammenhang zwischen dieser Lage und dem nun auch in Wählerstimmen meßbaren Erfolg der neuen Rechten bei Jugendlichen kennt auch deren Anführer Gerhard Frey, wenn er sich brüstet: „Rechts wählen ist für junge Leute ein Teil der Jugendkultur geworden, wie Techno oder Skateboardfahren.“ 

    So präsentiert denn auch das deutsche Fernsehen am anhaltinischen Wahlabend einen rundum mit US-amerikanischen Jugendkultur-Codes übersäten jungen Mann, der mit seinem unvermeidlichen Skateboard in der Hand in die Kamera blinzelt und verkündet, er fände die DVU toll, die täten was gegen die Ausländer. Da feixt dann gerne der gebildete Kleinbürger über die Dummheit des jungen Mannes, der doch selber ganz offensichtlich an ausländischen kulturellen Zeichen orientiert sei und sich daher soeben in schwere Widersprüche manövriert hätte. Mitnichten. Der Mann hat nichts gegen Ausländer, er ist ein Rassist. Die vielbeschworene „Orientierungslosigkeit“ rechter ostdeutscher Jugendlicher wäre vergleichsweise ungefährlich. Aber sie ist gar keine. Stattdessen kann man eher von einer ausgesprochen zugespitzten Orientierung reden. 

    Die rechten Jugendlichen wissen ja sehr genau, wo es lang geht: gegen Ausländer, gegen Schwule, gegen Behinderte, gegen den linken und liberalen Wertekanon. Die verbindende Klammer dieser negativen Orientierungen ist ein ausgesprochen offener, expliziter Rassismus, der sich vor allem gegen afrikanisch- und asiatischstämmige Menschen gleich welcher Nationalität richtet. Dies steht nicht im Widerspruch zu einem durchaus entwickelten Interesse für die üblichen unverfänglichen Codes jugendlicher Freizeit-Kultur: Sportswear und eine gewisse lässige Männlichkeit. Fun-Sportarten und eine durchaus post-militärische Körperpolitik lassen sich trotz der gleichzeitig weiterbestehenden, eher klassisch-militärischen Körperlichkeit bei rechten Skinheads und offenen Neonazis beobachten. 

    Der rechtsradikale Mainstream innerhalb der Jugendkultur in der Ex-DDR ist so breit, daß er durchaus Unterschiede innerhalb der Grob-Orientierung zuläßt. Den Zusammenhang aller Unter-Orientierungen liefert eine ausgesprochen unsubtile, an plumpen Evidenzen wie Hautfarben orientierte Form von Rassismus. Die jugendkulturelle Rechtsorientierung in den neuen Ländern enthält vier Merkmale, die neu sind und besondere Beachtung verdienen: 1. Sie ist kompatibel mit anderen, traditionell „links“ codierten Jugendmoden. 2. Sie unterscheidet sich von allen möglichen anderen, jugendkulturellen Orientierungen vor allem durch ihre geringe Komplexität. 3. Sie ist weniger generell rechts als vor allem präzise rassistisch. 4. Sie ist nicht gegen die Wertvorstellungen der Eltern gerichtet, sondern versteht sich eher als deren Radikalisierung, als tätliche und konsequente Umsetzung, die die Älteren nicht mehr selber vornehmen können, weil ihnen durch ihre Stellung in der Welt „die Hände gebunden“ sind. 

    Aus der Binnenperspektive ist die rechtsradikale Jugendkultur gar nicht so widersprüchlich und paradox, wie Beobachter gerne behaupten. Während die heutigen Versionen von Jugendkulturen in den westlichen Industrieländern ein hohes Maß an Komplexitäts- und Widerspruchsbewältigung zu leisten haben und auch leisten, ist der jugendkulturelle Rechtsradikalismus über eine Mischung aus traditionellen Werten, Konsum-Orientierung und einem Freund/Feind-Schema erstaunlich simpel strukturiert. 

    Und er kennt keine zweiten Ebenen für seine internen Widersprüche wie die ironie-gesättigten Jugendkulturen anderswo. Der Haß, der auch von der Unterkomplexität dieser Modelle begünstigt wird und deren Mängel ausgleicht, richtet sich nun mitnichten gegen Internationalität an sich und steht also auch damit nicht im Widerspruch zu den häufig artikulierten Träumen von Fernreisen und Marlboro-Abenteuern, sondern richtet sich ausschließlich gegen rassistisch als „anders“ Identifzierte. Insofern kann diese Subkultur nun auch problemlos auf Symbole und Organisationsformen einer internationalen rassistischen Gegenkultur zurückgreifen: also auf Zeichen, deren Bedeutung importiert, gelesen und wichtig genommen wird. 

    Arische Bruderschaften und weiße Metalbands gibt es in der ganzen Welt, sie haben teilweise auch einen Umgang mit Symbolen und differenziertere Formen entwickelt, die komplexer geworden sind und sich auch an anderen Subkulturen orientieren. Gerade von dieser Verbindung geht die Gefahr aus, daß die noch eher stumpfsinnigen Formen ostdeutschen Jugendrechtsradikalismus’ sich entwickeln und an Beständigkeit gewinnen. Den kompensierenden Gegenpol zu einer solchen weiteren Differenzierung von Neonazi-Kulten im Zusammenhang mit gerade auch im Westen sehr stark gewordenen Nazi-Esoterikern und internationalen rassistischen Subkulturen, bildet aber gerade die Bodenständigkeit des ostdeutschen Jugend-Neofaschismus. Die Beispiele sind Legion, die demonstrieren, daß diese Nazi-Guerillas vielerorts ganz im Sinne Maos und Ches sich in der Bevölkerung wie Fische im Wasser bewegen. 

    Eltern und Erzieher teilen die rassistischen Werte und, wie das Beispiel Gollwitz gezeigt hat, ist auch die nominell antifaschistische PDS nicht gefeit gegen antisemitische Orientierungen. Die Erwachsenen heißen allenfalls die Methoden nicht gut. Die Jugendkultur setzt sich also von der Erwachsenen-Kultur nur durch Grade von Radikalität und Gewaltbereitschaft ab, nicht durch deren prinzipielle Ablehnung. Auch wenn dies die Eltern sicher nicht immer bestätigen würden, handeln und denken die Jugendlichen im Glauben, von den Werten auszugehen, die auch ihre Eltern teilen. Dadurch wird der jugendliche Rechtsradikalismus in einem noch unausweichlicheren Sinne zur vorherrschenden Orientierung. 

    Was tun?, lautet die Frage nach solchen Diagnosen. Eine Möglichkeit würde ich gerne zur Diskussion stellen. Ausgehend davon, daß das Hauptübel der neuen Jung-Nazis ihr praktizierter, gewalttätiger Rassismus ist, der das Leben in großen Teilen der neuen Bundesländer tatsächlich bis zur Unerträglichkeit vergiftet, stellt sich die Aufgabe, den Rassismus zu verbieten. Da die Gedanken, selbst die rassistischen, bekanntlich frei sind, kann es sich aber nur darum handeln, rassistische Handlungen zu definieren und unter besonders schwere Strafe zu stellen. Dies würde auch vielen routinemäßig mißhandelten Asylbewerbern eine, wenn auch vermutlich schwer nutzbare, so doch zumindest theoretische, neue Rechtsgrundlage geben, gegen die rassistisch motivierte Aggression auch bei Behörden vorzugehen. 

    Vorbild eines solchen Gesetzes könnten die US-amerikanischen Gesetze gegen sogenannte Hate Crimes, also durch Vorurteile motivierte Verbrechen, abgeben.  Man müßte nur von den amerikanischen Fehlern lernen, das Kriterium psychologisch sozusagen in der Subjektivität des Opfers finden zu wollen. Vielmehr müßte es darum gehen, normale Gewaltverbrechen wie Tätlichkeiten, Beleidigungen, Überfälle, Vergewaltigungen bis zu Mord und Totschlag daraufhin zu untersuchen, wie das Opfer ausgesucht wurde und ob – von außen gesehen – der Tathergang die typischen und wiederkehrenden Merkmale eines rassistischen Angriffs aufweist.  Angesichts der Tatsache, daß für afrikanisch- und asiatischstämmige Menschen große Teile der ehemaligen DDR zur No-Go-Area geworden sind, sollte man weniger Angst vor dem Mißbrauch eines solchen Gesetzes haben als davor, daß der jetzige rassistische Status Quo irreversibel wird.