Kategorie: Archiv

  • Das Visuelle und das Visionäre. Für einen neuen Umgang mit der Computerkultur

    Pop-Musik war immer nur dann spannend, wenn sie zu einem Ort des Austauschs zwischen segregierten Welten wurde, wenn dieser Marktplatz wenigstens zu einem kleinen Teil auch dazu beiträgt, dass Stimmen, Subjektivitäten, Positionen Grenzen überschreiten, nicht nur Investitionen.

    Die wesentliche Entwicklung in der Pop-Musik der letzten zehn Jahre war die Abwendung von Bühne, Expression, Text und der Bedeutung der Persönlichkeit des Performers. Kurz: alle Elemente alteuropäischer Kunst innerhalb der Pop-Musik, insbesondere die performativen verloren durch die Techno-Kultur rapide an Bedeutung. Verteidiger der Bewegung schlossen das mit postmodernen Tod-des-Autors-Theorien kurz und feierten diesen nun als Befreiung und Durchbruch zu einem nicht-hierarchischen Miteinander aller. Die Abwesenheit von Stars und die relative Unwichtigkeit des kulturindustriellen Produkts Schallplatte gegenüber prozessualen Inszenierungen – Raves – konnte sogar einige Anhänger noch älterer kulturkritischer Positionen erfreuen.

    Für eine Weile trug das zu neuen Teilnehmern bei oder wurde von ihnen verursacht. Zu Beginn vor allem durch die vielen neuen Teilnehmer aus dem Osten. Aber natürlich blieben diese und andere Errungenschaften nicht stabil. Die Bühne kam zurück in einer vielleicht noch viel hierarchischeren Version – als DJ-Kommandozentrale. Die Stars nicht, aber dafür ließ sich auch das Prozessuale wunderbar als Basis-Lebensgefühl für alle möglichen Produkte von der neuen Hauptstadt bis zum Soft Drink einsetzen. Geblieben in allen möglichen aus Techno hervorgegangenen musikalischen Formen ist ihr Funktionalismus. Keine Egos breiten sich mehr aus, Atmosphären werden inszeniert. Auch Musik, die nicht zum Tanzen anregen soll, will einer Stimmung, einer Verrichtung, einer Tageszeit dienen. Keine eitlen Erzähler plustern sich mehr auf, die ihrem Publikum nichts als die Möglichkeit der Identifikation anbieten. Elektronische Musik – wie sich heute alles nennt, was nach Techno gekommen ist – ist stolz auf ihre subjektlose, architektonisch-gestalterische Funktion.

    Doch je mehr dieser Funktionalismus sich nicht mehr an Tanzende richtet, desto mehr entpuppt er sich als Stil von Mittelschichtsjugendlichen. Diese sind heute Experten für Nuancen von Stilismen, und ihr Lieblingsmodus ist das Design: Sound-Design, Text-Design etc. Egal, ob man Design hier als einen Platzhalter für Stil- statt Expressions-orientiert nimmt, als begrüßenswerte Überwindung von Macho-Expressivität oder eher kulturpessimistisch als Slogan für komplett warenförmig und anspruchslos, als inhaltsfreie künstlerische Gestaltung, die nur noch dazu dient, dass Kenner ihre Distinktionsgewinne einfahren. Demgegenüber ist immer expressivere Expression – aber auch deren Ironisierung – die entscheidende Entwicklung in der ursprünglich eher von marginalisierten Jugendlichen getragenen Rap- und Hip-Hop-Kultur. Doch hierzulande, wo deutscher Hip-Hop mittlerweile eines der erfolgreichsten Segmente des Binnenmarktes darstellt, ist dieses Genre nun ebenfalls ganz an die Mittelschicht gefallen. Angefangen hatte es mit den Fantastischen Vier aus Stuttgart, die beschlossen, sich hier ihrer kleinbürgerlichen Herkunft nicht mehr zu schämen und offensiv zu vertreten: „Wir sind Mittelklasse!“ Wie wunderbar ehrlich. Mittlerweile in der Generation Neue Mitte schämt sich keiner mehr.

    Heute an der Jahrtausendwende ist die gesamte Pop-, Jugend- und Gegenkultur vollständig von den immer gleichen Ideen, Projektionen und Vorlieben von Mittelschichtsjugendlichen kontaminiert. Wie eine Glasglocke, in der langsam die Luft ausgeht, zieht sie sich über ihren Akteuren und Bewohnern zusammen. Zwar waren die Träume und Einbildungen der Mittelschichtskinder schon immer ein wesentlicher Bestandteil der Popmusik. Doch war deren entscheidendes Moment, immer wieder aufs Neue, Kontakte über Klassengrenzen und andere Demarkationslinien hinweg herzustellen. Zwar schluckten die behüteten Kinder der ersten Welt alles Fremde und stellten es in ihre Spielzimmer: Aber dadurch kamen andere Welten, Forderungen und Vorstellungen wenigstens zu Wort – und zwar vor besseren Resonanzräumen. Heute sind die Mittelständler so abgebrüht, dass sie alles ergreifen und in ihre Welt aus Geschmacksdifferenzen einsortieren, bevor das Einsortierte auch nur die Chance zur Äußerung hatte. Selbst Exotismus wäre immer noch besser als das.

    Es ist also höchste Eisenbahn, dass wieder andere Stimmen gehört werden. Dafür gibt es nur eine Chance: Denn so gut der Mittelstandsjugendliche die Kulturtechniken des Deutschunterrichts beherrscht: Über sein Innenleben reden, sein Begehren artikulieren, andere interpretieren, projizieren – so schlecht kennt er sich mit den härteren Techniken aus, z. B. der elektronischen und elektrischen Seite der Elektronik. Hier hatten nichthegemoniale Jugendliche – vom karibischen Dub-Producer bis zum afroamerikanischen Umgang mit Samplern und Schallplattenspielern – immer einen Vorsprung durch Technik, vor allem die unerwartete, unorthodoxe Anwendung von Technik. Der Erfinder neuzeitlicher DJ-Techniken, Grandmaster Flash, war tatsächlich Elektriker. Zur Zeit kann das kaum heißen, irgendein anderes Programm oder einen anderen Rechner zu verwenden als Millionen behütete Kinderzimmer-Künstler weltweit, es kann nur wieder mal darum gehen, etwas ganz anderes damit zu machen.

    Und damit zur Zukunft: Von überall her deuten sich Entwicklungen an, dass nun gerade auch Marginalisierte den nichtexpressiven Funktionalismus, die Ambiente-Kultur, als paradoxerweise expressive Formen entdecken. Was sich in Hip-Hop-Videos aus den USA schon andeutet, scheint sich auf andere visuelle Ausdrucksformen im Umfeld von Popkultur – Zeitschriftenlayout, Anzeigengestaltung – auszudehnen. Es gibt einen neuen Umgang mit all den visuellen Gestaltungsmitteln der Computerkultur am Rande der herrschenden, die sich nicht von dem Ziel möglichst genauer Simulation leiten lassen, sondern einfach effektorientiert ist.

    Diese Videos – zu TLC, Busta Rhymes, Aaliyah, Missy Elliott – bebildern ebenfalls eine Musik voller neuer Ansätze: aus der Hip-Hop- und Soul-Kultur herausgewachsene neue, extrem fein gestylte, aber gleichzeitig immens expressive Personen- und Präsenz-orientierte Musik, zu der zwar jeder tanzen kann, aber die zur Zeit kein Stuttgarter Mittelständlerle imitieren oder gar erweitern und übersetzen können wird. Ganz einfach, weil starke expressive Subjekte – so sehr sie auch Mythos und Kitsch und seit Foucault erledigt sein mögen – auch etwas mit den alltäglichen Zwängen zu tun haben. Die, denen diese Welt nicht gefällt, entwickeln eben ein anderes Verhältnis zu allen Mitteln, den Techniken elektronischer Pop-Musik wie zu denen der Subjektwerdung. Ginuwine und Timbaland und Missy Elliott kennen sich in allen Feinheiten funktionalistischer und zurückhaltend eleganter Sounds aus, aber sie sind große Subjekte und daher etwas lauter.

  • Das Leben, ein Kampfbegriff

    Die Brisanz kulturkämpferischer Kampfbegriffe erkennt man am besten an ihrem – stillschweigend oder nicht – mitgedachten Gegenteil. Als vor ein paar Jahren Matthias Altenburg und Maxim Biller eine Literaturdebatte im Namen der Wirklichkeit gegen den willkürlich herausgegriffenen Thomas Hettche führten, half es den unbeteiligten Zuschauern wenig, zu wissen, dass Altenburg sich unter Wirklichkeit eher eine hessische Bahnhofskneipe, Biller eher heterosexuell-newyorkerische Urbanität vorstellt. Entscheidend war der Gegenbegriff, den sie im Namen der Wirklichkeit bekämpfen wollten: die Avantgarde, schwierige Bücher ohne Sex und Bahnhofskneipen, die angeblich immer noch über die Hegemonie im Literaturbetrieb verfügten, zumal in Deutschland, wo die verbeamteten und subventionierten Avantgardisten – noch immer nicht dereguliert – ihres Amtes walten (unnötig zu erwähnen, dass natürlich alle wesentlichen, noch den Namen „avantgardistisch“ verdienenden literarischen Projekte der Gegenwart aus den angeblich so wirklichkeitsverliebten USA kommen: Gaddis, DeLillo, Pynchon etc.).

    Heute lautet der Kampfbegriff nicht mehr Wirklichkeit, sondern Leben. Die heute jungen Literaten und viele ihrer älteren Freunde haben sich offenbar auf dieses Leitwort verständigt – etwa mit der Zeit, die ja in ihrer Sektion „Modernes Leben“ die Modernität zugunsten eines kreatürlicheren, biologischeren und jugendlicheren Etwas gestrichen hat. Drohend fragt wöchentlich ein Trivial-Quiz „Sind Sie noch am Leben?“ Und die Web-Site www.ampool.de, ein Treffpunkt der Leben-Literaten, begrüßt den User mit einem dräuenden Satzgeflacker, das gleich mehrfach mit „Leben“ wedelt: als Substantiv, als Verb und immer im Imperativ.

    Diese Verschiebung hat Folgen. Zum einen ist das Leben noch diffuser als die Wirklichkeit: Man kann sich leichter darauf einigen und noch schlechter darüber streiten. So verbindet es einerseits die jugendbuchspezifische Aufgeregtheit, die Freude an erstem (oder zweitem) Sex, blühenden Wiesen, fremden Gerüchen und – sagen wir – den Weiten des Ozeans und des Fernsehprogramms mit all dem kneipenkennenden, seitenstraßenvertrauten Geheimwissen, das man mit Gegen- und Subkultur verbindet. Leben ist also immer noch Bahnhofskneipe, aber nun plus Rave und plus Weltreise.

    Andererseits bezieht auch der Kampfbegriff Leben seine spezifische Designation aus seinem impliziten Gegenbegriff. Was ist Leben nicht? Zum Beispiel das „Ausgedachte“, das Schlimmste an der falschen Literatur – und zwar für so unterschiedliche Sympathisanten des neuen Lebens wie Rainald Goetz (Abfall für alle) oder Joachim Lottmann (Deutsche Einheit). Doch wurde das ja auch schon von der Wirklichkeit bekämpft, am allerunerschrockensten natürlich immer von Tom Wolfe und den Seinen. Im übrigen ist Avantgarde natürlich immer noch schlimm, aber die Behauptung ihrer Fortdauer als hegemonialer Faktor des deutschen Literaturlebens lässt sich von niemandem mehr aufrechterhalten, der nicht selbst veraltet wirken will. Die jungen Leute kennen den Begriff gar nicht mehr.

    Bleibt der gewissermaßen natürliche Gegenbegriff des Lebens, der Tod. Nicht mehr eine falsche Herrschaft der Avantgarde gilt es noch zu bekämpfen, sondern den Tod selbst – uns, die wir blühen und leben und lieben und in Schwabing Eis essen, steht eine Phalanx von dürren, drögen Toten gegenüber. Sind es wirklich Tote? Geht es wirklich um den Tod – als „Ende von Lachen und sanften Lügen“ (Morrison)? Nein, in der Literatur geht es natürlich immer weiter, der Tod in der Literatur ist vielmehr der Tod der Literatur und der liegt bekanntlich schon dreißig Jahre hinter uns.

    Sein Datum steht für eine komplett durchpolitisierte Literatur, bis zum Rand vollgesogen und durchsaftet mit Politik und Politisiertheit. Für viele erschreckend tropisch, wenn nicht entropisch. Es gab danach nur zwei Wege: den Rückzug, also den Versuch, die Politik aus der Literatur wieder herauszukriegen – sei es durch neue Innerlichkeit, sei es durch neue Äußerlichkeit, vor allem aber nun seit dreißig geschlagenen Jahren, sprich mein ganzes bewusstes Leben lang durch ganz viel „Wieder“: wieder erzählen, wieder Wirklichkeit, wieder Leben, wieder unkorrekt auf die Kacke hauen.

    Der andere Weg hieß, von der Politisiertheit aufzubrechen, zu neuer Politik, neuer Rechthaberei, Aufgabe der Rechthaberei, noch neuerer Rechthaberei – immer mit dem Anspruch, die Effekte der Welt auf die Kunst umdrehen zu können. Das war der Weg zur Theorie als Literaturersatz. Hin zu einem Lesen und Schreiben, das sich selbst den kommunikativen Standards einer (wenigstens: einst) politisierten Theorie stellte (transsubjektiver Geltungsbereich, große Rosinen, Weltentwürfe samt Unmöglichkeit von Weltentwürfen etc.). Hin zu langen unübersichtlichen Büchern, die dafür sorgten, dass neue Horizonte und neue Heuristik einander ergriffen.

    Ich mache kein Hehl daraus, dass dieser Weg mir immer als der sympathischere und aufregendere erschien, auch wenn er vielfach an seine Grenzen gelangt ist. Weder möchte man Theorie als Ausrede für verkrampfte Literatur noch Literatur als Ausrede für verquatschte Theorie hören. Aber immerhin wurde auf diesem Weg noch der alte Anspruch der Avantgarde mitgeschleppt, naturwissenschaftlich wie politisch auf der Höhe der Zeit zu sein – was doch eigentlich die entscheidende Voraussetzung dafür ist, was Leser immer so standhaft begehren und einklagen: Spannung.

    Bislang konnten jedoch beide friedlich durch die Historie nebeneinander herlaufen. Erst seitdem in den Neunzigern in Deutschland Literatur mit viel Erfolg als Gegenstand öffentlichen Interesses relauncht werden konnte (Literarisches Quartett!), scheint die Notwendigkeit zu bestehen, sich im gleichen Aufwasch erst der Avantgarde und nun der verschraubten Theorie-Literatur mit ihren unrosigen Wangen zu entledigen. Das literarische Leben verlangt lauthals und etwas panisch nach ganzheitlichen vitalen Schrifstellersubjekten – wer jetzt nicht ins volle Menschenleben greift, wird lange nichts mehr greifen. Das einzige andere aktuelle Schreibermodell ist der gealterte, gereifte Post-Achtundsechziger, der rechts oder kulturpessimistisch geworden ist – der darf wenigstens entlang der biographischen Bruchlinie, von links nach rechts eine kleine melancholische Narbe tragen. (Gehört auch zum Leben – im Gegensatz vermutlich zu PC, dem eigentlichen Feind.)

    Nun frage ich mich allerdings, was mich an dieser Entwicklung eigentlich so stört. Schließlich läge ich genauso falsch wie die Ideologen des Lebens, wenn ich von so etwas Unwichtigem wie meinen literarischen Vorlieben eine Gegennorm ableiten würde, eine andere Setzung. Ist denn nicht ganz generell das literarisch-künstlerische Manifestwesen mit seinen Normen und Grundsätzen, von „Dogma“ bis zu „ampool“, etwas unglaublich Lächerliches? Sollte mir das also nicht ganz schnuppe sein, niemand hindert mich schließlich daran, weiterhin verschraubte Asphalttheorie zu lesen? Nun ja, stimmt, aber in den letzten Jahren passierte es einfach zu oft, dass kleine blöde Tendenz-Macken sich über kurz oder lang als große böse Normalisierungsprogramme entpuppten. Es gilt also Acht zu geben, und in diesem Sinne kann ich diese Kolumne als Einführung einer kleinen Form innerhalb meiner bevorzugten literarischen Gattung nur begrüßen.

  • Hausmitteilung, betr.: links

    Falsche Beobachtungen werden nicht richtiger, wenn man sie verspätet macht. Die Hochkonjunktur von Diagnosen, die ein Ende der Links/Rechts-Differenz erkannt haben wollen, liegt eigentlich schon ein paar Jahre zurück. Doch ist der Fall noch lange nicht erledigt. In einer neuen Nummer der Neuen Rundschau, zum Jahrtausendende den Abschieden gewidmet, winkt der in Kalifornien lehrende deutsche Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht aus dem fahrenden Zug der Systemtheorie der zurückbleibenden Links/Rechts-Differenz zu. Eigentlich ein vertrautes Genrebild. Vor fünf bis fünfzehn Jahren verabschiedete man sich von einem eisernen Marxismus, um schnell in einer nicht minder sicheren theoretischen Trutzburg, meist der Systemtheorie, eine neue Heimat zu finden. Doch es blieb etwas in der Welt, mal als „Political Correctness“ geschmäht, dann wieder als „Rückkehr des Politischen“ zumindest zur Kenntnis genommen: Die marxistische Vergangenheit deutscher Geisteswissenschaftler hörte nicht auf, ihnen in der Gegenwart zuzusetzen, wenigstens als Gespenst sich immer wieder zu zeigen.

    Um diesen Geist ganz auszutreiben, musste man den Pflock der Ideologie vom verflüssigten Links-Rechts-Gegensatz in die wiedergängerischen Leiber der eigenen politisierten Vergangenheit treiben. Gumbrechts Beispiel enthält gleich mehrere klassische Symptome der Rechts/Links-Abschaffer. Er kennt einen netten Menschen, der für die Republikaner antritt, eine afroamerikanische Frau in diesem Falle, mehrfach minoritär im Deleuze’schen Sinne und daher von Haus aus für alle Arten neuer (linker) politischer Subjektivitäten zuständig, reizend und tüchtig, die sich anheischig macht, im Team des Bush-Sohnes anzutreten. Nicht einmal die allerneuste amerikanische Version linker Politik, die minderheitenorientierte, so Gumbrechts implizite Argumentation, widersteht der Verflüssigung von rechts und links. Und schließlich hat auch er, wie Luhmann selbst, eine Favela-Erleuchtung: Er meint, dass die, die vom System nicht mehr erreicht werden, die ganz Armen, Ausgeschlossenen auch von links her nicht erreicht werden.

    Um zu zeigen, dass Links und Rechts nichts mehr besagen, muss sich Gumbrecht wie alle seine Vorgänger auf linke Werte und seine eigene Sympathie mit ihnen beziehen. Dass jetzt eine Republikanerin diese Werte vertritt, diskreditiert für ihn die Werte so weit, dass es nicht einmal angehe, sie analytisch von anderen zu unterscheiden. Man muss sie nun wohl ganz aufgeben.

    Man ahnt, dass dies in Wirklichkeit nicht die Probleme enttäuschter linker Pragmatiker sind (Gumbrecht gibt sich als solcher aus, wenn er sich SPD-Wähler nennt), sondern die eines allerdings schon sehr lange enttäuschten Linksradikalen. Warum konnte nun Gumbrecht nicht einfach seine doch offensichtlich vertraute Rechts/Links-Differenz dadurch retten, dass er altersradikal wird, den späten Luhmann metropolenguerrilamäßig zu Ende denkt, und das Manöver der tüchtigen Afroamerikanerin als subversive Mikropolitik bewerten?

    Nun, Linksradikalismus steht nicht zur Verfügung, nicht so sehr theoretisch, sondern imagemäßig. Erfahren wir etwa von Reinhard Mohr. Mohr ist der, der nicht müde wird, seine eigenen biographischen Entscheidungen, von „Zerschlagt die Universitäten! Es lebe die Hochschulguerilla! Wir wollen alles“ (so Mohr 1978) zum pauschal-pathologischen Linken-Hasser in Spiegel-Artikeln und Hausmitteilungen zu rechtfertigen – als säße auch ihm irgendein Genosse mit Tomahawk im Nacken. Mohr wird offenbar besonders gnadenlos von einem rigiden alten linken Über-Ich verfolgt, dessen Unähnlichkeit zu heutigen linksradikalen Psycho-Konfigurationen ihn nicht daran hindert, dieses in einem Rundumschlag gegen die deutsche Linke auf alle möglichen, wenig mit einander zusammenhängenden Exponenten eines vermeintlich allen gemeinsamen linksradikalen Wahnsinns zu projizieren: Von Wolfgang Pohrt bis Klaus Theweleit, von Mathias Greffrath bis Jürgen Elsässer reicht Mohrs politisches Pandämonium der Nicht-Pragmatiker.

    Sein Befund: Die radikale Linke ist nicht pragmatisch. Sie hat keine realpolitischen Vorschläge zu machen. Dann ist ja alles gut, ist man natürlich versucht zu antworten, dafür ist sie ja auch die radikale Linke. Die andere ist ja, glaubt man Gumbrecht, gar nicht mehr als solche zu erkennen. Wenn man allerdings seinen guten Willen gegenüber den deutschen Linken kurz vergisst, wenn man also zum Beispiel liest wie Jutta Ditfurth sich in der Neuen Revue an Joschka Fischer abarbeitet, dann kann man schon finden dass derlei private, aber leider symptomatische Schrullen wirklich über jedes erlaubte Maß hinausgehen. Dass diese diversen deutschen Bewegungen, Zirkel und Einzelfiguren tatsächlich etwas verloren in der Landschaft stehen, liegt aber nicht daran, dass sie „radikal“ oder „unpragmatisch“ sind, denn das ist ihr Job. Ihr Problem besteht eher darin, dass die gesellschaftlichen Institutionen, Denkschulen, Diskurse, die früher das Kontinuum zwischen radikalen und regierungswilligen Linken bildeten, langsam verschwinden. Die kritische Theorie und die um sie herum entstandene kritische Kultur hat ihre diversen Erneuerungen kaum überlebt, und ihre Protagonisten und Nachfahren sind entweder marginalisiert oder zu den Professoren befördert worden, die heute über die Verabschiedung einer Unterscheidung politischer Optionen anhand moralischer und philosophischer Grundeinstellungen nachdenken – über nicht weniger also als die Abschaffung der Demokratie als eine Veranstaltung, in der es noch um etwas geht.

    Die von einer äußerst breiten gegenkulturellen Koalition von New Age bis Cyberanarchismus getragenen jüngsten Aufstände gegen die WTO in Seattle zeigen indes, wie sehr eine solche Kritische Theorie II gebraucht wird, soll der Aufstand gegen das abstrakte Kapital nicht in das konkrete Ressentiment gegen den konkreten Kapitalisten abrutschen. Diese KT II würde links und rechts nicht universal unterscheiden, sondern eher in Komposita wie linken Antikapitalismus und rechten, Linksfoucauldianer und Rechtsfoucauldianer, linke Black Nationalists und rechte et cetera unterscheiden, um so die Nahtstellen für die Patchworks aktueller linker Koalitionen diskutierbar zu machen. Es ginge bei neuer linker Politik weniger um den Unterschied zwischen links und rechts, sondern um den zwischen realpolitischer und radikaler Linker. Der droht aber nicht zu verschwinden, sondern unüberbrückbar zu werden.

  • Menschen ohne Mut und Moral

    Der Index für die Musikbegeisterung hat nicht nur bei mir den kritischen Tiefstwert erreicht, wo nur noch planwirtschaftliche Zwangsmaßnahmen die Aufmerksamkeit retten können, das Geschäft der Gedanken beleben. Der Tiefstand von 1975 ist aufs neue erreicht. Selbst ein so wunderbarer Abend wie das Konzert der Violent Femmes kann daran nichts ändern. Man liebt an ihnen ja gerade die weggetretene Melancholie, den umflorten Blick auf vergangene Versprechen des Underground.

    Der Underground hingegen war schon Ende ’81 als Betätigungsfeld ziemlich ausgeschaltet. Die Attitüde „Hörgewohnheiten“ ändern zu wollen, die hin und wieder in der Pop-Geschichte aus Versehen half, Spannendes entstehen zu lassen, war an ihrem Grundmißverständnis, Pop-Musik habe etwas mit Hören zu tun, gestorben.

    Plötzlich waren die Charts, der Overground, das Ding, das Welten bewegte. Und ’82 waren die Hits ja noch Hits. Daß Pop Zitierkunst sei – was schon immer der Fall war –, geriet plötzlich ins Bewußtsein, erst der Reflektierenden, dann der Produzierenden. Intellektuelle wie Scritti Politti wollten in die Charts. Andere Intellektuelle wie Malcolm McLaren schafften es. Und ein Nichtintellektueller, der das Wesen der Zitierkunst trotzdem zum Prinzip erklärte – Boy George – wurde der Star des Jahres ’83.

    Doch gleichzeitig förderte dieses Bewußtsein die neue Beliebigkeit. Im gleichen Maße, in dem auch niveaulosere Kritiker von Pop-Kultur als Selbstbedienungsladen der Attitüden zu faseln begannen, entstanden die Eurythmics und Thompson Twins, die Bands, die das Elend der aktuellen Pop-Kultur auf den Punkt bringen: Zitierer, die keinen Kampf mehr kennen, kein Gut und Böse. Annie Lennox, das fieseste Geschöpf der Welt, kann als die Erfinderin eines neuen, geschmacklosen Zitiersalats gelten, dessen Ingredienzen nicht von einem Willen zum (Irgendwas, wenigstens) zusammengestellt werden, sondern von einer orientierungslosen Pop-Halbbildung. Und von kleinen Menschen ohne Mut und Moral.

    Auf der anderen Seite des Atlantiks lebt Michael Jackson, der andere große Popstar unserer Zeit, und wird vom amtierenden Präsidenten seines Landes wegen seiner vorbildlichen moralischen Haltung gelobt. Michael Jackson ist der einzige wirklich glamouröse Vollpuritaner, wo doch sogar sein Vorbild Stevie Wonder gedenkt, in die Politik zu gehen. Doch alle Reinheit schützt ihn nicht vor der für Popstars obligatorischen Todesnähe. Nur sind es keine Drogen oder schnellen Motorräder, die ihn fast zur Strecke gebracht hätten, sondern ein ganz alttestamentarisches Feuer, das ein zorniger Gott nach dem hybriden Menschen schleuderte, der sich zu hoch erhob.

    Michael Jackson ist die Repräsentation der Gegenwart. Wie er hilflos vor der über ihn einbrechenden Irrationalität von ganz alten Gefühlen heimgesucht wird und seinen Irrsinn doch mit so modernen Mitteln so perfekt zu beherrschen scheint. Dumpfer religiöser Wahn als vollgeiles Videospiel.

    Dagegen versucht man hierzulande der Krise Herr zu werden, indem man halt noch mal versucht, ob nicht auch schräge Töne sich mit Pop vertrügen. „Progressiver Pop“, wie man in den 60ern sagte. Eine so unendlich traurige Idee, ganz gleich, ob ihre Resultate gut sind oder nicht, ein so trauriger Rückfall in eine Haltung, die in den nächsten 15 Jahren ganz bestimmt von der Bildfläche verschwunden sein wird: die des Künstlers.

    Es ist erlaubt und legitim, ein paar Monate abzuschalten, nicht mehr teilzunehmen, nichts mehr hören und sehen zu wollen. Aber ich rate davon ab. Man sollte auch dann Spiegel, Bild und ARD-Tagesschau regelmäßig zu sich nehmen, wenn der Geschichte zeitweilig nichts mehr einfällt. Man lernt auch in solchen Epochen.