Kategorie: Archiv

  • Menschen ohne Mut und Moral

    Der Index für die Musikbegeisterung hat nicht nur bei mir den kritischen Tiefstwert erreicht, wo nur noch planwirtschaftliche Zwangsmaßnahmen die Aufmerksamkeit retten können, das Geschäft der Gedanken beleben. Der Tiefstand von 1975 ist aufs neue erreicht. Selbst ein so wunderbarer Abend wie das Konzert der Violent Femmes kann daran nichts ändern. Man liebt an ihnen ja gerade die weggetretene Melancholie, den umflorten Blick auf vergangene Versprechen des Underground.

    Der Underground hingegen war schon Ende ’81 als Betätigungsfeld ziemlich ausgeschaltet. Die Attitüde „Hörgewohnheiten“ ändern zu wollen, die hin und wieder in der Pop-Geschichte aus Versehen half, Spannendes entstehen zu lassen, war an ihrem Grundmißverständnis, Pop-Musik habe etwas mit Hören zu tun, gestorben.

    Plötzlich waren die Charts, der Overground, das Ding, das Welten bewegte. Und ’82 waren die Hits ja noch Hits. Daß Pop Zitierkunst sei – was schon immer der Fall war –, geriet plötzlich ins Bewußtsein, erst der Reflektierenden, dann der Produzierenden. Intellektuelle wie Scritti Politti wollten in die Charts. Andere Intellektuelle wie Malcolm McLaren schafften es. Und ein Nichtintellektueller, der das Wesen der Zitierkunst trotzdem zum Prinzip erklärte – Boy George – wurde der Star des Jahres ’83.

    Doch gleichzeitig förderte dieses Bewußtsein die neue Beliebigkeit. Im gleichen Maße, in dem auch niveaulosere Kritiker von Pop-Kultur als Selbstbedienungsladen der Attitüden zu faseln begannen, entstanden die Eurythmics und Thompson Twins, die Bands, die das Elend der aktuellen Pop-Kultur auf den Punkt bringen: Zitierer, die keinen Kampf mehr kennen, kein Gut und Böse. Annie Lennox, das fieseste Geschöpf der Welt, kann als die Erfinderin eines neuen, geschmacklosen Zitiersalats gelten, dessen Ingredienzen nicht von einem Willen zum (Irgendwas, wenigstens) zusammengestellt werden, sondern von einer orientierungslosen Pop-Halbbildung. Und von kleinen Menschen ohne Mut und Moral.

    Auf der anderen Seite des Atlantiks lebt Michael Jackson, der andere große Popstar unserer Zeit, und wird vom amtierenden Präsidenten seines Landes wegen seiner vorbildlichen moralischen Haltung gelobt. Michael Jackson ist der einzige wirklich glamouröse Vollpuritaner, wo doch sogar sein Vorbild Stevie Wonder gedenkt, in die Politik zu gehen. Doch alle Reinheit schützt ihn nicht vor der für Popstars obligatorischen Todesnähe. Nur sind es keine Drogen oder schnellen Motorräder, die ihn fast zur Strecke gebracht hätten, sondern ein ganz alttestamentarisches Feuer, das ein zorniger Gott nach dem hybriden Menschen schleuderte, der sich zu hoch erhob.

    Michael Jackson ist die Repräsentation der Gegenwart. Wie er hilflos vor der über ihn einbrechenden Irrationalität von ganz alten Gefühlen heimgesucht wird und seinen Irrsinn doch mit so modernen Mitteln so perfekt zu beherrschen scheint. Dumpfer religiöser Wahn als vollgeiles Videospiel.

    Dagegen versucht man hierzulande der Krise Herr zu werden, indem man halt noch mal versucht, ob nicht auch schräge Töne sich mit Pop vertrügen. „Progressiver Pop“, wie man in den 60ern sagte. Eine so unendlich traurige Idee, ganz gleich, ob ihre Resultate gut sind oder nicht, ein so trauriger Rückfall in eine Haltung, die in den nächsten 15 Jahren ganz bestimmt von der Bildfläche verschwunden sein wird: die des Künstlers.

    Es ist erlaubt und legitim, ein paar Monate abzuschalten, nicht mehr teilzunehmen, nichts mehr hören und sehen zu wollen. Aber ich rate davon ab. Man sollte auch dann Spiegel, Bild und ARD-Tagesschau regelmäßig zu sich nehmen, wenn der Geschichte zeitweilig nichts mehr einfällt. Man lernt auch in solchen Epochen.

  • Den Märtyrerlook den Märtyrern überlassen

    Und siehe da: Der Herrgott hat der sündigen Menschheit noch einmal einen Frühling geschenkt. Doch was machen die Menschen? Sie haben nicht einmal das Richtige anzuziehen!

    Wie sagt doch der Dichter: „Drum wach, erwach, oh Menschenkind, daß dich der Lenz nicht schlafen findt.‘“ Weil der Lenz und mit ihm all die Chancen (MOBILITÄTSVERSPRECHEN) die er den Menschen kurzfristig bewilligt, sonst nämlich eine Fliege machen könnte.

    Diesen Lenz trägt man Blue Jeans, Marimekko-1958-Streifenpullover wie die jungen Leute in Paris nous appartient, Baskenmützen von Tartosa und schwarze Sonnenbrillen. Dazu der Sound von Hammondorgeln. Paul Weller hat das für seinen Style Council begriffen. Doch gerade im äußeren Rückgriff auf eine Zeit, in der Dröhmeln, Dösen, Denken und Damen im emphatischen Sinne das Ding waren, bleibt man dieses Frühjahr im Inneren kühl und rational. Das Verhältnis Kleidung/Denken sollte sich dem Verhältnis Sonne/Temperatur in alpinen Höhenlagen anpassen: Es sieht alles sehr warm aus, aber der Schnee schmilzt trotzdem nicht.

    Der andere große Kult heißt: Status durch Akzent. Roots durch Sprechen. Die Menschen entdecken wieder, daß eine Sprachmelodie – sei sie angeeignet oder naturbelassen – mehr verrät als tausend Modezeichen. Das Sprechen als Stimme von Milieu und Umwelt, Prägung und Erfolg, Niederlagen und Komplexen, Potenzen und zurückliegenden Katastrophen erlebt seine grandiose Renaissance. Öffentliche Lokale drehen die Musik leiser, Musiker sprechen lange Ansagen, um ihr Stimmprofil deutlich zu machen, Diskotheken bleiben leer, in den Innenstädten bilden sich scheinbar motivlos Menschentrauben, nur um einander zuzuhören: natürlich nicht dem dämlichen Was der Äußerung, sondern dem Wie. Wie spricht revolutionäres Bewußtsein? Man hat es einmal gewußt.

    Die Kleidungsidee des Sommers: blutige Hemden. Warum den Märtyrerlook den Märtyrern überlassen? Jesse Jackson wurde berühmt, indem er sein bei der Ermordung Martin Luther Kings blutig gewordenes Hemd zwei Tage später bei einer Presse-Konferenz trug. Nun sucht den Helden oder den Anlaß für ein symbolisches Blutopfer. Mir fällt da gerade ein, daß Jackie E. von der Gruppe Ivanhoe (deceased) vor ein paar Jahren in Reutlingen oder Hindelang oder Hinterzarten bei einem Konzert besagter Gruppe ein blütenweißes Fenn-Feinstein-Hemd auf offener Bühne mit eigenem Blut besudelte, ohne daß ihn damals jemand verstand. Der grüne Blutattentäter Schwalba-Hoth wurde, ebenfalls seiner Zeit voraus, nur von Englands führender Denkerin Julie Burchill in gebührender Weise bestätigt.

    Jetzt, wo Blut von einer breiten Koalition von Grün bis Schwarz per Zensurerhebung verboten und verbannt werden soll (wegen Video), bringt der Sommer Blut live. (Nur auf guten weißen Hemden.)

  • Jahrescharts

    1. Doctor L: Exploring The Inside World
    2. Gas: Zauberberg
    3. Henry Kaiser & Wadada Leo Smith: Yo Miles!
    4. King Britt Presents Sylk 130: When The Funk Hits The Fan
    5. Don Hobby: Wha Oehla Pack
    6. Lee Konitz & Martial Solal: Star Eyes, Hamburg 1983
    7. Rhythm & Sound w/ Tikiman: Showcase
    8. Eric D. Clark: Fur Dancefloor
    9. Turbonegro: Apocalypse Dudes
    10. Tony Conrad: Early Minimalism
    11. Matthew Shipp: The Multiplication Table
    12. Diverse: (Dave Clarke presents) Electro Boogie Vol. 2
    13. Jack Smith: Les Evening Gowns Damnées
    14. Luc Ferrari: Cellule 75
    15. Fatboy Slim: You’ve Come A Long Way, Baby
  • Die Simpsons der Gesellschaft

    Familie als System (substitutiv)

    Bands sind nun wirklich nicht mehr von Belang. Einst haben sie Familien ersetzt und dabei geholfen, das Heim zu verlassen. Heute ersetzen Familien und Familien-ähnliche Verbünde die Bands, um wenigstens ein bißchen Wärme zu produzieren. (vgl. Tom Holert, Spex 9/98). Familien scharen sich um Labels, Galerien, Projekträume und kleine Verlage. Sie wahren Disziplin, besetzen Vater-, Mutter- und andere wichtige Rollen und retten ausgerechnet das als Konstante in die Unendlichkeit nach der Postmoderne, was David Cooper und andere schon um 1973 endgültig abgeschafft hatten. In diesem Sinne können nur Familien, nicht Bands, als Zusammenschlüsse für diese Jahre und dieses Jahrzehnt stehen wie früher die Beatles, Roxy Music, The Smiths und Public Enemy für andere Jahre. Die beste Familie während der letzten fast zehn Jahre waren aber die Simpsons.

    Die Simpsons, das kompletteste postmoderne Kunstwerk

    Das einzige, das formulierte, was die Postmoderne für alle bedeutete und noch bedeutet. Eben die Beatles im zeitgemäßen Medium nicht einer blöden Band, sondern einer animierten Fernsehserie. Demnächst bringen sie auch ihr Weißes Album heraus, das natürlich ein gelbes sein wird. Und weil damit nicht genug ist, sieht es nochmal aus wie Sgt. Pepper. Auf der Aktualitätsebene kann man damit rechnen, daß die Simpsons mindestens noch ca. zwei Jahre zeitgemäß sein werden. Auf der allgemeineren Ebene der gültigen Beschreibungen einer Epoche, die auch spätere Epochen ständig als Bezugsort brauchen und aufsuchen müssen, werden sie so lange halten wie – genau, die Beatles. Matt Groening arbeitet derweil schon lange an einer Nachfolgeserie, die am Ende des nächsten Jahrtausends spielen soll, während seine verdienten Mitstreiter die Simpsons übernehmen.

    Postmoderne Aufklärung

    Bei den Simpsons wird als Alltag das während der letzten 20 Jahre so oft dichotomisch gesehene Verhältnis zwischen Aufklärung und Postmoderne ausgetragen, und die Resultante heißt: postmoderne Aufklärung. Sie unterscheidet sich von anderer Aufklärung dadurch, daß sie endlos ist. Sie führt auf kein Ziel, kein Original, keinen Grundtatbestand, keine Basis und auf keine letzte Instanz zu. Ein ewiges laterales Apropos verknüpft alle Gegenstände der Welt als immer schon Kunstgegenstände, Kunstwerke und Bedeutungsspeicher endlos miteinander. Zu allem fällt uns eine andere Fernsehserie, ein anderes Kunstwerk, eine berühmte Kameraperspektive, ein abgehalfterter Star, ein berühmter Satz sowie deren Verkehrungen, Verdichtungen, Verfremdungen etc. ein. Postmoderner Alltag ist eine hermeneutische und interpretative Sisyphos-Arbeit. Die Welt der Zeichen und Verweise wird nie ordentlicher. Heldenhaft stemmen wir uns gegen die Datenflut, indem wir, wir Simpsons, immer wieder deuten, einsortieren, bewerten, gegenbewerten, Schätze heben. Das aber ist gar keine Hermeneutik.

    Operative Schließung ohne Tiefenhermeneutik

    Kein Sinn wird hervorgepopelt, es wird eher Traumarbeit geleistet. Jedoch: was man da sieht, ist eben nicht nur postmodern, nicht nur Traum, nicht nur Verschiebung und Verdichtung. Es ist postmoderne Aufklärung – alle Verknüpfungen geschehen durchaus im Lichte politischer, ethnischer, generationeller, kultureller, klassenspezifischer Interessen und Kämpfe. Bullen sind rechts, zivile Bürgermeister liberal, korrupt, nett und sexbesessen, Kapitalisten böse, Migranten müssen sehen, wie sie sich helfen (Apu!), alle müssen ständig verschiedene Fiktionen miteinander abgleichen. Die Simpsons waren die erste Fernsehsendung, die seit den mittleren Siebzigern das Wort „Working Class“ ins Hauptabendprogramm der USA brachte. Und alle Irrwege durch Zitate von anderen Serien, Pop-Videos, angloamerikanischer Weltliteratur, von Kubrick (der schwerelose Homer knabbert Chips im Dreivierteltakt von „An der schönen blauen Donau“!), Welles, Michelangelo, Scorsese, Stephen King, Rubens, Nathanael West, um nur einige sehr bekannte Beispiele zu nennen, haben immer mindestens ein weiches und ein hartes Element. Es wird bei der Lektüre immer ein aufklärerischer Gewinn erzielt, es gibt eine Lüge und eine Wahrheit. Nur sind beide immer in oft kleinsten und manchmal größeren Rahmen geframet. Und es gibt, wenn auch keine letztinstanzlichen, so doch ziemlich unerschütterte Werte in der Serie: mindestens Sex und eigentlich auch Liebe.

    Semiotische Leitdifferenz hart/weich

    Die harte und die weiche Seite der jeweils durchschrittenen Bedeutungswelten wird u. a. dadurch indiziert, daß vieles, was als hart gelten könnte, Straftaten, kaputte Autos, körperliche Pein, folgenlos bleiben, andere, durchaus konventionell als weich geltende kulturelle oder psychologische Tatsachen sich als äußerst folgenreich erweisen. Der ständige Metakommentar durch die Serie in der Serie „Itchy & Scratchy“ (die der eindimensionale Hans Mentz in der Titanic nur als „Parodie“ auf Tom & Jerry begreifen kann) berührt ja auch zentral den ewigen Vorwurf der Folgenlosigkeit der Gewaltdarstellung, der der Animation von Kinderschützern seit Menschengedenken gemacht wird. Doch dem modernen Einklagen der harten Folgen harter Dinge setzen die Simpsons nicht die totale Folgenlosigkeit entgegen. Sie legen nur neu fest, was Folgen hat und was nicht.

    Die Simpsons liefern eine neue Vorlage für den langsam nervenden Cultural-Studies-Streit. Nicht weil man mit diesen die Uni aufpeppen könnte, sind sie an derselben überfällig, sondern: weil alle Menschen unausgesetzt Cultural Studies betreiben, gehören sie dabei beobachtet, wenn es Humanwissenschaften weiter geben soll. Davon handelt diese Serie: Wie mittendrin in der abgebrühten allgemeinen Informiertheit ein Musiker – Bleeding Gum Murphy – dann doch einen anderen Menschen zu Tränen rührt: Lisa Simpson; wie man sich orientiert, wenn man nichts weiß: Homer blättert zwecks Verbesserung des ehelichen Liebeslebens in einer Buchhandlung im Kamasutra: „Der Typ hier sieht aus wie Apu“ (Apu ist der indische Besitzer des Lebensmittelladens, der übrigens zu einer Kette gehört, die von einem Guru aus dem Himalaya geführt wird). Und das auch noch politisch: Homer hört einen rechtsradikalen Radiosprecher, und obwohl alle (Familie, Kollegen) ihm sagen, daß der übel und reaktionär sei, ist er ihm irgendwie sympathisch. Mit einem leicht regredierten Gesichtsausdruck schmachtet Homer Donuts mampfend das Transistorradio an. Dann sieht man, daß der Rush-Limbaugh-Typ in seinem Sender mit genau dem gleichen Gesichtsausdruck ebenfalls Donuts mampft, während er seine Tiraden losläßt. Die Verständigung war gar nicht politisch, aber es ist eben auch kein Zufall, welche Form des Genusses zu welcher Orientierung führt.

    Postmoderne für alle: Die Gesellschaft der Simpsons

    Die Tatsache, daß in Springfield jeder medientheoretische und kulturpolitische Einwand, der zu irgendeinem gegebenen Thema denkbar ist, auch mit Sicherheit vorkommt (neben dem des sexuellen Mißbrauchs angeklagten Krusty The Clown agiert in dessen Nachmittagskindersendung eine Miss No Means No), und zwar noch auf eine besondere Weise dadurch subtil akzentuiert, daß er aus einem bestimmten Mund kommt, führt dazu, daß eine Fülle von exprominentem, rasch abgehaktem Personal anfällt. Die Welt der Simpsons ist voller abgehalfterter und gar nicht so ganz abgehalfterter Stars, aus der Sendung wie aus dem wirklichen Leben. Da in der Postmoderne bekanntlich jeder … nun, ihr wißt schon (Andy Warhol) … widmet sich diese Sendung ausführlich dem Leben nach den 15 Minuten. Daß Leute wie Sting, U2, Mel Brooks, George Harrison und viele mehr durch großzügige Bereitstellung ihrer Stimmen dabei mitmachen, zeigt, daß man sich so als Star lieber als abgehalftert verarschen läßt, als gar nicht mehr zu leuchten. Die Tatsache, daß zum Starmenü heute immer auch die Option des Entgleisens, der Verfehlung etc. (George Michael!) gehört, findet in Krusty The Clown von jeher ihren gerechten Avatar. Stars und das Abgehalftertsein: Einmal wird die in allem immer geniale Lisa in der Schule von einer Klassenkameradin im Saxophonspielen, Smartsein und Diorama-Basteln übertroffen: Während einer Lebenskrise stellt sie sich ihre Zukunft als Zweitbeste vor. Eine Band tritt auf, Ladies and Gentlemen, the second best band in the world, Garfunkel, Oates, Messina und Lisa Simpson! Natürlich mit Originalstimmen. (Welche Spex-LeserInnen kennen noch Jim Messina? Macht nichts, ist auch gar nicht nötig!) Oder der Anonyme-Alkoholiker-Anwalt von Marge – lange Geschichte – kriegt wegen des Beweisstücks Whiskeyflasche einen Fast-Rückfall, ruft mitten im Prozeß seinen AA-Kontaktmann ab, und David Crosby ist dran, der gerade auf einem Wasserbett liegend, „4 Way Street“ hörend, Rückfälligen-Aufmunterungs-Dienst hat (wieder mit Originalstimme).

    Starstruktur und Semantik

    Die Funktion Star selbst wird ständig durch Leute wie Troy McClure erschüttert, der sich stets neu einführt als „bekannt aus …“ Und dann kommt immer etwas ganz klar Unbekanntes. Alle sind bekannt, auch alle Simpsons waren schon mal Superstars, Erlöser, Golf-Champions und Pop-Stars (Homer hatte sogar mal eine Doo-Wop-Gesangsgruppe, die Grammys gewann und deren Sänger schließlich künstlerisch drauf kommt, sich schwarz anzieht und eine japanische Freundin hat).

    Weil jeder bekannt ist und ständig die Star-Inflation und das dazugehörige außer Kontrolle zu geraten drohende Verweis-Potential innerhalb wie außerhalb Springfield gemanagt werden müssen, gibt es mehrere andere Ebenen und Nebengeschichten, die, könnte man denken, nur Gags produzieren, Witze erzählen und konventionelle Erwartungen enttäuschen sollen: Doch auch sie sind miteinander und den verschlungenen Fäden des Gesamtkunstwerks verknüpft. Das aber ist kein bloßes Verknüpfen um des Verknüpfens willen, sondern soll noch mehr durchaus konturiertes Wissen und neue Zusammenhänge rund um die fiktiven oder aus anderen Fiktionen (Akte X) oder der Geschichte (Richard Nixon) bekannten Personen produzieren. Die scheinbar entlastenden Itchy-&-Scratchy-Inserts, die unmotivierten Nebengeschichten, entlasten nicht wirklich durch Kontingenz-Spritzer, sondern türmen noch mehr Welt und System und Weltsystem auf.

    Adventures in Simpsonic Fiction: Wissen

    Die enormen Wissensmassen, die hier durchprozessiert werden, lassen die Sendung dennoch nicht elitär werden. Die Simpsons werden von Kindern, die weder Jim Messina noch Jacques Derrida noch Richard Nixon kennen, noch den Omega-Mann, The Shining oder Brother From Another Planet gesehen haben, durchaus bis ins Detail verstanden und auswendig gekonnt. Ich hatte daran auch nie einen Zweifel. Sie erinnern mich an mein altes, geerbtes Sachkunde-Buch Wege in die Welt, das einfach die Namen nannte, so daß man immer wußte, man kann noch viel mehr wissen, aber das muß nicht jetzt sein. Gerade das nie Erschöpfende des laxen Verweises macht ihn ja so wissenserotisch. Wege in die Postmoderne: Die Welt, in der alles Natürliche über ein Vorkommen in einem Künstlichen erklärt werden kann und trotzdem alles in der Wirklichkeit immer anders ist als in dem alles erklärenden Zitat. Man hätte die Welt schon immer so erklären können: Was ist Regen? Nun, gibt es eine Stelle in der Aeneis, wo Dido und Aeneas … und dann naß werden! Der Unterschied zwischen diesen beiden Beschreibungen von Regen steht übrigens bei Van Morrison („And It Stoned Me“).

    Daher erübrigt sich auch die Frage, ob die Simpsons kritisch oder affirmativ sind. Die einzelnen Protagonisten oder die Sendung? Die Sendung sympathisiert mit der Aufklärung, mit der Freilegung von Verknüpfungen, die sich politisch deuten lassen. Aber sie fühlt sich auch der Realität des durchschnittlichen postmodernen zwangsassoziativen Alltagskulturwissenschaftlers verbunden, mit seinen sisyphoiden Zwischenschritten, die immer nur in neue Verwirrungen und Zwangsassoziationen führen. Man muß sich Homer Simpson als einen glücklichen Menschen vorstellen.

    68er-Interpenetrationen

    Von ihrer Geschichte her sind Marge und Homer 68er, Homers Mutter stand bekanntlich dem Weather Underground nahe. Und nur der freundliche Frömmler Flanders ist doch recht weit von dem Stamm seiner Beatnik-Eltern gefallen. In der Beurteilung dessen, was von 68ern geblieben ist, ist Groening – vermutlich selber einer, wie man von seinen anderen großen Figuren, dem identischen arabisch-amerikanischen Schwulenpaar Akhbar & Jeff oder den Hasen aus Life In Hell weiß – äußerst realistisch: klassisch zerfallen die beiden Elemente von ’68 – sinnlich-triebhafte Befreiung und politische Umwertung der Werte – auf die stereotype Seite der Geschlechterrollen und regredieren, von ihrem ergänzenden Anteil getrennt, entsprechend zum infantilen Hedonismus (as in Homer) und zum Moralismus (as in Marge), jeweils aber immer mit dem Potential versehen, auch in frühere Stadien zurückzuspringen und sie neu zu mobilisieren (was man ja auch von echten 68ern kennt). Die Kinder Bart und Lisa entwickeln das nur weiter und unterscheiden sich von ihren Eltern lediglich darin, daß sie in den entsprechenden Disziplinen besser und zeitgemäßer sind, vielleicht auch kitschferner.

    Kitsch, Witz, Kunst

    Überhaupt Kitsch. Die Einführung einer härteren Ebene, einer höheren, privilegierteren Wirklichkeit braucht natürlich immer das Aufrufen eines amerikanischen Hippie-Wertes: Tiere, Liebe, Demokratie, Umweltschutz, Antirassismus und Antisexismus. Ist ein solcher in Sicht, besteht immer die Möglichkeit, die postmodernen Relativismen in ihre Schranken zu verweisen. Natürlich entstehen so nur Inseln aus Sinn in einem Meer von Verweisströmen, und auch diese sind meistens zitiert, geliehen und auf Phrasen gebaut, aber dennoch: plötzlich haben Charaktere eine Wahl, Positionen entstehen, Entscheidungen werden gefällt, Homer ist rehabilitiert. Oder Marge schließt sich ihrer gefährlichen Freundin an und startet einen Thelma & Louise-Kreuzzug gegen die Männer und in die Badlands.

    Die Mechanik des schönen linken Kitsches entspricht indes der des geilen Stereotyps. Indem man es genießt, zerfällt es auch. Ah, Franzosenwitze! Als das Itchyundscratchyland von außer Rand und Band geratenen Robotern zerstört wird, fragt sich ein Offizieller, ob denn wenigstens Euro-Itchyundscratchyland überleben wird. Schneller Schnitt ins gähnend leere Euro-Itchyundscratchyland, ein französelnder Ticketverkäufer jammert über geplatzte Gehaltschecks: „Meine Kinder schreien nach Wein!“

    Zu den literarischen und narrativen Stereotypen und Zitaten gehören die visuellen. Jede zweite Einstellung ist ein filmgeschichtlicher Kommentar, Paraphrase einer berühmten Parallelmontage, einer epochemachenden Actionsequenz. Meine alte Lieblingsidee, es könne eine Aufgabe der aktuellen bildenden Kunst werden, komplexe und technisch-avancierte, womöglich elektronische Bildproduktionen der Gegenwart durch Zuspitzung und Übertreibung als Idealtypen kenntlich, diskutierbar und kritisierbar zu machen, und Überwältigungsangriffe so kritisch von wirklich Überwältigendem zu trennen – diese Idee haben die Simpsons längst übernommen und erledigen sie zu unser aller Zufriedenheit. Dabei sind sie so vollständig, daß es oft umgekehrt läuft: Man erkennt in einem Simpsons-Bild, daß es eine solche Zuspitzung eines Film-Bildes ist, ohne den Film oder die Fernsehserie zu kennen. Später sieht man dann in der echten Akte X-Folge, was man schon aus den „Springfield Files“ kannte.

    Beobachtungen mehrerer (Un)Ordnung

    Wer an einem Pro-7-Nachmittag sich pünktlich um 16 Uhr 55 in die Ausläufer der Arztserien einklinkt (Chicago Hope oder Emergency Room – von Michael Crichton!), sich durch den grusligen Comedy-Vorspann, die häßlichste Synthese aus Lounge-Ästhetik und Kleinkunst, gequält hat, wird jeden Tag mit einem Reichtum und einer Dichte an Gedanken und Bildern konfrontiert, die ihresgleichen nicht nur im Fernsehen sucht. Man vergleiche Komplexität, Durchdachtheit, Summe der sichtbaren Entscheidungen pro Sekunde des Gesehenen nur mit einer hochgelobten Kunstausstellung, einer vielrezensierten Theater-Inszenierung oder einem neuen deutschsprachigen Roman dieser Tage. Auch die Übersetzungen sind fast immer großartig: Als ein stadtbekannter Alkoholiker bei dem von Marge organisierten Filmfestival einen sensiblen Schwarzweißfilm mit visuellen Zitaten aus Billy Wilders Lost Weekend einreicht (und schließlich gegen die von Mr. Burns eingereichte Großproduktion mit einem gekauften Senior Spielbergo – „Stephen Spielbergs non-union Mexican equivalent!“ – gewinnt), nennt er dieses zarte Porträt eines Alkoholikers „Pukahontas“, kongenial übersetzt mit „Kotztausendundeins“. Angesichts so wohlorganisierter Korrespondenzen, Anstrengungen, Übersetzungen und Lösungsangebote läßt einen das Unrecht kopfschüttelnd zurück, daß sich die Simpsons von Pro 7 gegen alle Evidenz penetranterweise jeden Nachmittag als „Chaoten“ beschimpfen lassen müssen. Sie sind das Gegenteil: vorbildlich in Leiden und Freuden, exemplarische Figuren der Kunst.