Kategorie: Archiv

  • Beat Veneration / Real Bummer

    👍 Beat Veneration

    With few interesting new things in rock, THE RAGE FOR HISTORICIZATION remained the best event of 1995. There were CD retrospectives ranging from the Velvet Underground (the schoolboy decadence on the previously un-issued pre-Warhol ’65 recordings was especially good fun) to the Beatles. On television, although the syndicated History of Rock and Roll regrettably failed to tell the whole story because it relied entirely on the outrageous views of musicians, PBS/BBC’s Rock and Roll gave us more to chew on. Particularly interesting (in a year when profits from Brit pop releases went through the roof) was the classic battle between the Americans and the Brits for status as the progenitors of punk. But the funk segment was by far the best. Series consultant Robert Palmer’s hard work and mania for details sustained his reading of the history of popular music as largely the history of black music. Alongside these archival efforts, revisionism was the rule when it came to the written word. Simon Reynolds and Joy Press’ The Sex Revolts reread the history of rock as largely a story of gender, a battle between two tendencies: protofascist rebel rockers and longing-choked mama’s boys (an interesting thesis in spite of its crude hermeneutics and vulgar psychologisms). The book’s universality and purposeful simplicity makes it now possible to theorize a genealogy explaining both the Nick Caves and the Steve Albinis of the world – a true feat of history writing.

    👎 Real Bummer

    The worst news was that the prayer for “no more Beatles or Stones” (first uttered 18 years ago by The Clash) still went unanswered. While the former talk reunion (minus John), the latter find themselves at the center of a ridiculous scandal in Germany. By digitally recording shows from the Stones’ German tour, journalists found several songs to be identical – to the nanosecond – strongly suggesting that the concerts had been prerecorded (even old Charlie Watts was never that precise). The Stones plead their innocence in letters to the editor and still plan to issue a “Live” album to clinch the point. But THE ASININE DEBATE ABOUT AUTHENTICITY IN ROCK ’N’ ROLL returned like a medieval disease mistakenly thought to have been eradicated by modern medicine. The last victims of this virus, poor Milli Vanilli, are probably still looking for jobs in L.A. Maybe they can find work doing backup vocals for the Stones.

  • Immer anders

    Ob ich nach Tschernobyl anders schreibe? Vielleicht keine Gedichte mehr oder so? Sie werden lachen: Nach jedem Flugzeugabsturz schreibe ich keine Gedichte mehr. Und zu jedem Jahresgedächtnis jedes Flugzeugabsturzes schreibe ich auch keine Gedichte. Aber wie soll sich ein fitter Kopf von derartigen Kitsch-Katastrophen sein Alterswerk verderben lassen: Menschen sterben. Heutzutage angeblich durch Katastrophen, früher hat man gewußt, daß sie viel eher vom täglichen Leben und dessen Dürftigkeit und Gemeinheit versaftet werden, davon wird durch die Beschwörung elementarer Kräfte wie der Natur, der NASA, der Chemie, der Biologie und der Radioaktivität abgelenkt. Zur Wiederholung regressiver Epochen gehört eben die Angst vor der unsichtbaren Gefahr. Aus dem Osten und unsichtbar: Kommunistische Bakterien im Trinkwasser. Jeder, der einmal im Kino war, weiß, daß daraus die Liebe zur Bombe folgt.

  • Differenz und Reaktion

    Diskussion zwischen Diedrich Diederichsen und Günther Jacob auf konkret-Kongress

    Ist der Universalismus der Aufklärung, weil sein Siegeszug parallel zu dem des Imperialismus verlief, unwiderruflich zum Herrschaftsmittel geworden? Kann die postmoderne Betonung der Differenz, der Stolz auf Besonderheiten, auf die eigene Identität, emanzipatorisch sein, oder ist solcher Relativismus an sich schon reaktionär? Über diese Frage diskutierten auf dem konkret-Kongreß Diedrich Diederichsen und Günther Jacob. Wir bringen die Diskussion als Vorabdruck aus dem Kongreßreader Was tun?, der ab Ende Januar erhältlich ist

    Günther Jacob: Ich würde gerne einen groben Überblick geben über den Zusammenhang von Universalismus und Differenzbegriff. Der Ausgangspunkt ist der Begriff des Universalismus, wie er für die moderne Welt heute geläufig ist: „Alle Menschen sind Brüder.“ Schon in der Formulierung „Brüder“ fällt auf, daß das eine männliche Perspektive ist. Die moderne Welt hat diesen Universalismus auf verschiedenen Ebenen hervorgebracht. Einmal auf der Ebene der Geistesgeschichte. Die monotheistischen Weltreligionen sind Religionen gegen Stammesgötter; damit wurde schon lange vor Beginn des Kapitalismus ein universalistischer Anspruch erhoben. Von der Aufklärung wurde dann die Gleichheit aller Menschen behauptet, also die Menschenrechte, die in der Anfangszeit nicht für Sklaven und nicht für Frauen galten. Aber immerhin haben wir hier zwei Momente in der Geistesgeschichte: die großen monotheistischen Weltreligionen, die mit dem Partikularismus der Stammesreligionen aufräumten, und das Postulat der Gleichheit der Menschen von Natur aus. 

    In der Moderne gibt es noch einen ganz anderen Universalismus, das ist der Begriff des Kapitals. Der weltweite Fluß von Kapital, Arbeitskräften, Kredit usw. fegt alles Partikulare hinweg. Durch das Geld findet eine Gleichsetzung von Menschen und Sachen statt, und der Kapitalismus und der Weltmarkt lösen tendenziell tradierte Verhältnisse auf. Dieser Universalismus ist von vornherein patriarchalisch, und er ist imperial, weil das europäische Modell weltweit durchgesetzt werden soll. 

    Gegen diesen imperialen, patriarchalen Universalismus gibt es, seit es ihn gibt, Opposition von denen, die gleichgemacht werden sollen. Diese Opposition kommt auf ganz verschiedenen Ebenen zustande, von sogenannten ethnischen Gruppen, von Frauen, von Schwulen oder von regionalen Bewegungen, die sagen, wir wollen unsere Mundart behalten. Diese Opposition stand vor allem in den 70er und 80er Jahren immer unter der Fahne von Progressivität und Emanzipation. Die Herausstellung der eigenen Besonderheiten – „Ich bin nicht mainstream“; „ich widersetze mich der Gleichmacherei“; „ich bin stolz darauf, schwarz zu sein“; „ich bin stolz darauf, schwul zu sein“ – war im Grunde immer positiv besetzt. Und diese positive Besetzung der Widerständigkeit ist natürlich auch ein wichtiges Paradigma von Subkulturen schlechthin, also auch von Musiksubkulturen, so daß es auf den ersten Blick so aussieht, als gäbe es keinen Unterschied zwischen der Black-Power-Bewegung und ihrer Losung „black is beautiful“ und beispielsweise der Punkbewegung.

    Mit diesem Boom ging eine oft naturalistisch begründete innere Vervielfältigung der Gesellschaft nach Kriterien von „Rasse“, Ethnie, Klasse, Geschlecht sowie sexueller und kultureller Orientierung einher. Diese gegen den imperialen Universalismus der Moderne gerichtete Gegenbewegung ist in ihrem Auftreten tribalistisch und deshalb nie unproblematisch. Sie tritt zwar unter der Fahne der Progressivität auf, aber mit ihr ist natürlich auch eine gesteigerte Sichtbarkeit von Sondermerkmalen verbunden, also das, was wir als Antirassisten immer bekämpfen, wenn wir sagen, wir müssen gegen die gesteigerte Sichtbarkeit des Fremden eintreten, wir müssen Kollektivformeln vermeiden, wir müssen vom Individuum reden, nicht von „den Türken“, nicht von „den Schwarzen“. Diese Bewegungen tun natürlich genau das Gegenteil: Sie hängen ihre Sondermerkmale an die große Glocke. Das wird handlungsstrukturierend, wenn diese Bewegungen – das ist meine Kritik an ihnen – sich auf einen kulturrelativistischen Status quo zurückziehen und diese unvermeidliche Rückeroberung des Selbstbewußtseins (z. B. stolz zu sein, daß man schwarz ist, vor dem Hintergrund, daß man 400 Jahre eingeredet bekommen hat, schwarzes Kraushaar sei häßlich) zum Endziel wird. Dann ist die Perspektive eines, und das sage ich jetzt mit Vorbehalt, antirassistischen Universalismus nicht mehr gegeben. Wo die Gesamtheit der gesellschaftlichen Widersprüche auf einen einzigen reduziert wird und die Gesellschaft so, wie sie ist, von Minderheiten als eine Art kleines Legoland nachgebildet wird, ist der Stolz auf die eigenen Besonderheiten, also auch z. B. „Rassenstolz“, nur ein anderes Wort für Konformismus.

    Vor dem Hintergrund einer sich parallel zur kapitalistischen Internationalisierung entwickelnden weltweiten Renaissance nationaler Identität, ethnisch begründeter Bürgerkriege und faschistischer Pogrome kann eine Politik der Selbstethnisierung in Konflikte zwischen den Partikularinteressen der verschiedenen Gruppen münden. In Amerika z. B. geht es ja längst nicht mehr bloß um eine Schwarz-Weiß-Auseinandersetzung. Durch die Einwanderungspolitik der letzten 20 Jahre hat sich die ethnische Zusammensetzung stark verändert, und es kommt dann dazu, daß auch schwarze Nationalisten gegen Juden, gegen Koreaner und gegen Mexikaner vorgehen und umgekehrt. Wie beurteilen wir diese Selbstethnisierung, wie beurteilen wir diesen Boom des Differenzbegriffs, mit dem jeder auf seiner Besonderheit insistiert? Pocht nicht sogar der Ethnobeat des Hip-Hop ungewollt im gleichen Takt wie der weltweite Beat des Nationalismus?

    Diedrich Diederichsen: Nationalismus ist nicht funky, wenn ich da mal anschließen darf. Ich finde, du sprichst etwas zu verallgemeinernd von Leuten, die stolz auf Besonderheiten sind. Man muß unterscheiden zwischen Leuten, die stolz auf die Besonderheit sind, Sudetendeutsche oder was auch immer zu sein, und Leuten, die Besonderheiten thematisieren oder konstruieren, die ein Verfolgungsgrund waren und sind. Es hat diese Tradition gegeben: Leute, die verfolgt worden sind, haben versucht, unsichtbar zu werden. Der entscheidende Roman in der afroamerikanischen Literatur dieses Jahrhunderts, Invisible Man von Ralph Ellison, spielt verschiedene Modelle von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit von Afroamerikanern in der amerikanischen Gesellschaft durch. Die Entscheidung für die eigene Sichtbarkeit ist auch die Entscheidung, daß man unter allen Umständen – und Sichtbarkeit ist der ungünstigste Umstand – seine Rechte fordern muß. Insofern ist die Entscheidung für Sichtbarkeit aller möglichen Besonderheiten, die Verfolgungsgrund waren, eindeutig zu unterscheiden von regionalistischen Volkstümeleien, die eben gerade bedeuten, stolz zu sein auf irgend etwas, was nicht nur nicht Verfolgungsgrund, sondern ein Grund ist, zu verfolgen. 

    Ich würde gerne versuchen, die Frage der Thematisierung und Konstruktion von Besonderheiten von Gegenkulturen, die sozusagen gelernt werden von Bewegungen wie der afroamerikanischen, auf eine andere Weise zu diskutieren und weniger darin einen Inhalt zu sehen, der tatsächlich die Perspektive ersetzt – das Problem gibt es natürlich –, sondern viel allgemeiner zu fragen: Was passiert, wenn man sich mit einer Identität versieht? Man bewaffnet sich. Die, die Hip-Hop-Platten kennen, kennen die Rede von der Uzi, die eine Tonne wiegt, oder die Rede von den Waffen, die man gebunkert hat, die einem zur Verfügung stehen. Und eine dieser Waffen – das ist dann der nächste Schritt, nach der konkreten Waffe, der, mit der man posiert – ist die Identität. Die Identität ist genauso problematisch wie jede andere Waffe – die Waffe an sich ist nichts, was es zu vergöttern gilt und was nicht zu kritisieren wäre. Eine Waffe ist dazu da, Leute umzubringen, und in diesem Sinne falsch. Nur wissen wir ja auch alle, daß es manchmal unumgänglich ist, sich zu bewaffnen; und auf dieser Ebene würde ich gerne den Begriff der Identität oder das Betonen der Besonderheiten sehen, und auf dieser Ebene kann man auch die Gefahren sehr leicht diskutieren. Es gibt ja doch einige Kollektive und Individuen, denen man in der gegenwärtigen Lage das Recht auf Bewaffnung zugesteht, der Bewaffnung mit Identität; und anderen, denen man es unbedingt verwehren muß, wie z. B. den Deutschen, und diese Unterscheidung wäre mir wichtig.

    Rednerin aus dem Plenum: Ich sehe da einen ganz problematischen Punkt. Die Frage nämlich nach dem Punkt, an welchem es – historisch betrachtet – umkippt. Du hast gesagt, die Bewaffnung mit Identität kann etwas Progressives oder Notwendiges haben. Aber die Geschichte zeigt doch, daß das immer umkippt. Ein Beispiel sind die Basken, da gibt es Fraktionen, die für Schädelmessungen sind. Die Bestimmung derer, die sich mit diesem Namen benennen, führt zur Ausgrenzung derer, die das nicht sind. Das ist in diesem Prinzip enthalten, und ich würde gerne wissen, wo das Kriterium liegt, um festzustellen, wann das Prinzip als positives in ein negatives umkippt. Ich würde bezweifeln, daß es dieses Kriterium gibt.

    Diedrich Diederichsen: Das Problem ist gar nicht so sehr das Umkippen: Die Situation ist schon von Anfang an falsch. In dem Moment, wo du dich bewaffnen mußt, besteht ja schon eine Not. Die braucht gar nicht mehr umzukippen, die ist schon da. Daß du dich mit einer Waffe wie Identität bewaffnen mußt, heißt, daß du im Grunde von Anfang an verloren bist. Dir bleibt trotzdem nichts anderes übrig. 

    Die Basken sind ein gutes Beispiel, weil du natürlich diese Sackgasse verfolgen kannst, die bei der Schädelmessung endet. Du kannst aber auch sehen, wie aus der Bewegung auch ganz andere hervorgegangen sind. Deshalb ist ja diese Figur Malcolm X so mythisiert worden, weil sie durch diese Nationalismus-Identitätsgeschichte hindurchgegangen ist. Die Frage ist, ob sie es wirklich getan hat; aber das ist, was ihr nachgesagt wird, und das ist das, was den Mythos begründet: Dieser Dreierschritt Kriminalität – Religion/Nationalismus – internationalistischer Revolutionär, so kitschig und mythisch er ist, behauptet, daß jeweils in der einen Stufe die nächste schon angelegt gewesen sei. Das ist natürlich ein mythischer Horizont, aber er ist vorhanden, und bei den Basken genauso wie in der afroamerikanischen Kultur.

    Günther Jacob: Ich beziehe mich weder positiv auf den Begriff der Universalisierung noch auf den der Differenz, sondern ich denke, daß die Geschichte der Moderne beide Phänomene als Zwillingsbrüder hervorbringt und daß wir es immer mit beiden Phänomenen zu tun haben. Es gibt viele Belege dafür, daß es z. B. in minoritären oder zu minoritären gemachten Bewegungen, rassifizierten Gruppen usw. einen Linienkampf gibt um die Frage: Integrationismus versus Separatismus, also z. B. Martin Luther King versus Malcolm X.

    Interessanterweise war die Black Panther Party, der radikalste Flügel der Black Power-Bewegung, in der Lage, den Differenzbegriff in dem Punkt zu überwinden, daß sie die Perspektive, dieses „Schwarz und Weiß irgendwann doch noch mal gemeinsam“, nicht vollends aus dem Auge verlieren wollte und das über eine antikapitalistische Kritik versucht hat. Das ist schon bemerkenswert, daß gerade der radikalste und militanteste Flügel als einziger in der Lage war, die konservativen Momente von Black Power wenigstens ansatzweise zu überwinden, und daß dann eine Situation entstand, die sich von der heutigen eklatant unterscheidet: Damals blühten in Amerika nicht nur die Organisationen von schwarzen Radikalen, sondern auch von schwarzen Latinos – Puertoricaner, die hießen Young Lords usw. –, alle Minoritätengruppen hatten ihre radikale Organisation, die wurden miteinander vernetzt, und damit gab es so eine Art Perspektive. Jede Gruppe mußte zwar um ihre eigene Selbständigkeit kämpfen und hatte ihre besonderen Probleme, dafür brauchte sie auch ihre eigene Organisation, aber sie sollten alle auch wieder vernetzt werden.

    Heute sitzen in US-Universitäten an einem Tisch Schwarze, am nächsten Latinos und am dritten Weiße, und alle sagen, wir verstehen uns klasse mit dem Tisch da drüben, so auf einer diplomatischen Ebene, aber im Grunde ist jeder für sich. Es gibt keine Perspektive mehr, diesen Zustand zu überwinden. So wird dieser Differenzbegriff konservativ, und er wird zusätzlich konservativ vor dem Hintergrund des nationalistischen Ethnorevivals, das wir im Moment beobachten können, er ordnet sich, ob gewollt oder nicht, da mit ein und verliert in dem Moment auch das progressive Vorzeichen, das man ihm bisher zugestehen konnte. 

    Diedrich Diederichsen: Einen Punkt muß man noch hervorheben. Die ganzen Bewegungen, die wir nationalistisch oder um Identität und Besonderheiten kreisend genannt haben, hatten ja alle eine Gemeinsamkeit in ihrer Entstehungsgeschichte, und das ist der Antiintegrationismus. Dieser antiintegrationistische Impuls besagt ja – bevor er zur antiintegrationistischen Ideologie wird – nicht: „Ich will hier mit meinem Stamm allein sein“, sondern er besagt: „Ich finde hier ein Scheißleben vor, man hat eine Scheißwelt für mich vorgesehen, mit der will ich nichts zu tun haben, in die will ich nicht integriert werden.“ Das ist meistens das, was am Anfang zum Ausdruck kommt und was auch verstanden und aufgegriffen wird. Das macht auch das progressive Moment aus, bevor es sich dann zur Ideologie verhärtet.

    Redner aus dem Plenum: Es hörte sich in den letzten Redebeiträgen so an, als würden wir von unserer Position aus gewissen separatistischen oder differentiellen Reaktionen etwas vorscheißen: „Aber ihr macht da einen Fehler, irgendwie ist das eine Sackgasse, ihr habt da ein Problem.“ Wenn man das Ding weit genug zurück aufrollt, ist es eine relativ unbestreitbare Tatsache, daß sich europäisches Bewußtsein und das Denken des weißen Mannes überhaupt erst bilden konnten in der Differenz zu anderen. Erst dadurch, daß man die Neue Welt und Afrika entdeckt hat, hat sich das rausgebildet, was man weiße Identität nennt. Im Prinzip läuft das allerdings, von der Logik des Denkens her, so: Ich kann mich nur von etwas abspalten und meine Identität in der Konkurrenz zu etwas anderem finden, wenn ich das andere auch als gleich empfinde. Ich kann mich nicht als Mensch definieren in Abgrenzung zu Pflanzen, sondern ich muß den, von dem ich mich abstoße, eigentlich auf die gleiche Ebene bringen wie mich selbst. Das hat allerdings der europäische Imperialismus nie gemacht. Der weiße Mann hat auf der einen Seite sich seine eigene Identität geschaffen über die Abgrenzung von anderen, er hat aber gleichzeitig auf Grund seiner Machtstellung ihnen das nicht zugestanden, daß sie genauso sind wie er.

    Uns Weißen ist dieser logische Denkfehler nicht irgendwann aufgegangen, also so, daß wir in der Studierstube gesessen und gedacht hätten, da ist ja irgendwo ein Fehler drin, die sind ja vielleicht genauso Menschen wie wir, sondern das wurde uns per Gewalt von den anderen einfach eingebleut, es wurde uns abgetrotzt. Solange das aber so ist, können wir als diejenigen, die ihre eigene Erkenntnis nur auf Grund des Kampfes anderer erlangt haben, uns nicht auf den Standpunkt stellen, daß wir ihnen sagen, du mußt bei deinem Separieren darauf aufpassen, daß am Ende Universalismus dabei rauskommt. Wir können die Erwartung, daß sie universalistisch sein sollen, erst dann an sie richten, wenn wir in unserer eigenen Gesellschaft, in unseren eigenen Zusammenhängen es geschafft haben, abzustellen, daß sie ausgegrenzt werden als Schwarze, als Inder, als etc. Erst dann hätten wir das Recht, von ihnen den Universalismus einzuklagen …

    (Zwischenruf: „Das finde ich auch ganz spannend, das ist auch etwas, was die ganze Zeit fehlt. Da haben Männer immer eine Denksperre, weil …“)

    … ich habe keine Denksperre!

    (Zwischenruf: „… na gut, du sprichst ja auch für Inder oder Schwarze.“)

    Günther Jacob: So ist das nicht richtig. Es geht nicht darum, irgendwelchen Minoritäten Vorschriften zu machen. Ich würde mir immer rausnehmen, wenn ich mich mit Leuten von der Black community auseinandersetze, meine Position dazu zu sagen. Aber darum geht es gar nicht. 

    Warum reden wir denn erst heute über das Thema, warum haben wir das nicht schon vor zehn Jahren getan? Alle Leute, die sich mit subkulturellen Phänomenen beschäftigt haben oder selbst Teil der Subkultur sind, sind heute in eine Situation geraten, in der ihre Essentials und ihre Paradigmen vor einem ganz anderen Hintergrund sich befragen lassen müssen. Heute hast du einen Rechtsruck, hast du Neonazis, die auch den Differenzbegriff für sich in Anspruch nehmen, das Lob der Differenz, hast du, wie ich eben schon sagte, weltweite Ethnical revivals und eine Renaissance des Nationalen. Heute hören sich Töne, die wir vielleicht vor zehn Jahren in Spex angeschlagen haben, ganz anders an.

    Nationalistische Positionen von irgendwelchen ethnischen Minderheiten fallen hierzulande auf einen bestimmten Boden, und darum geht es vor allem. Die subkulturelle Szene hier erkennt in den Äußerungen anderer Minoritäten ihre Sprache wieder, und das Prinzip der Herausstellung von Sonderfähigkeiten, diese Vorstellung, wenn ein dunkelhäutiger US-Bürger den Mund aufmacht, spreche aus ihm „das Schwarze“, das sind Übertragungen. Die Subkultur beschäftigt sich halt nicht mit baskischen Nationalisten – obwohl es auch baskische Punks gibt. Leute, die Mitte der 80er Jahre angefangen haben, sich mit Hip-Hop zu beschäftigen, und die ganze Geschichte der Black community nicht kennen, halten im Grunde schwarzen Nationalismus für eine Art natürliche Haltung von Afroamerikanern und denken, Nationalismus wäre die authentische, typisch afroamerikanische Geistesverfassung. Die wissen überhaupt nicht, daß es sich dabei um ein 60s-Revival einer Community handelt, die sich in einer völlig anderen Konstellation befindet, plötzlich in Konkurrenz zu Mexikanern usw. 

    Die Subkultur macht doch immer folgendes: Sie nimmt sich von den Minoritäten die sogenannten dissidenten, antiintegrationistischen Anteile raus und versucht, sie für sich zu vereinnahmen und in ihr Lebensmodell einzuordnen. Und dieser Prozeß wird heute, vor dem veränderten weltpolitischen Hintergrund, gefährlich.

    Diedrich Diederichsen: Ich meine, ein bißchen kann man schon noch auf die guten deutschen Rassisten vertrauen. Die Nazis haben zwar alle möglichen Formen von herabgesunkenen, vergangenen und nicht mehr besonders attraktiven und anderswo benutzten Gegenkulturelementen übernommen oder sie als kooptierbar erscheinen lassen, aber Nazi-Hip-Hop oder Nazi-Funk hat es bisher nicht gegeben …

    (Zwischenruf: „Und was ist mit Ska?“)

    Das ist ein anderes Thema. Ich will nicht die Anfänge der Skinbewegung retten, weil die Leute Ska gehört haben, weil da Black music rezipiert wurde. Es geht hier nur darum, daß Günther das Problem angesprochen hat des Jetzt-darüber-Redens, vor dem jetzigen Hintergrund und hier in Deutschland. Solche ästhetischen Geschichten mögen ja in der Regel nebensächlich sein, aber wer sich mal Nazirockplatten angehört hat, wird sofort feststellen, daß da zwar der eine oder andere in der Lage ist, so drei oder vier Griffe auf der Gitarre zu spielen oder sogar mal einen Lauf hinzukriegen, aber zum Beispiel nicht ein einziger Schlagzeuger dabei ist, der Schlagzeug spielen kann. Das ist nicht ganz uninteressant.

    Günther Jacob: Ich sehe, daß wir es nicht richtig geschafft haben, diesen Widerspruch herauszuarbeiten, daß einerseits die Universalisierung der Welt weiter fortschreitet, daß andrerseits auf der Internationalisierung, der Verallgemeinerung des Kapitalverhältnisses weltweit eine ganz seltsame Entwicklung draufsitzt, nämlich die innere Vervielfachung der Weltgesellschaft in immer mehr Nationen, Ethnien, Minoritäten. Das Verhältnis von Widerstand und Konformismus muß vor diesem Hintergrund diskutiert werden: Sind Minoritäten wirklich nur widerständig, oder ist diese Zellteilung und tausendfache Segmentierung vielleicht sogar das Schmiermittel, um diese Internationalisierung durchsetzen zu können? Auf dem Universalismus sitzt die Differenz drauf, und es ist nur beides zusammen zu denken. 

    Diedrich Diederichsen: Mir fällt zum Schluß noch eine Geschichte ein. In einem baskisch-separatistischen Hip-Hop-Fanzine habe ich ein Interview mit Chuck D gelesen. Das haben sie bekommen beim Konzert in Madrid, und sie fragten Chuck D als erstes nach diesem Konzert, wie er das denn fand: besser als letztes Jahr oder schlechter, und er sagt: Schlechter, es waren weniger Africanamericans da. Daraufhin sagen die Basken: Das liegt daran, daß der amerikanische Militärstützpunkt weg ist, das ist doch gut, und Chuck D sagt: Nee, es waren weniger Africanamericans da, das war echt Scheiße, das Konzert war ziemlich schlecht dadurch. Daraufhin sagt der baskische Interviewer: Aber hier in Spanien gibt es auch unterdrückte Minderheiten, wir haben die Gitanos, und wir haben vor allem uns Basken, und wir werden verfolgt, genau wie ihr in Amerika. Da sagt Chuck D: Ja, wenn ihr im Baskenland Schwarze hättet, dann würdet ihr die nochmal verfolgen. Daraufhin versucht der Interviewer mehrfach noch einen Anschluß herzustellen zwischen der Politik von Public Enemy und der Politik der linken baskischen Separatisten, kommt aber nicht weiter. Chuck D blockt ab, das Interview muß weiterlaufen, sie sind schließlich dabei angelangt, daß nichts mehr gesagt wird, und dann fällt dem Interviewer auch nichts mehr ein, er stellt nur noch die übliche Standardfrage: Wen ziehst du vor, Martin Luther King oder Malcolm X? Und da sagt Chuck D: Martin Luther King, Malcolm X, Idi Amin – alles das gleiche.

    (Zwischenruf: „Sollen wir das nun toll oder Scheiße finden – diesen ganzen Mist?“)

    Diese Geschichte, die ich gerade erzählt habe, können wir vielleicht bitter, bitter-sweet finden oder so. Ich weiß es nicht, aber auf keinen Fall ist sie toll.

  • Avantgarde im Futur

    Die politischen Bündnisse des ästhetischen Avantgardismus waren der Linken seit jeher suspekt. Die faschistischen Sympathien der italienischen Futuristen kamen da gerade recht. Kann man die Avantgarde vor sich selbst retten?

    Zwei mehr oder weniger neue Bücher, die sich mit der Frage beschäftigen, wie es möglich ist, daß ästhetisch „fortschrittliche“ und politisch reaktionäre Konzepte in so vielen Künstlerbiographien des zwanzigsten Jahrhunderts ko-existieren oder gar einander begünstigen oder anfeuern konnten, kommen nicht umhin, die von den beiden Autoren schließlich als unbefriedigend ausgemachte Benjaminsche Unterscheidung zwischen „Politisierung der Kunst“ (Kommunismus) und „Ästhetisierung der Politik“ (Faschismus) zum Ausgangspunkt ihrer Analyse zu machen. Heißt Ästhetisierung nur, ethische oder andere Prämissen politischen Handelns durch ästhetische zu ersetzen? fragt Andrew Hewitt. Er schlägt stattdessen vor, als Ästhetisierung den Prozeß zu definieren, in dessen Verlauf alle Werte – ästhetische und politische – einer zentralen Metapher unterworfen werden. Diese Metapher ist im Futurismus die Maschine.

    Die Maschine weist jede Geschichtsphilosophie zurück und stemmt sich gegen die bürgerlich-kapitalistische Konstruktion des Werts durch die Tauschbeziehungen und gegen seine Fixierung im Warenfetischismus. Die Maschine steht für das Freisetzen von „reiner Energie“, der Futurismus für das Ende der Repräsentation einer prä-textuellen Realität und das Einsetzen von Repräsentation des reinen Produktionsprozesses. So weit ist der Futurismus noch avantgardistisch – wenn avantgardistisch einerseits heißt, den Ästhetizismus etwa eines Mallarmé und seine Wertfixierung durch „seltene Adjektive“ (Marinetti) zu attackieren; und wenn Avantgarde andererseits weniger ein Ereignis in der (modernistisch gedachten) Geschichte aufeinanderfolgender Zyklen von Negation, Erneuerung und Ersetzung wäre, sondern eine „Modalität der Geschichte“, eine Negation der Logik des kontinuierlichen Fortschritts, wie Hewitt vorschlägt.

    Faschistisch wird die zentrale Metapher der Maschine, wenn sie die Warenform miteinschließt und – wie von Hewitt anhand eines makabren Textes von Marinetti vorgeführt – auch die Knochen gefallener Soldaten, Reste der Produktion „reiner Energie“, profitabel verkauft werden. Die Maschinenmetapher, die für die Beschleunigung um ihrer selbst willen und gegen den Fortschrittsbegriff stand, beschleunigt nun den Warentausch. Kapitalismus steht dann selbst für Beschleunigung; er muß nur von seinem Verrat gereinigt werden, der in seiner Tendenz zur „Verknöcherung“ bestehe. Der Ausweg daraus ist faschistisch: das Verbrennen von Knochen. 

    Eva Hesse, die Benjamins Diagnosen über den Futurismus für falsch hält, hat nachgewiesen, daß gerade seine Gegenvorschläge zur Ästhetisierung Jahre vor den von Benjamin vorgezogenen Dadaisten von den Futuristen realisiert worden waren. Die futuristische Bewegung hat ebensoviele Elemente radikaldemokratischer, partizipatorischer Kunst entwickelt wie protofaschistische Semantiken. Gerade im formalen, theatralischen Vollzug futuristischer Aktionen sind die von Benjamin angestellten Vergleiche mit den verwirklichten Faschismen in Deutschland und Italien nicht zu halten.

    Eine Gemeinsamkeit – neben dem wiederkehrenden Benjamin-Bezug – von Eva Hesse und Andrew Hewitt ist ihr Interesse an der Figur Marinetti, der einzige faschistische Künstler, dem Hewitt sich widmet, während Hesse ihn mit Wyndham Lewis und mit Ezra Pound vergleicht, dessen Werke sie seit Jahrzehnten übersetzt und über den sie eine brilliante Monographie geschrieben hat. Doch während Hesse erneut Fleisch und Fakten aus Künstlerleben anhäuft, Werke analysiert, vergessene Kumpels, Geliebte und Zeitgenossen ausmacht und auf der anderen Seite die Vortizisten, die Gruppe, der Pound und Lewis kurze Zeit in London gemeinsam angehörten, und die Futuristen zu Vorläufern von so ziemlich allem – von Beuys und McLuhan über den Wiener Aktionismus bis zum Absurden Theater – erklärt, was dieses Jahrhundert gesehen hat, schreibt Hewitt eher eine Ideengeschichte oder, wie er sagen würde, „Meta-Geschichte“ der Avantgarde und der Moderne (beziehungsweise von dem, was die Anglo-Amerikaner „Modernism“ nennen und was nicht ganz dasselbe wie „Moderne“ ist). Kunstwerke spielen bis auf wenige Marinetti-Zitate keine Rolle, dafür deren Interpreten und Historiker wie Renato Poggioli, Matei Călinescu, Bloch, Lukács, Fredric Jameson, und allen voran Walter Benjamin und Peter Bürger. Dabei sind die historischen Primärdaten für Hewitt allesamt ausgemachte Tatsachen, während Eva Hesse gerade einige dieser Primärfakten zurechtrücken will: Sie bezweifelt etwa, daß Marinetti überhaupt zu Recht ein faschistischer Künstler genannt werden kann, zeigt, wie seine heute als eindeutig faschistisch einsortierten Äußerungen im zeitgenössischen Vergleich klingen, wie sich sein Verhältnis zum echten, praktizierten Faschismus im Laufe der Zeit gewandelt hat und stellt ihm hundertprozentig faschistische Künstler, vor allem Wyndham Lewis, gegenüber. Gerade im Übergang vom ersten zum zweiten Futurismus, schließlich zur sogenannten „metaphysischen Malerei“ de Chiricos und in der Figur Carras, auf dem Wege von einem von Ex-Futuristen getragenen Neoklassizismus wird die (nicht nur in Italien) gültige faschistische Ästhetik perfekt, also erst nach der Ausmerzung der avantgardistischen Elemente (die allerdings vorgenommen wird durch ehemals avantgardistische „Elemente“).

    Hesse unterschlägt nicht die für eine nachholende Geschichtsschreibung des Verhältnisses Faschismus-Avantgarde entscheidende Analyse der Kulturpolitik der Nazis (die ja erst das Gerücht von der „politischen Progressivität“ der Avantgarde ex negativo verläßlich in die Welt setzte) und deren klassizistelnde Beendigung aller Einmischungen der Avantgarde bei etwaigen Ästhetisierungen der Politik. Der biographische Ansatz Hesses bringt nicht nur jede Menge interessanter Beziehungen ans Licht, wie zum Beispiel in der Vorgeschichte der heroisierenden Skulptur des bereits verstummten Pound, die Arno Breker 1969 anfertigte, sie liest die Geschichten der Avantgarden vor allem sehr produktiv als von Männern geschriebene Geschichte von Heldentaten. Der Gestus eines „sexuell befreiten“ Machismo, der ja bis heute zum Arsenal jedweden avantgardistischen Habitus gehört (man denke nur an Heiner Müllers Bemerkung, er „erhole sich“ bei „der dummen Frau“ von „seiner Intelligenz“, die vor kurzem eine schmunzelnde FAZ-Magazin-Redaktion in ihrer Klatschspalte festhielt), erweist sich nicht etwa als Relikt, das aus einer überholten Lebensweise in neue künstlerische und Lebensperspektiven mitgeschleppt worden ist, sondern wurde im Gegenteil von den etwa von Otto Weininger beeinflußten Avantgardisten erst konstruiert und ist der „befreienden“ Geste sich avantgardistisch gerierender Kunst seitdem eingeschrieben.

    Die US-amerikanische Nachkriegskulturpolitik erklärte zu Zeiten des Kalten Krieges die nunmehr erloschenen Avantgarden der ersten Hälfte des Jahrhunderts zur antikommunistischen amerikanischen Freiheitskunst und versuchte sie sich auch durch massive finanzielle Interventionen (Stiftungen, Sammlungen, Museen) anzueignen. Das Problem, daß historische Phänomene nicht nur durch die Optik der Gegenwart gesehen werden können, sondern auch durch die Blickwinkel von historischen Interpretationen anderer Epochen, läßt sich schwer umgehen. Es ist kaum möglich, sich vorzustellen, wie der Begriff „Faschismus“ geklungen haben könnte, als er als politische Realität noch im Entstehen begriffen war. Hewitt löst dieses Problem, indem er Autoren verschiedener Epochen die Schlüsselprobleme diskutieren läßt (Lukács mit Jameson, Deleuze/Guattari mit Giovanni Franci, Peter Bürger mit Walter Benjamin) und nur das Vergleichbare, die begrifflichen Substrate, als Argumente zuläßt. Hesse macht das Gegenteil: Sie legt immer wieder die historischen Bedingungen einer bestimmten Subjektivität offen. Für beide spielt aber das Problem der Ungleichzeitigkeit eine entscheidende Doppelrolle. Die Ungleichzeitigkeit von Interpret und Interpretierten spiegelt auch die von beiden Autoren diskutierte Blochsche Bemerkung über die Ungleichzeitigkeit als Charakteristikum des faschistischen Subjekts und die von Hewitt akzeptierte Bürgersche Avantgardedefinition der „Simultaneität des radikal Geschiedenen“ wieder. 

    Hewitt schickt uns in ziemlich atemberaubender Dialektik auf eine Reise durch bekannte (zitierte) und mögliche (von ihm, meistens mit Fragezeichen formulierte) Lesarten der Begriffe Avantgarde, Modernismus, Autonomie der Kunst, Ästhetizismus, Dekadenz, Maschinenkunst, Zivilisation/Barbarei, Dandy, Publikum, Repräsentation, Ausdruck etc., die für die Diskussion faschistischer Ästhetik wichtig gewesen sind. Sein analytisches Rüstzeug ist der poststrukturalistisch über sich selbst aufgeklärte amerikanische Neomarxismus, der ständig sein eigenes Handwerkszeug in Frage stellt, ohne in Agnostizismus zu verfallen. Obwohl dabei auch ein paar spektakulär-pointenhafte Antworten abfallen, geht es ihm hauptsächlich darum, eine in Dichotomien geführte Diskussion zu komplizieren, sie davon zu befreien, sich in ihrer Begriffswelt festzufahren, ohne diese Begriffe aufzugeben. Das ist keine bequeme Lektüre, und sie hat kein „befreiendes“ Ergebnis: Wir können uns des Problems nicht entledigen, im Gegenteil, es reicht weiter und tiefer in die Prämissen und Bedingungen unserer politischen und ästhetischen Vernunft. Die „Dekonstruktion“ der Gegensatzpaare führt nicht zu ihrer Auflösung, sondern zu ihrer Auf- und Überladung mit noch mehr Begriffsgeschichte und intrinsischen Problemen. Kein Sieger geht aus diesem Räsonnement hervor. Die Avantgarde wird nicht freigesprochen, noch der vulgärmarxistischen Auffassung, Faschismus sei praktizierender Ästhetizismus, recht gegeben.

    Eher bleibt die prinzipielle Zweideutigkeit einer über ästhetische Intervention operierenden Dissidenz während der ganzen Argumentation in der Schwebe, was weder ein prinzipielles Argument gegen sie darstellt, noch der Arbeitsteilung das Wort redet, derzufolge der Künstler nur für die Kunst verantwortlich wäre und alle anderen für das, was damit geschieht. Der Begriff der Avantgarde als „historische Modalität“ – im Gegensatz zu „Ereignis in der Geschichte“ – ist dabei äußerst produktiv, auch wenn ihm Hewitt in seinem Resümee die Übertragbarkeit auf die Gegenwart abspricht. Dort definiert er Avantgarde wie Faschismus als „Ende der Geschichte“, ein Ende, das wiederum selbst zu Ende gegangen sei. Er läßt zwar offen, ob damit die alt-modernistische Geschichte neu angefangen hat oder eine ganz andere, weist aber die Möglichkeit zurück, Geschichte noch einmal so beenden zu wollen oder zu können, wie die Avantgardisten und die Faschisten das gewollt haben.

    Das Motiv der Akzeleration als kritischer Praxis ist aber nicht aus der Welt: von Baudrillard bis zu den vielen, oft proto-futuristischen Jugend- und Gegenkulturen. Um es für die Gegenwart zu diskutieren, bedürfte es eines Ansatzes, der schon bei der historischen Diskussion der Ästhetisierung fehlt. Ist die Ästhetisierung denn vor allem eine Veränderung der Qualität der Verhältnisse von Ästhetischem und Politischem oder nicht viel eher eine Veränderung der Quantität: immer mehr ästhetische Ereignisse repräsentieren die gleichen Relationen? Die Frage ist, ob wir sozusagen permanent unter faschistischen ästhetischen Konditionen leben, oder ob diese Verhältnisse für die Formation politischer Kräfte indifferent sind und, wie Hewitt an anderer Stelle vorschlägt, prinzipiell von den verschiedensten politischen Kräften genutzt werden können.

    Die Unausweichlichkeit der Technologisierung – nicht nur als Metapher oder als Veränderung der Reproduktions- und Repräsentationsmittel, sondern als Beschleunigung des Daten- und Bildertausches, der schließlich als dessen Realität nur noch die universelle Maschine Computer ohne Semantik bestehen läßt –, ist eine verbreitete Diagnose. Dabei ist dies weniger eine Tatsache als eine technikphilosophische Position, die, weitgehend unwidersprochen, bei diversen sogenannten Philosophen der Neuen Medien zu finden ist und auf eine Naturalisierung und Hypostasierung technologischer Bedingungen hinauslaufen könnte, die der futuristischen recht ähnlich sieht. Oft lassen sich kulturpolitischer Fatalismus und Enthusiasmus bei den Vertretern dieser Position nur noch schwer unterscheiden. Reine Ideologiekritik hilft da aber nicht.

    Hier wäre Hewitts Appell anzunehmen und zu erweitern, daß man sich heutzutage zunächst fragen müßte, ob es denn überhaupt so etwas wie eine der Repräsentation vorausgehende, privilegierte, empirische Sphäre des Politischen gebe und inwieweit nicht immer schon ästhetische Elemente das sogenannte Politische prägen. Hewitt findet durchgehend in Positionen von Dandys, Ästhetizisten und anderen Vorläufern der (faschistischen) Avantgarde Elemente der Kritik, Eva Hesse ergänzt ihn nicht nur durch jede Menge vergessene praktische Beispiele, sondern auch durch Rezeptionskontexte, die zeigen, daß kritische künstlerische Praxis weder in die Falle des Semantizismus fallen, noch sich die Natürlichkeit und Unausweichlichkeit der Semantik gegenüber indifferenten digitalen Welten einreden lassen darf. Figuren wie der von der Agentur Bilwet erfundene Datendandy gehören in diese Diskussion ebenso wie die neuen Digitalo-Klasten (Computer-Stürmer), denen notwendig Elemente der Avantgarden anhaften werden, ohne daß sie in dieselben Fallen treten müssen.

    Eva Hesse: Die Achse Avantgarde-Faschismus. Reflexionen über Filippo Tommaso Marinetti und Ezra Pound. Arche 1991;

    Andrew Hewitt: Fascist Modernism. Aesthetics, Politics, and the Avant-Garde. Cambridge University Press 1993