Autor: admin

  • The Cult – Sympathie für Revis

    Der gelahrte Mittzwanziger-Pop-Fan hielt The Cult schon immer für eine späte Rache der Acid-Fresser, deren Vereinnahmung er entgangen zu sein glaubte, als er 1977 eine Talking Heads-LP und eine Pere-Ubu-Single kaufte. Oh, er Irrender! Jetzt wenden sich auch die eingefleischten Anhänger von Southern Death Cult und Death Cult und vielleicht noch der ersten Cult LP von Ian Astbury ab, der zum Revisionisten des reinen Mysto-Punk geworden zu sein scheint. Diedrich Diederichsen fordert, in einem Anfall ungekannter Milde: Fairness für einen Verräter.

    Früher, als Kind, zog ich vorm Spiegel immer die Augenbrauen hoch, damit die Stirn kleiner und der Eindruck, der Pony sei gewachsen, meine Haare seien „lang“, so lang wie die der Beatles, etwas weniger illusionär schien.

    Dann kam das weiße Album der Beatles, und John Lennons Haare waren auf so eine uneinholbare Länge enteilt, daß man es grad hätte aufgeben können. Haare. Haare. Überall Haare. Mädchen haben lange Haare, und eine Generation wollte sein wie die Mädchen. Das war allemal einfacher, als ein Mädchen zu besitzen: selber eines werden.

    Daß Ian Astbury sich heute soviel auf seine langen Haare einbildet, läßt sich nicht erschöpfend damit erklären, daß es, wie er meint, das Letzte an Non-Konformismus sei, wenn man heutzutage „wieder“ lange Haare trägt. Vor circa einem Jahr gingen so komische nach hinten geföhnte neue Langhaarfrisuren für Männer durch die abgefucktesten Zeitgeist-Illustrierten. Vielleicht hat es eher was zu tun mit dem noch weniger originellen Gerede von der Treue zu sich selbst, das Astbury gerne anstimmt, mit dem man es sich aber nicht zu einfach machen sollte, denn hier ist offenbar wirklich jemand einen recht dornenvollen Weg zu einer Identität gegangen; mit einer stumpfen Machete von Kid-Selbstbewußtsein durch den Style-Dschungel der frühen 80er.

    Dabei herausgekommen ist keine hassenswerte, zusammengekleisterte Popstar-Not-Identität (sprich: Lebenslüge), sondern die Wiederbelebung des „Typ“, mindestens eine produktive Lebenslüge also.

    Astbury hat ja keinen kunstvollen, interessanten Langhaarschnitt, er hat die alte Mittelscheitel-Filz-Matte, die einen „Typ“ von allen anderen Menschen unterschied, jedenfalls zwischen 69 und 74 in Hamburg. Ein „Typ“ war einer, der eigentlich eher durch seinen Habitus, seine Frisur und seinen charakteristisch-coolen Tonfall auffiel, der aber in allen Segmenten der Subkultur zu finden war, bei den K-Gruppen, den Nur-Kiffern, den Anarchos, aber auch bei uncoolen Gruppen wie den „Revis“ (DKP etc.). Der „Typ“ redet nicht viel, ist früh vergreist, gehört zur Avantgarde des Alles-nicht-so-verbissen-Sehens und schafft sich durch seine Matte einen Haufen Probleme vom Hals. Unter anderem die Mädchenfrage, die ihn zu uncoolem Verhalten nötigen würde, hätte er nicht das Problem durch Einverleibung bereits gelöst. Die meisten Typen hießen Jörg, Jürgen, Michael und Thomas.

    Wie wird nun einer wie Ian Astbury zum späten Denkmal des „Typ“? Er ist einer, der sich schon immer gerne gestylt hat, der also nicht ohne Bewußtsein irgendwie aussieht, und er benutzt sein vermeintlich ureigenes Äußeres mit demselben Selbstbewußtsein wie die starken Worte, die vor allem in letzter Zeit die Texte seiner Gruppe durchziehen: „Revolution“, „Love“, „Glitter“, „Nirvana“ etc. Auch wenn wir bald darauf erfahren, daß er mit „Revolution“ nicht dasselbe meint wie jeder andere Mensch, nämlich gewaltsame politische Veränderung, und stattdessen das Wort in der Bedeutung von „Change“ verwendet und nur deswegen nicht gleich „Change“ geschrieben hat, weil „Revolution“ besser klingt, so sieht man doch durchgängig, daß hier jemand das Gespür dafür hat, irgendwelche starken, toten Zeichen zu besetzen, um deren genaue Bedeutung er vielleicht nichts weiß, aber deren Kraft er spürt.

    Und da liegt vielleicht auch das Problem. Gruppen wie The Cult gelten als mystisch verquast, weil die Köder aus der Welt der entschlossenen Gesten, die sie auslegen, die begierig zubeißenden Jung-Intellektuellen nur zu anderen jungen Männern führen, die mindestens ebenso verwirrt sind wie sie selbst. Was zu einer Enttäuschung führt, die für Erkenntnis gehalten wird und in Wirklichkeit nur ein Mißverständnis ist. Ein Mißverständnis von Pop.

    Astbury hat keine Idee zu all den starken Worten, nur ein Gespür für Stärke und Wirksamkeit, was wiederum sein eigentliches Publikum, zu Recht, an ihm schätzt. Wenn einer verwirrt ist, und das ist ja zunächst mal keine Schande, adelt es ihn mehr, wenn er sich nur an den großen Worten, die für ihn kraftvoll-sinnstrotzendes Leben verheißen, orientiert, als wenn er sich an kleinen, mickrig-pfiffigen Lebensweisheiten, die mit kleiner, sympathischer Woody-Allen-Geste daherkommen, aufgeilen würde. Wer das Gegenteil behauptet, versteht nichts von Pop-Musik.

    Ich für meinen Teil habe es genossen, wie diese viel zu weiche Heavy-Metal-Band sich langsam ein Feld schafft, wo ihre Verwirrungen mindestens live vor einem Haufen altersloser Berliner Rock-Fans, die ihre Idole mit Rufen wie „Jetzt aber volle Pulle!“ anfeuern, zu feurigen, langweiligen Mahnmalen auswachsen. Das Mahnmal des „Typs“ bzw. des poor boy, dem nichts anderes übrig bleibt, als …, und anderer relevanter Leichen aus dem Rock-Bestiarium. So was ist besser als die verschmitzte gute Single und besser als die edelgute LP, es ist naturgemäß weniger als nichts gegen die Pogues und John Lennon und John Lee Hooker, aber, recht krass, Musik zur Zeit.

    Mit The Cult ist es heute so wie früher mit Bauhaus, dann mit Theatre Of Hate, dann mit Alien Sex Fiend und Cocteau Twins: Alle wollen was drüber lesen, keiner will was drüber schreiben.

    Umgekehrt verhält es sich zum Beispiel mit Jazz: Jeder will drüber schreiben, keiner will drüber lesen. Wer auch zählt die Berge der unaufgefordert eingesandten Winston-Tong-, Blaine-Reiniger- und Tuxedomoon-Artikel, wer trägt sie ab? Bei Cult dagegen kramt der Schreiber in der Regel so lange im ideologischen Müllhaufen, bis er der Band messerscharf ihr Irregeleitetsein beweisen kann. Ich wollte jetzt endlich einmal fair sein.

    Ian Astbury: „Die Zeichen auf unserem Cover bedeuten eigentlich nichts, gerade weil heute alles so bunt und psychedelisch ist, wollte ich eigentlich ein Cover ganz ohne Symbole, bis auf dieses hier, ein ägyptisches Feuersymbol, also was ganz Simples, Schweres. Der Rest ist nur Design und völlig willkürlich.“

    Astbury, der selber den Begriff „mystische Scheiße“ verwendet, um das zu beschreiben, was der Band in der Regel nachgesagt wird, kriegt zwar noch eine Bemerkung über indianische Lehren hin, die ihm der intolerante Hippie-Jäger in mir vorhalten könnte, aber in dieser Hinsicht kommt doch selbst bei den einwandfreiesten Figuren im Laufe eines Nachmittages einiges an Scheiße zusammen. Pop-Musiker sind nun mal so und Jazzer sowieso die mit der meisten Mystik in der Matschbirne.

    Vergessen wir also einmal die allzugerne angenommene Analogie zwischen Wall-Of-Sound auf der Bühne und unkonturierten Gedanken im Privatleben (also Wall-Of-Sound im Hirn), die ist nicht nur falsch, sie hilft niemandem.

    Die Anfänge seines Musikerlebens vergleicht Astbury gerne mit The Jesus And Mary Chain. So wie die heute war seine erste Band, Southern Death Cult, seinerzeit noch blutigste Amateure, Opfer und Nutznießer eines Hypes der damaligen NME-Grundwerte-Kommission. Der Startschuß zum sogenannten Positive Punk. Was stattdessen in Wirklichkeit begann, war die Liaison aus Culture Club und Heavy Metal, also effeminiertes Styling plus gebremsten Macho-Lärm, eine echte hermaphroditische Mixtur, die heute nach der vierten LP ein veritables Massenpublikum erreicht.

    „Als ich 1980 nach längerem Kanada-Aufenthalt nach England zurückkehrte, hatte ich von Musik keine Ahnung, aber ich stand schon drauf, mich anzuziehen (to dress up) und auszugehen.“ Nur Cult-Gitarrist Billy hätte in seiner Jugend von Stooges bis Thin Lizzy alles durchgehört, bevor er über Theatre Of Hate zu The Cult kam.

    Man einigt sich nach den interessant-krachigen, versponnenen Irrungen als Southern Death Cult und Death Cult als The Cult auf Heavy Metal mit menschlichem Antlitz, wofür die Information nicht unwichtig gewesen sein mag, daß Heavy Metal nicht immer von Musikern gespielt wurde, die wie Vergewaltiger und Mörder aussehen, sondern daß es die historische Phase gab, als Heavy Metal mit lieb-prophetischen Hippie-Gesten und bewußtseinserweiternden Lichtspielen zusammenfiel. Die englische Presse sieht in dieser Image-Rückkehr zu den unschuldigen Prä-Hooligan-Tagen des Heavy Metal die im Zusammenhang mit The Cult immer wieder beschworene Renaissance der wahrhaftig größten Hard-Rock-Band aller Zeiten: Led Zeppelin.

    Was allerdings völlig falsch ist. Daher hier in wenigen Worten die Geschichte der Gruppe, die Heavy Metal oder Hard Rock erfand. Jimmy Page, ihr Gitarrist, hatte als Studiomusiker für die erste Kinks-Single „You Really Got Me“ das erste Heavy-Riff der Geschichte aufgenommen (so 1964 ungefähr), bei den Yardbirds hat er oft ganze Songs lang puren Lärm gespielt, Arto Lindsay wie The Jesus And Mary Chain vorwegnehmend. Led Zep selber erfanden die Technik der krassesten Stimmungswechsel, immer gerne zwischen akustischem Gezirpe und kräftigsten Gitarrenlärm pendelnd, und ihr Sänger Plant war der erste und beste aus der Schule der Urschrei-Tenöre, die heute so nachhaltig und stilbildend gewirkt hat. Led Zep hatten im Schnitt pro Song fünf unterscheidbare, markante Ideen, und damals war es cool, viele Ideen zu haben und damit verschwenderisch umzugehen. Das ist seit Punk anders, und The Cult haben mehr mit der Punk-Idee zu tun, daß es stärker auf Ausstrahlung und Haltung ankäme, als auf die vielen Ideen; viele Ideen in wenigen Minuten unterbringen zu wollen, gilt noch heute, siehe die Kritik an den Sting Rays im letzten Psychobilly-Artikel, als unfein und Gentle-Giant-mäßig (obwohl man andererseits in der Tat viele Rhythmuswechsel nicht mit vielen Ideen gleichsetzen kann).

    Ian Astbury sieht ebenfalls keine Verwandtschaft mit Zep, aber er glaubt, daß Punk eh auf Heavy Metal hinauslaufe, und seine Lieblingsband ist AC/DC, aber jetzt hat er gerade MC5 entdeckt, das Live-Album „Kick Out The Jams“. Er ist 23: „Wenn man das so sieht, könnte man glauben, es ginge da um langweilige, deprimierende, öde Fuck-The-System-Parolen, aber es war ein Spaß, ein Ereignis, eine große Sache.“

    Wenn man 23 ist, bis 1980 in Canada war, gibt es eben noch viel zu entdecken. Ian redet viel davon, daß man nach engstirnigen Anfängen als Alternativ-Band gelernt hätte, anderen mehr zuzuhören. Rainald Goetz, der beim Interview dabei ist, wendet ein, daß es ungemein stärkend sei, den anderen, von denen man weiß, daß sie dumm sind, einem nichts zu sagen hätten, gar nicht erst zuzuhören. Ian: „Aber wie soll man das vorher wissen? Ich bin doch nicht Gott.“

    Nein, das nicht, so sieht Ian nicht aus, eher wie Neil, der Hippie aus der englischen TV-Serie The Young Ones, also die klassische „Typ“-Parodie und damit natürlich auch etwas Jesus-mäßig, so predigt er auch, allerdings realistisch und ohne Aufhebens und Brimborium von einer Sache, die er das „wirkliche Leben“ nennt (hier ein Auszug aus DEM INTERVIEW, wie es das tibetanische Totenbuch für alle Zeiten vorschreibt):

    „Früher habe ich immer das gemacht, was andere von mir erwartet haben, aus Angst vor Liebesentzug. Inzwischen hab ich gelernt, das zu tun, was mir entspricht, und nichts auf die Erwartungen der anderen zu geben.“

    Aber ist nicht gerade das das Spiel der Pop-Musik, das man immer Erwartungen ostentativ erfüllt oder die Erfüllung verweigert.

    „Ja, das ist die Falle, in die so mancher getappt ist, aber nicht wir. Wir hätten es sehr leicht gehabt, unsere Platte nicht ‚Love‘ zu nennen und nicht lange Haare zu tragen.“

    Aber gerade diese Unterscheidungsmerkmale machen eure Bedeutung auf dem Markt aus, wie glaubst du denn zu vermeiden, daß deine Entscheidungen nicht ein Teil des allgemeinen Spiels sind?

    „Durch Treue zu mir selbst.“

    Und wie findet man heraus, was man selbst ist (ach, die schönen, alten Fragen)?

    „Indem man einfach irgendwas macht und sich dann die Quittung geben läßt. Als Jugendlicher macht man sich zum Beispiel Sorgen über Sex. Man hat zum Beispiel Angst als Junge mit einem Jungen zu schlafen. Dabei macht das doch in Wirklichkeit jeder. Als ich 16 war, habe ich auch mit einem Jungen geschlafen, und erst später, als ich das erste Mal mit einem Mädchen geschlafen habe, habe ich herausgefunden, was gut für mich ist.“

    Nach diesem rührenden Try-and-Error-System hat man auch den Weg von der Hype-Band über die Bannerträger eines Underground-Movement zur Wir-sind-für-alles-offen-Band mit Berliner Volle-Pulle-Publikum geschafft. Bob Dylan dagegen gibt eher Rainald recht, wenn er sagt: „We recorded that album, and I didn’t know what to make of it. Lots of times people will get excited and they say, ‚this is great, this is fantastic‘. But usually they’re full of shit. They’re just trying to tell you something to make you feel good. People have a way of telling you what they think you want to hear – anytime I don’t know something and I ask somebody, I usually know less about it after I asked than before.“

    Und deswegen wurde er auch Bob Dylan mit all seinen zeitlosen Wunderlichkeiten. The Cult dagegen sind auf diesem Wege groß geworden und haben exakt seit ihrer letzten LP – wie mir aus gut unterrichteten Kreisen berichtet wird, wegen ihres zu kommerziellen Baß – ihr ursprüngliches Mysto-Punk-Publikum verloren, die wenigen, die sehr an sie glaubten, und haben jetzt ein Publikum aus vielen, die ein wenig an sie glauben.

    Darüber sind sie zeitgemäß geworden, auf breiter Ebene, so daß jeder sehen kann, auch der, der sich keine Mühe gibt, was die Zeit so zu sagen hat. Noch eine LP und der Stern macht einen Artikel, daß die jungen Leute die 70er wiederentdeckt haben. Und es wird sich dann sicher einer finden, der dem Stern-Reporter den Namen Led Zeppelin buchstabiert: L.E.D. neues Wort Z.E.P.P.E.L.I.N. Ich denke dagegen, daß man mehr nachdenken sollte, heute, über William Duffy, der den Wall Of Sound gelegentlich mit etwas Wah-Wah-Soli auflockert und in seinen besten Momenten an James Litherland, den Sänger und Gitarristen der ersten beiden Collosseum-LPs sowie später Leader der famosen Mogul Thrash, erinnert. Das ist der einzige, kleine, winzige Zug von Größe, den ich entdecken kann an einer ansonsten völlig akzeptablen, realistischen, unprätentiösen, zeitgemäßen Band für die jungen Leute von heute.

    „Das Problem“, darin sind sich Ian und ich wieder einig, ist heute, daß die Schreiber langsam wieder älter als die Musiker sind. Wie damals in den ersten Punk-Jahren. Die Lösung, wie man nicht ständig an die blöden Punk-Jahre, an ihre Zehnjahrfeier, an ihre teleologisch herbeigesehnte Wiederkehr und die inkompetente Interpretation all dessen durch Zeitgeist-Blätter und andere Feinde denken muß, ist Mut zur Langeweile: volle Pulle, lange Haare, Heavy Metal für Softies.

  • America

    Von dieser Beschaffenheit ist die amerikanische Freiheit. Sie verlangen genau die richtige Menge von Freisinn von einem Menschen, weder mehr noch weniger. Bei Überschreitungen auf einer der beiden Seiten sind sie intolerant wie ein mittelalterlicher Despot. Sie sind zu konservativ, um sich von der Stelle zu bewegen; wo sie vor zweihundert Jahren standen, da stehen sie noch heute; die Zeit hat ihre Form auch nicht um das Geringste verändert. Denn es ist eine durch das Gesetz festgelegte Demokratie. Taucht dort ein Schriftsteller auf, der an das Königtum glaubt, dann ist dieser Autor nicht frei genug, die Amerikaner jagen ihn aus dem Land; erhebt sich in diesem Mob ein Mann, der an die Anarchie als die kommende ideale Gesellschaftsform glaubt, dann ist dieser Mann zu frei, die Amerikaner henken ihn. Was da über oder unter das äußerst einzigartige Gehirn George Washingtons geht, wird mit Landesverweisung oder Verlust des Lebens bestraft.

    Knut Hamsun, 1889

    There is no doubt at all that if Hitler was alive and kicking and living in the Third World today he would be armed, medalled and welcomed with all honours into the Free World Club – after all, the first people he put into the camps were the Communists. He can’t have been all bad.

    Julie Burchill, 1984

    Tom Wolfe, der große Journalist und Schriftsteller aus den USA, der uns so manch ungewöhnliche Einsichten schenkte, aber politisch nie aus dem anti-kommunistischen Grundkonsens befreit werden konnte oder wollte (auch nicht von Günter Grass, der es angeblich einmal versucht hat), auf den sich alle Amerikaner verpflichtet haben, wunderte sich darüber, daß gerade in den 60er Jahren, einem Jahrzehnt ökonomischer Prosperität und großer Mobilität – also „Freiheit“ –, eine neue Linke entstehen konnte. Für deren perfidesten Denktrick hielt er die Marcuse-Idee von der repressiven Toleranz. In der Vorstellung, daß gerade in Zeiten der Redefreiheit, daß im Pluralismus ein repressives Moment versteckt sei, witterte er die gemeinste Verschlagenheit jener kommunistischen Vernebelungsstrategie namens „Dialektik“, einer intellektuellen Selbstverständlichkeit, die es in den USA nie gegeben hat und die dort auch von den erwiesenermaßen intelligentesten Köpfen nicht verstanden wird. Denn daß die Dinge immer ein Anderes haben sollen, ein dunkles Gegenüber, einen makabren Schatten – wie sollen die Amis das wissen, wo sie doch als Ganzes nur das Andere Europas sind. Wie könnten sie z. B. Utopie denken, wo sie doch selbst von unseren Utopisten erfunden worden sind, als Welt am Draht: „America is not a country: it is an experiment that has gone terribly terribly wrong“ (Julie Burchill).

    Nur in der Musik ahnen wir noch etwas von dem Anderen, von den Gebeinen der Millionen von Indianern, die sich als kollektives schlechtes Gewissen unartikuliert stumpf und böse in den Produkten der Trash-Kultur äußern oder dann, wenn die Cramps singen, wenn Jeffrey Lee Pierce dichtet, wenn die Shangri-Las schmachten. Wenn sich das Monstrum aus verdrängtem Sex und verdrängter Geschichte unartikuliert in den Sümpfen aufbäumt, Captain Beefheart und Dr. John seine Stimme leiht, dann ahnen wir etwas von den unglaublichen, blasphemischen Verdrängungen, Verbrennungen, Vernichtungen. „Alles, was ich weiß, ist, daß das Hotel auf einem alten Indianerfriedhof steht“, erklärt der Manager des Overlook-Hotel seinem Winter-Hausmeister Jack Torrance in Kubrick/Kings Shining. Und mehr braucht nicht gegeben zu werden als dieses Stichwort. Nur in der Musik hören wir noch etwas davon.

    Der norwegische Nobelpreisträger, dem im hohen Alter sogar wegen angeblicher Nazi-Sympathien der Prozeß gemacht wurde, und die britische Wunderkind-Pop-Schreiberin haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Aber nicht nur der Zufall, der mich Hamsuns Amerika aus dem Jahre 1889 und Burchills „Best Of“-Sammlung von 85 (Love It Or Shove It) direkt hintereinander lesen ließ, verbindet beide Autoren: Als gute Leute verbindet sie naturgemäß viel mehr. Da wäre Hamsuns Motto: „Wahrhaftigkeit ist weder Zweiseitigkeit noch Objektivität, Wahrhaftigkeit ist einfach die uneigennützige Subjektivität“, das sich so auch über Burchills Essay-Sammlung schreiben ließe. Da ist der selbstgemachte Intellektualismus, der keine Leitbilder, keine konventionelle akademische Erziehung, keine Zugehörigkeit zu Denkschulen und Bewegungen erkennen läßt, um um so heftiger nach Verbindlichkeiten zu hungern. Die skeptischen Selfmade-Intellektuellen aller Epochen, die aus den Bauernkaten (Hamsun) und Arbeiterfamilien (Burchill), aber auch die aus evangelischen Pfarrhäusern und katholischen Internaten, die Schreckensmänner, wie Arno Schmidt sie nennt, sie suchen sich immer, wider alle Vernunft, ihre Götter, ihr Reich des Friedens, ihr Absolutes, sei es die Sowjetunion (Burchill) oder das unwirtliche Landleben in Nordnorwegen, das zu verklären ein Knut Hamsun alle schriftstellerische Kraft brauchte.

    Sie verbindet weiter eine Art von Skepsis, die mit der kritischen Nörgelei, der Unfähigkeit, sich zu begeistern, die den modernen, liberalen Intellektuellen ausmacht, nichts zu tun hat, eine Skepsis vor der Kulisse eines willkürlich gesetzten Absoluten. Dazu kommt die intuitive, aber richtige Erkenntnis, daß die allgemeinverbreitete Meinung, die Sicht der Dinge in allen pluralistischen Schattierungen grundsätzlich falsch ist. Die Brisanz wie die Richtigkeit dieser Haltung ist nicht auf Anhieb zu verstehen. Es will zunächst nicht in ein mitteleuropäisch gebildetes Gehirn, daß nicht die Untersuchung einer Sache uns zur Wahrheit über die Sache führt, sondern die Untersuchung der öffentlichen Meinung über die Sache; zumal wir uns so ja zum Sklaven dieser Meinung zu machen scheinen, wenn wir uns derart negativ auf sie fixieren. Aber gerade die in einem Abstand von knapp hundert Jahren geschriebenen Anmerkungen über die USA können helfen, die Richtigkeit dieser Vorgehensweise zu belegen.

    Oft sind es die Rechten, isolierte Spinner, auf die keiner was gibt, deren hilflose, unmaterialistischen Ausfälle, auf falschen Prämissen aufgebaut und unter falschen Absichten geäußert, einen Weg zur Wahrheit weisen. Von Marinetti über Celine, Benn, Pound, Hamsun bis hin zu Borges und Mishima haben dissidierende, oft massiv irrende rechte Intellektuelle Generationen dissidierender linker Intelligenz geholfen, den Wald statt der Bäume zu sehen. Julie Burchill leitet ihr anti-amerikanisches Hauptwerk „A Christmas Wish: End Of America“ mit einem Zitat des rechten, aber sowjetfreundlichen und US-feindlichen Abgeordneten Enoch Powell ein. Was ihr der Powell ist, ist mir Johannes Gross:

    Die alten Imperien wußten sich halbwegs erträglich zu machen, indem sie Tradition und Kultur der einverleibten Landschaft einigermaßen respektierten und die Empfindlichkeit fremder Führungseliten schonten. Jeder gebildete Römer sprach Griechisch, die Engländer ließen in Indien und anderswo alles unangetastet, was der Ausübung ihrer Herrschaft nicht unmittelbar im Wege stand. Die Amerikaner hingegen mögen sich nichts anderes als ihren eigenen Way of life vorstellen, Englisch als allgemein verbindlich erklären und alles Fremde so zurechtbiegen, daß es noch dem Fernsehgehirn einsichtig wird. Selbst die Bereitschaft, fremde Staatsnamen zu achten, geht verloren. Die Volksrepublik China ist Red China, wir sind West-Germany, während noch die kommunistischen Machthaber Anstand und Verstand aufbringen, unserem Staat den Namen zu belassen, den er sich gegeben hat, und in Deutschland deutsch zu reden.

    Imperialismus als Geschmacksfrage. Aber der dissidierende, nirgendwo richtig ernstgenommene Gross kommt bei der Analyse der Tischsitten der Imperialisten zu der, für die Zeitung, in der sein Sermon erschienen ist (FAZ), ungewöhnlichen Erkenntnis, daß der vermeintliche Imperialismus der Sowjetunion kulturellen Eigenarten, wie der der Landessprache, offensichtlich mit mehr Respekt gegenübertritt als der amerikanische. In derselben Ausgabe dieses Blattes regt sich ein anderer Mitarbeiter darüber auf, daß es in Nicaragua nichts zu essen, wohl aber Farbe für revolutionäre Parolen gäbe.

    Warum es in Nicaragua nichts zu essen gibt, kann in Deutschland nur eine unattraktive, sprachlose, zur Marginalie zusammengeschrumpfte 3.-Welt-Laden-Grünlinke richtig beantworten. Ich habe auch lange gebraucht, um es zu glauben, aber man muß einer Leserschaft, die, wenn man dumme Witze abzieht und den Poll-Antworten ansonsten glaubt, zu 10 – 15 % aus Neuen Rechten besteht, wohl erst noch erklären, daß die Vereinigten Staaten von Amerika seit Jahrhunderten eine menschenfeindliche, imperialistische Politik betreiben, im Interesse einer grausamen, sozialdarwinistischen Privatwirtschaft, die sich schon jetzt – der Zahl der von ihr verschuldeten Toten nach – mit den mörderischsten und räuberischsten Imperien, die die Welt je gesehen hat, messen kann.

    Hamsun ist in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts zweimal für je zwei Jahre drüben gewesen, um noch deduktiv zu beweisen, daß in jedem Punkt das Gegenteil von dem richtig ist, was in Europa zu seiner Zeit als öffentliche Meinung über die USA verbreitet ist. Julie Burchill, Kind einer Medienepoche, kann vom Schreibtisch aus sicher sein, daß ihre Analysen zutreffen. Warum ist das so? Nur weil alles zwei Seiten hat und mehr und man, wenn man das Andere ausspricht, also nicht das, was permanent wiederholt wird und dessen Kritik auch permanent wiederholt wird, wenn man also dem Ding, das so traurig zwischen Übereinkunft und Kritik der Übereinkunft oszilliert, sein ganz und gar schwarzes Gegenteil vorhält … aber gibt es das? Jenseits von Kritik?

    Jenseits von Kritik, wie sie in unseren Breiten verstanden wird, nämlich als Verbesserungsvorschlag, der in dem Glauben gemacht wird (Demokratie!), daß er beherzigt werde, gibt es die kluge Vernichtung, die uneigennützig subjektive Streichung, das unermüdliche Abtragen von falschen, weil das Gewaltregime der USA stützenden Ideen (wie z. B. der, daß dort drüben die Freiheit verwirklicht sei).

    Die Freiheit ist zum anderen nicht immer eine freiwillige, sondern oft eine erzwungene, eine vom Gesetz befohlene Freiheit. Der Kongreß hält seine Sitzungen und macht Gesetze dafür, wie man zu sein verpflichtet ist, statt lediglich zu verbieten, wie man nicht sein darf. (…) Zu der vom Gesetz befohlenen Freiheit kommt ferner die Art erzwungener Freiheit, die sich das patriotische Volk selbst befohlen hat. (…) Ein Fremder spürt, daß er mitten in Amerika nicht unbedingt frei ist (…) er steht dem Despotismus der Freiheit gegenüber.

    (Knut Hamsun)

    Der Despotismus der Freiheit, vielleicht bei Hamsun nicht viel mehr als eine ästhetische Abneigung gegen die „dummfeiste“, plumpe Einigkeit, mit der sich der junge Staat, der auf Kunstimporte aus Europa 35 % Schutzzoll legt, ständig selbst feiert (ohne daß da viel zu feiern wäre), ist der früheste, den Zusammenhang betreffende Slogan, der Gewinner der Herbert-Marcuse-Medaille und der Beweis, daß marxistische Erkenntnisse immer dann am schönsten klingen, wenn sie ein waschechter Nicht- oder Anti-Marxist gemacht hat. Hier ist es, das heute noch gültige Statement zu den bürgerlichen Freiheiten, die richtige, weil in der Logik der bürgerlichen Gesellschaft nicht vorgesehene, in ihrem Lexikon nicht verzeichnete andere und daher richtige Seite dieses Dinges! Und dennoch muß man heute weitergehen. Julie Burchill freut sich auf die sowjetische Invasion in Großbritannien: „Best of all, goodbye to the alcoholic, lower-middle-class, morally incontinent, Tory yokels who pass for journalists at the moment and hello to nice, neat, well-behaved little Party-hacks, who do not pretend for a minute to be independent thinkers …“

    Und wer will bestreiten, daß dies die Wahrheit über Lech Walesa ist (die man nirgendwo anders lesen kann und in Deutschland nur in Spex): „La Walesa – who was actually a major eastern bloc cultural artefact in that he gave the impression of having listened to far too many smuggled Bruce Springsteen records before going out and creating himself as his own masterpiece, a monument to be proud of, throbbing, untamed peasant manhood, and about as relevant to contemporary realpolitik as a Flat Earther (jemand, der glaubt, daß die Erde flach ist).“

    Zu diesen Wahrheiten kommt nur, wer als Sklave der Medien gelernt hat, die geeignete, aufmerksame Haßliebe zu entwickeln. Der moderne Eremit, eingeigelt in die Selbstgefälligkeit der Subkultur und ohne Fernsehgerät, wird etwas Wichtiges zu der wichtigen westlichen Erfindung Walesa nie sagen können, der kritisch Aufmerksame, der Kunde der verbreiteten Diskussionen, der Eingreifer und Mithelfer ebensowenig; mit anderen Worten: diese Erkenntnissuche schließt den Amerikaner nicht aus.

    Denn was kann der Amerikaner? In die wahre Opposition kann er nicht gehen; außerhalb einer an Issues herumdokternden, systemimmanenten Kritik ist es ihm nicht möglich, sein Land in Frage zu stellen oder dessen Verbrechen zu erkennen. Nein, das andere Amerika bleibt Eigentum der Blues- und Soul-Musik („Bad Amerika“ – Jeffrey Lee Pierce), eingekapselt in die Metapher der unglücklichen, ausweglosen Liebe. Blues und Soul handeln von dem Schmerz, den Lebewesen erleiden, die etwas erleiden, das sie nicht verstehen. Also Liebe. Also Unterdrückung und Ermordung durch ein System, das man nicht versteht: „There is nothing I can do / If you leave me shall I cry / but my ghost will follow you / until the day I die“ (Deadric Malone). Blues ist die Musik von Katzen, die man im Auto zum Tierarzt bringt, weil die Besitzer glauben, daß es das beste für sie sei (für die Katzen). Katzengeschrei, Katzenjammer. Liebeskummer. Das ist die einzige Opposition gegen Amerika.

    Aber was kann der amerikanische Intellektuelle, der amerikanische Künstler? Wir wollen den Amerikaner nicht ausschließen, was vermögen die Großen, Andy Warhol, Gertrude Stein, John Ford und Howard Hawks?

    Dialektik, klar, ohne sie säßen wir heute noch auf irgendwelchen Olivenbäumen, ohne sie hätte die Menschheit keine andere Hoffnung, als dumpf auf den Boden des San Andreas Graben zu knallen, aber in Europa ist Dialektik auch zu einer geistigen Zwangsneurose geworden; aus dem Blick auf das Andere, die verborgene Wahrheit, ist neurotische Suche nach dem, „was dahinter steht“, geworden, ein die ganze bürgerliche Publizistik durchziehender Topos, der Verschwörungen wittert, Bedeutungen aufspürt, bevor er überhaupt das Antlitz, die Oberfläche einer Sache gesehen hat, und grundsätzlich den Papierkorb eines Schriftstellers für interessanter hält als dessen veröffentlichte Werke. Aus Dialektik, die in ihrer scharfen Form für die bürgerliche Kultur unerträglich wäre, ist Paranoia geworden. Hier brauchen wir den Ami. Er hilft uns bei der Rückeroberung des Antlitzes, der Oberfläche, des Faktischen, bei der Tatsachenfeststellung.

    Zumindest die besten Amis helfen uns, sie sind Meister: Meister der Tautologie. Von Walt Whitman bis Andy Warhol. Und ist es ein Zufall, daß der berühmte Satz Gertrude Steins – auch wenn diese große Amerikanerin zeit ihres Lebens in Europa verbrachte – auch die berühmteste Tautologie der Weltgeschichte ist: „A rose is a rose is a rose“?

    Knut Hamsun:

    Walt Whitmans Naivität ist so unvorstellbar groß, daß sie schon wieder bestechend wirken und hier und da den Leser veranlassen kann, sich selbst darin zu erkennen. Diese wunderbare Naivität ist es, die ihm einige Anhänger auch unter den Men of Letters eingebracht hat. Seine Tabellendichtung, dieses unmögliche Herunterleiern von Personen, Staaten, Hausgeräten, Werkzeug, Kleidungsstücken ist wahrhaftig die naivste Dichterei, mit der die Literatur bisher bereichert worden ist, und wäre sie nicht aus einer naiven Brust gesungen, wäre sie ganz gewiß niemals gelesen worden. Denn sie verrät auch nicht einen Funken von dichterischem Talent. Wenn Whitman etwas besingt, sagt er gleich in der ersten Zeile, daß er diesen oder jenen Gegenstand besingt – in der nächsten besingt er bereits einen anderen und in der dritten einen dritten –, und das alles, ohne mehr zu tun, als den Gegenstand zu nennen. Er weiß auch nicht viel mehr von ihm als seinen Namen; aber er weiß viele Namen – daher all die begeisterten Namensaufstellungen.

    Ja, Walt Whitman stellt die Tatsachen fest. Wenn er sich an Ohio, Indiana, Illinois, Iowa, Wisconsin und Minnesota berauscht, heißt die entsprechende Zeile im Gedicht „Gesänge von Ohio, Indiana, Illinois, Iowa, Wisconsin und Minnesota“. Tautologie. Meinetwegen Naivität, aber man muß es uns einmal wieder klarmachen. Iowa ist Iowa. Wirklich, fürwahr das ist es.

    Walt Whitman war das Vorbild auch noch der verblasensten Beat-Dichter: herrliche Aufzählungen beim frühen (französische Lyriker-Namen) wie beim späten Ginsberg (Namen indischer Götter), Aufzählungen bei Ted Berrigan (was ihm so im Laufe des Tages passierte), höchste Form der tautologischen Tatsachenfeststellung bei Andy Warhol, dessen neues Buch America ich in meinen Händen halte. Höchste Form der Aufzählung! „Buying things in America today is just unbelievable. Let’s say you’re thirsty. Do you want Coke, Diet Coke, Tab, Caffeine-Free Coke, Caffeine-Free Diet Coke, Caffeine-Free Tab, New Improved Tab, Pepsi, Diet-Pepsi, Pepsi Light, Pepsi Free, Root Beer, Royal Crown Cola, C & C Cola, Diet Royal Crown Cola, Caffeine-Free Pepsi, Caffeine-Free Diet Pepsi, Caffeine-Free Royal Crown Cola, Like, Dr. Pepper, Sugar Free Dr. Pepper, Fresca, Mr. Pibb, Seven-Up, Diet Seven-Up, orange, grape, apple, Orelia, Perrier, Poland, ginger ale, tonic, seltzer, Yoo-Hoo or cream soda?“

    Andy und Walt preisen nicht etwa die freie Auswahl in amerikanischen Shops und deren Überlegenheit über polnische Lebensmittelwarteschlangen. Sie sagen, was es gibt, was es zu sehen gibt, und nennen den richtigen Namen. Denn sie kennen viele Namen. So wie ich als kleiner Junge viele Autonamen aufzählen konnte. Und stolz darauf war. Und zu Recht.

    Aber Tatsachenfeststellung ist auch dies: „John F. Kennedy was President. Elvis was the King of Rock and Roll. Elizabeth Taylor was the world’s greatest movie star.“ (Andy Warhol)

    Es geht nicht darum, ob Liz Taylor vielleicht nicht wirklich die Größte war, es geht um die philosophische, erkenntnistheoretische Methode, eben um die Tatsachenfeststellung, die eine schöne, notwendige Kunst ist und ein paar Seiten weiter zu sagen erlaubt: „Bette Davis always disliked me, but she’s still the greatest actress in the world.“

    Wenn Amerikaner über Gefühle, Lebenseinstellungen oder Politik sprechen, ist ihre eigene Verlogenheit, ja unschuldige, weil ernsthaft zurückgebliebene Dummheit, die nur die Vase, der Kelch ist, in dem das System seine Lügen aufbewahrt, unerträglich; wenn sie aber feststellen, was ist, und nur wenige, nur die Größten bringen es zustande, ihre freie, kleine amerikanische Individualität so zurückzunehmen, daß sie zur reinen Tatsachenfeststellung in der Lage sind, dann sind sie die Größten. Howard Hawks machte Filme, die nur davon handelten, wie ein Geschehnis in das andere greift und wie das Leben, das so entsteht, funktioniert, ohne irgendeine materialistische Wahrheit zu unterschlagen und ohne jede psychologische oder dialektische Paranoia (Menschen als Summe ihrer sichtbaren Handlungen); John Ford zeigte unausgesetzt, wie die Landschaften und Männer aussehen, auf die man die Mythen projizieren muß: immer gleich, immer einfach, immer voller Freude am Einfachen; am Reiten, Retten, Durchqueren von Wüsten und am Im-richtigen-Moment-das-Richtige-tun.

    Das ist das Amerika, das wir brauchen (zusammen mit dem „Bad America“, dem Katzenkummer und dem Liebesjammer), und sein größter Philosoph, Andy Warhol, hat nach den Meilensteinen der Tatsachenfeststellung A, From A to B and back again, Popism und Exposures, in denen er alle wesentlichen Tatsachen von Leben bis Tod, von Liebe bis Sex, von Geld bis Kunst festgestellt hat, in seinem Alterswerk America nun auch begonnen, soziale Probleme festzustellen. Über „homeless people“: „… the longer they’re out in the street, the crazier and dirtier they get, and the less fit for work they get, so then they really can’t get a place to live. And they get so dirty from not even having a place to take a shower that they start to smell, even if they’ve been spot-washing wherever they could. And when it gets to that point, they start kicking them out of the restrooms where they’ve been going to do that little bit of washing – say, in the good department stores. So then they start going back to the public libraries, but after a few more months they smell too bad for even the libraries (…) This is why I think that the most important thing the government should do for people with no place to live is build huge modern bathhouses where you could go and have both a shower and a washer-dryer to get you and your clothes clean at the same time.“ Oder: „This country is so rich. And I think I see more homeless people on the street every month. How can we let this keep happening?“

    Wer sein ganzes Leben der Tatsachenfeststellung gewidmet hat, kommt am Ende, in dem Moment, wo er schon viel zu alt ist für all das Große, das er für sein Projekt getan hat, zu einer zarten, freundlichen, naiven Sozialkritik. Und was für Verbesserungsvorschläge! Das höre ich mir gerne an, meiner Treu! Aber man muß schon ein halbes Jahrhundert Andy Warhol gewesen sein, bevor man so etwas sagen kann, bevor man mit so einem Augenaufschlag plötzlich die „other half“ von America entdecken darf.

    Gertrude Stein hat gesagt, daß die Amerikaner und die Spanier die einzigen Völker seien, die keinen Mystizismus bräuchten, um nicht an die Wirklichkeit zu glauben, sie glaubten ohnehin nicht daran, sie seien abstrakt und grausam. Selbstverständlich, das sind sie. Denn sie sind ja kein Volk, sondern eine Idee, ein Experiment, eine hemmungslos wuchernde Wirtschaftsform: abstrakter Handel von abstrakten, ausgedachten Kirchen gebenedeit. Reales Blut fließt, konkretes, reales Blut, das man nicht sieht. Keine Wirklichkeit. Aber es fließt tatsächlich. Der größte amerikanische Revolutionär ist der tautologische Tatsachenfeststeller.

    Gertrude Stein ist immer wieder auf ihre berühmte Tautologie angesprochen worden, oft höhnisch und verständnislos. Zu einem studentischen Auditorium hat sie einmal gesagt, in Verteidigung der Zeile „A rose is a rose is a rose“, daß sie keinen anderen englischsprachigen Text der letzten 100 Jahre kenne, in dem eine Rose wirklich rot sei. Tatsachen der Dichtung. Gertrude Stein war in Europa.

    Als der Papst unlängst in New York war, fragte man ihn, wie es ihm gefalle, und er antwortete: „Tutti Buoni.“ Andy Warhol darauf: „That’s exactly my philosophy.“

    „Everything is good“ lautet seine Übersetzung. Everything ist alles, jedes Ding, alles, was der Fall ist, also die Welt, die Welt aber ist, per definitionem, das Gute, einfach weil sie positiv vorhanden ist, weil sie wirklich ist, weil sie da ist. Dies braucht Warhol nicht zu explizieren. Weil seine Aussageweise die Tautologie ist, weil wir, wenn wir ihn lesen oder hören, uns fallen lassen in die ewige, wunderbare, weltversichernde Litanei der Tautologie und der Aufzählung. Und sie ordnen sich in Täler und Gipfel, in vor- und zurückflutende Wellen, und auf dem höchsten Wellengipfel stehen Warhol und der Papst – der nicht weiß, was er sagt, der vielleicht sogar wissentlich lügt, egal –, und Warhol erkennt, daß die Welt zunächst mal gut ist, weil sie da ist.

    Und entwirft nebenbei ein Motto für die Zeitschrift Spex, die bekanntlich keine Honorare zahlt: „I wish somebody great would come along in public life and make it respectable to be poor again. Because you don’t hear about ‚poor but honest‘ any more (…) It should be okay to work on things that they won’t pay you for, because that’s how inventions happen and things progress.“ Er mag die jungen, erfolgreichen Konservativen nicht mehr. Er beklagt, daß die Statistiken und Trendmeldungen eine neue konservative Jugend schon an den Schulen ausgemacht haben wollen. Und tröstet sich, daß man den Statistiken eh nicht trauen kann, denn wenn er ausgehe, seien die Jugendlichen so wild und extrem wie eh und je, und nur der Augenschein zählt: Tatsachenfeststellung.

    Trotzdem bleibt noch ein Teil unserer Fragen unbeantwortet: Was soll der Amerikaner machen? Er kann sich nicht vornehmen, zum Philosophiegott zu werden, er muß seine Arbeit anderswo beginnen. Und auch, wenn es inzwischen immer mehr weiße, kleine Schlauberger mit Alkoholproblemen gibt, die etwas vom Blues und vom Katzenjammer verstehen, wie Pierce etwa, kann er sich auch nicht vornehmen, Blues-Sänger zu werden – zu beidem wird man, wenn schon nicht geboren, so doch von den drastischeren Seiten des Lebens gedrängt. Der gute, schlaue, kleine Amerikaner wird Journalist, er kämpft an der Seite der anderen großen, der geschwätzigen Tatsachenfeststeller.

    Es ist möglich, bändeweise Tom Wolfe zu lesen, ohne daß seine politische Bescheuertheit auch nur einen Anflug von schlechtem Geschmack hinterläßt. Hat dagegen ein deutscher Journalist nur einen Hauch von keiner Ahnung oder falscher Weltanschauung, kommt uns schon das kalte Kotzen. Warum? Der Amerikaner verliert sich begeistert in die rauschhafte Vielfalt der Tatsachen, auch der Journalist: ein Whitmanianer. Was gibt es nicht alles zu benennen! Wie voll die Welt! Das Leben!

    Knut Hamsun, vor hundert Jahren bereits alles wissend, Amerika hassend und dennoch widerstrebend Freund der im Entstehen befindlichen Trash-Kultur, sehr gegen sein patriarchalisch-norwegisches Herz, aber er hatte ja einen Verstand: „… ist die amerikanische Journalistik die eigentümlichste und stärkste Geistesäußerung im amerikanischen Volk; mit ihrer Frechheit, ihrem realistischen Ungestüm ist sie, literarisch betrachtet, zugleich die modernste.“

    Und wir verdanken ihr die modernsten Schriftsteller der letzten Jahrzehnte, sei es der erwähnte Tom Wolfe, sei es Ed Sanders, Truman Capote, ja eben auch eine Julie Burchill wäre ohne die Beiseiteräumleistungen der amerikanischen Journalistenschriftsteller nicht denkbar. „In unserem Land“, zitiert Hamsun Nathaniel Hawthorne, einen Amerikaner, „gibt es keinen Schatten, keinen Frieden, keine Mysterien, keinen Idealismus, kein Altern, aber Poesie und Efeu, Mauerpflanzen und Steinrosen brauchen Ruinen, um zu gedeihen.“

    Gut, dann gedeihen sie eben nicht, das ist nicht schlimm, dafür gedeiht eben „Caffeine-Free Tab Royal Crown Diet Pepsi“, was ebenso schön ist wie Efeu.

    Das ist okay mit mir, wie der Amerikaner sagen würde. Was nicht okay ist, daß das reale Blut, das sie nicht sehen können, weiter fließt, daß Millionen sterben unter ihrer kindlichen Grausamkeit und daß dies, hier von Hamsun geschildert, auch heute geschildert werden könnte, durchaus auch von einem amerikanischen Journalisten, der allerdings nicht ein Gramm Schlußfolgerung abzapfen würde (könnte):

    … die amerikanischen Zeitungen fließen jeden Tag über von Berichten über die viehischen Triebe dieses freien Volkes. Die amerikanischen Verbrechen sind noch ohne formale Eleganz, die Sünde hat in diesem Land die Form brutalster Schamlosigkeit; man muß weit in der Geschichte zurückgehen, um ähnliche Beispiele zu finden; sie sind noch ohne jedes Moment von Adel und Idee. Mußte in einem solchen Land nicht ein Verbrechen wie das, dessen die Anarchisten angeklagt wurden, tosendes Aufsehen erregen! Und so geschah es auch. Jeder wohlerzogene Abc-Held rief: „Kreuzige!“ Demokratische Frauenzimmer – beiderlei Geschlechts – kauften Bilder der Anarchisten und „henkten“ sie in ihren Fenstern. Die Krämer annoncierten auf folgende Weise: „Da wir dafür sind, daß die Anarchisten gehenkt werden, haben wir eine so große Kundschaft, daß wir unseren bekannten blauen Rio für 9 Cent das Pfund verkaufen können.“

    Und nicht einer von hundert wußte, was Anarchismus war, nicht einer von tausend. Man kann sich also nicht unbedingt darauf verlassen, daß die Amerikaner das aufgeklärte Volk sind, wie wir es uns in Europa vorstellen.

    Man braucht Hamsun nur das optimistische „noch“ zu streichen, denn was er vor hundert Jahren konstatiert hatte, hatte nichts mit Jugend des Staates zu tun, mit kulturgeschichtlicher Frühe, mit Atavismus oder mit geistiger Unreife. Amerika wird nie sein Anderes, es wird nie irgendetwas anderes als sich selbst verstehen, zeigen, darstellen können, es wird immer ausbluten, henken, ausnehmen, was fremd ist, und ihm ist alles fremd, was nicht es selbst ist. Es kennt keinen anderen Gedanken als „From Texas to the Top“ (Jerry Hall), keinen anderen als „Es ist verdammt hart, aber du kannst es schaffen“. Wer mir nicht glaubt, besorge sich die neue Nummer von Interview, er braucht darin gar nicht die Interviews mit Horrorfiguren wie Jerry Falwell oder der Lady, die die Schallplatten mit unzüchtigen Botschaften zensieren will – sie ist übrigens rührend –, zu lesen, es reicht, wenn er das Interview, das Harry Dean Stanton mit der Liebhaberin europäischer Literatur, Madonna, gemacht hat, beschnüffelt, und er findet alle fünfzehn Gedanken, die jeder, jeder, jeder Amerikaner hat (außer Hüsker Dü und Mayo Thompson).

    Aber die Existenz dieses vortrefflichen Spiegels von Bewußtseinsinhalten, diese überaus akkurate Dokumentensammlung von Entblößungen der herrschenden Klasse ohne jeden journalistischen oder interpretatorischen Filter, die Zeitschrift Interview, verdanken wir keinem anderen als dem großen Feststeller amerikanischer Tatsachen, dem Bezwinger unserer dialektischen Zwangsneurosen: Andy Warhol. Hang him on my wall.

    KNUT HAMSUN: Amerika, Langen Müller
    JULIE BURCHILL: Love It Or Shove It – The Best Of Julie Burchill, Century Publishing
    ANDY WARHOL: America, Texte und Fotos, Harper & Row
    WALT WHITMAN: Grashalme, Reclam

  • ABC – Gottes Nasenspray

    „Vanity Kills / You love you / Vanity kills / If the blast don’t get you, then the fallout will / You love you“

    (ABC, „Vanity Kills“)

    „I’ve got a big problem, Diedrich, very big problem. You know what my problem is? You know what? I’m much too famous.“

    (Julian Schnabel, im Gespräch)

    Es war der Morgen nach der Nacht, in der ich dies geträumt hatte: Ich bin Andy Warhol, komme zu meiner eigenen Eröffnung und stelle fest, daß Paul Maenz statt meiner allgemein bekannten Werke, die wenig bekannten tschechoslowakischen, naiven Gemälde, die ich als Vierzehnjähriger für die Werbung der Firma „Gitanes“, vor meiner Schuhzeichner-Karriere noch, angefertigt hatte, aufgetrieben und ausgestellt hat. Doch störte mich das nicht so sehr wie die vielen Menschen. Ich war noch kurzsichtiger als in Wirklichkeit und trug einen Badge, mit der Aufschrift: „Don’t Talk To Me! Go Away!“

    Das Gefühl, mich nicht mehr um mein Geschwätz von gestern sorgen zu müssen, machte mir gute Laune. Wetter ist interessant, wenn man es von oben sieht. Von oben ist die Welt ein einziges Nasenloch mit Mund-Rachen-Verbindung. Die Wolken sind Schleim, der sich an Gebirgsketten festhängt und die Atmung behindert. Manchmal schnupft die Welt sich aus oder verwendet Otriven-Spray, was vom Flugzeug aus sehr schön ist.

    Die kleine Körpersonde schlingerte wie ein geflügelter Lastwagen – es war eine gut 40 Jahre alte Propellermaschine von Virgin Airlines, 29 Pfund im Last-Minute-Tarif, es gab kleine rote New-Wave-Bonbons („Sweets“), während ein Blick durch die viel zu großen Vickers-Viscount-Fenster auf die noch von Montgomery persönlich festgezogenen Schrauben (nicht etwa Schweißnähte!), die die Rolls-Royce-Kriegsökonomie-Propellerturbinen an den schlingernden Tragflächen festhielten, an die Bombennächte von 43 gemahnte, ausnahmsweise aus der Perspektive der Sieger –, schlingerte mühselig durch die erkältete Welt, und ich genoß bei aller Todesangst den Gedanken, daß es eben doch Fronten gibt, nur nicht mehr als richtig und falsch, sondern ausschließlich als Freund und Feind.

    Edwyn Collins hatte einmal für den Melody Maker – ’s ist schon Jahre her – die Singles bewertet. Zu einer Phil-Collins-Platte, einer ziemlich originalgetreuen Version von „You Can’t Hurry Love“, sagte er sinngemäß und ganz richtig: „Er kann noch so viele gute Versionen von guten Motown-Songs machen, man darf ihn nicht loben, denn er ist ein BOF, ein Feind. Haben das denn alle vergessen?“

    ABC dagegen sind Freunde. Mark White: „Ich fürchte, das Modekarussel hat sich für uns in die falsche Richtung gedreht. Es ist nicht mehr modisch, modisch zu sein. Aber wir können nicht darauf verzichten. Es langweilt uns einfach, uns in Jeans auf die Bühne zu stellen und unsere Songs zu spielen.“ Tragisch, tragisch.

    Eine ganz perfide Tragik – und wirkliche Tragik, weil man nämlich aus dieser hier etwas lernen kann, aus dem Average-in-Vergessenheit-Geraten des Average-Pop-Stars dagegen nicht. Weil ABC auf die massivste und ergreifendste Weise alle inneren und äußeren Motive, Dynamiken, Verschlagenheiten und Funktionsweisen von Pop nicht nur dargestellt, sondern auch noch eingearbeitet und instrumentalisiert hatten, mit ihrem ersten Beitrag zur Pop-Geschichte, dem Jahrhundert-Paukenschlag The Look Of Love, gab es für sie anschließend auf allen Ebenen, auf allen Bühnen, wo Pop gegeben wird, nur noch ein Zurück von den Charts bis zur Theorie. Es konnte nur schlechter werden.

    Das Larger-Than-Life, das Spektakel um des Spektakels willen, das Gemachte, Artifizielle an Pop darstellen und sich dennoch seiner Dynamik hingeben – und all dies auch noch gelungen. Aber dann der überflüssige und moralisch hoch einwandfreie Versuch, der den klassischen Intellektuellen auszeichnet und adelt, nach einem großen Erfolg erst mal nicht diesen zu verlängern, zu verdünnen und auszubauen, sondern – mit einem zweiten Album – erst mal den ganzen Rest Mißverständnisse abzubauen, den das erste noch liegengelassen hatte. „Selbstverständlich“, für die Landbevölkerung noch mal zum Mitschreiben, rief uns Beauty Stab zu, „meinen wir das auch alles politisch.“

    „Wir waren durch den Erfolg von Look Of Love viel herumgekommen und stark in glamouröse, oberflächliche Zirkel geraten, wo wir merkten, daß wir oft nur auf einer Ebene verstanden worden sind (als Eskapistenvorlage d. Verf.), daß man die verschiedenen Schichten unseres Konzeptes nicht begriffen hatte. Also wollten wir ein Album mit klaren Statements machen. Und wir dachten, was ist besser für klare, harte Statements, als verzerrte Gitarren zu benutzen, auch wenn es das Gegenteil unseres damaligen Sounds war und kommerziell sicher sehr unklug. Wir waren damit unserer Zeit um einiges voraus. Heute sind solche Gitarren in Mode, und die Eurythmics haben Hits mit schmutzigen Gitarrensoli.“

    Man merkt Mark White, dem musikalischen Direktor von ABC, an, wie sehr ihm der totale Durchfall, den Beauty Stab bei Publikum und Kritikern (außer mir) erlebt hat, heute noch zu schaffen macht. Da hilft es auch nicht, daß die Single „Be Near Me“ und das dazugehörige neue Album How To Be A Zillionaire in den USA Top Ten war („Unser größter Triumpf. Wir waren in den USA höher als jede Trevor-Horn-Produktion.“), die unglaubliche Euphorie, die ABC einst auszulösen vermochten, den unbekümmerten Gigantismus, der alle Fragen und Einwände wegwischte und zusätzlich wie Pop-Formel, wie Dreh- und Angelpunkt der Epoche aussah, wird es nie wieder geben. Sie können noch so musikalisch, smart, klug, gewitzt, brit-humorig und von Hollywood-B-Filmen im Fernsehen erzogen sein, diese Menschen sind gebrochen. Das leise Grundwimmern, daß man gut als unter jeder Kneipenkonversation liegendes Grundrauschen immer dann erkennen kann, wenn die Musik für Sekunden verstummt, liegt auch unter der Rede Mark Whites.

    Sie waren so richtig, und verdammt, das waren sie wirklich, und auch Beauty Stab war ein phantastisches Glam-Rock-Album, wenn auch ohne Unschuld, aber dafür mit Humor, aber keiner hat es verstanden, keiner hat das Richtige an ihnen länger an die große Glocke gehängt. Und heute gibt es drei LPs von ABC, die, sieht man vom stimmlichen Wiedererkennungseffekt bei Martin Fry und gewissen melodieschreiberischen Techniken von Mark White ab, für den konventionellen Konsumenten, und damit für alle Welt, in drei völlig verschiedene Dinge zerfallen. Zufälligerweise können die Amis auf die letzte Platte tanzen. Aber was hat das wieder mit den verdammt richtigen Intentionen von ABC zu tun? Nichts.

    Die entscheidenden Erlebnisse des Freundeskreises um Fry und White lassen sich leicht auflisten, unterscheiden sie sich doch wenig von den entscheidenden Erlebnissen des Restes der Welt: 1) Punk, den sie, wie eben gut 50 % der Bewegten, nicht als die Rückerkämpfung der Rockmusik durch die Straße verstanden, sondern als den Beginn der großen Künstlichkeit, den Anfang des Image/Mode/Strategie-Gesamtkunstwerkstils. 2) Trevor Horn, den sie bewundern und für ein musikalisches Genie, den modernsten Menschen der Welt etc. halten (auch wenn Mark White heute glaubt, Trevor würde philosophisch-psychologisch-verzwirbelt an der Arbeit am perfekten Album zugrunde gehen. Ein Sisyphos, der Soundschichten auftürmt und Disketten hortet.) – und 3) Hip-Hop, der sie als zweite, wie sie meinen, amerikanische Version von Punk eiskalt erwischte, als sie als die totalen Mega-Glamourboys vom großen Erfolg nach New York verschlagen wurden.

    Die Idee, ein Hip-Hop-Album zu machen, war sofort da, aber die Rückkehr nach England, der quälende Gedanke, mißverstanden worden zu sein, zwang sie, dieses Projekt zurückzustellen und erstmal Beauty Stab, das politisch korrekte Glam-Lärm-Statement-Album, dazwischenzuschieben. Als dann in Form von How To Be… das Hip-Hop-Album vorlag und sogar ihre Götter wie Keith LeBlanc („Malcolm X“) und Shannon so lobende Worte sprachen wie „Ihr hättet gar keine Produzenten gebraucht, ihr könnt doch alles am besten“, war für das Vereinigte Königreich Hip-Hop nur noch Hop und ABC die outeste Band der Welt, auch wenn sie mit Fiona Russel Powell (Künstlername: Eden) die zweithipste Journalistin der Welt zur Band zählen durften.

    „Ich kenne Fiona aus Sheffield seit sie vierzehn ist. Sie war auch kurz Mitglied von Vice Versa (dem ABC-Vorläufer, d. Verf.). Als zwei Leute die Band verlassen hatten, suchten wir zunächst nach einem regulären Schlagzeuger und Bassisten, aber, wenn mal einer kam, der spielen und das Tempo halten konnte, war er meist inhaltlich von der Venus. Also dachten wir uns, daß die Beiträge von Musikern sowieso austauschbar sind und suchten nach Leuten, die dieselben Filme sehen, dieselben Bücher lesen und in dieselben Bars gehen wie wir, und erinnerten uns an Fiona.“

    Was war denn ihr Beitrag zur Musik?

    „Attitüde. Haltung. Klingt wie nichts, ist für uns aber sehr wichtig.“

    Meiner Treu, das will ich glauben. Den zwergenhaften David, den sie dazu als zweiten Attitüde-Mann engagierten, hatten sie als Kleinkünstler in dem verderbten New Yorker Performance-Nachtclub „Area“ aufgelesen. Beide haben die Gruppe, der sie ihre Attitüden liehen, wieder verlassen.

    Warum?

    „Das Projekt ist vorbei. Wir machen jetzt wieder was anderes.“

    Was?

    „Ich weiß nicht. (Pause). Keine Ahnung. Auf Tour gehen.“

    Mit wem, mit was?

    „Keine Ahnung. Wir werden sicher wieder etwas sehr Theatralisches machen, eine Mischung aus Sly Stone und Banana Split.“

    Pause.

    „Ich glaube, ich möchte dann auch mal eine Platte machen, die das weiterführt, was wir bisher gemacht haben. Bislang hieß unsere Maxime, und zwar schon zu Zeiten von Vice Versa, als wir uns die Zeit damit vertrieben, kleine Manifeste zu schreiben, die später dann die Philosophie von ABC wurden, ‚Art Is Constant Change‘, aber heute denke ich manchmal, daß das einfach nicht durchzusetzen ist.“

    Was wäre, wenn ABC in kritischen Momenten jemanden wie Morley gehabt hätten, der die komplizierten Ideen, die sich um die schmissigen Platten rankten, sloganmäßig aufbereitet und dem Hip-Volk erklärt hätte?

    „Ich weiß zufällig, daß Island Records demoskopisch untersucht hat, wie viele Plattenkäufer sich mit den Statements und überhaupt dem verbalen Teil von ZTT-Produkten beschäftigt haben. Über 80 % sind über die ersten Zeilen nie hinausgekommen.“

    Und es sind ja auch in Wirklichkeit keine komplizierten Ideen. Die habe höchstens ich, wenn ich an ABC denke, aber durch äußere Umstände gezwungen bin, die Luftschlacht um England oder Die Reise durch den menschlichen Körper nachzuerleben. ABC sind nur logisch-britisch und 24. Also sind sie in Rebellion ebenso verliebt wie in gigantomanen Glamour und hatten zu einem Zeitpunkt das Glück, daß der reine Glamour die erregendste Rebellion war. Diese historische Sekunde des Glücks, daß Neigung und politisch-objektive Notwendigkeit zusammenfielen, war natürlich größer als jeder einzelne und alle zusammen von ABC – wie groß auch immer die sein mögen, solche Sekunden sind auch größer als Trotzki, Lennon, Dutschke und Beckenbauer – und anschließend muß man weitermachen, mußten sie weitermachen und irgendwie die Wirkungen und Reaktionen und Mißverständnisse dieses großen Blitzes ordnen. Wie können sie nur glauben, daß Eitelkeit töte. Nun gut, sie mag töten, aber wie können sie glauben, je eitel gewesen zu sein, wo sie doch nur von den Göttern begünstigt und beschenkt wurden.

    Aber heute kommt es darauf an, daß man die Schicht abkratzt und sieht, daß sie Freunde sind, weil sie nicht nur mit Glück und Apollo und Dionysos und Pallas Athene und meinetwegen auch Hephaistos und Aphrodite großartig waren, sondern, weil sie die richtigen Ideen von Pop-Musik hatten, die auch heute noch richtig sind, nur bei ABC nicht zum Zuge kommen, weil die sich nämlich um die Trümmer des Gigantischen kümmern (müssen), statt auf eine Welt zu reagieren, die händeringend nach Eigentlichkeiten Ausschau hält, aber gegen das, was ABC gut können und bewirken, noch immer kein probates Mittel entwickelt hat. Friede der Eitelkeit, Krieg dem Lifestyle! Oder wie Mark White ganz richtig sagte: „Ich liebe Trevor Horn und seine Arbeit, aber jede 72er-Schepper-Single von The Sweet hat mehr Klasse als der ganze Frankie-Katalog.“

    Pop-Musik dient dazu, dem Menschen zu erklären, daß er der größte ist. Und wenn sie das richtig gut macht und der Mensch das glaubt und groß und stark und unbesiegbar wird und seine Feinde an den Laternen aufhängt, dann ist das für den, der es gesagt hat, wie Fliegen für Ikarus (so weit weg von der Erde und so nahe an der Sonne, daß er den Schleim nicht mehr erkennen kann), und natürlich stürzt er ab. Auch wenn man heute nicht mehr daran stirbt. Aber man wird krank und liegt lange im Hospital. Dann muß man als Freund kommen und einen Krankenbesuch machen.

  • Happy Xmas! War is over!

    Erkenne die Lage, sagt Gottfried Benn und schlägt den NME auf. Was sollte er sonst tun. Will man nicht der Beliebigkeit anheim fallen, liest man immer wieder die Prawda und produziert immer wieder Prawda-Artikel. Nur der neue Schriftleiter der Prawda gefällt uns nicht: Michail Gorbatschow. Er verhandelt nicht aus einer Position der Stärke, was sogar schon dem Spiegel auffällt, der Prawda von der anderen Seite (tatsächlich ist der Spiegel aus genau diesem Grunde so reizvoll). Der NME kürt die 100 besten Rock-LPs aller Zeiten (und das ist wirklich wahr). Die Liste, die dabei herausgekommen ist, könnte ebensogut von auserwählten Juroren der Zeit, des FAZ-Magazins und des Rheinischen Merkur (Christ und Welt) zusammengestellt worden sein. Pop-Kultur als gutabgehangenes Mittelklasse-Ereignis.

    Denn pseudoliterarische, gefahrlose Mittelschichtspopmusik belegt zäh wie chronische Bronchitis die ersten Plätze. Van Morrisons Astral Weeks, Televisions Marquee Moon und Tom Waits’ Swordfishtrombones – zweifellos eines der schwächeren Spätwerke mit Neigung zum gebildeten Kabarett des einst grandiosen Waits – rangieren höher als Velvet Underground, Beatles, Ramones, Bowie, Blondie (die zu ihrer Stunde erschütternden Ereignisse). LPs mit menschheitsbeglückenden Single-Hits kommen nicht vor, stattdessen zwei Dylan-LPs unter den ersten zehn. Pop als Pop, Pop als Shangri-Las-LP kommt nicht vor, stattdessen Schmeicheleien für die nach Feierabend wildernde Seele des sprichwörtlichen Art Directors.

    Neulich verfluchte ich Patsy Kensit. Ich sah sie im Fernsehen, im Kabelfernsehen genauer gesagt, wo sie auch wunderbar reinpaßt. Man spielte ihr und ihrem Bruder Videos vor, und sie fand alles fantastisch. Von Mick Jagger bis zu einer unbekannten Verlierergruppe namens Drum Theatre (oder so ähnlich). Ich verfluchte sie für ihre Dummheit, für Sätze wie: „Ich bewundere Mick Jagger, weil er so lange dabei ist, ich wünschte, wir wären so lange dabei.“

    Was aber ist schlimmer, diese Dummheit oder die, die sich in der Nullnummer der Zeitschrift Tempo äußert, wo jemand Yoko Ono „eindimensionalen Positivismus“ vorwirft, was nicht mal dann stimmen würde, wenn der Autor das geschrieben hätte, was er meint (positive Haltung, Abwesenheit von Genörgel), und nicht das, was er geschrieben hat (Yoko Ono sei Anhängerin einer philosophischen Schule des 19. Jahrhunderts)?

    Oder ist Dummheit überhaupt nicht schlimm, jetzt wo André Glucksmann ein längliches Traktat über und gegen die Dummheit veröffentlicht hat? Ist es vielleicht prima, daß in Tempo diverse, zum Teil befreundete Hamburger Szene-Figuren auf sechs Seiten oberdämlichen Polaroids zu oberdämlichen Posen oberdämliche Weihnachtswünsche von sich geben wie: „Ich wünsche mir ein aufblasbares rosafarbenes Plastikherz, weil mir bei der Liebe immer die Luft wegbleibt“? (Sogar ein leibhaftiger Spiegel-Redakteur ist dabei.) (Kennt jemand diese aufblasbaren Plastikherzen, die übrigens meist nicht rosa, sondern violett sind?) Ist alles nicht schlimm, ist Lifestyle.

    Was ist schlimmer, die Television-Tom-Waits-Van-Morrison-Verehrer-Redaktion oder die antipositivistische-Lifestyle-Patsy-Kensit-Plastikherz-Redaktion? Oder André Glucksmann?

    Die Lage ist, daß alles, was man sich gewünscht hat, in Erfüllung gegangen ist. Da setzen welche auf die Kraft des Augenblicks, auf Gegenwart, auf Pop (Patsy Kensit, Tempo), auf Blabla, Sprengkraft, Aktualität, auf meinetwegen die Bekämpfung struktureller Dummheit durch die entwaffnende kleine, spritzige Polaroid-Dummheit (Wunsch erfüllt). Da setzen andere, Gewissenhaftere, Klügere auf die aus der ewigen Dissidenz der Pop-Musik hervorgegangenen ewigen Werte (NME). Da entsteht im hohen Norden sogar wieder ein bieder linkes Musikblatt mit lang vergessenen, schön einfachen studentoiden Polit-Ideen, das besorgte Fragen an die Gruppe Laibach stellt (Nuvox). Es ist alles so gekommen, wie wir es wollten.

    Viele kleine kleinere Übel, zwischen denen man nur noch zu wählen braucht, viele nette, verzeihliche Blödheiten, die alle geadelt werden durch die bloße Tatsache, daß André Glucksmann auf der Welt ist. Der Trend der 80er Jahre geht nun auch in der Subkultur weg von der einen großen fiesen SPD (Lindenberg, Biermann, ARD, alternative Sinnstiftung), gegen die zu sein eine erquicklich leichte, zu leichte antirevisionistische Plattform war, hin zu vielen kleinen DIE GRÜNEN (Tempo, Nuvox, NME), zu einer Pluralität nur leicht mißverstandener richtiger Ideen.

    Es gibt keinen Underground bzw. nur leicht verschlafene Kiffer von den Blue Orchids (vgl. M. Ruff, Spex 11/85), weil alles, was er in den letzten Jahren an Forderungen gestellt hat, sein nettes Plätzchen in den schlaffen Marktnischen von Tempo, Nuvox oder dem neuen Mittelschichts-NME gefunden hat, er ist in diese und ähnliche Organe eingegangen wie die K-Gruppen in die GRÜNEN, sonnt sich in seiner neuen Macht.

    Und ist es nicht erfreulich zu sehen, wie viele nette Kollegen durch all die Projekte und Nullnummern aus Großverlagen in der letzten Zeit plötzlich Honorare kassieren, für die sie vorher fünfmal soviel hätten arbeiten müssen, dazu sich mit Stadtzeitungsredakteuren rumschlagen, die auch nicht besser und weniger kastrativ sind als die alerten, neuen Großverlags-Yuppies? Und warum überhaupt immer das Gerede von dem Underground, ist das nicht genau so ein Fetisch wie die vielbeschworene Subversion, ein Alibi für das dissidente Gewissen, das sich nicht daran gewöhnen kann, daß es in der bürgerlichen Kultur einfach nicht möglich ist, auf die Dauer erkennbar Opposition zu machen? Und vor allem, wo dies doch eine ganz alte Wahrheit ist, ein Faktum, dem doch die allerwenigsten entgangen sind! Und wenn sie es geschafft haben, auf Dauer den Schmeicheleien der schlaffen Marktlücken zu entgehen, enden sie wie Television, Tom Waits, Van Morrison auf dem Podest der ewigen Werte des NME (auch kein schöner Tod).

    Keine Perspektive? Und wenn man an der Schimäre des Underground festhalten will, was findet man vor: Sozialdemokratischen Pub-Rock. Und findest du nach zehnmal amerikanisch-freundlichem Pub-Rock einen Abend, der dich euphorisiert, steht die Lifestyle-Illustrierte schon da und macht das, was sie jedenfalls immer noch hinkriegt: Sie veröffentlicht ein Photo. Und irgendeine papierene Schülerzeitschrift wird sich auch finden, die diesen Abend auf seine politische Nützlichkeit abklopfen wird (und wenn diese Schülerzeitschrift eine Tageszeitung ist, was nur zu oft der Fall ist). Und wenn du Glück hast, ernennt der NME den euphorisierenden Abend zu einem Ereignis, das es wert ist, in der Galerie der ewigen Werte geführt zu werden (Prefab Sprout plazierten sich doch tatsächlich in der All time Hot Hundred irgendwo in den 90ern und direkt vor Cales Paris 1919, der vielleicht einzigen Pop-Platte, die etwas von Ewigkeit versteht). So ist die Lage.

    Zu jedem Ereignis bellen hundert halbrichtige, halb intelligente Gedanken aus allen Seiten und vernichten dein schönes Ereignis. Dabei hat das Jahr ’85 durchaus ein paar mehr schöne Ereignisse, euphorisierende Abende gehabt als das Jahr ’84, nur daß man, um die zu erleben, alte Hegemonien vergessen mußte. Die Frontlinien waren unter all dem halbwahren Kanonendonner eines trügerischen Friedens nicht mehr wahrzunehmen, man taperte durch die Nacht und wurde immer nur ganz zufällig fündig, bei einer auf den ersten Blick elend künstlerisch wertvollen Steely-Dan-haften Art-Directors-Band (Prefab Sprout) und bei einer ganz besonders perfiden Version von „Billigem Schwindel“ (vgl. Spex 5/84), nämlich bei The Jesus And Mary Chain, bei einem gut abgehangenen Ding vom vorvorletzten Jahr (Jeffrey Lee Pierce), bei einer Original-82er-Pop-Klamotte (Associates), bei einem Re-Issue, von dem jeder redete (V.U.), und bei dem mißglückten Ding vom vorigen Jahr (The Pogues).

    Da war nun nichts mehr auszumachen von wegen richtig und falsch, da war man mit den ärgsten Feinden einig und mit guten Freunden, die, logisch richtig, die theoretische Bescheuertheit eines dieser Ereignisse bewiesen hatten und dennoch völlig falsch lagen, spinnefeind. Eine Wahrheit des Jahres ist nämlich, daß die Organisationsform des Style Wars auch auf theoretischer Ebene nun endgültig am Ende ist. Die geborgten Style-Identitäten, mit denen man noch 1984 einigermaßen funktionsfähige Schlachten fechten konnte, sind ja unterschiedslos zum Lifestyle geronnen und erfreuen sich im Körper Patsy Kensits ewig-degenerierter, aber glücklich-schlaffer Gesundheit.

    Selbst das Alte, das als blutverschmierter Style-Ideologie-Image-Zombie (Ideolobilly, Idiosynbilly und Psychobilly) gute Dienste leisten konnte, ist als ganz normale, nicht einverstandene, linksliberale Rockmusik wieder da und findet junge Leute, die ergriffen über anderer Leute Nicht-Einverstanden-Sein zu räsonnieren bereit sind: die neuen glamourösen Schein-ZTT-Frankie-Morley-Identitäten erfreuen auf der anderen Seite die Mehrheit der euphorisch Einverstandenen und finden auf besserem Papier gedruckte Blätter, wo die Veteranen der einen wie der anderen Idee mehr oder weniger verbissen versuchen, aus der bunten Pop-Welt das eine oder andere Phänomen herauszudestillieren.

    Und dies geschieht nach derselben Methode, nach der die alternativen und linksliberalen Fernsehmacher aus dem Fluß der Widersprüche ihre „Probleme“ herausdestillieren. Phänomene („Auch Männer haben ihre Tage“, „In Bochum fahren Jugendliche kopfstehend Skateboard“) und Probleme („Könnte es sich bei der Gruppe Laibach um Faschisten handeln?“, „In Bochum fahren arbeitslose Jugendliche kopfüber Skateboard“) – die linke und die konservative Methode, der Welt die Zähne zu ziehen. Und die Musik stellt sich beiden Vorgehensweisen zur Verfügung, gelockt von ökonomischen Zwängen und den verlockend halbrichtigen Gedanken.

    Selten war es so leicht, nichts falsch zu machen. Und an diesem Punkt ist die schiere Evidenz, daß jemand irgendwo in der Musik etwas richtig gemacht hat, ein so radikal euphorisierendes Ereignis, daß die anderen, die Phänomenologen und die Problematiker, noch so schnell begeistert sein können über den neuen Fraß (schließlich kann sich ja wirklich niemand diesen Betrachtungsweisen entziehen, alles kann man als Phänomen, Problem oder Klassiker betrachten, alles hat so seinen Platz in Tempo, Nuvox oder NME), ihre Methode wird sie immer daran hindern, dem Ereignis gerecht zu werden. Was die Voraussetzung wäre, es sich aneignen, wegnehmen, eben entschärfen zu können.

    Gerecht aber ist nur der, der seiner eigenen Euphorie oder seinem eigenen Ekel gegenüber hemmungslos loyal ist. Gerecht schreibt, redet, denkt über Pop-Musik nur der, der seine ganze Vernunft und Intelligenz gegen das Euphoricum auffährt, aber um sich am Schluß geschlagen zu geben, um am Schluß zu seufzen oder die Wut zu kriegen. Nicht irrational seufzen oder irrational fluchen, sondern geschlagen, hingebrettert, eben erregt.

    Denn nicht eine Geschichte von Ausnahmen und Meisterwerken ist die Geschichte der Pop-Musik, wie es uns der NME Glauben machen will, es ist eine Geschichte von alltäglichen Erregungen. Die Geschichte des Diskurses über Pop-Musik ist die Geschichte der Versuche, diese Erregungen in einen vorhandenen Lebensentwurf zu injizieren, zu ermöglichen, daß aus Pop-Erregung – na, im besten Falle – politische Erregung wird. Das aber geht nicht über den Gegenstand, auch wenn diese Möglichkeit zulässig ist, das geht nicht über das Problem oder das Phänomen, daß an einem Ort zu einer Zeit Leute eine bestimmte Frisur bevorzugen.

    Das geht auch nicht mehr über Fronten, die man immer als Nachhall von Punk zwischen richtiger und falscher Musik einst abstecken konnte, als noch Leute am Ruder waren, die etwas mit der ersten Subkultur-internen ästhetischen Revolte zu tun hatten (Punks gegen Hippies). Denn die erfand erst den Unterschied zwischen richtig und falsch. Und nahm ihn mit in ihr Grab.

    Mehr denn je geht es darum, daß der einzelne Schreiber und der einzelne Konsument sich selber wichtig nimmt, nicht als beschissener Individualist, sondern als Arena von Erregung, als Motor, Umwandler, nicht von „Rock-Power“ oder „Energy“ sondern von der unglaublichen Kollision vollkommen ernstgemeinten, nicht klassifizierbaren Unsinns; seines eigenen und des Unsinns, den die gute Gruppe ihm zufügt.

    Denn Pop-Unsinn ist der einzige Unsinn, der nicht durch Institutionen, Phänomenologien und Problematiken gerechtfertigt wird und werden darf. Er hat seine Rechtfertigung nur darin, daß sich Leute zu wichtig nehmen, Künstler und Publikum. So sehr zu wichtig, wie sich alle Menschen nehmen sollten. Denn „Menschen sind das Schönste auf der Welt“ („Mandalay Song“).

    Und dieser nicht legitimierte Unsinn, diese kleinen, netten, mal groben, mal ziselierten Erregungen, Reize, Schocks – das ist die Wahrheit.

    Die Wahrheit aber ist kein Lifestyle und kein soziologisches Problem, sie sagt zwar vielleicht Brot, Freiheit und unentfremdetes Arbeiten für alle, aber sie sagt es nicht mit diesen Worten, denn dann hätte sie ja keine Chance, sie sagt es, indem sie sich sturer, querköpfiger, von sich selbst besessener Menschen bedient, peinlichen Göttern wie Paddy MacAloon oder The Jesus And Mary Chain. Aber beides müssen sie sein: peinlich und göttlich. Dann brauchen sie nämlich einfach nur noch, wie Mark E. Smith es schon ganz richtig zu Dirk Scheuring sagte, „ihre Psychosen zu rappen“. Und wir rappen unsere Psychosen dazu. Gute Unterhaltung wünscht die Direktion: 1986 geht wirklich erst mal alles. Neues Leben. Neue Freiheit. Neue Chance. Neues Glück.