Kategorie: Archiv

  • Abwärts – Rebellion, ein symbolischer Vorgang

    Abwärts sind wieder da. In jedem zweiten olympischen Jahr treffen sich Frank Z. und Diedrich Diederichsen zum Interview. In den dazwischenliegenden olympischen Jahren nimmt Abwärts „Olympia“-Platten auf. So will es eine alte Runenschrift in Stonehenge. Alles weitere über das erste gelungene Comeback eines Stars der NdW, der überdrüssig fast drei Jahre lang keine Gitarre anfassen konnte, in zwei Kneipengesprächen und einem Blind Date in Hamburg und Köln.

    Oft reichen geringfügige Altersunterschiede, um Erfahrungswelten zu trennen, Generationen zu konstituieren. Von Frank Z. hätte ich bis zu meinem Tode als einziger Überlebender der „Marktstube“ 79-81 erzählen können, wie andere vom Krieg oder ich von der Fußballweltmeisterschaft 1966 in England, die nicht nur mein Bild vom Fußball, sondern auch das von Großbritannien prägte, mich mit allen wichtigen Ortsnamen bekannt und mir die Regierungsform vertraut machte. Andere Menschen, die dieselbe Wirklichkeit und dieselben Redaktionsräume bewohnen und eigentlich nur geringfügig jünger sind, waren damals vier oder sechs Jahre alt, sie haben nichts davon mitbekommen und waren naturgemäß nie in der „Marktstube“, ich kann mich an jedes Spiel erinnern und an den Slogan der deutschen Schlachtenbummler: „You can play with eleven James Bonds, but you can’t kill the German football team.“

    So sind die Reden von Frank Z., der jeden Abend mindestens für einige Monate dieselbe Kneipe besuchte, solche Altersgruppen unterscheidenden Ereignisse aus der Vergangenheit, aus einer Zeit, wo plötzlich sehr schnell sehr viel zu passieren schien und sich – ähnlich wie dreizehn Jahre vorher bei dieser Weltmeisterschaft – lauter wichtige, entscheidende und folgenreiche, das ganze spätere Leben bestimmende Verwicklungen anbahnten. Klein, hyperaktiv und etwas konfus stand er vor uns und erzählte von hyper-politischen Ideen und Beobachtungen, am Rande auch von der Band Abwärts, die er damals gründete und die vor unseren Augen und Ohren kurz ziemlich erfolgreich wurde, die mir aber komplett wieder entfallen wäre, wenn diese Post-RAF-Burroughs-Beschwörungen eines enttäuschten Ex-Anarchisten – der in der Musik fortzusetzen schien, was in der Wirklichkeit mal wieder gescheitert war – nicht gewesen wären, die wachen Erinnerungen an einen, der mit ganz anderen Mitteln und aus einer ziemlich anderen Welt kommend in derselben Kneipe mit derselben Heftigkeit denselben Kampf kämpfte.

    Dann: Out Of The Past! Build my gallows high, Baby. Frank, zufällig in einer anderen, viel späteren Nachfolge-Kneipe in derselben Stadt. Nicht mehr auf Burroughs, sondern auf Schopenhauer. Gerade hat er Abwärts neu gegründet, wann hatten sich die nochmal aufgelöst?

    „Als letztes haben wir eine Single zu den Olympischen Spielen gemacht, bei diesem Totenkopf-Label, die kam dann aber erst nach den Spielen raus, typisch Independent-mäßig. Aber der Künstler braucht eben ein gewisses Feedback, und das war bei der Platte so beschissen, daß ich einfach die Lust verloren habe. Ist schon ziemlich lange her.“

    Klar, sind ja bald wieder Spiele. All die Jahre, auch noch während Abwärts, hat Frank in der Distribution- / Tour-Veranstaltungs- / Promotion-Welt der Independent-Szene gearbeitet, was er heute als seine „verlorenen Jahre“ bezeichnet, die damit verbundenen Frustrationen bleiben aber nicht der einzige Grund, daß er für gut zwei Jahre seine Gitarre nicht mehr angefaßt hat, „hinzu kam die allgemeine Orientierungslosigkeit. Ich bin neulich seit Jahren zum ersten Mal wieder bei Michael im Laden gewesen und habe die Regale durchgeguckt. Ich kannte nicht mal zehn Prozent und hatte auch keine Lust, irgendetwas kennenzulernen. Heute weiß ich aber, daß man die Anhaltspunkte bei sich selbst suchen muß. Ich habe eine Weile Bewegungen und Richtungen vermißt, Bands, auf die ich mich verlassen konnte, wie früher mal die Psychedelic Furs oder die Stranglers – obwohl ich die immer noch gut finde – heute ist mir das egal.“

    Aber wenn Du Dich für die Musik von heute nicht interessierst, warum machst Du dann heute Musik?

    „Weil ich eine Platte gemacht habe, die ich mir auch selber kaufen würde.“

    Wenn Du sie in den Regalen finden würdest.

    „Das ist das Problem.“

    Wie viele vor ihm versucht auch Frank sich jetzt daran, das Projekt einer deutschen Popmusik wieder aufzunehmen, das Erbe seiner Generation: „Es gibt ja hier nur die Modern-Talking-Welt, dann diesen ganzen hausbackenen Rock zwischen Rio Reiser und Grönemeyer und die Garagenbands, nichts dazwischen. Ich habe mir jetzt diese Rainbirds angehört, das ist eine amerikanische Band, da weist ja nichts darauf hin, daß das in Berlin entstanden sein soll …“ Die neue Abwärts-Platte ist genau das, der Versuch an allen möglichen Ecken und Enden, aus dem, was von der Welle/Core/Experimental-Zeit übrig geblieben ist, eine einigermaßen verbindliche Pop-Sprache zu basteln.

    „Man muß sich ja einmal klar machen, daß ein Lied wie ‚Voodoo Chile‘ vor zwanzig Jahren in den Charts Nummer eins war, ein wildes Geschmiere mit unzähligen Pinseln und Farben, das war die Nummer eins. Ich habe neulich ein Interview mit Stock/Aitken/Waterman gesehen. Die sind ja so weit, daß sie einen Hit wirklich planen können, da ist ja der alte Traum endlich wirklich geworden, das sind ja völlig andere Verhältnisse, die sagen auch ganz offen, was so eine Single soll: Die soll sich einer zwei Wochen ununterbrochen reinziehen und dann nie wieder anfassen, dafür ist ihre Musik da, und das können die kontrollieren. So ist heute die Lage.“

    Aber es gibt Phänomene wie „Pump Up The Volume“, das ähnlich avantgardistisch wie „Voodoo Chile“ in aller Welt auf Nummer eins stand.

    „Ein Einzelfall. Aber ich verdamme das auch nicht total, ich bin ja auch den ganzen technischen Möglichkeiten von heute gegenüber sehr aufgeschlossen.“

    Frank spricht viel vom Älterwerden, das ihn befähigt, die Verkrampftheiten und Künstlichkeiten der ganzen NdW-Ära zu durchschauen. Stand vor einem Jahrzehnt unausgesprochen das Wort „Energie“ über der ganzen Arbeit von Abwärts, ist es heute eines wie „Geschmack“.

    „Ich erinnere mich, als wir diese Platte für Phonogram aufgenommen haben, Der Westen ist einsam, da hatten wir ja buchstäblich Angst, Musik zu machen. Immer mußte alles hart sein, das war das Wort: hart. Wir steigerten uns in eine sinnlose Aggressivität, die mit uns überhaupt nichts zu tun hatte, ich war ja gar nicht wirklich ununterbrochen hart drauf und die anderen auch nicht. Auch das Publikum. Ging raus, wenn ein langsames Stück kam, dieses Punk-Publikum dominierte ja alles, kennst Du ja auch. Und was habe ich gerade gelesen? Stiff Little Fingers haben in Hamburg die Markthalle ausverkauft, haben nur alte Stücke gespielt.“

    So ist das mit Comebacks. Eine Abwärts-Tour, mit Originalmitglied FM Einheit an den Drums (die Platte hat Frank alleine mit Studio-Musikern aufgenommen) ist auch geplant. Wirst Du alte Stücke spielen?

    „Ein, zwei vielleicht. Aber nicht so alte, nicht von Amok Koma oder Der Westen ist einsam. Wir haben danach noch für Phonogram so eine EP gemacht, Beirut Holiday Inn, da waren Sachen darauf, die mir auch heute noch gefallen. Ich habe ja nicht mehr dieses Anliegen, diese Wut. Damals mußte der Sänger ja immer irgendwas rausschreien, oder es gab diese Leidensphase, wo der Sänger litt, und die ganze Band mußte mitleiden, heute sind für mich ästhetische Dinge wichtiger.“

    Meinst Du denn, man könne der Jugend von heute sagen, daß sie ihre rebellische Phase hinter sich lassen werde …

    „Auf jeden Fall. Aber was heißt schon rebellisch? Das was für Rebellion gehalten wird, ist ja meist auch nur ein Ritual, ein symbolischer Vorgang. Die Hafenstraße, das sind drei oder vier Häuser, mit fünfundzwanzig Wohnungen, ohne das werten zu wollen: überspitzt gesagt, gibt es die gar nicht, eben nur als Symbol. Und wenn Du Dir ansiehst, wie unsere Welt funktioniert: Wenn ein Unternehmen einen neuen Manager sucht, der einen hohen Posten bekleiden soll, dann suchen sie sich eben gerade nicht den total Konformen, den Angepaßten, sondern einen, der auch schon mal bockt, so gesehen ist dieses Rebellische in unserer Gesellschaft ja ein erwünschtes Verhalten. Und die Rolle der Musik ist es allenfalls, diese illusionären Gefühle aufzubauschen.“

    Aber worum geht es dann?

    „Es geht darum zu lernen, mit sich selbst leben zu können, das muß man lernen, das ist ganz banal, aber das ist der entscheidende Punkt, für alle Menschen, daß man mit sich selbst zurechtkommt.“

    Und warum muß man darüber anderen Mitteilung machen, warum wird und bleibt man dann Künstler, wenn das Anliegen weg ist?

    „Schwierige Frage. Das ist ein gewisser Mitteilungsdrang, der hat auch was mit Minderwertigkeitsgefühlen zu tun und mit Narzißmus. Es ging bei mir immer um einen Punkt, den, wo man unbedingt etwas zerstören will, aber genauso stark etwas schaffen. Da bin ich immer wieder hingekommen, und diese Entscheidungen, die man dann fällt, für das eine oder das andere, das ist das, worum es geht.“

    Wir beschließen den Abend mit einem Blind Date, ich spiele Frank ein paar deutsche neue LPs und die drei Lieblings-LPs der Spex-Redaktion des Jahres 1987 vor:

    S.Y.P.H.: Stereodrom

    „Klingt wie S.Y.P.H. vor zehn Jahren.“

    Geisterfahrer: Stein + Bein

    „Gute Rock-Band, wirklich sehr gut, aber nicht direkt das, wofür ich mich heute so interessieren würde.“

    The Broken Jug: Burning Down The Neighbourhood

    „Also einmal klang das wie Stooges oder solche Sachen, bei diesem anderen Stück weiß ich überhaupt nicht, aber gefällt mir auch, ist auch sehr gut produziert.“

    Henry Rollins: Hot Animal Machine

    „Das wäre vor fünf Jahren genau das Produkt für mich gewesen.“

    Age Of Chance: 1000 Years Of Trouble

    „Das ist ganz toll, sehr interessant. Wer ist das? Nie gehört. Die Platte muß ich mir sofort besorgen.“

    Public Enemy: Yo! Bum Rush The Show

    „Das Problem mit Rap und Hip-Hop jeder Art, egal wie gut gemacht, ist für mich immer, daß ich das Gefühl habe, da will ein Neger klingen wie Adolf Hitler, das geht mir immer etwas auf die Nerven.“

  • Tod, Oper, Arbeit – Die Kultur des Risiko

    Minus Delta t, eines der zähesten und ausdauerndsten Kollektive fast aller künstlerischen Avantgarden, haben ihre Erfahrungen für ein riesiges Opernprojekt eingesetzt. Die Todesoper, bei der Documenta uraufgeführt, ist jetzt auf Schallplatte erschienen. Das Interview zur Triple-LP führte Diedrich Diederichsen.

    Minus Delta t haben nicht wenige meiner engsten Freunde irgendwann in deren Pubertät dazu angestiftet, die Künstler oder Massenmörder zu werden, die sie tatsächlich geworden sind. Wieder andere verbinden mit ihrem Namen eine avantgardistische Wave-Band, die ihr Publikum attackierte und zu Reaktionen zwingen wollte, von deren 14 Auftritten 13 durch Veranstalter, Publikum oder Polizei abgebrochen wurden. Einige kennen sie als Spezialisten für verrückte Selbstversuche in Beirut oder Polen (als US-Soldaten verkleidet). Von dem Versuch, einen Stein aus Wales nach Bangkok zu verschaffen, war vor gut fünf Jahren oft berichtet worden, der Papst und Bruno Kreisky hatten daran mitgearbeitet. Die letzten Arbeiten waren Radiostationen, eine fixe in Lyon und diverse mobile zu Anlässen wie Documenta oder Buchmesse, sowie der Auftritt als uniformierte Kulturpolizei in Kassel, Münster und beim Kölner Kunstmarkt. Einige ältere Kunstkenner werden sich erinnern, davon gehört zu haben, daß MDt-Member Mike Hentz in den 70er Jahren u. a. Kunstinteressierte für Stunden in Galerien einsperrte.

    Von der Fülle der Aktionen, Performances, Auftritte, Klausuren zu Forschungszwecken, die im einzelnen zu diskutieren und/oder zu bewerten mir fernliegt, ist wenig dokumentiert und festgehalten worden: Akustisches als Doppel-LP von der Asien-Expedition (auf Ata Tak), ein retrospektives Buch, das Hentz 1980 vorgelegt hat (hauptsächlich um seine eigene Arbeit zu dokumentieren), ein Merve-Buch zum Bangkok-Projekt („so unzufrieden wir damit waren: von dem, was in diesem Buch stand, ist 80 % realisiert worden“) und jede Menge Material, das nur gezielt und gesteuert berichtenden Medien vorgelegt wurde. Dieses Jahr veröffentlichte die Gruppe ein sehr lustiges Wörterbuch, das helfen soll, den in der jahrelangen Zusammenarbeit der aus den verschiedensten Sprachräumen stammenden Mitglieder entstandenen internen Geheimcode besser zu verstehen, und die Tripel-LP zur bei der Documenta aufgeführten Todesoper.

    Was aber mehr als die Einzelheiten interessiert – auch wenn uns die Oper noch beschäftigen soll, denn sie hat die Form der Schallplatte angenommen – ist die Einzigartigkeit, mit der diese Gruppe sich über einen Zeitraum von einem Jahrzehnt die Unabhängigkeit ihrer Arbeit erhalten hat (Unabhängigkeit mittlerweile auch von dem Gerede über Unabhängigkeit und „Medienstrategien“), bei eingebauten Möglichkeiten allerdings, sich ständig zu korrigieren, ohne die korrigierenden Einflüsse von außen an die Macht im Inneren kommen zu lassen, also bis hin zur bisweilen unverständlichen Privatsprache. Minus Delta t reden viel von ihrer „Philosophie“, aber die sogenannte läßt sich auf keine bestehende zurückführen, besteht auf ihrer eigenen, aus verzerrter Szenesprache und Privatkürzeln zusammengesetzten Begrifflichkeit. Das prägt auch die Arbeit, der vor allem eigen ist, ein immenses und einflußreiches Output geliefert zu haben, das immer bemüht war, so viele Leute wie möglich direkt einzubeziehen („In Kassel haben wir jeden Abend eine Party gegeben. Man muß den Leuten ja heute das Feiern wieder beibringen“), das von bildender Kunst, Musik, Theater, Radiostationen zu Expeditionen und der Wiederbelebung der Oper reicht, aber selten bis nie direkt auf der Ebene der Massenmedien wahrgenommen wurde (und wenn mit großen Verlusten: sie erschienen dann als die schrillen Provokateure und konnten diesem Bild auch nichts entgegensetzen), sondern eher in dem Gerücht überdauert, das aus den Mündern der vielen, die irgendwann einmal irgendwo direkt einbezogen waren, spricht. Und nach Meinung der Gruppe auch in diversen vereinfachten und popularisierten MDt-Ideen bei anderen Leuten/Künstlern/Gruppen vor allem im Musik- und Performance-Bereich.

    Um zu belegen, daß sie tatsächlich so sprechen und denken, wie das nur in einem auf sich selbst gestellten System gedeihen konnte, das bei aller risikofreudigen, die eigenen Grenzen immer neu testenden Radikalität, zumindest subjektiv, sich immer Veranstaltungen zur Selbsterschütterung aufzwingt, kommt hier der Eröffnungsdialog unseres Interviews, es geht um die Oper, das Wort „Enzyklopädie“ (des Todes) war gefallen, die Idee der Gruppe, alles, was zum Härtethema Nummer eins an Bildern, Ideen und Tönen im Umlauf ist zu bearbeiten und zu sammeln.

    Ich: „Aber das Wort ‚Enzyklopädie‘ schließt doch Dramatik aus?“

    MDt: „Nö.“

    Ich: „Die Idee der Enzyklopädie ist es doch, die Dinge gleichberechtigt nebeneinander zu stellen und nicht aufeinander aufbauen zu lassen und zu sagen: hier ist der Höhepunkt, das ist das Finale, und das ist der Anfang.“

    MDt: „Na gut. Es gibt zwei Möglichkeiten einer Vermittlung einer Arbeit die – sagen wir’s mal wie vor fünf, sechs Jahren – zu heavy ist für die Leute. Da könnte Deine Frage zutreffen, daß die Enzyklopädie eine Absicherung ist, eine philosophische Absicherung für die Leute, genauso wie, wenn wir ein Buch machen würden, was hundert mal mehr Leute mitkriegen würden, als wenn sie eine Performance von uns sehen und das nicht geregelt kriegen. Andererseits ist es aber so, daß nämlich im Sinne des melting pot, dem Problem des philosophischen meltingpots, wo in einem Ruinenfeld, das nämlich Europa heißt, von der Tradition und der Moral her eigentlich nur noch dieses Bircher-Müsli existiert, das irgendwo zwar festgehalten werden muß, klar, um es abzuhaken, oder wie wir es früher mit dem Begriff ‚Mediamystik‘, den ich jetzt wieder reinbringen will, versucht haben, versuchen zu neutralisieren; Mediamystik nämlich als Einordnung, ihr seids katholisch, ihr seids Punk, ihr seids was anderes; damit haben wir so konsequent gearbeitet, daß wir katholisch waren, daß wir Punk waren, daß wir wissenschaftlich waren, New Wave, seriös, dilettantisch, alles gleichzeitig in vollkommen verschiedenen Formen, bis alles kein Wert mehr war und wir unsere eigene Neutralität wieder hergestellt hatten, gegenüber der Gesellschaft.“

    Um nur mal einen Vorgeschmack zu geben auf den Sound der Reden dieser Gruppe, die sich sympathischerweise für alles zuständig empfindet („ohne Arroganz, nicht für alles“), dies aber nicht ewig als ein Herumvagabundieren zwischen Allem (allen Formen, Szenen, Systemen, Soziotopen etc.) betreiben konnte, sondern jetzt, mit der Oper, zur guten alten Idee des Gesamtkunstwerkes zurückgefunden hat. Nach der Todesoper, so eines der beiden Mitglieder, die um Anonymität baten, soll eine Arbeitsoper folgen, der nächste große Begriff.

    „Wir strickten ein System von allen wichtigen Dingen, mit denen jeder Mensch zu tun hat, von Dir bis auf der Straße, von Geld bis Frauen, von Nahrung bis Wohnen, öffentlich, privat, Philosophie, Vision etc. Dann haben wir uns gesagt: gut, um wirklich was zu verstehen, ist es nötig, daß wir eine Invention, etwas Neues machen und uns nicht auf andere Medien, Möglichkeiten verlassen, wo uns die Entwicklungsprozesse erspart blieben. Denn das Wichtigste ist, daß wir die Entwicklungsprozesse mitkriegen, daß wir die organisch und in der Praxis mitkriegen. Jetzt ist uns natürlich klar, daß wir das nicht mehr erleben werden, daß wir sagen können: so jetzt ist das abgestrichen, jetzt geht es weiter. Vielleicht, wenn wir nochmal auf die Welt kommen. Und wir haben da eine Palette von so zwanzig Medien, zwischen denen wir springen konnten, und dann immer kontinuierlich weiter …“

    In der Oper kommt nun alles zusammen?

    „Nein, das sind auch nur wenige Medien, die Musik, Video, Bühne und die Multimedialität als Medium. Das waren die Sachen, die wir gesehen haben, als wir aus Asien zurückkamen und uns fragten, was interessiert uns eigentlich noch in Europa? Den Hampelmann zu machen auf der Bühne im Performance- oder Musikbereich kann uns ja nicht mehr interessieren, was bleibt da außer im Supermarkt zu arbeiten? Da sahen wir, gut es gibt das Radio, Radiostationen machen, und es gibt als traditionelles Medium die Oper, in der alle unsere Erfahrungen zusammenlaufen könnten, das ist ein Globalmedium, und das bezieht die ganzen künstlerischen Facharbeiten mit ein, die wir entwickelt haben. Nur hat keiner das gemerkt, keiner hat sich getraut, wirklich alle Facharbeiter zusammenzubringen und relaxed-visionär ein Statement loszulassen, und sei es, daß es auch falsch war. Haben wir uns gesagt: Medium Oper, das machen wir, egal ob es eine gigantische Materialschlacht ist, das wissen wir.“

    Anderes MDt-Member: „Heute wo wir unter den ganzen hoch spezialisierten, gecleanten Design-Technics leiden, unter dem gecleanten Video-Clip, gecleant nicht im abschätzigen Sinne, sondern im Sinne von hochspezialisiert, und wo das wagnerianische Gesamtkunstwerk auch von keinem Opernhaus der Welt mehr gemacht wird, da wird ja nur die Musik inszeniert, nicht das Musiktheater, da merkst Du, daß es eben keine Magic mehr hat, nur Musik zu machen, zum Beispiel der Tod der ganzen Industrial-Musik: Für die Industrial-Leute waren wir ja die Götter der Bewegung, die sind heute immer noch dabei und hauen auf dieselben Dinger und sind etwas verwirrt, für die sind wir Verräter, aber andererseits wissen sie doch, daß wir recht haben, und haben nur nicht begriffen, daß die Industrial-Musik nur vergessen hat, auch die Industrial-Rituale zu machen, das Industrial-Theater zu machen, daß die Leute jetzt auf ‚Survival Research Project‘ abfahren, diese Maschinenkunst, das ist leider Gottes fünf Jahre zu spät, und die hätten das ja machen können, die Neubauten zum Beispiel. Aber die Spezialisierung hat dazu geführt, daß diese Magic jetzt weg ist, denn die Leute haben Angst, eine Sache von Grund auf zu entwickeln, nach zehn Jahren wieder ’ne Geschichte neu zu entwickeln.“

    MDt reden viel von der Soziopsychologie künstlerischer Gruppen, von der Phase des Kennenlernens, wo einfach der intensive soziale Kontakt noch aus jedem Nullenhaufen immer etwas Interessantes/Aufregendes herausholt, von der Zeit danach, in der man entweder lernen muß, diese Effekte zu beherrschen oder an den Debatten über Kommerzialisierung/Perfektionierung zu zerbrechen. Ich denke, daß MDt immer über dieses wahrscheinlich größte Archiv aller denkbaren künstlerischen Sozialtechniken mehr mitteilen können als über die Welt; ihre Wahrnehmung von Veränderungen/Einschnitten ist immer bezogen auf die heiße, bewegte Welt ihrer Aktivitäten. So besteht der Reiz dieser Todesoper nicht in der Diskussion des Todes, die inhaltlich nicht nennenswert über aus der Weltkultur Bekanntes hinausgeht, sondern in dem Fünf-Freunde-Effekt. (MDt als fünf Freunde, die die Schwierigkeit der zu lösenden Aufgaben immer weiter erhöhen.) In diesem Sinne sind sie die Beatles, wie man sie sich früher immer vorstellte, als undurchschaubare, künstliche Familie, deren innerer Zusammenhang immer viel mehr zu sein schien, als das, was sie nach außen mitteilten. Je reicher aber so ein Innen wird, desto ärmer kommt dem, der in diesem Innen lebt, die Welt da draußen vor, die natürlich nie arm und vor allem nie falsch sein kann (als existierende Welt). (Auch in der Spex-Redaktion kennt man dieses Problem.) Den dabei notwendig auftretenden Verzerrungen der Wahrnehmung, die sich bei MDt in viel Bedauern über eine schlaffe Jugend/Musik etc. äußern, wirken sie durch unermüdliches Zugehen, Losgehen, Sich-Einnisten, Nerven etc. richtig entgegen. „Die Tradition ist für uns nur ein Sprungbrett“, erklären sie. Ihr Verdienst ist es, eine Kultur des Risiko entwickelt zu haben, immer wieder bewiesen zu haben, daß das Unmögliche (auch ohne Etat) zu realisieren ist. Wirklichkeit ist möglich, nicht nur denkbar – kannste haben – das ist Minus Delta t. Und sie arbeiten nicht nebenher woanders, um diese Radikalität abzusichern. Sie verdienen ihr Geld mit realisierten Unmöglichkeiten, die zur Passivität führende Arroganz des Alles-geht-Gedankens bekämpfend, indem sie beweisen, daß sich aber dieses alles ganz anders anfühlt, wenn man es macht. Ich bedaure es, an dieser Stelle abbrechen zu müssen. In die Triple-LP sollte man durchaus reinhören. Es steckt viel ehrliche Arbeit dahinter. Für mich ist schon dies eher eine Arbeitsoper, was unsere Sterblichkeit angeht, werde ich von den dürren Saiten und Worten des Reverend Gary Davis immer noch vorzüglicher bedient: „Death will never take a vacation. In this land.“

  • Bücher für arschlangweilige, milde Januarabende

    Vor gut zehn Jahren gehörten die Sammlungen seiner Kurzgeschichten auf dieselbe Weise zur obligatorischen Nachtlektüre der linken Schickeria, wie heute Kundera und Cioran dem Zeit-Leser seine sinnlose Existenz versüßen: JULIO CORTÁZAR hatte alles, was die Zeit wollte: Südamerikaner, die letzten 33 Jahre natürlich im Exil, Linker, aber von Borges beeinflußt phantastisch-literarisch, Pariser und auch noch Jazz-Fan; Che-Guevara-Stories folgten absurden, buñuelesken Szenarios auf französischen Autobahnen. Sein Hauptwerk wurde dem deutschen Publikum allerdings jahrzehntelang vorenthalten, der ersten deutschen Ausgabe von 1981 folgt jetzt endlich eine Taschenbuchausgabe von Rayuela, diesem 1963 vollendeten voluminösen Experimentalroman, den man nicht nur von vorne nach hinten sinnvoll lesen kann, sondern auch nach einer alternativen, vom Autor vorgeschlagenen Kapitelfolge (mit Kapitel 73 beginnend) oder unter der Weglassung der zweiten Hälfte, was ein paar Suchende in letzter Zeit dazu veranlaßte, in Rayuela einen „paradigmatischen Roman der Postmoderne“ (oder so) gefunden haben zu wollen. In Wirklichkeit ist es eine Art Ästhetik des Widerstands für den lateinamerikanischen Exil-Bohemien, eine monströse vollständige Ansammlung aller Motive des Paris der 50er und frühen 60er, zwischen Blues und Surrealismus, sich bei aller Verzweiflung an der Schönheit der Probleme der intellektuellen Existenz freuend, was das Problem mit einschließt, daß Ratlosigkeit und Assoziationswitze unzulässig verklärt werden: In dieses Problem greift das (politisch erzwungene) Exil als Gegenproblem, das die literarisch genossene Ratlosigkeit als Problem des kultivierten Fremden im Zentrum der Kultur, für die er zum Fremden geworden ist, darstellt, so daß dieser Surrealismus hier begreiflich wird als keine künstlerische, sondern existentielle Entscheidung (heute sagt man Überlebenstechnik) … (was auf einer anderen Ebene auch dasselbe ist). Noch ein viel zu spät übersetztes Buch: Tom Wolfes The Electric Kool-Aid Acid Test als Unter Strom. Wird ein Autor wie Tom Wolfe von seinem deutschen Verlag auf dem Waschzettel als „König der coolen Schreibe“ angepriesen, kann man für die Übersetzung nur das Schlimmste befürchten; sie ist indes ganz passabel ausgefallen. Was beim Wiederlesen dieses Klassikers auffällt, ist, daß Wolfes Distanz zu seinen Hippies und Acid-Schluckern, sein kürzlich im Rolling Stone zum Prinzip erklärtes Nichtablegen seines East-Coast-Dandy-Outfit – was man früher gerade genossen hat, zusätzlich zu dem Reichtum und der Fülle der außergewöhnlichen Beschreibung außergewöhnlicher Geschehnisse – heute manchmal unangenehm wirkt. Wäre dies nicht der Moment gewesen, an dem er hätte umfallen dürfen/sollen, einmal selber bis über die Ohren in dem von ihm immer mit soviel Lautstärke und Begeisterung beschriebenen Durcheinander mitunterzugehen, sich dasselbe zuzumuten, genau, nämlich auch einmal Acid zu nehmen (man braucht deswegen nicht gleich nach Wallraff zu rufen!)? Wahrscheinlich ist es besser, daß er den klaren Kopf behalten hat, Mountain Girl (von Grateful Dead als „Sugar Magnolia“ besungen), Jerry Garcia, Kesey und alle anderen incl. der Beatles nur beobachtet hat. Anders als in The Painted Word, wo der Spaß von der Ungeheuerlichkeit einer selbstgestrickten Theorie lebt und ja eigentlich alles falsch ist, hat er hier ja alles verstanden, auch wenn eben zwischen verstehen und „to dig“ ein nicht zu vernachlässigender Unterschied besteht. Für alle, die immer noch achtlos mit dem Wort „Hippie“ umgehen und alle neugewonnenen Dead/B-Springfield/Airplane-Fans, die neulich von der 20-Jahre-Sgt-Pepper-Sendung bekehrt worden sind, und überhaupt alle, die es nicht auf englisch gelesen haben: essential. Nach Abel Sanchez von dem großen Unamuno noch ein großer, hierzulande völlig unbekannter Roman im Peter Selinka Verlag: Jan De Lichte und seine Bande von LOUIS PAUL BOON. Wieder eine Gang, nicht von Acidheads, sondern von Rachsüchtigen im Flandern des 18ten Jahrhundert, wo die Figuren Pier oder Marieke heißen. Boon, flandrischer Ex-Kommunist und später Anarchist, ’79 gestorben, kämpfte für flämische Kultur und Sprache und stellt hier einen historischen Räuber dar, der 1748 wegen sechsfachen Mordes aufs Rad geflochten wurde und ihm natürlich als Muster für alle Probleme eines Volkskrieges dient, wie andere Räuberhauptmänner anderen linken Autoren, dies aber in einer derb-rasanten, immer wieder für kleine lakonische und didaktische Bemerkungen durchbrochenen Erzählung, die nicht nur hartgesottenen Belgien-Fans wie mir gefallen sollte (hat was von Celine … manchmal). Die beiden leading Angesagt-Denker der Gegenwart sind mit zwei neuen leicht-verständlichen Broschüren auf dem Markt. BAUDRILLARD mit einer rückblickenden Kurzgesamtdarstellung seines Denkens, NIKLAS LUHMANN mit einer Interviewsammlung, die hochinteressant von dessen Arbeitsweise und Selbstverständnis berichtet, und unbedingt als Ergänzung zur Lektüre seiner eigenen Publikationen empfohlen sei, gibt sie doch mehrere Antworten auf die Fragen, die an dieses Werk immer wieder gestellt werden: Was bedeutet das eigentlich politisch?, und wie schafft der das bloß? Aus dem Leben des wirklichen Philosophen der wirklichen, bald fünfzig Jahre alten BRD (it’s your country!). Bei Baudrillard erfährt man nicht viel Neues, ist wie immer abwechselnd fasziniert und abgestoßen von dem ewig bedauernden Ton, diesen ewigen Listen davon, was es alles angeblich nicht mehr gibt. In einer Stunde und mit allergrößtem Vergnügen durchgelesen habe ich Vampyroteuthis Infernalis, eine Studie des Fotografie-, Schrift- und Medien-Theoretikers VILÉM FLUSSER und des „Zoo-systémicien“ LOUIS BEC über eine Tintenfischart, ihr Denken, ihre Sexualität, ihre Philosophie, ihr Weltbild. Sie lebt in den tiefsten Tiefen der Tiefsee, keine Sonne beleuchtet ihre Welt, der Vampyroteuthis selbst beleuchtet sie mit eigenem Licht. Das von den weit entfernten Tierarten dem Menschen entgegengesetzteste und gleichzeitig hochentwickelste. Einen Haufen Tierchen der Spezies Punk-Rocker/Waver etc. hat JUDITH AMMANN interviewt, die vor Jahren mit der Textdokumentation Erekta prompt in Erscheinung getreten ist. Darin reden von New Yorker Lärmern bis zu den in der Zwischenzeit weltberühmten Simple Minds ein halbes Hundert Musiker, was Musiker so reden, wenn man sie fragt, was man Musiker so fragt, zwischen Atomkrieg und Soundcheck, in zwei Sprachen und Hip-Layout: die Freude am O-Ton. Klar, daß die Milkshakes und ihr Dichtersänger Wild Billy Childish die beste Figur machen, dicht gefolgt von Andrew Eldritch. Wer jeden zweiten Tag mit solchen Typen reden muß, gähnt hin und wieder, als zoologisches Material jedoch vorzüglich geeignet: Tiere, die im Dunkeln leben. Wie sie denken. Wie sie ein Rad abhaben.

    JULIO CORTÁZAR Rayuela, Himmel und Hölle, 636 S., DM 18,–, Suhrkamp

    TOM WOLFE Unter Strom, 463 S., DM 48,–, Eichborn

    LOUIS PAUL BOON Jan De Lichte und seine Bande, 251 S., PS-Verlag

    NIKLAS LUHMANN Archimedes und wir, 166 S., DM 15,–, Merve Verlag

    JEAN BAUDRILLARD Das Andere selbst. Habilitation, 81 S., DM 19,80, Edition Passagen

    VILÉM FLUSSER/LOUIS BEC Vampyroteuthis Infernalis. Eine Abhandlung samt Befund des Institut Scientifique De Recherche Paranaturaliste, 65 S., mit vielen Abbildungen, DM 32,–, Immatrix Publikationen

    JUDITH AMMANN Who’s Been Sleeping In My Brain? Interviews Post Punk, 477 S., DM 24,–, edition Suhrkamp

  • Ich habe gelesen

    Klar habe ich. Ich frage mich nur, was Sie hören wollen. Ich muß an die Schule denken, wo es die Gattung des Leseberichts gegeben hat. Ja, mein Abitur-Aufsatz in Deutsch diskutierte Fragen des Lesens, wie, wozu, was, wie setzt man das um. Das, was von z. B. meinem Lese-Input sich umsetzen läßt, kann aber hier nicht interessieren, dieser Motor läuft ja immer. Vielleicht: welchen Kraftstoff braucht er in einer gegebenen Zeit, den er nicht umsetzen kann, sondern restlos verbrennt?

    Es gibt drei Sorten der Lektüre. Die erste ist das Buch im Mantel, das wichtigste Buch einer Zeitspanne von zwischen zwei Wochen und zwei Monaten. Es kann noch so wichtig sein, wenn das Wetter wechselt, wird es oft im Mantel vergessen, der plötzlich dem Jackett weichen muß. Im Moment ist es Der Parasit von Michel Serres. Wirklich eines der besten Bücher, die je geschrieben wurden: letztes Frühjahr stand ich an der Sorbonne vor den Aushängen und sah nach, was er wohl gerade lehren würde. Da kannte ich den Parasiten nur aus bewunderter Leute Bibliothek, als das neue Ding aus Frankreich, das er kurz nach dem Anti-Ödipus mal gewesen sein muß. Wer aber bin ich, außer Parasit selbstverständlich (was ich inzwischen auch schriftlich habe, in einem Sendemanuskript des Bayerischen Rundfunks), daß ich mir erlauben würde, so einem Buch einen Aphorismus aufzudeckeln.

    Dann gibt es das Buch neben dem Bett, das ist seit November Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre. Im Moment bin ich in den Wanderjahren an dieser Stelle: „Diesen verständigen Worten Beifall gebend löste die Versammlung sich auf; der Astronom aber versprach, Wilhelm in dieser herrlichen, klaren Nacht an den Wundern des gestirnten Himmels vollkommen teilnehmen zu lassen.“ Womit das Buch auf den Punkt gebracht ist, nämlich das, was ich daraus zu lernen bereit bin, wie schön es ist, als Spezialist einen Neugierigen in klaren Nächten an Wundern teilnehmen zu lassen, und wieviel schöner noch, von Spezialisten in klaren Nächten in Wunderwelten eingeführt zu werden, was ja jede erklärbare, abgeschlossene Welt erstmal ist (denn das Wunder ist ja immer das Erklärbare, nicht das Unerklärliche), und daß gerade in dunklen, unklaren Tagen wie diesen, wo der postmoderne Agnostizismus vor lauter Verzweiflung objektiv wissen und lernen kann und muß, bevor man damit anfangen kann, sich von teilweise berechtigten theoretischen Hangovers heimgesucht, mal vorübergehend in den Grübel-Blues fallen zu lassen.

    Die dritte Lektüre nimmt die meiste Zeit ein, sie geschieht immer. Beim Fernsehen, beim Essen, in Straßenbahn und Flugzeug. Es ist das Lesen der Welt und dessen, was sie an Signifikanten so rumliegen läßt: Plakate, Aufschriften, Schrifttafeln, der Express auf dem Beifahrersitz des Taxifahrers, das Gespräch am Nebentisch (wo gestern immer vom „Literatur-Nobelpreisträger“ Elie Wiesel die Rede war, der angeblich Waldheim überführt hätte) bis hin zu den Büchern, die für Später oder Zwischendurch auf den unaufgeräumten Schreibtischen liegen bleiben. Ein peruanischer Diplomat erzählt der Zeitschrift Blitz, daß „compared to other Latin American countries, the poor Cuba is paradise“. Und Jean-Luc Godard fügt hinzu, daß er Lenin erst mit 35 entdeckt habe und daß sein politisches Engagement im Jahre 68 das eines Zehnjährigen gewesen sei, weil er erst zehn Jahre im Filmbusiness war. Was sich damit deckt, daß ich in letzter Zeit auch immer häufiger bei mir und bei anderen das professionelle und das Lebensalter in Beziehung setze. Dieses professionelle Alter gibt es wirklich und es muß mit den Jahren um einen je nach Beruf und Charakter verschiedenen Faktor x multipliziert werden, aber wenn man es nicht kennt, kann man schwere Fehler begehen. Dick Hebdige beschreibt in seinem neuen Buch, laut i-D Magazine, postmoderne Philosophie mit Gothic-Punk: „Alle tragen schwarz und laufen mit kleinen schwarzen Semiotexte-Büchern herum – scheint die letzte übrig gebliebene Subkultur zu sein.“ Und einer ihrer Angehörigen war gerade bei mir zu Besuch, ein New Yorker, der sich ganz ernsthaft um die Pop-Kultur dieselben Sorgen machte, die wir uns in Europa vor fünf Jahren gemacht haben, während im amerikanischen Hinterland die vielversprechendste Pop-Kultur seit fünf Jahren gedeiht, aber nur von London aus, nicht von New York aus wahrgenommen wird. Die Chuck-Berry-Autobiographie soll von hohem literarischen Rang sein („viele Wortspiele“, aber dieser Mann hatte doch schon immer einen hohen literarischen Rang). „Das post-industrielle Großbritannien macht aus sich ein einziges, großes Museum und plötzlich leben wir alle in der Vergangenheit.“ Immer mehr Leute denken plötzlich darüber nach, in welcher Zeit man an welchem Ort lebt, ein immer größer werdender kultureller Jetlag lähmt und beflügelt jeden Austausch, würde die Lücke nicht immer größer, könnte ich ja jeden verstehen. Wir sehen alle dieselben Fernsehprogramme, aber es kommt immer darauf an, der wievielte Durchlauf von Bezaubernde Jeannie gerade dein wievieltes Verhältnis zu dieser Serie bestimmt.

    Tom Wolfe erzählt im Interview zu seinem neuen 1000-Seiten-Hauptwerk The Bonfire of the Vanities von Pro-Khomeini-Studenten, die nach der iranischen Revolution das iranische Konsulat in New York stürmten und so beschäftigt waren, die 200 seriellen Farah-Diba-Porträts von Warhol zu zerschlitzen, daß sie vor dem Eingreifen der Polizei gar nicht dazu kamen, irgendwelche Wertsachen an sich zu nehmen. Was lernen wir daraus? Besser nichts derart, wie daß die Kunst von irgendwas ablenke oder daß Warhol ein Hofmaler der Herrscher gewesen sei, höchstens, daß die Bilder verdammt gut gewesen sein müssen, wenn sie den unmittelbaren Haß so korrekt auf sich ziehen konnten.

    Wenn junge Ratten nicht mit ihrer Mutter aufwachsen, die sie mit ihrer feuchten haarigen Zunge unentwegt ableckt, scheiden sie ein gewisses körpereigenes Opiat nicht mehr aus, das für das Wachstum unerläßlich ist. FAZ-Behaviourismus, von der genialen „Natur und Wissenschaft“-Beilage. Sie weiß auch einen Rat (Rat, engl. = Ratte): Liebes-Simulation gegen Milieuschädigung, wenn man die jungen Ratten mit einem feuchten Pinsel mehrfach täglich streichelt, wachsen sie normal. Sowjetische Wissenschaftler wollen Gewächshäuser im All bauen, um das Problem der langfristigen Sauerstoffversorgung zu lösen, sie folgen damit einer Idee des russischen Wissenschaftlers Konstantin Ziolkowski (1857-1935), der dergleichen schon früher vorgeschlagen hat. Ob er wohl 1935 eines natürlichen Todes gestorben ist? Pawlow starb im selben Jahr und C.F. v. Weizsäcker fand heraus, „daß Energieerzeugung in den Sternen durch Kernreaktionen bei hohen Temperaturen erfolge“ (Steins Kulturfahrplan). Geldfälscher machen München zum Blütenmeer, bestätigt die Süddeutsche Zeitung die alte Ahnung, daß es da unten nicht immer nur um echtes Geld gegangen sein kann. Im Magazine for frequent travellers – Airport lese ich, daß Japan das zivilisierteste Land der Erde sei. Nirgendwo sonst könnten Frauen nachts so gefahrlos dunkle Seitenstraßen erkunden, nur eines könnten die Japaner nicht ab, wenn man sich öffentlich die Nase schnäuzt. Das aber wollte ich in diesem Flugzeug gerade tun, als ich des Japaners neben mir gewahr werde, der tatsächlich so zivilisiert ist, als einziger in diesem Flugzeug beim Start weder vor schamhaft versteckter Flugangst zu zittern (wie ich), noch unsensibel gelangweilt zu schlafen (wie alle anderen). Er liest ein Taschenbuch. Ich frage mich: Was ist Layout in Japan? Bedeutet die unterschiedliche Länge der vertikalen Schriftzeichen-Reihen, daß es sich um Gedichte handelt? Oder sind die Schriftzeichen so dicht, daß es sich um Absätze handelt? „Wahrnehmen und Entschlüsseln von Sprache ist nach den Gesichtspunkten der Informationsverarbeitung eine schwierige Aufgabe, die vom Gehirn bravourös erledigt wird. Wenn man einen Text verstehen will, müssen Informationen von geringer Abstraktionsstufe – die gedruckten Buchstaben – vom Gehirn aufgenommen und in abstrakte Informationen umgesetzt werden: die geschriebene Sprache wird decodiert. So ergeben sich schließlich die Gedanken des Autors.“ Wie kann der naturwissenschaftliche Teil so hinter dem Erkenntnisstand der Seite „Geisteswissenschaft“ hinterherhinken, wo in einem gut gemachten Resümé einiger Grundgedanken Jacques Derridas zu lesen steht: „Es sei verfehlt, den Übergang von Aussageabsicht zur Verschriftlichung als bruchlose Kontinuität anzusehen. Die im Innenraum des Subjekts vermutete Intention könne im Akt der Versprachlichung (in der Äußerung) dem Zwang von „Schrift“ (der Eigengesetzlichkeit von Zeichensystemen) nicht entgehen.“ Es gibt also keine „Gedanken des Autors“, zu denen man lesenderweise hinaufklettern kann. Es gibt nur uns, gebeugt über die Schrift. Die FAZ ist da genauso heilig wie die taz, wo ich von zwei Leuten lese, die wegen Abnahme einer größeren Menge von Exemplaren der verbotenen Druckschrift radikal schuldig gesprochen wurden, diese Zeitschrift verteilt haben zu wollen. Der eine Angeklagte wurde als „eher künstlerischer Typ“ eingeschätzt und daher zu nur vier Monaten verurteilt, die andere, wegen politischer Äußerungen vor Gericht, zu sieben Monaten. Was mich daran erinnert, wie bei den Punk-Unruhen im Hamburger Karolinenviertel, anno 80, die Polizei wieder wahllos einen Verdächtigen aufgriff und abführte und als sie um die Ecke Glashüttenstraße biegen wollte, um den Armen, der ein in der Gegend bekannter Künstler war, auf die wegen Folterungen berüchtigte „Punkerwache“ zu bringen, einem anderen stadtbekannten Pennerkünstler begegnete: „Was wollt ihr denn mit dem, der ist doch harmlos, der ist doch Maler“. Worauf die Beamten den Maler sofort frei ließen und an den Ort der Unruhen zurückkehrten, um sich einen anderen zu greifen.

    Landeanflug in Düsseldorf, dieser Scheißtag nähert sich seinem Ende, permanente Lektüre bewahrt die Welt vor dem sofortigen Zerfall vor meinen Augen. In der Schrift wird alles kompatibel. Im Lufthansa-Bordbuch schreibt der bekannte Schriftsteller Hubert Winkels über die Stadt: „Und wenn traditionell jede Stadt einer Frau gleicht, dann ist Düsseldorf eher eine attraktive Mittzwanzigerin, verführerisch und klug; doch ins Herz sieht ihr keiner so schnell (und die 700 Jahre sieht man sowieso nicht).“

    Zuhause beim Fernsehen: endlich Entspannung bei Steins Kulturfahrplan, die 50er Jahre: Ich wußte nie, daß Bayern einst von einer SPD/FDP/Bayernpartei regiert wurde, daß nicht die Jungs aus The Right Stuff, sondern ein Brite in den 50ern den Höhenrekord für Düsenflugzeuge hielt, daß der späte Ortega y Gasset ausgerechnet noch einmal Meditationen über die Jagd vorlegen mußte, war das bei ihm Jüngersches Insektenforscherdelirium? Man weiß es nicht, und warum ist das wichtig für mich oder Herrn Stein, der in der 87er Ausgabe noch immer von dem „Negersänger“ Nat King Cole spricht und in den 50er Jahren ein dermaßen ungeheuerliches Gewitter von kommunistischen Greueltaten über die Welt niedergehen läßt, den Senator McCarthy aber nur mit eineinhalb Eintragungen erwähnt, die von seinen Popularitätsverlusten handeln. Dafür sind in den letzten Jahren Jacques Lacan, Anselm Kiefer und Ivan Lendl neu dazugekommen. Erst 1955 wurde die Bertelsmann GmbH gegründet und 45 Prozent der Menschen mit Abitur lehnen die moderne Malerei „im Stile Picassos“ ab, bei denen mit Hauptschulabschluß sind es nur 32 Prozent. Am 6. November 1956 soll es zu einer krisenhaften Verschärfung der Beziehungen zwischen USA und UdSSR gekommen sein, die sogar die Schweiz veranlaßte, nach einer Friedenskonferenz zu rufen, und die Amerikaner, Eisenhower mit großer Mehrheit wiederzuwählen. Und Don Campbell, dessen zweiten „Bluebird“ ich noch heute als Corgi-Modell auf einem Altar stehen habe (der Arme verunglückte ’67 tödlich bei einem Rekordversuch zu Wasser), stellte seinen ersten Landgeschwindigkeitsrekord auf: 648 km/h. Mann ist das interessant. Alles läßt sich hinschreiben, Zahlen zuordnen, die von Jahr zu Jahr einen höheren Beitrag ausweisen (In roten oder in schwarzen Zahlen? Ist Geschichte Verschuldung oder Kapitalakkumulation?). Alles läßt sich aufeinander beziehen und vergleichen, wenn es mit den Buchstaben zu paktieren bereit ist. Jacques Rigaut war dazu nicht bereit, er vollendete fast nichts. Hinterließ „Dokument über das Unvermögen zu schreiben“. Schrieb: „Lebendig bin ich nur, insofern es sich um die Herztätigkeit handelt und um die äußeren Höflichkeitsformen.“ Wer Rigaut kennt, ist entweder in sein absolut sauberes Scheitern verliebt oder verachtet ihn dafür. Dabei ist es am hilfreichsten zu prüfen, was sein aussichtsloser Kampf abgeworfen hat, bevor er das Handtuch warf, um herauszufinden: wie geht und was bringt absolute Sauberkeit? In der 83 von der Edition Tiamat herausgebrachten Sammlung Suizid zu lesen, reinigt uns von den Verheerungen des planlosen Wissensdurstes. Eine Stunde mit ihm mußte noch hinein in diesen Tag. Die letzten Worte aber hat Serres, in der Kneipe vorgelesen:

    Wir sind in uns selbst vergraben; unablässig und nutzlos senden wir Gebärden, Zeichen und Töne aus. Niemand hört zu. Jeder spricht, niemand versteht; die direkte oder wechselseitige Vorlesung, ihn kümmert nicht, ob man ihm zuhört, ein anderer ist jovial und gibt sich überlegen; damit die Aufmerksamkeit nicht erlahmt, würzt er das Zuhören mit seinem Humor; ein dritter, Choleriker, reckt seine ganze kleine Gestalt empor und terrorisiert seine Umgebung; sie alle spielen auf ihren vorbereiteten Instrumenten, die nach ihrem Eigennamen heißen. All das müßte eine Kakophonie ergeben, und ich gebe zu, es macht Lärm. Und Leibniz hat recht, die Monaden sind abgeschlossen, sie verstehen und hören einander nicht. Und dennoch kommt manchmal ein Gleichklang zustande. Die erstaunlichste Sache von der Welt ist, daß es zuweilen ein Zusammenspiel gibt, Verständnis, Harmonie.

    Und davon handeln die Schallplatten, die ich jetzt noch hören werde.